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Tagesanbruch: Selbstgefälliger Medienrummel um Friedrich Merz

MEINUNGTagesanbruch  

Was heute Morgen wichtig ist

Von Florian Harms

01.11.2018, 03:18 Uhr

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Friedrich Merz bei der Pressekonferenz zu seiner Kandidatur für das Amt des CDU-Vorsitzenden (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)Friedrich Merz bei der Pressekonferenz zu seiner Kandidatur für das Amt des CDU-Vorsitzenden. (Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Jetzt kommt der Messias. Jetzt wird endlich alles gut. Jetzt werden wir alle vom bleiernen politischen Stillstand erlöst. Diesen Eindruck konnte bekommen, wer in den vergangenen Tagen Zeitungen und Nachrichten-Websites las. “Der Befreier“, “ein Knaller“, “der Kandidat der Herzen“ mit dem “Willen zur Wahrheit“: Das ist nur eine kleine Auswahl der sprachlichen Girlanden, die viele Journalisten Friedrich Merz flochten. Dazu wurden eilig Umfragen aufgetischt, die suggerierten, dass sich angeblich viel mehr Deutsche Merz als neuen CDU-Chef wünschen als seine Kontrahenten Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn. “Ein erstaunlicher Hype“ habe sich um Merz entwickelt, meinte ein großes Online-Medium.

Ich meine: Da hat sich eher ein erstaunlicher Medien-Hype entwickelt. Da wurde der Wunsch zum Vater des Gedankens: Nach den zähen Merkel-Jahren erfülle Merz die Sehnsucht vieler Bürger nach einem dynamischen, wirtschaftsfreundlichen Aufbruch – so geht die Erzählung, die sich durch zahlreiche Artikel zog. Mein Eindruck ist: Sie hat mit der Realität ungefähr so viel zu tun wie die privilegierte Lebenswelt vieler Kommentatoren mit den Lebenswelten vieler Nicht-Journalisten: ziemlich wenig. Diese Autoren ließen sich von ihrem Wunschdenken mitreißen, verließen die Ebene der nüchternen politischen Einordnung und differenzierten Kommentierung. Das ist umso problematischer, als viele deutsche Medien – anders als angelsächsische, anders auch als t-online.de – immer noch nicht zwischen Berichten und Meinungsbeiträgen trennen, letztere auch nicht kenntlich machen. Deshalb sei in diesem Morgenkommentar einfach mal festgestellt: Übers Wasser laufen kann auch Friedrich Merz nicht.

Im Falle Merz werde eine “Erlösergestalt hochgeschrieben“, kritisiert der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Die Berichterstattung vieler Medien erschöpfe sich in machttaktischen Analysen; über politische Inhalte dagegen werde zu wenig debattiert. Seine Kritik gipfelt in dem Satz: “Teile des politischen Journalismus sind inhaltlich ausgezehrt.“ Zack, Treffer!

Wofür also steht Friedrich Merz, jenseits von Bierdeckel-Steuertricks, einer Leitkultur-Debatte, die 18 Jahre lang Staub angesetzt hat, und der Überraschung eines politischen Comebacks, über das sich am lautesten die Berliner Hauptstadtpresse freut? "Wir brauchen Aufbruch und Erneuerung. Aber wir brauchen keinen Umsturz", sagte Merz gestern auf einer Pressekonferenz. Die CDU brauche eine "nach vorne gerichtete politische Diskussion“, müsse sich “Klarheit verschaffen über ihren Markenkern". Sie müsse deutlich machen, dass sie eine große Partei der Mitte sei und bleibe. Sie dürfe es nicht hinnehmen, dass sich am "linken und rechten Rand" der Demokratie Parteien in den Landtagen und im Bundestag etablierten. Was man halt so sagt, wenn man sich um einen neuen Posten bewirbt, aber noch kein inhaltliches Konzept in der Tasche hat. Dann sagte er noch ein bisschen etwas über sein Verhältnis zu Angela Merkel. Ach ja, und bezeichnete sich als “überzeugten Pro-Europäer“ und “Transatlantiker“.

CDU-Vorsitz: Das sind die drei Kandidaten, die auf Merkel folgen könnten. (Quelle: t-online.de)

Sicher, in so einer 20-minütigen Pressekonferenz kann man keine politische Grundsatzerklärung erwarten. Und ja, genau wie seine Mitbewerber hat auch Friedrich Merz nun etwas Zeit verdient, um sein Profil zu schärfen, Positionen zu entwickeln, Standpunkte zu definieren. Das soll voraussichtlich im Rahmen von CDU-Regionalkonferenzen geschehen. Dort werden die Parteimitglieder und die geneigte Öffentlichkeit dann hoffentlich erfahren, was Merz wirklich damit meint, die Wirtschaft stärken zu wollen. Ob er einen neoliberalen Kurs für richtig hält, welche Erfahrungen er aus seiner Anwaltstätigkeit und seinem Aufsichtsratsmandat für die amerikanische Fondsgesellschaft Blackrock einzubringen gedenkt. Und welche lieber nicht. Hinzukommen werden Interviews, Reden, Pressemitteilungen. Erst wenn sich daraus nach und nach das Bild einer gereiften politischen Persönlichkeit und vor allem konkrete Ideen herausgeschält haben, wie der Mann die großen Herausforderungen Deutschlands anpacken will, können wir seine Eignung für den Chefposten der stärksten deutschen Partei wirklich einschätzen. Und frühestens dann hat er vielleicht auch Girlanden verdient. Vielleicht aber auch nicht. Mit kühlem Kopf und nüchternem Blick kommentiert es sich als Beobachter des politischen Geschehens jedenfalls präziser. Nur auf den Hype, auf den muss man dann leider verzichten.

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WAS STEHT AN?

Polizisten vor dem Parlament in Kiew. (Quelle: dpa)Polizisten vor dem Parlament in Kiew. (Quelle: dpa)

Die wichtigsten Termine des Tages in Kürze:

Bundeskanzlerin Merkel reist heute in die Ukraine und trifft dort Präsident Poroschenko. Natürlich wird es dabei vor allem um den Konflikt in der Ostukraine und die Umsetzung des Minsker Abkommens zur Befriedung der Region gehen. Das ukrainische Parlament hat vor vier Wochen die Sonderrechte für die Separatisten im Donbass verlängert. Die Bundesregierung sieht darin einen Beweis, dass Kiew seinen Verpflichtungen nachkommt. Insofern kann Merkels Besuch auch als Belohnung gedeutet werden: Wer sich konstruktiv verhält und für den Frieden arbeitet, verdient Beachtung und Hilfe.

Bundespräsident Steinmeier besucht heute erst Dresden und dann Chemnitz. Nach den Ausschreitungen Ende August hatten viele Kommentatoren (auch ich) kritisiert, dass nur wenige Spitzenpolitiker in die Stadt fuhren, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen und mit den Menschen zu reden. Ein Staatsoberhaupt muss sicher nicht der erste sein, aber dass Steinmeier sich nun viel Zeit nimmt, um erst mit Vertretern von Gastronomie und Einzelhandel der Chemnitzer Innenstadt und dann mit Bürgern zu sprechen, ist ihm in meinen Augen hoch anzurechnen.

Großbritannien taumelt dem ungeordneten Brexit entgegen – wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht und Premierministerin May sich mit der EU auf eine konstruktive Lösung einigt. Dafür muss sie aber erst einmal ihren Haushaltsplan durchs Parlament bringen, und das dürfte heute ein Ritt auf der Rasierklinge werden: Die nordirische DUP, von deren Stimmen May abhängt, droht damit, den Plan durchfallen zu lassen, weil bislang völlig offen ist, ob und wie es nach dem Brexit Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland geben soll (was die beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen massiv beeinträchtigen würde). Wir lernen also zum x-ten Mal: Der Brexit macht nichts als Probleme.

Gerade mal eine Stimme mehr als die anderen Parteien hätten CDU und Grüne zusammen im neuen hessischen Landtag. Reicht das, um eine stabile Regierung zu bilden und das gemeinsame Bündnis fortzusetzen? Darüber sprechen ab heute Volker Bouffier und Tarek Al-Wazir mitsamt ihrem Gefolge im Waldhotel in Geisenheim. Das malerische Städtchen im Rheingau wirbt mit dem Slogan "Bildung, Kultur, Wein" für seine Reize. Alle drei können die schwarzen und grünen Unterhändler bestimmt gut brauchen. Und falls alles nichts hilft, hilft vielleicht die FDP.

Heute tritt das "Gesetz zur Musterfeststellungsklage" in Kraft, eine Bestimmung mit typisch bürokratendeutschem Klang, aber sehr direkten Folgen: Ab jetzt können wie in Amerika Verbände stellvertretend für viele Menschen Klage einreichen. Zum Beispiel gegen den Volkswagen-Konzern, der seine Diesel-Kunden betrogen hat. Genau das beabsichtigt der Bundesverband der Verbraucherzentralen heute auch sofort zu tun. Was dabei herauskommen kann, erfahren Sie hier. ______________________________

WAS LESEN?

Wolfgang Bosbach (Quelle: dpa)Wolfgang Bosbach (Quelle: dpa)

Wolfgang Bosbach macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Und genau das schätzen viele Menschen an ihm. Also haben wir ihn gebeten, in seinem aktuellen Gastbeitrag auf t-online.de die Wahlschlappen für die Union in Hessen und Bayern zu analysieren. "Nein, die CSU ist nicht an allem schuld und Horst Seehofer auch nicht", meint Bosbach, und das ist doch mal eine starke These. Schuld am Sinkflug von CDU und CSU sei eher der Umstand, dass in den vergangenen Jahren viele ehemalige Wähler der beiden Parteien das "Gefühl der politischen Heimatlosigkeit bekamen" – doch darüber habe man in der CDU nie offen oder gar kontrovers diskutieren können. Wie meint er denn das – und vor allem: wen genau? Lesen Sie bitte selbst

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Leonardo da Vincis "Salvator Mundi"  (Quelle: Kirsty Wigglesworth/AP dpa)Leonardo da Vincis "Salvator Mundi" (Quelle: Kirsty Wigglesworth/AP dpa)

Leonardo da Vinci gilt vielen als Inbegriff eines Genies. Was machte ihn so außergewöhnlich? Die Forschung hat dazu einen neuen Aspekt beizusteuern: Der Meister konnte nicht richtig geradeaus gucken. So jedenfalls sieht es der Neurowissenschaftler Christopher Tyler, der die Personen in da Vincis Gemälden genau unter die Lupe genommen hat. Da Vinci verdanken wir eine besonders plastische räumliche Darstellung; eine bis dahin unerreichte Fähigkeit, unsere dreidimensionale Welt auf die zweidimensionale Malfläche zu bannen. Der Grund dafür womöglich: Da Vinci schielte – und zwar nach außen. Er litt, so ermittelte Tyler, an intermittierender Exotropie, einer nach außen gerichteten Fehlstellung der Augen, die nur vorübergehend auftritt und sich mit dem normalen Sehen abwechselt. Dabei geht die Räumlichkeit des Sehens verloren, die Welt erscheint plötzlich platt – und schärft zugleich den Sinn dafür, was Farbe und Schatten über die Tiefe des Raumes aussagen. Da Vinci war davon betroffen, und es machte ihn zum Experten.

Nun ist der Künstler lange tot, woher also wollen wir wissen, dass er schielte? Ganz einfach: Selbstporträts. Rembrandt, Degas und Picasso malten sich schielend. Da Vinci hat sich zwar nur selten in Selbstporträts ausgelebt, dafür aber auffallend viele seiner Zeitgenossen mit einem Schielen ausgestattet – und durchblicken lassen, dass er als Maler in diesen Personen selbst in Erscheinung trat. Die Seele "leitet die Hand des Malers und lässt ihn sich selbst reproduzieren", schrieb er. Wir kennen den Impuls, er treibt uns zum Selfie. Ich sehe mich dort allerdings ohne jedes Schielen. Dann muss ich wohl beim Schreiben bleiben.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Wir wollen es heute etwas feierlicher angehen. Ich bitte Sie zum Konzert, zwei Cellisten geben sich die Ehre. Um angemessene Garderobe wird gebeten. Nehmen Sie Platz. Freundlicher Applaus. Jetzt bitte nicht mehr husten. Die getragenen Klänge der Celli füllen den Raum. Welch ein Genuss! Obwohl – jetzt werden die beiden doch ein bisschen hektisch. Das wird ja immer schneller. Was soll das? Ja, sind die denn noch bei Trost? Was um Himmels willen machen die mit ihren Celli? Erstarrt sitzen wir auf unseren Stühlen. Wie vom Donner gerührt.

Ich wünsche Ihnen einen mitreißenden Tag.

Ihr Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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