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Klimakrise: Nach der Corona-Pandemie droht die viel größere Katastrophe

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Eine noch viel größere Katastrophe

17.02.2021, 14:53 Uhr
Das "Ewige Eis" schmilzt – mit fatalen Folgen

Die Klimakrise bedroht die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. Die Spuren der Krise sind schon heute deutlich zu erkennen. So auch im vermeintlich ewigen Eis. (Quelle: t-online) 

Eine noch größere Katastrophe: Das ewige Eis schmilzt – mit fatalen Folgen auch für Deutschland. (Quelle: t-online)


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WAS WAR?

In der Corona-Krise scheiden sich nicht nur die Geister, sondern auch die Kompetenzen. Unter dem Druck der Pandemie zeigt sich, wer in der Lage ist, umsichtig und berechenbar zu handeln – und wer einfach nur drauflosschwätzt. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet kennt sich in beiden Disziplinen aus, aber seit er auch noch das Amt des CDU-Vorsitzenden übernommen hat, scheint er sich für letztere entschieden zu haben: Er gibt sich große Mühe, den Titel des Hü-hott-Politikers zu erringen.

Seine jüngste Volte schlug im Politik- und Medienbetrieb gestern hohe Wellen: In der vergangenen Woche hatte Herr Laschet gemeinsam mit den anderen Länderchefs und der Bundeskanzlerin beschlossen, den Lockdown erst dann weiter zu lockern, wenn bundesweit die Inzidenzzahl von 35 Personen pro 100.000 Einwohnern erreicht ist – ein Wert, der auch im Infektionsschutzgesetz steht. Vorsicht und Geduld lauteten die Parolen. Wenige Tage später plädiert nun derselbe Mann für einen ganz anderen Kurs: "Man kann nicht immer neue Grenzwerte erfinden, um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet", wetterte er auf einem Treffen des CDU-Wirtschaftsflügels. "Wir können unser ganzes Leben nicht nur an Inzidenzwerten abmessen."

Ja was denn nun? "Im schlimmsten Fall steckt hinter Laschets Aussage Populismus. Im besten Fall hat er seine neue Rolle und Verantwortung als CDU-Chef bloß noch nicht verstanden", kommentiert mein Kollege Luis Reiß. Selbst wenn man dem CDU-Chef zugutehält, dass sich seine Kritik gegen Verfechter der Zero-Covid-Strategie richtet, bleibt doch der Eindruck zurück: Da hat einer keinen klaren Kurs. Da sagt einer heute dies und morgen das, je nachdem, was ihm gerade opportun erscheint. In der Politik ist das kein seltener Wesenszug. Aber man kann sich ja einfach mal vorstellen, wie das wäre, zöge so ein Politiker nach der Bundestagswahl als neuer Regierungschef ins Kanzleramt ein. Käme Deutschland dann halbwegs unbeschadet durch die nächste Krise – Klima, Pandemie, Migration, Finanzen, Wirtschaft, was auch immer? Zu den vielen geflügelten Worten, die uns die Autoren der Bibel hinterlassen haben, gehört das "schwankende Rohr im Winde". Auf manche Menschen trifft es sogar nach mehr als 2.000 Jahren noch zu.

Armin Laschet sagt mal dies, mal das. (Quelle: Marcel Kusch/dpa)Armin Laschet sagt mal dies, mal das. (Quelle: Marcel Kusch/dpa)

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WAS STEHT AN?

Corona am Morgen, Corona am Mittag, Corona am Abend: Es gibt kein Entkommen vor dem Nachrichtenhagel aus Infektionszahlen, Lockdown und Mutanten. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir käme es gelegen, würden wir unseren Horizont nun auch mal wieder erweitern. Das Virus ist schlimm, seine Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft sind es auch, aber es ist ja nicht so, als geschähe sonst nichts Relevantes auf der Welt. Wer die Scheuklappen ablegt, gewinnt brisante Erkenntnisse über Deutschland und die Welt – und interessanterweise auch über die Entstehung der Pandemie. Zum Beispiel in einer neuen Studie von Wissenschaftlern der Universität Cambridge, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der Universität Hawaii: Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Klimakrise eine wichtige Rolle bei der Entstehung von SARS-CoV-2 gespielt haben dürfte. Globale Treibhausgasemissionen haben demnach den wahrscheinlichen Ursprungsort des Virus in Südchina zu einem idealen Biotop für Fledermäuse und neue Coronaviren gemacht. "Wir wissen, dass der Klimawandel die Übertragung von Viren in Wildtieren auf den Menschen beschleunigt", sagt einer der Forscher – und will das als Weckruf verstanden wissen, die weltweiten Emissionen endlich zu reduzieren.




Einen Weckruf brauchen wir tatsächlich dringend, denn in unserer permanenten Fokussierung auf das tägliche Corona-Kleinklein (Herr Laschet sagt dies, Herr Spahn sagt das) verlieren wir die viel größere Herausforderung aus dem Blick: Der Klimaschutz droht das größte Opfer der Corona-Pandemie zu werden. Nur ein Bruchteil der staatlichen Hilfsgelder zur Bewältigung der Pandemie ist für den Kampf gegen die Erderhitzung vorgesehen, wie holländische Experten berechnet haben: In den Wiederaufbauprogrammen sind viermal mehr "schmutzige" als "grüne" Maßnahmen vorgesehen.

Dabei bräuchte es jedes Jahr rund 300 Milliarden US-Dollar, um die schlimmsten Schäden der Klimakrise zu reparieren. Derzeit sind es gerade mal zehn Prozent der Summe. So gesehen reden wir von morgens bis abends über die falsche Krise. Wir sehnen das Ende des Lockdowns herbei, um endlich wieder shoppen, konsumieren und in den Urlaub jetten zu können, statt die historische Ausnahmeerfahrung der Corona-Krise zu nutzen, um unseren Lebenswandel nachhaltiger zu gestalten.

Dabei findet die Katastrophe direkt vor unseren Augen statt. Schauen Sie bitte mal auf diese Vorher-Nachher-Fotos meiner Kollegin Maria Bode, dann sehen Sie, wie schlimm es schon um unseren Planeten steht. In diesem hervorragenden Digitalreport der "Süddeutschen Zeitung" erfahren Sie, was uns blüht, wenn wir weitermachen wie bisher. Anschließend können Sie Ihr Wissen dann im Klimalexikon von t-online vertiefen. 

Liest und sieht man all diese Fakten, verfällt man leicht in Apathie: Was kann ich denn schon gegen diese Krise tun? Sie ist ja so groß, und ich bin ja so klein. Das ist richtig und falsch zugleich. Ja, die menschengemachte Erderhitzung ist vermutlich die größte Herausforderung, mit der unsere Spezies je konfrontiert worden ist. Und ja, um die entscheidenden Hebel zu ihrer Linderung in Bewegung zu setzen, braucht es mächtige Staaten, Institutionen und Unternehmen. Aber auch jeder Einzelne kann etwas tun, erst recht in einem Industrieland wie Deutschland. Im Durchschnitt ist jeder Bundesbürger für 10,7 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr verantwortlich – deutlich mehr als der durchschnittliche EU-Bürger. Mehr als ein Drittel der Emissionen entfällt auf den Wohnbereich (vor allem auf das Heizen), ein Viertel auf die Mobilität (vor allem das Autofahren und Fliegen), rund zwölf Prozent auf die Ernährung (etwa den Fleischkonsum). Da müssen wir ran.

Nein, das bedeutet nicht, dass wir gar nicht mehr fliegen, gar keine Wurst und gar keine Steaks mehr braten dürfen. Aber es wäre sinnvoll, wir würden dabei Maß halten, wie es beispielsweise der Autor Jonathan Safran Foer in seinem Buch "Wir sind das Klima" empfiehlt. Auch Spenden an Initiativen, die Kompensationszertifikate anbieten, können ein Hebel sein – so wie Atmosfair, Klima-Kollekte oder Primaklima. Diese Anbieter finanzieren Klimaschutzprojekte in ärmeren Ländern und helfen ihnen dabei, ihre Wirtschaft nachhaltig umzubauen, beispielsweise durch Windkraft und Sonnenenergie. Falls Sie nun denken: "Na ja, Spenden, hm, hm", dann versuchen Sie doch mal umzudenken: Begriffe ein erklecklicher Teil der Bundesbürger dieses Modell als privat finanzierte CO2-Steuer (weil die Politik den effektiven Klimaschutz eben nicht hinkriegt) und spendete monatlich einen zweistelligen Betrag an eine der oben genannten Organisationen (was sich sogar von der Steuer absetzen lässt), wäre dem Klimaschutz hierzulande vermutlich mehr geholfen als mit jeder anderen Maßnahme. Das bedeutet nicht, dass wir uns dauerhaft von der Verantwortung freikaufen können, unseren Lebenswandel und unser Land nachhaltig zu organisieren. Aber wir gewinnen damit erstens Zeit, bis an den Hebeln der Macht Leute sitzen, die das Thema wirklich ernst nehmen. Und tun zweitens etwas Sinnvolles, statt apathisch zuzusehen, wie sich unser Planet immer weiter aufheizt. "Die wesentlichen Charakteristika der Corona-Krise lassen sich auf die globale Klimakrise übertragen", hat der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber gesagt, "die unerbittliche Gültigkeit der Naturgesetze; die kritische Bedeutung der Rechtzeitigkeit; die gelegentliche Notwendigkeit, alle Waffen, die man besitzt, ins Feld zu führen; die Bereitschaft, das Leben über das Geld zu stellen."

Da ist er, der Weckruf für Sie und mich und alle anderen Bürger dieses schönen Landes.

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Apropos schönes Land: Am heutigen Aschermittwoch werden uns die Büttenredner der deutschen Parteien wieder landauf, landab mit ihren Weisheiten beglücken – per Video natürlich. Sie dürfen sich das gerne anhören. Ich für meinen Teil höre lieber ein schönes Lied.

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Italiens neuer Regierungschef Mario Draghi erklärt heute in einer programmatischen Rede im Senat, wie er das Land aus der Corona-Krise führen will. Was wir bereits wissen: Er setzt auf konsequente Digitalisierung, Klimaschutz und den Kampf gegen Steuerhinterziehung. Klingt vielversprechend. Schön, wenn ein erfahrener Profi Italien nun auf die Beine hilft. Vielleicht können wir uns da für den Herbst etwas abgucken.

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Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellt heute etwas vor, und zwar… Moment, ich sehe noch mal nach, äh, Sekunde… diesmal ist es ihre… ah ja, habe es: vierte oder fünfte Strategie für den Kampf gegen die Corona-Pandemie. Ich bezweifle, dass wir uns da viel abgucken können.

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Mario Adorf im Film "Nachts, wenn der Teufel kam".  (Quelle: imago images/United Archives)Mario Adorf im Film "Nachts, wenn der Teufel kam". (Quelle: imago images/United Archives)

Mehr als 80 Morde gestand Bruno Lüdke, als er im März 1943 verhaftet wurde. Später wurde seine vermeintlich kriminelle Laufbahn verfilmt – dem jungen Mario Adorf verhalf die Rolle zum Durchbruch. Heute wissen wir, dass Lüdke unschuldig war. In der Arte-Dokumentation "Die Erfindung eines Mörders", die heute Abend ausgestrahlt wird, begibt sich der Schauspieler auf die Suche nach den Ursprüngen des Justizskandals. Mein Kollege Marc von Lüpke hat den Film vorab gesehen und erklärt Ihnen die Hintergründe.

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WAS LESEN?

Wie hoch ist das Risiko wirklich, sich mit Corona anzustecken? Forscher haben die Situationen in Innenräumen berechnet. Die Ergebnisse lassen wir uns von den Kollegen der "Neuen Zürcher Zeitung" vorstellen.

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Sven Kogen lebt auf der Straße.  (Quelle: t-online.de))Sven Kogen lebt auf der Straße. (Quelle: t-online.de))

In diesen kalten Tagen haben die meisten von uns ein Dach über dem Kopf. Sven Kogen nicht. Mitten im Winter schlägt sich der Obdachlose durch die Straßen Berlins. Meine Kollegen Sophie Loelke und Arno Wölk haben ihn begleitet und ihm die Fragen unserer Leser gestellt. Hier sind seine Antworten. 

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Wer in der Pandemie Klartext redet, muss mitunter Hass ertragen, so wie der SPD-Politiker Karl Lauterbach. Unsere Kolumnistin Nicole Diekmann hat einen Weg gefunden, mit den Anfeindungen umzugehen. 


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Verschwörungstheoretiker wie Ken Jebsen verbreiten ihren Schund massenhaft im Internet. Jetzt sind die Behörden endlich aufgewacht und wollen etwas dagegen tun. Was genau erklären uns die Kollegen des "Deutschlandfunks".

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Wie können Schulen wieder öffnen? Viele Millionen Euro an Fördergeldern für Lüftungstechnik bleiben ungenutzt – während Eltern verzweifeln. Unsere Spürnase Lars Wienand ist dem Problem auf den Grund gegangen.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Wetten, dass sich in 30 Sekunden ein AC/DC-Song komponieren lässt? Doch, ist ganz einfach – Sie müssen nur unten rechts auf dem Bild den Ton anklicken.

Ich wünsche Ihnen einen kreuzfidelen Tag.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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