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Nächste Corona-Stufe in Deutschland: Schärfer, härter, schneller

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Nächste Corona-Stufe: schärfer, härter, schneller

08.12.2020, 08:17 Uhr
Nächste Corona-Stufe in Deutschland: Schärfer, härter, schneller. Bundespolizisten patrouillieren aus Sicherheitsgründen am Berliner Hauptbahnhof, kontrollieren aber auch die Einhaltung der Maskenpflicht.  (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)

Bundespolizisten patrouillieren aus Sicherheitsgründen am Berliner Hauptbahnhof, kontrollieren aber auch die Einhaltung der Maskenpflicht. (Quelle: Kay Nietfeld/dpa)

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Hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Seit zehn Monaten diskutieren wir in Deutschland über dasselbe Thema. Corona hier, Corona da, mal dieser Aspekt, mal jener. Morgens auf den Websites, mittags bei der Arbeit, abends im Fernsehen: Die Seuche ist omnipräsent und bestimmt unsere Wahrnehmung. Wir kennen die Zahlen der Infizierten und der Verstorbenen, wir kennen die Hygieneregeln und die Appelle der Politiker – aber sind wir dadurch auch gut informiert?

Die Debatte verläuft unter wiederkehrenden Titeln. Gegenwärtig dominiert der Zu-wenig-Titel. Seit dem Wochenende bestimmt er die Schlagzeilen und gräbt sich von dort aus in die Diskussionen am Küchentisch und auf der Wohnzimmercouch: Der Teil-Lockdown ist zu wenig effizient, die Infektionszahlen sinken zu wenig, wir tun zu wenig gegen die Seuche. Die Zu-wenig-Phase der Debatte geht nahtlos über in die nächste, die unter dem Titel schärfer-härter-schneller steht: Um die Zahlen deutlich zu senken, braucht es schärfere Maßnahmen und härtere Regeln, und zwar schnell. Schließlich steht Weihnachten vor der Tür. Die Vorschläge können verschiedene Bezeichnungen tragen, aber sie ähneln einander, und am schnellsten will immer der Markus aus München sein: Ausgangssperre nachts, Ausgangsbeschränkung tagsüber, Reiseblockade, Kontrollen auf Autobahnen, Hotel-Übernachtungsverbot, noch weniger Personen bei privaten Treffen und so weiter und so fort. Herr Söder rügt den "Schlendrian" vieler Bürger, und die Kanzlerin raunt von einer "ganz schwierigen Situation". 

In immer schärferem Kontrast zu den ständigen Beschwörungen stehen die tatsächlichen Beschlüsse, die dem Infektionsgeschehen seit Monaten hinterherhinken. Der Mangel an einheitlichen Regeln wird durch Alarmismus übertönt. Einige Journalisten und Politiker bringen es fertig, sich fünfmal in eine Talkshow zum selben Thema zu setzen und zum fünften Mal ihre Ansichten kundzutun. Es ist ein bisschen wie im Theater, mit dem Unterschied, dass man von einer Talkshow eigentlich Neuigkeiten erwarten dürfte. Geschenkt. Die Corona-Pandemie beschäftigt uns rund um die Uhr, und das hat ja auch seinen Grund: Das Virus ist gefährlich und unberechenbar, es fordert die Krankenhäuser, die Politik, die ganze Gesellschaft heraus; und so wie alle europäischen Länder ringen auch wir um die richtigen Antworten auf diese Herausforderung.

Trotzdem darf man Fragen stellen: Ist die Dauerbeschäftigung mit der Pandemie wirklich angemessen? Und tut sie uns gut? Letzteres kann man getrost verneinen, Ersteres zumindest infrage stellen. In diesen dunklen Dezembertagen wirken mehr Menschen als sonst in der Winterjahreshälfte trübsinnig, verschlossen, gereizt. Als Journalist bin ich regelmäßig unterwegs, auch jetzt noch, und erlebe neben schönen auch beunruhigende Ereignisse, aber so vielen ausgetickten Menschen wie in diesen Wochen bin ich noch nie begegnet. Am Bahnhof schreit ein Mann einen Polizisten an und spuckt ihm vor die Füße. Ein paar Meter weiter prügeln sich zwei Anzugträger. An der Supermarktkasse wird man angeherrscht, wenn die Maske nicht akkurat auf der Nase sitzt. In der Fußgängerzone springen Leute panisch zur Seite, geht man zu nah an ihnen vorbei. Sicher, das sind subjektive Eindrücke, die sich nicht verallgemeinern lassen. Aber Kollegen und Bekannte schildern mir ähnliche Erlebnisse. Nicht nur das Gesundheitsrisiko, auch die Maßnahmen gegen das Gesundheitsrisiko infizieren unsere Gesellschaft.

Zurück zur ersten Frage: Ist die permanente Beschäftigung mit Corona angemessen? Diese Krise hat historische Ausmaße, richtig, und sie beeinträchtigt die meisten der 83 Millionen Bundesbürger, auch richtig. Das Interesse an dem Thema ist ungebrochen groß, das sehen wir Journalisten beispielsweise an den Abrufzahlen unserer Artikel: Nichts klickt mehr als Corona (und Trump, aber der ist ja bald weg vom Fenster). Trotzdem bleibt ein Fragezeichen, und es wird immer größer. Ich bin nicht der Einzige, dem es auffällt.

Gestern besuchte ich eine Schule, um mit rund 70 Oberstufenschülern über die Rolle der Medien in der Corona-Krise zu diskutieren. Die jungen Leute waren aufgeweckt, neugierig und stellten viele gute Fragen. In welchen Medien bekommt man vertrauenswürdige Informationen, in welchen nicht? Woran erkennt man seriöse Medien und was genau machen sie anders als sogenannte "alternative Medien"? Warum nimmt die Corona-Berichterstattung in fast allen Medien so viel Raum ein, andere Themen wie die Klimakrise oder der weltweite Hunger dagegen viel weniger? Warum werden in der "Tagesschau" immer gleich zu Anfang die Infektionszahlen genannt, wird damit nicht Angst geschürt? Wird die Gefahr des Virus womöglich übertrieben, und werden die gravierenden Folgen des Lockdowns für den Kulturbetrieb, für Selbstständige, Kinder und chronisch Kranke womöglich zu wenig beleuchtet?

Klare Fragen, gute Fragen. Auf jede gibt es mehrere Antworten, je nachdem, welchen Blickwinkel man einnimmt. Deutschland hat neben Japan und Italien die älteste Bevölkerung der Welt, da nimmt es wenig Wunder, wenn die Regierenden alles daransetzen, vor allem Senioren vor einer hochansteckenden Krankheit zu schützen. Aber gerade als junger Mensch kann man sich schon fragen, ob die Prioritäten der Politik gerecht gewichtet sind. Da der Tagesanbruch an manchen Tagen mehr als eine Million Leser hat, werde ich Ihnen hier keine Antwort geben können, die Sie alle zufriedenstellt. Jede und jeder von Ihnen hat seine eigene Sicht, und das ist gut so. Aber wenigstens einen Gedanken möchte ich Ihnen heute Morgen mitgeben, der mich seit Beginn der Krise umtreibt und der auch gestern in der Diskussion mit den Schülern aufkam: Die perfekte Antwort auf die Corona-Herausforderung gibt es nicht, und ebenso wenig gibt es Experten, die immer Recht haben, weder in der Politik noch in den Medien noch unter Medizinern. Wir alle sind Lernende, Tastende, Zweifelnde, und vermutlich sollten wir noch öfter auch Mitfühlende sein. Jeder erlebt diese Pandemie anders, und nicht jeder hält es in diesen Tagen kurz vor Weihnachten für eine gute Idee, von morgens bis abends über noch schärfere Corona-Regeln zu diskutieren.

Es geschehen so viele andere bedeutsame Dinge in der Welt. In Zentralafrika und im Jemen bahnt sich die größte Hungerkatastrophe seit Jahrzehnten an. Der Kampf gegen die Klimakrise droht zu erlahmen, dabei ist der Handlungsdruck größer als je zuvor: Soeben haben wir den heißesten November seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt. Immer mehr Leute leiden unter den Corona-Regeln; die Konflikte in Familien nehmen zu, da kann der Lockdown noch so "light" sein. Viele Menschen vereinsamen oder verfallen in Depressionen, viele sind Opfer von Zudringlichkeiten oder Gewalt. All das und noch viel mehr sollte uns ebenfalls beschäftigen. Das bedeutet nicht, das Corona-Risiko zu ignorieren. Aber es sollte unseren Kopf nicht vollständig okkupieren. Und erst recht nicht unser Herz.

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WAS STEHT AN?

Trauernde Fans vor dem Dakota Building in New York im Dezember 1980. (Quelle: imago images)Trauernde Fans vor dem Dakota Building in New York im Dezember 1980. (Quelle: imago images)

Ich erinnere mich gut an den 8. Dezember 1980. Als ich von der Schule nach Hause kam, lief der Fernseher. Auf dem kleinen Schwarz-Weiß-Bildschirm sah ich Menschentrauben in Straßenschluchten zwischen Hochhäusern. Sie weinten, trauerten, einer hielt einen Pudel in die Fernsehkameras, sogar der schien zu weinen. Ich verstand nicht, was da los war. Also wandte ich mich an meine Mutter und sah, dass sie ebenfalls traurig war. Was war da los? Sie erklärte es mir, und ab diesem Moment hockte ich stundenlang vor dem Fernseher, sah die Menschen in New York, hörte die eingespielte Musik des Mannes, um den sie trauerten. Er war erschossen worden, vor seinem Wohnhaus am Central Park. Viele Jahre später reiste ich dorthin und versuchte, den Moment nachzuempfinden. Da hatte ich die Songs des Mannes schon unzählige Male gehört und mit meiner eigenen Band nachgespielt, hatte Filme und Fotos gesehen, Bücher gelesen, Poster in mein Jugendzimmer gepinnt.

Heute ist wieder ein 8. Dezember, und nun ist es tatsächlich schon 40 Jahre her, dass John Lennon aus dem Leben gerissen wurde. Der Mann, der gemeinsam mit Paul McCartney die Musik revolutionierte (natürlich waren George Harrison und Ringo Starr auch dabei), gemeinsam verkauften sie rund eine Milliarde Tonträger, mehr als jede andere Band. "Die Musik der Beatles klang völlig anders als alles, was es bis dahin gegeben hatte", erinnerte sich später Andrew Solt, der den Film "Imagine" über Lennons Leben gedreht hat. "Ein paar Jahre zuvor hatte Elvis Presley die Tür aufgestoßen, doch die Beatles hoben sie aus den Angeln." Sie verwandelten den Rock 'n' Roll in eine weltweite, zeitlose Bewegung, die nie mehr endet. Auf melodiöse Gitarrenhits folgten epochale Werke wie "Sgt. Pepper’s" und das "White Album" und nach der Trennung der Band John Lennons Solo-Platten. Von den Songs des Albums "Imagine" habe ich mich jahrelang jeden Morgen wecken lassen. Nicht von dem etwas zuckrig geratenen Titelsong, klar, sondern von diesem und diesem und diesem. Sie transportieren auch heute, fast 50 Jahre nach ihrer Veröffentlichung und 40 Jahre nach Lennons Tod, immer noch eine unbändige Energie. Wenn ich sie höre, wird mir klamm ums Herz, so wie damals, an jenem Dezembertag im Jahr 1980. Und zugleich ganz leicht, wie an einem Frühlingsmorgen. Solche Gefühle auslösen, das konnte nur einer. Danke, John. Hoffentlich hast du es gut da oben.

John Lennon und Yoko Ono 1980 in New York.  (Quelle: imago images)John Lennon und Yoko Ono 1980 in New York. (Quelle: imago images)

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Die Ministerpräsidenten Markus Söder in Bayern und Volker Bouffier in Hessen geben heute Regierungserklärungen ab und sprechen dabei ausführlich über, na klar, Corona. Andere Themen werden wohl allenfalls unter ferner liefen vorkommen.

Im Bundestag beginnt die Haushaltswoche mit einer Rede von Finanzminister Olaf Scholz. Beraten werden die Etats für Bundespräsident, Bundestag und Bundesrat sowie für die Ministerien Finanzen, Wirtschaft und Energie, Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Ernährung und Landwirtschaft, Bildung und Forschung. Auch da gäbe es wichtige Themen abseits von Corona zu diskutieren.

In Großbritannien werden die ersten Bürger gegen Covid-19 geimpft, die deutsche Firma Biontech und ihr Partner Pfizer haben Tausende Dosen geliefert. Hierzulande werden wir wohl noch einige Wochen warten müssen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze macht eine Online-Infoveranstaltung mit der Initiative "Original Unverpackt", die Einwegverpackungen beim Einkaufen komplett unterbinden will. Ah, es gibt also doch noch andere Themen.

Der Mount Everest ist 8.848 Meter hoch, das weiß jeder. Ist er aber gar nicht. Sagen jedenfalls die Nepalesen, und die sind am nächsten dran. Heute geben sie das Ergebnis ihrer exakten Messung bekannt.

Der Weg zum Mount Everest ist lang und hoch. Wie hoch genau, erfahren wir heute. (Quelle: imago images)Der Weg zum Mount Everest ist lang und hoch. Wie hoch genau, erfahren wir heute. (Quelle: imago images)

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WAS LESEN UND ANSCHAUEN?

Die Erderhitzung ist eine Gefahr, die sich von allen anderen unterscheidet. Sie erfordert neues Denken und neue Antworten, aber natürlich keine Ökodiktatur. Zu dieser These hat mein Kollege Jonas Schaible vor einem Jahr einen fulminanten Essay geschrieben. Gestern Abend hat er dafür den "Reporterpreis" gewonnen. Hochverdient – und auch heute noch lesenswert. 

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Sind die Corona-Fallzahlen deshalb so hoch, weil eben viel getestet wird? Meine Kollegen Tim Blumenstein, Adrian Röger und Arno Wölk räumen mit einem beliebten Vorurteil auf. 

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Was war denn das bitte, Herr Löw? Bei seinem ersten Auftritt nach den DFB-Krisenwochen hat der Bundestrainer gestern viel gesagt – leider komplett am Thema vorbei, kommentiert mein Kollege Robert Hiersemann.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Wie war das, was heißt "fröhliche Weihnachten" auf Spanisch? Schnell mal den Donald fragen! 

Ich wünsche Ihnen fröhliche… nein, noch nicht Weihnachten, aber Stunden an diesem Dienstag.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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