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Hinterbliebener Sohn spricht ├╝ber die Folgen des ersten NSU-Mords

  • Jonas Mueller-T├Âwe
Von Jonas Mueller-T├Âwe, R├╝diger Schmitz

Aktualisiert am 09.09.2020Lesedauer: 11 Min.
Abdulkerim ┼×im┼ček im Interview: Der "Nationalsozialistische Untergrund" ermordete seinen Vater Enver ┼×im┼ček.
Abdulkerim ┼×im┼ček im Interview: Der "Nationalsozialistische Untergrund" ermordete seinen Vater Enver ┼×im┼ček. (Quelle: Jonas Mueller-T├Âwe/T-Online-bilder)
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Abdulkerim ┼×im┼čeks Vater war vor 20 Jahren das erste Mordopfer des NSU. Er spricht ├╝ber das Leid der Opferfamilien, falsche Verd├Ąchtigungen, Ermittlungspannen und ungekl├Ąrte Fragen.

Eine hessische Kleinstadt in der N├Ąhe von Frankfurt. Abdulkerim ┼×im┼ček empfing uns 2018 in einer praktisch und karg eingerichteten Wohnung, die er f├╝r seine Schwester geplant hatte, die jetzt gr├Â├čtenteils in der T├╝rkei lebt, so wie seine Mutter. Sie alle sind Hinterbliebene des am 9. September 2000 von den NSU-Terroristen niedergeschossenen Enver ┼×im┼ček, dem ersten Opfer der rechtsextremen Mordserie.

Zum damaligen Ende des NSU-Prozesses hatte ┼×im┼ček mit einer Rede vor Gericht gro├čes Aufsehen erregt, in der er nach vielen Prozesstagen noch einmal das Leid der Opferfamilien in den Mittelpunkt r├╝ckte. Wir besuchten ihn daraufhin. Er zeigte alte Fotos aus dem gl├╝cklichen Leben vor dem Mord.

In seinem ersten gro├čen Interview sprach er sehr beherrscht drei Stunden lang ├╝ber den Tag, an dem sein Vater erschossen wurde. ├ťber die Jahre danach, in denen die Familie fast verzweifelte, weil die Polizei den Blumenh├Ąndler verd├Ąchtigte, Teil eines Mafiaclans zu sein. Und ├╝ber seine Versuche, zu einem normalen Leben zur├╝ckzufinden. Er hat jetzt eine eigene Familie.

Abdulkerim ┼×im┼ček im Interview: Der "Nationalsozialistische Untergrund" ermordete seinen Vater Enver ┼×im┼ček.
Abdulkerim ┼×im┼ček im Interview: Der "Nationalsozialistische Untergrund" ermordete seinen Vater Enver ┼×im┼ček. (Quelle: Jonas Mueller-T├Âwe/T-Online-bilder)
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t-online: Herr ┼×im┼ček, bei den Abschlusspl├Ądoyers des NSU-Prozesses haben Sie eine aufsehenerregende Rede gehalten, die mit den Worten begann: "Ich bin der Sohn von Enver ┼×im┼ček. Ich war 13 Jahre alt, als mein Vater umgebracht wurde." Nach ├╝ber 400 Verhandlungstagen und ├╝ber 800 Aussagen von Zeugen und Sachverst├Ąndigen haben Sie damit die Ungeheuerlichkeit der NSU-Mordserie noch einmal in Erinnerung gerufen ÔÇô und den Ermittlern und dem Staat viele Vers├Ąumnisse vorgeworfen.

Abdulkerim ┼×im┼ček: Ich wollte dem Gericht meine Gef├╝hle mitteilen ÔÇô schildern, was ich durchlebt habe. In dem Verfahren geht es um Akten, um Papiere und immer wieder nur noch um Zsch├Ąpe. Ich wollte daran erinnern: Mein Vater ist gestorben.

Sie fragten: "Wie krank ist es, einen Menschen nur aufgrund seiner Herkunft oder seiner Hautfarbe mit acht Sch├╝ssen zu t├Âten?" Haben Sie darauf geachtet, wie die Angeklagten reagiert haben?

Ich habe sie keines Blickes gew├╝rdigt. Ihre Einstellung hat sich nicht ge├Ąndert. Null Reue. Die stehen immer noch zu ihren Taten ÔÇô mit Stolz. Deswegen habe ich sie nicht mal angeschaut.

Abdulkerim ┼×im┼ček im Gericht in M├╝nchen: Sichtlich bewegt trug er w├Ąhrend der Nebenklage-Pl├Ądoyers seine Rede vor.
Abdulkerim ┼×im┼ček im Gericht in M├╝nchen: Sichtlich bewegt trug er w├Ąhrend der Nebenklage-Pl├Ądoyers seine Rede vor. (Quelle: Peter Kneffel/dpa-bilder)

K├Ânnen Sie uns den 9. September 2000 schildern ÔÇô den Tag, an dem Ihr Vater in N├╝rnberg ermordet wurde?

Mein Vater wurde erschossen, genau eine Woche nachdem wir meinen 13. Geburtstag gefeiert haben. Wir lebten damals in Schl├╝chtern, einer kleinen Stadt in Hessen. Mein Vater hatte einen Blumengro├čhandel und fuhr deswegen oft durch ganz Deutschland. Er lieferte Blumen aus und hatte auch ein paar St├Ąnde hier und da, an denen Mitarbeiter verkauften. Einer von ihnen, aus N├╝rnberg, hatte sich Urlaub genommen ÔÇô deswegen ├╝bernahm mein Vater. Als Vertretung.

Die rechtsextreme Terrorgruppe NSU ermordete zwischen 2000 und 2009 neun Menschen mit ausl├Ąndischen Wurzeln sowie eine Polizistin. Auf ihr Konto gehen au├čerdem Brandanschl├Ąge und Raub├╝berf├Ąlle. Die beiden Hauptt├Ąter Uwe Mundlos und Uwe B├Âhnhardt begingen 2011 Suizid. Ihre Begleiterin Beate Zsch├Ąpe wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Noch ist das Urteil aber nicht rechtskr├Ąftig. Auch vier Unterst├╝tzer wurden verurteilt.

Sie gingen zu dieser Zeit auf ein Internat in Saarbr├╝cken.

An diesem Samstag hat mich mein Lehrer um f├╝nf oder sechs Uhr morgens aufgeweckt. "Abdulkerim, Du musst nach N├╝rnberg fahren", hat er gesagt. "Mit der Bahn ganz fr├╝h." Ich hatte gleich ein komisches Gef├╝hl ÔÇô das war ja nicht normal. Aber ich habe telefonisch niemanden erreicht. Mein Onkel holte mich in N├╝rnberg dann vom Bahnhof ab. Mein Vater h├Ątte eine kleine Schl├Ągerei gehabt, hat er gesagt. Nichts Schlimmes. Dann kam ich im Krankenhaus an.

Enver ┼×im┼ček an einem seiner Blumenst├Ąnde: Er wurde an seinem Arbeitsplatz ermordet.
Enver ┼×im┼ček an einem seiner Blumenst├Ąnde: Er wurde an seinem Arbeitsplatz ermordet. (Quelle: T-Online-bilder)

Wo Ihr Vater auf der Intensivstation lag.

Meine Mutter war am Boden zerst├Ârt, gar nicht ansprechbar. Sie hat noch nicht mal bemerkt, dass ich da bin ÔÇô so fertig war sie. Alle Verwandten weinten. Keiner wollte mir etwas sagen. Ich wollte zu meinem Vater und durfte nicht. Niemand durfte rein. Erst viele Stunden sp├Ąter konnten meine Mutter, mein Onkel, meine Schwester und ich zu ihm.

Als erstes bemerkte ich das Auge. Mein Vater lag dort, an Maschinen angeschlossen, mit einem wei├čen Tuch bedeckt. Das Auge war komplett zerfetzt. Im Gesicht sah ich blutverschmierte L├Âcher. Kleine, kleine L├Âcher. Ich fing an sie zu z├Ąhlen ÔÇô und sah immer mehr, je n├Ąher ich kam. Am ganzen K├Ârper. Da wusste ich, es ist vorbei. Das war mir klar. Meine Mutter hielt weinend die Hand meines Vaters, bis die Maschinen aufh├Ârten zu piepen. Wir wurden rausgedr├Ąngt. Und das war das letzte Mal, dass ich meinen Vater lebend gesehen habe.

Hatten Sie bis dahin Kontakt zu einer Welt, in der es Gewalt und Schie├čereien gab?

├ťberhaupt nicht. Mein Vater war ein sehr friedlicher Mensch, sehr engagiert. Jeder mochte uns. Wir mochten jeden. Gewalt war absolut unvorstellbar. An dem Tag, als wir aus dem Krankenhaus kamen, wurde meine Mutter vernommen. Es war schwer f├╝r sie, aber sie hat versucht, sich zusammenzurei├čen. Wir haben zu dem Zeitpunkt ja noch gedacht, man will die T├Ąter finden. Dass die Polizei auf uns losgehen w├╝rde, das war uns nicht klar.

Die Familie ┼×im┼ček bei einem Picknick: Der Mord am Vater zerbrach die heile Welt der Familie.
Die Familie ┼×im┼ček bei einem Picknick: Der Mord am Vater zerbrach die heile Welt der Familie. (Quelle: T-Online-bilder)

Ihre Familie ist ins Visier der Polizei geraten.

Die Polizei durchsuchte vor meinen Augen unsere ganze Wohnung. In den Zeitungen stand, mein Vater sei ein Drogendealer gewesen. Weil er jede Woche mit seinem Lkw nach Holland fuhr ÔÇô um Blumen zu kaufen! Erpressung, Gl├╝cksspiel: Die Polizei beschuldigte uns. Immer wieder uns. Und so stand es dann auch in den Zeitungen.

Dass die Polizei auch im Umfeld des Opfers ermittelt, geh├Ârt bei Ermittlungen dazu. Sie haben beklagt, dass das in Ihren Augen ├╝ber ein normales Ma├č hinausging.

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Anfangs hatten wir schon das Gef├╝hl, dass die Polizei die T├Ąter fassen will. Wir waren die erste Opferfamilie. Dass sie da in jede Richtung ermitteln, das kann ich verstehen. Aber sie haben alle Opferfamilien so unter Druck gesetzt wie uns. Beim zweiten, beim dritten, beim vierten, f├╝nften und sechsten Opfer. Da h├Ârt mein Verst├Ąndnis dann auf. Sp├Ątestens beim dritten Mordopfer mit der gleichen Waffe muss doch klar sein: Die Familie ist unschuldig!

Das Familienalbum der Familie ┼×im┼ček: Noch immer prangt ein Asservaten-Aufkleber der Polizei darauf ÔÇô sie hatte es beschlagnahmt.
Das Familienalbum der Familie ┼×im┼ček: Noch immer prangt ein Asservaten-Aufkleber der Polizei darauf ÔÇô sie hatte es beschlagnahmt. (Quelle: Jonas Mueller-T├Âwe/T-Online-bilder)

Wie wurde Ihre Familie von der Polizei unter Druck gesetzt?

Ermittler zeigten meiner Mutter zum Beispiel einmal ein Foto einer Frau. Das sei die Geliebte meines Vaters, sagten sie ihr. Er h├Ątte sogar Kinder mit ihr. Das war eine Erfindung, eine L├╝ge. Sie wollten meine Mutter dazu verleiten, irgendetwas zu erz├Ąhlen.

Hat die Polizei diese L├╝ge jemals aufgekl├Ąrt?

Nein. Wir wissen das nur aus den Akten. Darin steht auch: Gegen meinen Onkel wurde ermittelt, gegen meine Verwandten. Ihre Handys und Telefone wurden abgeh├Ârt. Die Polizei hat alles versucht, um meinen Vater als Schuldigen darzustellen. Erst im Prozess hat ein Polizist ausgesagt, dass nie etwas gefunden wurde. Dass mein Vater unschuldig sei. Dabei gingen wir schon immer davon aus, dass Nazis oder Erpresser meinen Vater ermordet haben m├╝ssen.

Seit wann hatten Sie diesen Verdacht?

Schon relativ fr├╝h. Wir wussten ja, dass wir unschuldig sind. Von einer Erpressung wusste niemand etwas ÔÇô nicht mal die engsten Freunde. Das passte nicht zu meinem Vater, der bestimmt dar├╝ber gesprochen h├Ątte. Also blieben nur noch Nazis. Aber das interessierte die Polizei gar nicht. "Kein Bekennerschreiben", sagten sie nur. "Dann kann es ja nichts Politisches sein." Immer wenn wieder jemand erschossen wurde, kamen die Ermittler wieder. Immer die gleichen Beschuldigungen. Immer wieder Schlagzeilen: "D├Ânermorde". Elf Jahre lang. Das war schwer.

Eine Ceska-Pistole vor einer Bilderwand mit den Portr├Ąts der Opfer: Angeh├Ârige der Ermordeten litten unter den Ermittlungen der Polizei.
Eine Ceska-Pistole vor einer Bilderwand mit den Portr├Ąts der Opfer: Angeh├Ârige der Ermordeten litten unter den Ermittlungen der Polizei. (Quelle: Bernd Thissen/dpa-bilder)

Sie waren ein Jugendlicher damals. Wie sind Sie damit umgegangen, von der Polizei ├Âffentlich verd├Ąchtigt zu werden?

Ich habe jahrelang verheimlicht, dass mein Vater erschossen wurde. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass mein Vater kein Krimineller war. Aber andere? Ich wollte nicht, dass man mit dem Finger auf mich zeigt: "Das ist der Junge vom Drogendealer." Auch meine Schwester und viele andere Opferfamilien haben das so gemacht. Die Leute glauben eben eher der Polizei oder den Medien. "Ich werde ja nicht erschossen", sagen sie. "Die m├╝ssen ja was gemacht haben, wenn sie erschossen werden." Solche dummen Spr├╝che.

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Hatten Sie Freunde, die zu Ihnen standen?

Nur sehr enge Freunde wussten es. Aber es war eine Riesenbelastung.

Wie ging es Ihrer Familie w├Ąhrend dieser Zeit?

Vor dem Mord war es so: Der Vater verdiente die Br├Âtchen, die Mama war zu Hause. Das st├╝rzte alles ein. Meine Mutter ging dann arbeiten im Altersheim. Es ging ihr nicht gut. Es gab weitere Morde ÔÇô die Ermittler beschuldigten uns. Und meine Mutter hatte immer den Gedanken, dass es nun auch anderen Familien so ergeht wie uns. Sie hat so mitgef├╝hlt.

Meine Schwester und ich haben versucht, ihr so wenig wie m├Âglich zur Last zu fallen. Wir sind beide viel arbeiten gegangen, schon sehr fr├╝h. Meine Kindheit endete an dem Tag, als mein Vater starb.

Enver ┼×im┼ček mit seiner Frau Adile und dem gemeinsamen Kind: Das Familienalbum zeigt Einblicke in gl├╝ckliche Momente.
Enver ┼×im┼ček mit seiner Frau Adile und dem gemeinsamen Kind: Das Familienalbum zeigt Einblicke in gl├╝ckliche Momente. (Quelle: T-Online-bilder)

Wie konnten Sie in einem Land weiterleben, in dem Sie so etwas durchmachen mussten?

Ich war viele Jahre sehr w├╝tend. Auf alles eigentlich: auf die Polizei, auf das System, auf Deutschland. Die Hilflosigkeit machte mir zu schaffen. Ich hatte das Gef├╝hl, dass man die Taten zul├Ąsst, weil wir Ausl├Ąnder sind. So viele Leute mussten sterben. Normalerweise finden sie in Deutschland jeden, der zu schnell auf der Autobahn unterwegs ist. Aber es wurde immer weiter get├Âtet. Das schien kein Ende zu nehmen. Ich war entt├Ąuscht. Und dann immer wieder diese L├╝gen in den Medien. Ich hatte Wut in mir. Richtige Wut.

Welches Bild von Deutschland hatten Sie vor dem Mord?

Ein ganz anderes. Ich war ein Kind. Hier geboren und aufgewachsen. Deutsch-T├╝rke, f├╝r mich war das selbstverst├Ąndlich. Ob Deutscher oder T├╝rke: Mein Vater hat uns beigebracht, dass man jeden respektieren muss, so wie er ist. Nie schlecht denken oder reden von jemandem. Mitgef├╝hl zeigen. Danach lebten wir.

Haben Sie sp├Ąter jemals mit dem Gedanken gespielt, aus Deutschland wegzugehen?

Ja, nat├╝rlich. Als Jugendlicher habe ich mich gefragt, was ich hier in Deutschland ├╝berhaupt mache. Mit der Zeit habe ich dann festgestellt: Das ist mein Land. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Wieso sollte ich mein Land verlassen, nur weil einige Leute so krank denken? Wir lassen uns keine Angst machen. Meine Familie sieht das auch so.

Wenn ich Deutschland eines Tages doch verlassen sollte, dann aus ganz anderen Gr├╝nden. Meine Schwester und meine Mutter leben heute ├╝berwiegend in der T├╝rkei und pendeln. Meine Mutter pflegt meine Gro├čmutter, die wir nach einem Schlaganfall nicht zu uns nach Deutschland holen durften. Meine Schwester hat dort ihren Mann kennengelernt.

Erinnerung am Tatort: Abdulkerim ┼×im┼ček mit seiner Mutter Adile, seiner Schwester Semiya und ihrem Mann Fatih, der den gemeinsamen Sohn auf dem Arm hat.
Erinnerung am Tatort: Abdulkerim ┼×im┼ček mit seiner Mutter Adile, seiner Schwester Semiya und ihrem Mann Fatih, der den gemeinsamen Sohn auf dem Arm hat. (Quelle: Daniel Karmann/dpa-bilder)

Ihr Vater war das erste Opfer in einer Mordserie, in der neun t├╝rkische und griechische Gesch├Ąftsleute umgebracht wurden ÔÇô alle mit derselben Waffe, einer Ceska 83. Die Presse sprach von "D├Ânermorden", die Polizei von t├╝rkischer Mafia. Das ├Ąnderte sich erst am 4. November 2011. An diesem Tag brachten sich die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe B├Âhnhardt nach einem Bank├╝berfall anscheinend um. Wissen Sie noch, wo Sie waren, als Sie das erfuhren?

Ich sa├č im Auto. Das Radio lief. Ich habe nur "Ceska" und "Mordserie" geh├Ârt und bin sofort nach Hause gefahren. Meine Schwester und ich lebten damals zusammen. Mach den Fernseher an, habe ich zu ihr gesagt. Da lief es ├╝berall. Wir haben dann unsere Mutter angerufen. "Haben sie die Nazis endlich erwischt?", hat sie gefragt. "Wie viele sind es gewesen?" Sie war schockiert, als sie geh├Ârt hat, wie jung die T├Ąter waren. Selbst mit ihnen f├╝hlt sie mit ÔÇô weil sie so fr├╝h auf die schiefe Bahn geraten sind.

Wie haben Sie reagiert?

F├╝r mich war es eine unglaubliche Erleichterung. Die Unschuld meines Vaters war bewiesen. Das war uns sehr wichtig. Die Polizei kam allerdings erst Monate sp├Ąter, um uns aufzukl├Ąren ÔÇô erst nachdem wir medial Druck gemacht haben. Das fand ich ├Ąrgerlich. Jahrelang hat man nichts von ihnen geh├Ârt. Und als es ├╝berall in den Medien zu sehen war, dass wir unschuldig waren, mussten wir hinterherrennen, um Informationen zu bekommen.

├ťber all die Jahre haben sie kaum etwas von der Polizei geh├Ârt?

Genau. Wir hatten das Gef├╝hl: Die machen gar nichts. Die wollen nicht, dass die T├Ąter gefasst werden. Sp├Ąter ist herausgekommen, dass die Polizisten viele, viele Hinweise auf Neonazis als T├Ąter hatten. Sie sind denen nur nicht nachgegangen und haben sich auf die Opfer konzentriert. Das finde ich immer noch unvorstellbar.

Wie haben Sie sich das erkl├Ąrt?

Rassismus. Mein Anwalt hat in den Akten sp├Ąter ein Bild gefunden. Am Tatort wurde ein Auto mit zwei Schwarzen gesehen. "Neger-Auto" stand unter dem Foto. Unsere Anw├Ąltin hat das auch im Pl├Ądoyer angesprochen. Es ist frustrierend, dass durch diese Vorurteile der Beamten die Morde nicht aufgekl├Ąrt werden konnten. Noch heute sind NSU-T├Ąter auf freiem Fu├č. Ich kann mit dem Thema nicht v├Âllig abschlie├čen, bis diese Leute gefunden sind.

Das NSU-Trio Zsch├Ąpe, B├Âhnhardt, Mundlos: Viele vermuten weitere T├Ąter hinter den Neonazis.
Das NSU-Trio Zsch├Ąpe, B├Âhnhardt, Mundlos: Viele vermuten weitere T├Ąter hinter den Neonazis. (Quelle: Frank Doebert/dpa-bilder)

Sie vermuten weitere T├Ąter und Helfer. Warum glauben Sie nicht, dass Beate Zsch├Ąpe, Uwe B├Âhnhardt und Uwe Mundlos die Morde allein begangen haben?

Es muss auf jeden Fall noch jemanden in N├╝rnberg geben, der ihnen geholfen hat. M├Âglicherweise auch anderswo. Die Terroristen kannten sich an den Tatorten ja nicht aus. Sie kamen aus Zwickau. Drei Opfer wurden in N├╝rnberg ermordet. Jemand muss ihnen dort Informationen gegeben haben. Es wurden Notizen entdeckt, auf denen stand: "Asylheim Keller immer offen" oder "Imbiss, aber aufpassen, von der Tankstelle kommt jede freie Minute ein Mitarbeiter vorbei". Derjenige, der diese Orte ├╝ber einen l├Ąngeren Zeitraum ausgekundschaftet hat, sitzt nicht auf der Anklagebank. Es gab garantiert Helfer.

Sie glauben nicht, dass Ihr Vater zuf├Ąllig Opfer wurde?

Anfangs dachte ich das. Heute glaube ich nicht mehr daran. Ich wei├č aber nicht, ob ich es jemals herausfinden werde. Es wurden keine Angestellten oder Mitarbeiter get├Âtet ÔÇô immer nur Selbstst├Ąndige. Mein Vater wurde vermutlich gezielt ausgew├Ąhlt. An dem Ort, an dem mein Vater seinen Blumenstand hatte, kommt man nicht zuf├Ąllig vorbei, wenn man von Zwickau nach N├╝rnberg kommt.

Erf├╝llt der Prozess in M├╝nchen Ihre Erwartungen, die Sie an die versprochene Aufkl├Ąrung hatten?

Leider nein. Die meisten Opferfamilien sehen das ├Ąhnlich. Ich m├Âchte wirklich eine hundertprozentige Aufkl├Ąrung. Der Prozess kann mir das nicht liefern ÔÇô auch wenn der Richter seine Arbeit sehr gut macht. Die Angeklagten k├Ânnten es, tun es aber nicht. Und wichtige Akten werden nicht freigegeben. Viele Fragen sind noch offen.

Der Ex-Verfassungssch├╝tzer Andreas Temme (2.v.r.): Seine Rolle bei einem NSU-Mord in Kassel bleibt bis heute nebul├Âs.
Der Ex-Verfassungssch├╝tzer Andreas Temme (2.v.r.): Seine Rolle bei einem NSU-Mord in Kassel bleibt bis heute nebul├Âs. (Quelle: Andreas Arnold/dpa-bilder)

Welche zum Beispiel?

Wer waren die Helfer und Unterst├╝tzer? Warum ist 2006 in Kassel der Verfassungssch├╝tzer Andreas Temme zur Tatzeit am Tatort, als Halit Yozgat erschossen wird ÔÇô will aber nichts gesehen oder geh├Ârt haben? Er hatte kurz vor und nach dem Mord an Halit Yozgat Kontakt zu einem V-Mann. Was wurde besprochen? Welche Rolle hat der Staat gespielt? Warum hat der damalige hessische Innenminister Bouffier dem V-Mann keine Aussagegenehmigung erteilt, damit dieser von der Polizei vernommen werden konnte? Wer zog die F├Ąden?

Was glauben Sie, warum die Mordserie 2006 zun├Ąchst aufh├Ârte ÔÇô bis 2007 die Polizistin Mich├Ęle Kiesewetter erschossen wird?

Meiner Ansicht nach hat der Verfassungsschutz das Trio durch Zahlungen an V-Leute mitunterst├╝tzt. V-Leute im Umfeld des NSU haben vom Verfassungsschutz 200.000 Mark bekommen. Das ist belegt. Wof├╝r? F├╝r 'unsere Sache', soll ein V-Mann dem Verfassungsschutz gesagt haben. Niemand w├╝rde f├╝r banale Informationen so viel Geld zahlen.

Was steckt Ihrer Meinung nach hinter diesen Zahlungen?

Das w├╝rde ich gerne wissen. Aufkl├Ąrung bedeutet, dass man mir diese Fragen beantwortet.

Haben die Untersuchungsaussch├╝sse etwas zur Aufkl├Ąrung beigetragen?

Auch die bekommen die Akten der einzelnen Verfassungsschutzbeh├Ârden nicht zu sehen. Staatsgeheimnis. Das und die Pers├Ânlichkeitsrechte m├Âglicher Unterst├╝tzer sind offenbar mehr wert als das Leben der Opfer.

Viele Akten wurden auch vernichtet.

Jahrelang wurden diese Akten aufgehoben. Erst als der Generalstaatsanwalt sie haben will, werden sie geschreddert: Frist abgelaufen. Das kann doch kein Zufall sein. Dagegen kann man aber nichts tun. Und das ist das Schlimmste. Vermutlich gab es jemanden in h├Âherer Position, der alles koordiniert und geplant hat. M├Âglicherweise auch eine Art Netzwerk. Das ist meine Meinung, aber nur eine Vermutung. Der Prozess und die Aussch├╝sse kl├Ąren das jedenfalls nicht auf.

Wer kommt denn f├╝r ein NSU-Netzwerk infrage?

Im Zusammenhang mit dem NSU wird angeblich gegen weitere f├╝nf bis zehn Personen ermittelt. Uns wird aber nichts verraten. Wir kennen keine Namen. Wir wissen nichts ├╝ber den Stand der Ermittlungen. Wird es Anklagen geben? Unsere Anw├Ąlte glauben: Wenn dieser Prozess endet, wird man keinen weiteren wollen ÔÇô und alles unter den Teppich kehren.

Enver ┼×im┼ček mit seiner Tochter beim Fischen: Seine Enkel hat Simsek nicht mehr kennenlernen d├╝rfen.
Enver ┼×im┼ček mit seiner Tochter beim Fischen: Seine Enkel hat Simsek nicht mehr kennenlernen d├╝rfen. (Quelle: T-Online-bilder)

Sie haben eine kleine Tochter, was werden Sie ihr in zehn Jahren erz├Ąhlen?

Die Kleine fragt jetzt schon nach ihrem Opa. Der ist nicht mehr da, sage ich dann. Irgendwann werde ich ihr erz├Ąhlen m├╝ssen, dass ihr Opa aufgrund seiner Herkunft von Nazis erschossen wurde. Es ist im Jahr 2000 passiert. Es ist unverzeihlich. Und Deutschland tr├Ągt leider einen gro├čen Teil der Schuld daran.

Inwiefern?

Kinder und Jugendliche m├╝ssen davor bewahrt und gesch├╝tzt werden, zu Neonazis zu werden. Deutschland m├╝sste da viel mehr tun, finde ich. Gerade in Ostdeutschland. Menschenw├╝rde, Grundgesetz, Gleichberechtigung, Respekt. Das m├╝ssen Kinder beigebracht bekommen. Die Rechten werden immer st├Ąrker und Deutschland tut zu wenig dagegen. Bis das Land brennt. So empfinde ich das.

Herr ┼×im┼ček, vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.

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