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Willy Brandt machte es vor: Warum Laschet und Scholz sich noch umgucken könnten

Willy Brandt machte es vor  

Warum Laschet und Scholz ihr blaues Wunder erleben könnten

24.09.2021, 11:06 Uhr
Willy Brandt machte es vor: Warum Laschet und Scholz sich noch umgucken könnten. Olaf Scholz, Willy Brandt und Armin Laschet (Bildcollage t-online): Die heutigen Kandidaten fürs Kanzleramt könnten sich noch wundern, Altkanzler Brandt mache es vor.  (Quelle: ullstein bild/Christoph Hardt/Uwe Koch)

Olaf Scholz, Willy Brandt und Armin Laschet (Bildcollage t-online): Die heutigen Kandidaten fürs Kanzleramt könnten sich noch wundern, Altkanzler Brandt mache es vor. (Quelle: Christoph Hardt/Uwe Koch/ullstein bild)

Die stärkste Partei stellt den Kanzler. Das wird allzu gern behauptet. Aber stimmt es überhaupt? Ein Rückblick in die Geschichte zeigt: Manchmal kommt es anders, als alle denken. Und zwar mit dem Segen des Grundgesetzes.

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. So konnte Bruno Heck, seines Zeichens Generalsekretär der CDU, im März 1969 noch genüsslich spotten: "Mit dem altbewährten Verlierer Brandt ist uns gut gedient." Der SPD-Parteichef Willy Brandt war Zielscheibe dieser Häme. Denn 1961 und gleich noch einmal 1965 war er als Kanzlerkandidat an der konservativen Konkurrenz gescheitert. Die immerhin seit 1949 stets den Regierungschef stellte.

Doch aller guten Dinge sind drei. So trat Brandt, mehr getrieben als aus freien Stücken, 1969 ein weiteres Mal als Kanzlerkandidat der SPD an. Alles sah nach einer weiteren Demütigung aus, am Wahlabend des 28. September trudelten bereits Glückwünsche des US-Präsidenten Richard Nixon an Kanzler Kurt Georg Kiesinger ein, dessen Union mit 46,1 Prozent als Wahlsieger galt. Sie erreichte fast die absolute Mehrheit. Aber eben nur fast.

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Die Kleinen können die Größten sein

Willy Brandt, dessen SPD immerhin stolze 42,7 Prozent geholt hatte, griff stattdessen zum Telefon – und rief FDP-Chef Walter Scheel an. Zwar waren die Liberalen im Vergleich zu 1965 in der Wählergunst abgestürzt, für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten reichte es rechnerisch aber trotzdem.

So loteten nun Union und SPD, die bis dato in einer großen Koalition regierten, jeweils ihre Möglichkeiten zur Regierungsbildung aus. Kiesinger nahm es mit Humor. "Sie haben sich ums Kanzleramt beworben", sagte er Brandt bei einer Gelegenheit. "Ich auch." An der Spitze kann es allerdings nur einen geben. Und der neue Kanzler hieß dann schließlich Willy Brandt. Er war der erste sozialdemokratische Regierungschef seit Bestehen der Bundesrepublik.

Willy Brandt (Mitte, gehend): 1969 wurde der Sozialdemokrat Bundeskanzler.  (Quelle: ullstein bild/Hellgoth)Willy Brandt (Mitte, gehend): 1969 wurde der Sozialdemokrat Bundeskanzler. (Quelle: Hellgoth/ullstein bild)

Aber war der Wille der Wähler, der die Unionsparteien CDU und CSU zur stärksten Fraktion gemacht hatte, von der Politik ignoriert worden? Nein, sagt das Grundgesetz. "Der Bundeskanzler wird auf Vorschlag des Bundespräsidenten vom Bundestag ohne Aussprache gewählt", heißt es in Artikel 63. "Gewählt ist, wer die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages auf sich vereinigt."

Im Tal der Tränen

Da in unserem bundesrepublikanischen System absolute Mehrheiten selten und Koalitionsregierungen üblich sind, war Brandts Vorgehen nicht nur geschickt, sondern auch vollkommen korrekt. Zumal der Sozialdemokrat eine interessante Rechnung aufmachte: Danach war eigentlich die SPD stärkste Kraft vor der CDU geworden. Denn nur die Einberechnung der bayerischen CSU-Stimmen hatte die Union in derartige Höhen gehievt.

Für die bis dahin erfolgsverwöhnte Union begann eine lange politische Durststrecke. Sprich: Opposition. Bei den Wahlen 1972 folgte dann die nächste Schmach: Mit 45,8 Prozent wurden die Sozialdemokraten gar stärkste Kraft im Bundestag, die Union holte nur 44,9 Prozent. Der Slogan "Willy wählen" hatte seine volle Wirkung entfaltet.

1976, Brandt war wegen der Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume bereits zurückgetreten, verteidigte Helmut Schmidt das Kanzleramt für die Sozialdemokraten. Schmidt, zwar nordisch herb, aber wegen seiner Entschlusskraft und Führungsstärke respektiert und beliebt, holte 42,2 Prozent. Die Union mit Helmut Kohl landete bei 48,6 Prozent – und damit knapp vor der absoluten Mehrheit. Doch sie musste trotzdem weiter auf der harten Oppositionsbank ausharren. Denn die sozialliberale Koalition hatte weiter die Mehrheit.

"Opposition ist Mist"

So mancher Konservativer wird 1976 die späteren Worte eines jungen SPD-Abgeordneten vorausgedacht haben, der seit 1975 im Bundestag saß. Und es bis zum Parteichef der Sozialdemokraten bringen sollte. "Opposition ist Mist", stellte Franz Müntefering 2004 fest. Eine zeitlose Wahrheit, die CDU und CSU 1980 gleich nochmals verdauen mussten. 44,5 Prozent der Stimmen gingen an die Union, 42,9 Prozent an die SPD. Aber Helmut Schmidt konnte unbeeindruckt davon sein Bündnis mit dem FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher erneuern.

Bundestagswahl 1976: Erst 1982 gelang es dem Konservativen, den SPD-Politiker abzulösen. (Quelle: imago images/photothek)Bundestagswahl 1976: Erst 1982 gelang es dem Konservativen, den SPD-Politiker abzulösen. (Quelle: photothek/imago images)

Allerdings nicht sehr lange. 1982 liefen die Liberalen zur Union über, Schmidt wurde mittels eines konstruktiven Misstrauensvotums gestürzt. Die Deutschen mussten sich aber nur den Nachnamen ihres neuen Kanzlers merken. Helmut Schmidt war passé, Helmut Kohl der neue starke Mann in Bonn. Und der wusste durch Neuwahlen seine Macht 1983 auszubauen: Satte 48,8 Prozent holte die Union, mehr als zehn Prozentpunkte Abstand zur SPD mit 38,2 Prozent.

Die konservative Welt war wieder in Ordnung, auch die weit verbreitete Vorstellung, dass die stärkste Fraktion den Kanzler stellen sollte. 2002 wurde es damit allerdings schwierig. Beim Kräftemessen zwischen dem Amtsinhaber Gerhard Schröder, wieder ein Sozialdemokrat, mit dem CSU-Herausforderer Edmund Stoiber kam ein Patt heraus: 38,5 Prozent jeweils. Weil die Grünen als Koalitionspartner der SPD aber respektabel abschnitten, regierten sie gemeinsam weiter. 

38,5 Prozent ist mittlerweile ein Wert, von dem die SPD nur träumen kann. Und auch die Union muss Kreide fressen, ist in den Umfragen längst weit unterhalb der 30 Prozent angekommen. Volksparteien? Davon ist keine Rede mehr, die Parteienlandschaft im Bundestag ist vielfältiger geworden. Und die deutschen Wähler wiederum politisch sehr mobil, wie der Historiker Adam Tooze im Interview mit t-online betont.

Am 26. September steht somit Armin Laschet von der CDU, dem Sozialdemokraten Olaf Scholz und vielleicht auch noch der Grünen Annalena Baerbock ein spannender Abend bevor. Denn der Wahlsieger wird nicht zwangsläufig Kanzler. Und historisch gesehen hat die SPD gerade dann die Nase vorn, wenn die Union am stärksten ist.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Deutscher Bundestag: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
  • Dominik Geppert: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, München 2021
  • Karlheinz Niclauß: Kanzlerdemokratie: Regierungsführung von Konrad Adenauer bis Angela Merkel, 3. Auflage, Wiesbaden 2015
  • Stefan Hradil (Herausgeber): Deutsche Verhältnisse, Frankfurt/Main 2013
  • Peter Zudeick: Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt, Frankfurt/Main 2021
  • FAZ: Wir sind die stärkste der Parteien
  • Bundeszentrale für Politische Bildung: Bundestagswahlen 1949-2009
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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