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Die blutige Spur des Neonazi-Trios

Von t-online
Aktualisiert am 22.11.2011Lesedauer: 4 Min.
Ein Opfer, die Polizisten Michele K., und die beiden mĂ€nnlichen Mitglieder der NSU bei einem BankĂŒberfall
Ein Opfer, die Polizisten Michele K., und die beiden mĂ€nnlichen Mitglieder der NSU bei einem BankĂŒberfall (Quelle: /dapd)
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Zehn Tote oder mehr? Immer noch ist unklar, wie viele Opfer auf das Konto des Zwickauer Neonazi-Trios gehen. Das Puzzle fĂŒgt sich aber langsam zusammen: Aus Ermittlungsergebnissen, aus einem Bekennervideo von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sowie aus Indizien. Eine Chronologie zur Aufdeckung des Neonazi-Terrors:

Januar 1998: In Jena in ThĂŒringen hebt die Polizei eine Bombenwerkstatt der Rechtsextremisten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate ZschĂ€pe aus. Das Labor war in einer Garage versteckt. Sie findet Rohrbomben und 1,2 Kilogramm des Sprengstoffs TNT sichergestellt. Angeblich ist ein Mitglied des Trios bei der Untersuchung in der Wohnung. Es kann aber nicht festgenommen werden, weil der Haftbefehl erst Tage spĂ€ter ausgestellt wird. Inzwischen sind die drei untergetaucht.


Foto-Serie: Nazi-Mordserie in Deutschland

Zehn Tote, drei TĂ€ter aus dem rechtsradikalen Milieu. Was als spektakulĂ€re Kriminalgeschichte begann, wĂ€chst sich zu einem bundesweiten Skandal aus, der auch vor dem Verfassungsschutz und der Polizei nicht Halt macht. Wie konnte das seit 1998 aktenkundige Nazi-Trio ĂŒber ein Jahrzehnt hinweg ungestraft morden? Ein historischer Zeitungsausschnitt von 1998 zeigt die drei Terroristen.
Doch von Anfang an: April 2007, Tatort Theresienwiese in Heilbronn. Hier geraten zwei Polizeibeamte in eine Schießerei. Ein Polizist wird schwer verletzt, seine Kollegin tödlich verwundet.
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1999: Unbekannte beginnen eine Serie von mindestens 14 BankĂŒberfĂ€llen in mehreren ostdeutschen BundeslĂ€ndern. Es deutet vieles darauf hin, dass es Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren.

27. Juli 2000: Ein Sprengsatz explodiert am DĂŒsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn und verletzt zehn Aussiedler. Auch dieser Anschlag könnte auf das Konto der NSU gehen. Die Mehrzahl der Opfer in DĂŒsseldorf waren Juden. Eine damals 26-JĂ€hrige verliert bei dem Attentat ihr ungeborenes Kind.

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9. September 2000: In NĂŒrnberg wird ein tĂŒrkischer BlumenhĂ€ndler erschossen. Bis April 2006 folgen weitere Morde an sieben TĂŒrken und einem Griechen, immer mit derselben tschechischen Waffe. Die Taten werden als Döner-Morde oder Mordserie Bosporus bekannt. Die blutige Spur zieht sich quer durch Deutschland: Zwei weitere Morde ereignen sich in NĂŒrnberg (2001, 2005), zwei in MĂŒnchen (2001, 2005), jeweils ein Mord geschieht in Kassel (2006), Hamburg (2001), Rostock (2004) und Dortmund (2006). Teilweise arbeiten allein in der Sonderkommission 160 Beamte an dem Fall, es wird ein Kopfgeld von 300.000 Euro ausgesetzt - ohne Erfolg. Schließlich wird die Tatwaffe in der abgebrannten Wohnung der Neonazis gefunden.

9. Juni 2004: Bei einem Nagelbombenanschlag in einer ĂŒberwiegend von TĂŒrken bewohnten Straße werden 22 Menschen verletzt. In der NĂ€he hat eine Überwachungskamera kurz zuvor zwei MĂ€nner aufgenommen. Einer der beiden soll Minuten spĂ€ter vor einem FriseurgeschĂ€ft ein Fahrrad abgestellt haben, auf dessen GepĂ€cktrĂ€ger der Sprengsatz montiert war. Auf einer DVD, die die Polizei in dem ausgebrannten Haus findet, bekennen sich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu dieser Tat.

25. April 2007: In Heilbronn wird eine 22 Jahre alte Polizistin mit einem Kopfschuss getötet. Ihr Kollege ĂŒberlebt schwer verletzt, kann sich bis heute an nichts erinnern. Die Dienstpistolen der Polizisten werden schließlich im Wohnwagen des Trios gefunden.

1. November 2011: In Döbeln bei Leipzig wird ein Dönerbuden-Betreiber erschossen. Der TÀter kann fliehen.

4. November 2011: Nach einem BankĂŒberfall im thĂŒringischen Eisenach werden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil in einem Vorort gefunden. Im sĂ€chsischen Zwickau geht die Wohnung, in der die beiden mutmaßlichen BankrĂ€uber mit Beate ZschĂ€pe gelebt hatten, ebenfalls in Flammen auf - vermutlich von ZschĂ€pe angezĂŒndet, um Beweise zu vernichten.

Montag, 7. November: Unter den Pistolen im Wohnwagen sind die Dienstwaffen der 2007 in Heilbronn getöteten Polizistin und ihres schwer verletzten Kollegen.

Dienstag, 8. November: ZschĂ€pe stellt sich der Polizei in Jena. Spekulationen kommen auf, dass die mutmaßlichen BankrĂ€uber eine Verbindung in die Neonazi-Szene gehabt haben könnten. Sie und die verdĂ€chtige Frau sollen in ThĂŒringen als rechtsextreme Bombenbauer in Erscheinung getreten sein.

Mittwoch, 9. November: ZschĂ€pe sitzt im GefĂ€ngnis und schweigt. Laut ThĂŒringens Innenminister Jörg Geibert (CDU) hatten die MĂ€nner bis 1998 Verbindungen zum rechtsextremen ThĂŒringer Heimatschutz. Polizei und Staatsanwaltschaft in Sachsen machen die Frau zunĂ€chst nur fĂŒr die Explosion des Wohnhauses in Zwickau verantwortlich.

Donnerstag, 10. November: In den TrĂŒmmern des Hauses werden weitere Schusswaffen gefunden.

Freitag, 11. November: Der Fall nimmt eine spektakulĂ€re Wende: Unter den Waffen ist die Pistole, mit der zwischen 2000 und 2006 neun Kleinunternehmer tĂŒrkischer und griechischer Abstammung erschossen wurden. Außerdem entdecken Fahnder rechtsextreme Propaganda-Videos mit BezĂŒgen zur Mordserie. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ĂŒbernimmt die Ermittlungen.

Sonntag, 13. November: Die Bundesanwaltschaft geht erstmals ausdrĂŒcklich von Rechtsterrorismus aus. Der Bundesgerichtshof erlĂ€sst Haftbefehl gegen ZschĂ€pe. Bei Hannover wird Holger G. festgenommen, ein mutmaßlicher Komplize. Unklar ist die Rolle des Verfassungsschutzes. Wie konnten die Rechtsextremen so lange unbehelligt bleiben?

Montag, 14. November: Justizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberger (FDP) fordert, die Strukturen des Verfassungsschutzes auf den PrĂŒfstand zu stellen.

Donnerstag, 17. November: Der hessische Verfassungsschutz dementiert einen Bericht, ein 2006 suspendierter Mitarbeiter habe einen V-Mann beim rechtsextremen ThĂŒringer Heimatschutz gefĂŒhrt.

Freitag, 18. November: Die Terrorzelle ist vermutlich grĂ¶ĂŸer als bekannt. Bei einem Krisengipfel in Berlin vereinbaren Bund und LĂ€nder unter anderem eine neue Zentraldatei mit Daten ĂŒber Rechtsextreme und ein "gemeinsames Abwehrzentrum Rechts". BKA und Verfassungsschutz sollen besser verzahnt werden. Auch ein neuer Anlauf fĂŒr ein NPD-Verbot soll geprĂŒft werden.

Sonntag, 20. November: Leutheusser-Schnarrenberger kĂŒndigt an, die Angehörigen der Neonazi-Mordopfer zu entschĂ€digen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) spricht angesichts der Fahndungspannen von "klĂ€glichem Versagen".

Montag, 21. November: Innenminister Friedrich teilt nach der Sitzung des Bundestags-Innenausschusses mit, es gebe in dem Fall mittlerweile ein Dutzend VerdĂ€chtige und Beschuldigte. Der PrĂ€sident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, berichtete im selben Gremium nach Teilnehmer-Angaben mit Blick auf den Mord an der Polizistin von einer möglichen Beziehungstat. Es soll BezĂŒge zwischen der aus ThĂŒringen stammenden Polizistin und der Zwickauer Zelle geben.

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Von M. Hollstein, L. Wienand, D. MĂŒtzel
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