Menü Icont-online - Nachrichten für Deutschland
HomePolitikUkraine

Russland kämpft mit Putins Mobilmachung: "Wir sind kein Fleisch!"


Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild für einen TextNeue Ölsanktionen gelten – Moskau drohtSymbolbild für einen TextLufthansa: Chaos nach NotlandungSymbolbild für einen TextSesamstraße-Star Bob McGrath ist totSymbolbild für einen TextBundesliga-Chefin wohl vor dem AusSymbolbild für einen Text"Promi Big Brother": Dieser Star ist rausSymbolbild für einen TextDie weltweit größten Waffen-ExporteureSymbolbild für einen TextIm Schnee steckengeblieben – Mann stirbtSymbolbild für einen TextEx-Formel-1-Fahrer ist totSymbolbild für einen TextKates engste Mitarbeiterin hat gekündigtSymbolbild für einen TextNenas Tochter zeigt sich freizügigSymbolbild für einen TextProrussische Demo in KölnSymbolbild für einen Watson TeaserWM-Spieler bricht ungewöhnliche RegelSymbolbild für einen TextPer Zug durch Deutschland – jetzt spielen
Anzeige
Loading...
Loading...
Loading...

Russland kämpft mit Putins Mobilmachung

Von dpa
Aktualisiert am 25.09.2022Lesedauer: 4 Min.
Massenschlägerei vor einem Bus, mit dem Reservisten an die Front transportiert werden sollen. (Quelle: t-online)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo

Mit einer Mobilmachung will Kremlchef Putin eine Wende im Ukraine-Krieg herbeiführen. Doch statt Patriotismus macht sich Entsetzen breit – und Widerstand.

Es ist kühl, es regnet, und auch die vielen Polizisten und Gefangenentransporter schrecken eigentlich eher vom Demonstrieren ab. Trotzdem sind mehr als 100 Menschen an diesem Samstag ins Zentrum von Moskau gekommen, um gegen die von Kremlchef Wladimir Putin angeordnete Mobilmachung zu protestieren. Eine junge Frau mit beiger Herbstjacke und geblümtem Kopftuch steigt auf eine Bank und ruft: "Wir sind kein Fleisch!" Sofort stürmen Einsatzkräfte heran, zerren sie weg.

"Wir sind kein Fleisch! Wir sind kein Fleisch!", ruft die Frau weiter, bis sie in einen der Transporter verfrachtet wird. Immer wieder hört man von dort das Knacken von Elektroschockern.

Auch in anderen russischen Städten gehen an diesem Wochenende bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage Menschen auf die Straßen. Es sind die größten Anti-Kriegs-Proteste seit Russlands Einmarsch ins Nachbarland Ukraine am 24. Februar. Videos aus der Ostsee-Metropole St. Petersburg zeigen, wie vermummte Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken auf Demonstranten einprügeln. Am Samstagabend zählt die Bürgerrechtsorganisation OVD-Info landesweit mehr als 700 Festnahmen.

Empfohlener externer Inhalt
Twitter
Twitter

Wir benötigen Ihre Einwilligung, um den von unserer Redaktion eingebundenen Twitter-Inhalt anzuzeigen. Sie können diesen (und damit auch alle weiteren Twitter-Inhalte auf t-online.de) mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder deaktivieren.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

"Papa, tschüss"

Mit dem Beginn der Mobilmachung von Reservisten betrifft der Krieg, den viele Russen bislang verdrängt haben, nun so gut wie jede Familie in dem Riesenland mit seinen 146 Millionen Einwohnern. Bei vielen herrscht blanke Panik. Sieben Monate nach dem Einmarsch in die Ukraine hat Putin offenbar die Rechnung ohne einen großen Teil seiner Bevölkerung gemacht.

In sozialen Netzwerken kursieren Videos vom Abtransport von Männern, der nur Stunden nach Putins TV-Ansprache am Mittwoch begann. Kremlkritiker veröffentlichen Aufnahmen von weinenden Ehefrauen und Müttern an Bahnstationen und Busbahnhöfen. "Papa, tschüss", schluchzt eine Kinderstimme in einem viel beachteten Clip. In Chatgruppen berichten Menschen davon, wie Männer im wehrpflichtigen Alter ohne Vorwarnung an ihrem Arbeitsplatz oder Zuhause abgeholt werden.

Kanonenfutter für die Front

Immer wieder wurden in den vergangenen Monaten Umfragen zitiert, denen zufolge die Mehrheit der Russen den Krieg unterstützt. Soziologen wiesen allerdings schon früh darauf hin, dass viele Befragte mit Unbehagen statt Enthusiasmus auf die Kämpfe blickten. Und nun zeigt sich deutlich, dass nur wenige einsehen, warum ihre Männer, Söhne und Enkel in der Ukraine sterben sollen. Es werde wohl noch eine Weile dauern, aber dann könne die Proteststimmung im Land noch deutlich zunehmen, glaubt der Politologe Abbas Galljamow.

Schon jetzt ist die russische Sprache um ein neues Wort reicher geworden: "Mogilisazija" – eine Mischung aus den Begriffen "Mobilisierung" und "Grab". Viele Russen sind überzeugt: Sie sind nur Kanonenfutter, sollen schlicht verheizt werden für die Ziele eines Kriegs, an denen selbst ihre Berufsarmee scheitert.

imago images 151839761
Reservisten in Donezk warten auf den Abtransport. (Quelle: Ilya Pitalev via www.imago-images.de)

Die hat sich unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven zuletzt aus dem ostukrainischen Gebiet Charkiw zurückgezogen. Nun braucht es eine große Anzahl Soldaten, um zumindest die besetzten Teile der Gebiete Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson zu halten, die Moskau mithilfe von derzeit laufenden Scheinreferenden annektieren möchte. Für besondere Wut in der russischen Bevölkerung sorgt zudem, dass einfache Bürger gezwungen werden, ihr Leben zu riskieren, während Mitglieder der politischen Führung unbeschadet davonkommen.

Insgesamt 300.000 Männer sollen laut Verteidigungsminister Sergej Schoigu eingezogen werden. Einer Recherche des Mediums "Nowaja Gaseta" zufolge soll es der Kreml insgeheim sogar auf eine Million Rekruten abgesehen haben. Putins Sprecher dementierte das zwar kürzlich – doch viele Russen haben das Vertrauen in Aussagen ihrer politischen Führung komplett verloren.

In Wolgograd (früher Stalingrad) wurde Medienberichten zufolge ein 63-jähriger, an Diabetes erkrankter Mann eingezogen – obwohl offiziell nur bis 55-Jährige kämpfen sollen. In der Region Burjatien trifft es einen Vater von fünf Kindern. In Jakutien in Sibirien muss Republikchef Aissen Nikolajew einräumen, dass Fehler gemacht worden seien in den Wehrkreisämtern. "Es wurden Reservisten fehlerhaft eingezogen, sie müssen zurückgeschickt werden."

Meistgelesen
Wladimir Putin (Archivbild): Vom Weihnachtsmann, oder auf Russisch "Väterchen Frost", hat der russische Präsident nichts Gutes zu erwarten, meint Wladimir Kaminer.
Putin treibt sein Unwesen selbst auf Weihnachtsmärkten
Anzeige
Loading...
Loading...
Loading...

Kritik am Kremlchef

Die Analysten des Institute for the Study of War (ISW) schreiben: "Das russische Mobilisierungssystem (...) wird vermutlich sogar daran scheitern, die Mobilisierungsreserven von schlechter Qualität zu produzieren, die Putins Pläne vorgesehen hätten." Selbst von offiziellen russischen Stellen mehrt sich Kritik am scheinbar chaotischen Vorgehen des Militärs bei der Mobilmachung. Der Chef des Menschenrechtsrats beim russischen Präsidenten, Waleri Fadejew, fordert Verteidigungsminister Schoigu auf, das "Knüppelsystem" vieler Einberufungsstellen im Land zu beenden.

Der Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus, Ramsan Kadyrow, der noch kürzlich für die Mobilmachung warb, kritisiert nun, dass Russland doch eigentlich auch ohne Reservisten genügend Ressourcen habe. Es gebe in Russland fünf Millionen gut vorbereitete Menschen, die mit Waffen umgehen könnten, sagte Kadyrow.

Flucht ins Ausland

An den Grenzen zu Russlands Nachbarländern stauen sich unterdessen lange Autokolonnen. Flüge ins Ausland sind auf Tage ausverkauft oder bei weiten Zielen kaum zu bezahlen. Fluchtartig verlassen Tausende mit dem Auto das Land – etwa in Nachbarländer wie Kasachstan oder Georgien, wo keine Visa nötig sind.

"Gib Bescheid, falls du jemanden kennst, der in den nächsten Tagen über den Landweg ausreist", bittet eine Moskauerin in einem privaten Chat. "Wir versuchen, den Mann einer Freundin rauszubringen."

Eine junge Frau aus Nowosibirsk schreibt nach Stunden des Bangens: Ihrem kleinen Bruder sei die Flucht ins zentralasiatische Kirgistan geglückt. Sie ist erleichtert – und niedergeschlagen zugleich: "Wer weiß, wann ich ihn wiedersehen kann."

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingAnzeigen

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Von Daniel Mützel, Kupjansk
DonezkMassenschlägereiMoskauRusslandSergej SchoiguUkraineWladimir Putin

t-online - Nachrichten für Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagramYouTubeSpotify

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlängerung FestnetzVertragsverlängerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website