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Coronavirus-Krise: Drohende Katastrophe in USA – wie konnte das passieren?

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Wenn die Geduld am Ende ist

06.04.2020, 11:20 Uhr
Coronavirus-Krise: Drohende Katastrophe in USA – wie konnte das passieren? . Rettungskräfte mit Schutzmasken vor einem New Yorker Krankenhaus. (Quelle: Reuters/Jeenah Moon)

Rettungskräfte mit Schutzmasken vor einem New Yorker Krankenhaus. (Quelle: Jeenah Moon/Reuters)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

heute vertrete ich an dieser Stelle Florian Harms – und liefere Ihnen den kommentierten Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Die Frage, wann wir die Ausgangsbeschränkungen in Deutschland lockern können, hat die Diskussionen der vergangenen Tage bestimmt – und sie wird es weiterhin tun. Verständlich: Die Isolation nervt mit jedem Tag ein bisschen mehr, Ostern steht vor der Tür. Da kann man mit der Geduld schon mal am Ende sein. Anstatt einer Antwort habe ich für Sie dazu ein paar persönliche Gedanken.

Vor ziemlich genau einem Monat war ich im Urlaub im Paradies – zumindest kam es mir so vor. Die schillernde Skyline, das Nebeneinander so vieler verschiedener Kulturen, die Schönheit und Ruhe des Central Parks. New York City hat für mich alles vereint, was eine Großstadt so faszinierend macht. Dazu kam die positive, anpackende Art der Menschen.

Jetzt, vier Wochen später, jagt eine Schreckensmeldung aus New York die andere. Während meines Urlaubs gab es den ersten Corona-Fall, am Sonntag waren es mehr als 67.000 bestätigte Infektionen und mehr als 2.600 Todesfälle. In einer einzigen Stadt. Mein Paradies, der Sehnsuchtsort für Millionen Menschen weltweit, hat sich in der Corona-Krise zum Zentrum des Leids entwickelt.

US-Präsident Donald Trump bereitete die Bürger am Wochenende auf die "härtesten Wochen" vor, New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio sieht den "D-Day" kommen. Was er meint: Steigt die Fallzahl in dieser Woche weiter in hohem Tempo an, wird das Gesundheitssystem endgültig überlastet sein und nicht mehr jeden Patienten, der Hilfe braucht, behandeln können. Dienstag oder Mittwoch, so die jüngste Prognose, droht die Katastrophe. Deshalb beorderte Trump am Wochenende tausend Militärangehörige zum Dienst nach New York. Immerhin: die Zahl der Neu-Infektionen und täglichen Todesfälle ist zuletzt leicht zurückgegangen. Trotzdem bleibt die Lage dramatisch.

Ein verzweifelter Arzt nach dem Verlassen der Notaufnahme am New Yorker Elmhurst Hospital. (Quelle: AP/dpa/Mary Altaffer)Ein verzweifelter Arzt nach dem Verlassen der Notaufnahme am New Yorker Elmhurst Hospital. (Quelle: Mary Altaffer/AP/dpa)

Wenn ich die Berichte lese, bin ich jeden Tag aufs Neue ratlos. Wie kann das in einer Metropole in einem der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Welt passieren? Mögliche Erklärungen gibt es viele, von der mangelnden Kapazität eines knallhart profitorientierten Gesundheitssystems in den USA bis zum Versagen des Mannes im Weißen Haus, der die Gefahr durch das Virus viel zu lange verharmlost hat. Persönlich lösen die Geschehnisse in New York aber noch zwei Gedanken in mir aus.

Es macht mir erstens bewusst, was für ein Privileg es ist, in diesen Zeiten in Deutschland zu leben. Ja, wir könnten noch mehr testen, noch mehr Behandlungskapazitäten schaffen, uns noch mehr an die Kontaktbeschränkungen halten. Insgesamt gibt es aber weltweit kaum ein Land, das so gut auf eine weitere Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet ist. Dafür bin ich dankbar. Wir sind in dieser historischen Krise sogar so stark, dass wir Kranke aus Nachbarländern aufnehmen und versorgen können. Finanzielle Hilfsprogramme laufen bereits an.

Die "New York Times" veröffentlichte am Samstag einen vor Bewunderung strotzenden Beitrag über die deutsche Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie. Der Text ist in Teilen eine Lobeshymne auf das deutsche Gesundheitssystem, das jeden kostenfrei versorgt. Und er endet mit einem bewundernden Blick auf eine Bundesregierung, die rational entscheidet, auf die Wissenschaft hört und das Vertrauen der Bevölkerung genießt. Diese hervorragende Ausgangsposition sollten wir nutzen und nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Viele Straßen in New York, wie hier die Park Avenue, sind gesperrt, um den Menschen beim Spaziergang mehr Abstand zueinander zu ermöglichen. (Quelle: imago images/Bildbyran)Viele Straßen in New York, wie hier die Park Avenue, sind gesperrt, um den Menschen beim Spaziergang mehr Abstand zueinander zu ermöglichen. (Quelle: Bildbyran/imago images)

Gleichzeitig mache ich mir ernsthaft Gedanken darüber, wie vergänglich vieles ist, was wir für selbstverständlich erachten. Vier Wochen haben gereicht, um das Leben in New York zum Stillstand zu bringen. Vier Wochen haben alles verändert. Tausende sind gestorben, Zehntausende sind arbeitslos geworden, Hunderttausende Existenzen sind bedroht. Wenn das in dieser reichen Weltstadt passieren kann, dann womöglich überall.

Wenn ich anfange, an den aktuellen Einschränkungen zu zweifeln, ist für mich persönlich jede neue Nachricht aus New York eine Warnung. Sie erinnert mich daran, worum es hier geht. Und sie sagt mir: Gerät dieses Virus einmal außer Kontrolle, ist es nur noch schwer zu stoppen. China, Italien, Iran, teilweise auch Spanien und Frankreich – warnende Beispiele gibt es genug. Deshalb sollten wir uns sehr sicher sein, bevor wir die Corona-Maßnahmen reduzieren. Und wir sollten genau auf die Worte von Außenminister Heiko Maas (SPD) hören. Er sagte gestern der Nachrichtenagentur dpa:

"Ein Blick über unsere Grenzen zeigt noch viel dramatischer als bei uns, wie tödlich das Coronavirus ist. Wir müssen weiter alles tun, um eine zu schnelle Ausbreitung in Deutschland zu vermeiden. Das gilt leider auch für die Ostertage – so bitter das für viele Familien und Freundeskreise ist."

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Die Queen hatte ihre historische Ansprache an die britische Bevölkerung kaum beendet, da kamen die ersten Eilmeldungen: Großbritanniens Premierminister Boris Johnson ist wegen seiner Covid-19-Erkrankung in eine Klinik gebracht worden. Es soll sich um eine Vorsichtsmaßnahme handeln, weil Johnson zehn Tage nach seinem positiven Testergebnis noch immer starke Symptome wie Fieber hat.

Boris Johnson regiert Großbritannein derzeit aus der Quarantäne heraus. (Quelle: imago images/Xinhua)Boris Johnson regiert Großbritannein derzeit aus der Quarantäne heraus. (Quelle: Xinhua/imago images)

Die Queen hatte die Briten zuvor auf den gemeinsamen Kampf gegen das Virus eingeschworen und Mut gemacht: "Wenn wir vereint und entschlossen bleiben, werden wir diese Krankheit überwinden." Das gilt hoffentlich so schnell wie möglich auch für den Premierminister.

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Die gute Nachricht: Trotz des schönen Wetters haben sich die Menschen in Deutschland nach Angaben der Polizei am vergangenen Wochenende größtenteils an die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen gehalten.

Die Zahl der Infizierten in Deutschland hat der Auswertung der Johns Hopkins Universität zufolge am Sonntagabend die 100.000er-Marke überschritten. Mehr als 1.500 Menschen sind hierzulande an Covid-19 gestorben.

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WAS STEHT AN?

Die politische Agenda steht ganz im Zeichen der Virus-Krise. Das "Corona-Krisenkabinett" berät an diesem Montag über die Probleme bei der Beschaffung von Schutzausrüstung und will außerdem weitere Hilfen für Mittelständler auf den Weg bringen.

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz mit Mundschutz. (Quelle: imago images/photonews.at)Österreichs Kanzler Sebastian Kurz mit Mundschutz. (Quelle: photonews.at/imago images)

Einen Schritt weiter sind die Österreicher. Dort wird erwartet, dass Kanzler Sebastian Kurz heute eine Lockerung der drastischen Ausgangssperre nach Ostern ankündigt. Sein Plan könnte beispielhaft für andere europäische Nationen sein.

Die ersten Bundesliga-Vereine wollen heute in Kleingruppen das Training wieder aufnehmen. Sie bereiten sich damit auf die Fortsetzung des Spielbetriebs im Mai vor. Möglich wäre dieser Termin aber wohl nur unter drastischen Maßnahmen, wie der Virologe Alexander Kekulé im ZDF-Sportstudio erklärt hat. Diese Sonderrolle hätte der Fußball nicht verdient.

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WAS LESEN, HÖREN UND SCHAUEN?

Das österreichische Ischgl war einer der ersten Coronavirus-Hotspots in Europa. Von dort fand das Virus seinen Weg in zahlreiche Länder. Eine Touristin hatte die Geschehnisse vorhergesagt, doch sie verzweifelte an den Reaktionen, wie mein Kollege Lars Wienand recherchiert hat.

Wie kommen die Deutschen mit der Corona-Krise klar? Das fragt Cornelia Betsch von der Uni Erfurt jede Woche repräsentativ ab. In der neuen Folge "Tonspur Wissen" berichtet sie von den Ergebnissen, zum Beispiel: "Ältere Leute kommen besser mit der Situation zurecht." Warum das so ist, hören Sie im Podcast.

Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Mensch an Covid-19 stirbt? Diese Frage treibt viele Menschen um. Aufschluss darüber gibt die sogenannte Sterberate nur zu einem Bruchteil. Warum die Zahlen einzelner Länder kaum miteinander vergleichbar sind, zeigen Ihnen meine Kollegen Sandra Sperling und Axel Krüger anschaulich im Video.

Vieles, das unser Leben schöner macht, ist zurzeit nicht möglich. Der Besuch im Fußballstadion, die wilde Partynacht oder das Treffen mit der Familie. Einige meiner Kollegen haben hier gesammelt, was sie am meisten vermissen.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Österreich hat für den Einkauf besonders strenge Vorschriften erlassen. Na, wenn das mal gut geht …

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Morgen schreibt an dieser Stelle wieder Florian Harms für Sie.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche. Bleiben Sie gesund!

Ihr


Luis Reiß
Chef vom Dienst t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @reiss_luis

Mit Material von dpa.

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