Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Entscheidung ├╝ber die wichtigste Personalfrage

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 02.12.2021Lesedauer: 7 Min.
Karl Lauterbach eckt auch bei Parteifreunden an.
Karl Lauterbach eckt auch bei Parteifreunden an. (Quelle: imago-images-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

in Krisenzeiten braucht es Leute, die ihr Handwerk verstehen. N├Ąchste Woche will die neue Regierungsmannschaft antreten, die Deutschland durch die kommenden vier Jahre steuern wird. Wichtigste Aufgabe: den Virusschlamassel ├╝berwinden. Wichtigster Regierungsposten nach dem Kanzler daher: das Gesundheitsministerium. Daf├╝r braucht es einen Profi. Am besten eine Person, die selbst promovierter Mediziner und am besten auch Epidemiologe ist, die an Universit├Ąten in Deutschland und Amerika geforscht hat, zwei Master-Abschl├╝sse besitzt, zahlreiche Fachb├╝cher und Studien ver├Âffentlicht hat. Eine Person, die au├čerdem f├╝nfmal hintereinander als direkter Abgeordneter ins nationale Parlament gew├Ąhlt worden ist.

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In vielen L├Ąndern Europas sucht man so eine Person vergebens, doch hierzulande gibt es sie: Karl Lauterbach z├Ąhlt zu den renommiertesten Corona-Deutern, wenige haben so viel Epidemie-Expertise wie er. Nicht nur, dass er nachts um zwei in den neuesten Studien schm├Âkert. Er kann sie auch bewerten, einordnen und vor allem so erkl├Ąren, dass auch Laien sie verstehen. Seit Beginn der Pandemie erteilt er quasi w├Âchentlich Ratschl├Ąge, wie das Land auf die Herausforderungen reagieren sollte, und meistens hat er recht. In der Politik kennt er sich auch aus. In einem normalen Land w├Ąre so einer w├Ąhrend der gr├Â├čten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten die perfekte Besetzung f├╝r das Gesundheitsministerium.

Doch normal sind die Verh├Ąltnisse in der deutschen Politik schon lange nicht mehr. Taktik, Befindlichkeiten, Misstrauen und Seilschaften z├Ąhlen dort mehr als fachliche Qualifikation. Zwar haben die FDP und die Gr├╝nen ihre Ministerkandidaten bereits benannt, die k├╝nftige Kanzlerpartei SPD aber noch nicht. Olaf Scholz f├╝rchtet offenbar, dass sich in seiner eigenen Truppe Protest regt, wenn er den Karl nicht zum Minister k├╝rt. Er will die Entscheidung ├╝ber die Besetzung der Ministerien und damit auch des wichtigsten Jobs hinausz├Âgern, bis der digitale Parteitag am Samstag den Koalitionsvertrag abgenickt hat. Nicht, dass da noch etwas schiefgeht und ein paar R├Ącher in den eigenen Reihen gegen den m├╝hsam ausgehandelten Vertrag stimmen.

Diese Verz├Âgerungstaktik zieht immer lautere Kritik auf sich. Nicht wenige Genossen, aber auch viele Leute aus anderen Parteien stellen die Frage, ob es sich das Land in diesem Krisenwinter wirklich leisten kann, an der wichtigsten Front tagelang kopflos zu sein. Zumal der bisherige Amtstr├Ąger Jens Spahn seit Wochen durch die Landschaft irrlichtert. Man will doch wissen, was die k├╝nftigen Chefs planen, wie sie das Land aus der Krise ziehen wollen, ob sie k├╝nftig einen konsequenten oder weiterhin einen Zickzackkurs gegen Corona fahren ÔÇô und ob die Gesundheitspolitik k├╝nftig von einem Fachmann entworfen wird, um die Gefahr weiterer Viren und Varianten zu bannen. "Ich halte Herrn Lauterbach f├╝r einen klugen Kopf und w├╝rde mich freuen, wenn er der n├Ąchste Gesundheitsminister im Bund w├Ąre", sagt Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek, und wenn sogar ein CSU-Mann so was sagt, will das was hei├čen. K├Ânnten die B├╝rger entscheiden, w├Ąre die Sache ebenfalls klar: Dann w├╝rde eine Mehrheit den Karl schnurstracks auf den Ministersessel bef├Ârdern.

Doch in seinem eigenen Laden genie├čt Herr Lauterbach nicht den besten Ruf. Schon seit L├Ąngerem gilt er als Enfant Terrible der SPD: Eigensinnig und unzuverl├Ąssig sei er, hei├čt es da. Er nehme zu wenig R├╝cksicht auf politische Absprachen und sage zu oft frei heraus, was er denke, statt sich der Parteilinie unterzuordnen. Er sitze zu oft in Talkshows herum, statt in Parteigremien. Ein bisschen chaotisch sei er obendrein und, ach ja, doch auch irgendwie ein Sonderling.

Vielleicht ist da sogar etwas dran. Karl Lauterbach, der seit Jahren weder Fleisch noch Salz speist, gerne Twitter vollschreibt, Krawatten als unhygienisch ablehnt und seit Beginn der Pandemie auch keine Fliege mehr tr├Ągt, weil der festliche Charakter der Halsbinde nicht zum d├╝steren Ernst der Lage passe, dieser Karl Lauterbach also, der seit anderthalb Jahren zum Fernsehstudiodauerbewohner geworden ist, mag tats├Ąchlich nicht der einfachste Typ sein. Deshalb gibt es in der SPD ├ťberlegungen, das Ministerium in andere H├Ąnde zu legen. Petra K├Âpping wird da genannt, die s├Ąchsische Gesundheitsministerin. Sabine Dittmar, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD im Bundestag. Der Hamburger B├╝rgermeister Peter Tschentscher, seines Zeichens selbst Arzt und einer der obersten Olaf-Vertrauten. Sogar ├╝ber eine R├╝ckkehr von Andrea Nahles wird gemunkelt, die einst mit Schimpf und Schande von ihren eigenen Leuten vom Hof gejagt wurde.

Das m├Âgen ja allesamt kompetente Leute sein, aber Typen sind sie doch eher nicht. W├Ąre es nicht w├╝nschenswert, in der Spitzenpolitik wieder mehr Charakterk├Âpfe zu haben ÔÇô nicht in der zweiten Reihe als Staatssekret├Ąre, sondern als Minister in der ersten? Menschen, die man sofort erkennt, wenn sie irgendwo auftauchen. Die Klartext reden, wenn sie den Mund aufmachen. Und zwar auch dann, wenn es den eigenen Leuten mal nicht passt, aber eben der Wahrheit entspricht?

Solchen Charakteren eine Chance zu geben und sie auf einen Chefsessel zu bef├Ârdern, dazu braucht es Mut. Dazu muss man selbst ein starker Typ sein. "Wer bei mir F├╝hrung bestellt, muss wissen, dass er sie dann auch bekommt", hat Olaf Scholz vor einiger Zeit gesagt. W├Ąre doch nicht schlecht, er w├╝rde bei dieser wichtigen Personalie sein Versprechen einl├Âsen.

Olaf Scholz wird entscheiden, ob Karl Lauterbach Minister werden darf.
Olaf Scholz wird entscheiden, ob Karl Lauterbach Minister werden darf. (Quelle: imago images)

Jetzt wird nachgesch├Ąrft

Um 11 Uhr beginnt sie, die viel beschworene Ministerpr├Ąsidentenkonferenz mit Frau Merkel und Herrn Scholz. Und das sind die neuen Regeln, mit denen sie die vierte Corona-Welle brechen wollen:

  • Einkaufen darf man k├╝nftig nur noch mit Impfzertifikat oder Genesungsnachweis. Ausgenommen sind Superm├Ąrkte und Apotheken. Die Gesch├Ąfte m├╝ssen den Zugang kontrollieren.
  • Je nach H├Âhe der Inzidenzzahl soll 2G auch f├╝r Kinos, Theater, Restaurants und andere Freizeitaktivit├Ąten gelten. Klubs und Bars m├╝ssen ab einer Inzidenz von ├╝ber 350 schlie├čen.
  • Ungeimpfte d├╝rfen sich zu Hause und in der ├ľffentlichkeit nur noch mit zwei anderen Menschen eines weiteren Haushalts treffen (Kinder bis 14 Jahre ausgenommen).
  • Gro├čveranstaltungen werden auf 5.000 Besucher in Innenr├Ąumen und 10.000 Personen im Freien beschr├Ąnkt.
  • In s├Ąmtlichen Schulen gilt eine Maskenpflicht f├╝r alle Klassenstufen.
  • Auch Apotheker und Zahn├Ąrzte d├╝rfen k├╝nftig impfen.
  • Besch├Ąftigte in Seniorenheimen und Krankenh├Ąusern m├╝ssen sich impfen lassen.
  • ├ťber die Impfpflicht f├╝r alle B├╝rger soll der Bundestag "zeitnah" entscheiden, gelten k├Ânnte sie ab Februar.
  • Wie lange der Impfstatus k├╝nftig gilt, bleibt noch zu kl├Ąren.

So soll es gehen ÔÇô aber gibt es ├╝berhaupt eine Mehrheit f├╝r die Corona-Impfpflicht im Bundestag? Unsere Reporter Johannes Bebermeier, Tim Kummert, Annika Leister und Sebastian Sp├Ąth haben sich im Parlament umgeh├Ârt.


Neonazi-Urteil ├╝berpr├╝ft

Als die Richter im NSU-Prozess vor dreieinhalb Jahren ihre Urteile verk├╝ndeten, fiel das Strafma├č f├╝r die Hauptangeklagte Beate Zsch├Ąpe wie erwartet aus: lebenslange Haft. Der NSU-Unterst├╝tzer und bekennende Neonazi Andr├ę Eminger allerdings erhielt statt der zw├Âlf Jahre, die die Bundesanwaltschaft wegen Beihilfe zum versuchten Mord und zum besonders schweren Raub gefordert hatte, lediglich zweieinhalb Jahre ÔÇô und wurde noch am selben Tag aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Rechtsradikalen auf der Zuschauertrib├╝ne johlten, die Hinterbliebenen der NSU-Mordopfer waren entsetzt.

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Tagesanbruch - Was heute wichtig ist
Was heute wichtig ist

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Von heute an ├╝berpr├╝ft der Bundesgerichtshof den Urteilsspruch des Oberlandesgerichts M├╝nchen, gegen den sowohl der Verurteilte als auch die Bundesanwaltschaft Revision eingelegt haben. Im Kern geht es um die Frage, ob der enge Vertraute des M├Ârder-Trios Zsch├Ąpe, Mundlos und B├Âhnhardt wirklich keine Ahnung von dessen Taten hatte und 13 Jahre lang nur neben ihnen "hertrottete", wie es die Staatsanwaltschaft ungl├Ąubig nannte. Oder ob er eben doch wusste, dass er einer Terrorgruppe half.


T├Âr├Â├Â├ f├╝r Angie

Die Bundeswehr verabschiedet Angela Merkel heute mit einem Gro├čen Zapfenstreich. Ihre Musikw├╝nsche sind erfrischend unkonventionell: Die scheidende Kanzlerin hat sich neben dem Kirchenlied "Gro├čer Gott, wir loben dich" den Hildegard-Knef-Chanson "F├╝r mich soll's rote Rosen regnen" und Nina Hagens DDR-Hit "Du hast den Farbfilm vergessen" ausgesucht. Offenbar durchaus eine Herausforderung f├╝r das Stabsmusikkorps.


Der Lichtblick des Tages ÔÇŽ

Weihnachtsbeleuchtung in Wernigerode im Harz.
Weihnachtsbeleuchtung in Wernigerode im Harz. (Quelle: imago-images-bilder)

ÔÇŽ kommt heute von meinem Kollegen Steven Sowa. Er schreibt: "Sehen Sie es auch? Die Welt um uns herum beginnt wieder zu funkeln. Lichterketten, Schwibb├Âgen und bunte Sterne in den Fenstern. Als ich in dieser Woche mit meinen Kindern (6 und 4 Jahre alt) durch die Nachbarschaft gestiefelt bin, erlebte ich die Faszination kindlicher Begeisterungsf├Ąhigkeit: Mit gro├čen Augen staunten sie ├╝ber all die farbenfrohen, leuchtenden H├Ąuser und Wohnungen. 'Papa, bald ist Weihnachten, oder?', fragten sie mich. Tats├Ąchlich. Nur noch drei Wochen, dann steht der Weihnachtsmann vor der T├╝r. Also haben wir die Kisten aus den Kellern geholt und mit dem Schm├╝cken begonnen. Ein heimeliges, famili├Ąres Ereignis, bei dem mit "It's Beginning to Look a Lot like Christmas" die passende Musik aus den Boxen t├Ânte." Hier k├Ânnen Sie den Song h├Âren.


Was lesen?

Die neue Corona-Variante Omikron macht vielen Menschen Angst, die Impfstoffe k├Ânnten weniger wirksam sein. Warum Panik trotzdem fehl am Platz ist, erkl├Ąrt Ihnen mein Kollege Patrick Diekmann.


Wenn Omikron jetzt kommt, sollte man sich dann wirklich direkt die Booster-Impfung holen ÔÇô oder lieber sp├Ąter? Meine Kollegin Melanie Rannow hat die Antwort.


(Quelle: AFLOSPORT/imago-images-bilder)

Gegenw├Ąrtig tapsen die Borussen-Kicker ziemlich m├╝de ├╝ber den Platz. 1997 sah das ganz anders aus, da errangen die Dortmunder einen spektakul├Ąren Erfolg. Mein Kollege Marc von L├╝pke erz├Ąhlt die Geschichte im Historischen Bild des Tages.


Einige Impfgegner werden immer militanter. Das Bundeskriminalamt hat nun eine Gruppe ins Visier genommen, die sich mit Anschl├Ągen auf den "Endkampf f├╝r Deutschland" vorbereitet. Unsere Rechercheure Jonas Mueller-T├Âwe und Lars Wienand kennen die Details.

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Grenzbeamte treiben Fl├╝chtlinge in Stacheldrahtzaun



Was am├╝siert mich?

Toll, dass wir nun alle boostern d├╝rfen!

(Quelle: Mario Lars)

Ich w├╝nsche Ihnen einen tollen Tag.

Herzliche Gr├╝├če,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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