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Markus Söder und die Krise der Union: Die tickende Zeitbombe


Die Zeitbombe

  • Tim Kummert
Von Tim Kummert

29.08.2021Lesedauer: 5 Min.
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Klare Haltung: In Sachen Umweltpolitik sieht Markus Söder das Land Bayern als besonders fortschrittlich an – und provoziert damit seinen politischen Gegner Robert Habeck. (Quelle: t-online)
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Lange stichelte Markus Söder gegen Armin Laschet, seit Kurzem wirkt er friedlicher. Doch die Umfragen der Union sind verheerend. Stellt sich Söder doch noch gegen den Kanzlerkandidaten?

Markus Söder kann sich am Samstag etwa 20 Minuten lang beherrschen. Dann bricht es doch aus ihm heraus, zumindest ein bisschen. Söder sagt: "Ich kriege in meiner Parteienfamilie fast ein bisschen Ärger, wenn ich sage: Ich will schneller raus aus der Kohle." Es läuft die "einzig wahre Wahlkampfdebatte" von t-online, "Spiegel" und "Vice". Und Söder diskutiert gerade mit dem Grünen-Parteichef Robert Habeck über den Kohleausstieg in Deutschland. Sehen Sie hier die Debatte in voller Länge im Video.


Markus Söder: Sein politisches Leben in Bildern

Markus Söder, 1967 in Nürnberg geboren, tritt schon mit 16 Jahren der Jungen Union und der CSU bei. Dieses undatierte Foto entsteht zwischen 2000 und 2003, die ersten Karriereschritte sind längst gemacht, Söder steigt schnell auf. Er ist inzwischen seit 1994 Landtagsabgeordneter, seit 1995 Landesvorsitzender der Jungen Union Bayern, seit 1997 Chef des CSU-Kreisverbands Nürnberg-West und seit 2000 Leiter der CSU-Medienkommision.
Söders Vorbild ist schon ganz früh der ganz Große: CSU-Übervater Franz Josef Strauß. "Das war das Poster über meinem Bett in der Jugendzeit, was hing bei euch?", schreibt er dazu auf Facebook.
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Und allen ist klar, wen Söder mit der "Parteienfamilie" meint, mit der er potenziell Ärger bekommen könnte: Die CDU und insbesondere Armin Laschet. Denn der Kanzlerkandidat der Union hält am geplanten Kohleausstieg im Jahr 2038 fest, während Söder auf das Jahr 2030 drängt.

Das ist natürlich ein bisschen perfide: Neben einem Grünen in einem medialen Streitgespräch zu sitzen, sich dabei als Klimaretter zu inszenieren und das Signal auszusenden: Ich würde ja wollen, aber leider bremst mich der eigene Kanzlerkandidat aus.

Was hilft Markus Söder?

Aber immerhin: Söder attackiert Laschet dieses Mal nicht direkt. Der bayerische Ministerpräsident hat seine Angriffe zuletzt etwas zurückgeschraubt, die heiße Phase des Wahlkampfs hat ja begonnen. Und parteiinterner Zwist kommt bei den Wählern nicht gut an.

Trotzdem kennt der Umfragetrend der Union seit Wochen nur eine Richtung: steil nach unten. Im "Politbarometer" des ZDF liegen Union und SPD auf Augenhöhe, in einer "Insa"-Befragung ist die SPD bereits an der Union vorbeigezogen. Das schien vor Kurzem noch undenkbar. Und auch die Zustimmung für die CSU in Bayern bröckelt allmählich.

Darum stellen sich vier Wochen vor der Bundestagswahl für Markus Söder zwei Fragen. Die erste, mittelwichtige, lautet: Wie gewinnt die Union die Wahl? Die zweite, wichtigere für Söder, ist aber: Was hilft Markus Söder? Er muss in zwei Jahren eine Landtagswahl in Bayern bestreiten. Und will auf keinen Fall vom aktuellen Negativtrend mit nach unten gerissen werden.

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Der Burgfrieden, der aktuell zwischen Laschet und Söder herrscht, ist darum gefährdet. In der Union heißt es, Söder sitze unter dem ständigen Druck der negativen Umfragen wie auf einem Schnellkochtopf: Jeden Augenblick kann er gemeinsam mit dem Deckel in die Luft fliegen. Man könnte auch sagen: Söder ist eine Art menschliche Zeitbombe.

Söder testet alle möglichen Rollen

Noch mal zurück zum Streitgespräch mit Habeck am Samstag. Söder redete auch über Corona: "Wir haben Leben geschützt." Und weil ihm dieser Satz noch nicht deutlich genug war, legte er nach: "Wir haben in dieser extremen Ausnahmesituation unser Land gut beschützt, das glaube ich schon." Und da sprach er selbstverständlich nicht nur über Bayern, sondern über ganz Deutschland. Nicht einmal Habeck konnte da widersprechen, das Vorgehen der Regierung sei "richtig" gewesen.

Söder spielte in der Wahlkampfdebatte eben auch ein bisschen die Rolle des Kanzlerkandidaten: Die Union als pragmatisch denkende Kraft neben den etwas radikal wirkenden Ökos zu positionieren, das gefiel ihm. Im Laufe der Auseinandersetzung testete er alle Rollen: den Charmeur, den Provokateur, den Versöhner. Denn natürlich deutete er bei allen Differenzen ab und zu an, dass man sich bei möglichen Koalitionsverhandlungen schon einig werden würde.

Doch sollte es tatsächlich dazu kommen, wird diese Verhandlungen wohl nicht Söder führen, sondern Armin Laschet.

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Für Söder, der vorher fast keine politischen Niederlagen kannte, muss es schrecklich gewesen sein, dass die CDU-Oberen ihm, dem Umfrage-König, die Kanzlerkandidatur partout nicht antragen wollten. Es gärt noch immer in ihm. Vor wenigen Tagen sagte er dem Sender "münchen.tv" über Armin Laschet den Satz: "Er ist schon ein sehr, sehr guter Politiker." Das ist als Aussage über einen Parteifreund fast schon eine mittlere Unverschämtheit. Söder klang wie ein Oberstudienrat, der einen Schüler für eine ordentlich geschriebene Lateinklausur lobt.

Die Kränkung von Söder darüber, dass man ihn nicht wollte, befeuert angesichts der schlechten Umfragen seinen Unmut über die aktuelle Lage der Union. Intern heißt es oft: "Mit Söder stünden wir nicht so schlecht da." Das weiß der CSU-Chef natürlich.

Er sitzt in der Zwickmühle

Auch deshalb wird in seinem Umfeld im Moment genau überlegt, wie Söder sich positionieren soll. Im Angesicht der in nicht allzu ferner Zukunft anstehenden Landtagswahl in Bayern darf er nicht zu sehr gegen Laschet aufbegehren. Illoyalität vergessen die Wähler nicht so schnell. Andererseits geht es mit der Union gerade dermaßen schnell nach unten, dass Söder nicht einfach nur zugucken will, wie ein Erdrutsch die Christdemokraten unter sich begräbt.

Ob Söder sich in den nächsten Wochen doch noch von Laschet abgrenzt, wird vor allem von der weiteren Entwicklung abhängen. Je stärker der Trend für die Union nach unten geht, desto wahrscheinlicher sei dieses Szenario, heißt es in der Union.

Das liegt auch daran, dass Laschets politische Karriere wahrscheinlich vorbei ist, wenn er nicht Kanzler wird. Wenn sich Söder aber erst am Tag nach der Bundestagswahl vor die Fernsehkameras stellt und reumütig nach der Wahlniederlage beklagt, dass das alles eben ungünstig gelaufen sei, würde ihm das wohl auch in Bayern schaden, wie es heißt. Dann solle man lieber früher deutlich machen, dass man mit dem Versagen in der CDU nichts zu tun habe.

Und dann gibt es da ja immer noch das Gerücht einer Auswechslung des Spitzenkandidaten. Söder hat sich seit einiger Zeit für Fragen dieser Art ein Wort zurechtgelegt: In einem Radiointerview erklärte er kürzlich, die Lage sei "eigentlich" klar, wer der Kandidat sei. In der "Bild am Sonntag" sagte er zwar: "Die Frage ist entschieden. Endgültig." Kurz zuvor erklärte er wiederum: "Die Messe ist da eigentlich gesungen." Er schlingert herum.

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Und immer lässt er dabei das Wort "eigentlich" fallen. Selbst kurz vor der Wahl lässt Söder die Tür zur Kanzlerkandidatur also immer noch einen Spalt aufstehen. Die Nachricht an die CDU lautet: Wenn ihr wirklich wollt, dann stehe ich im Zweifel bereit. Er könnte die beispiellose Rochade mit der Verantwortung für die Union und dem Pflichtgefühl fürs Land rechtfertigen.

Klar ist aber auch: Ob Söder von seinem "Eigentlich"-Türchen noch Gebrauch machen kann, hängt allein von der CDU ab.

Was Söder über Laschets aktuelle Lage denkt, blitzte bei der Debatte am Samstag kurz auf. Für einen Moment konnte er sein Entsetzen nicht verbergen. Es ging gerade um die Frage, welche Zukunftspläne die Union für Deutschland habe – und Söder sprach erst einmal wieder über Bayern. Auf Nachhaken der Moderatorin, dass Armin Laschet aber deutscher und nicht bayerischer Kanzler werden möchte, fiel Söder ihr ins Wort. "Ja!", rief er laut aus. "Da bin ich froh drüber! Das würde zusätzlich verunsichern, wenn das jetzt auch noch dazukäme." Er lächelte milde.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
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