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FC Bayern — Effenberg: Diese Fragen muss Leroy Sané jetzt beantworten

MEINUNGWirbel um Bayern-Star  

Diese Fragen muss Leroy Sané jetzt beantworten

Eine Kolumne von Stefan Effenberg

22.12.2020, 07:57 Uhr
FC Bayern — Effenberg: Diese Fragen muss Leroy Sané jetzt beantworten. Leroy Sané steht beim FC Bayern derzeit massiv in der Kritik. Stefan Effenberg erklärt, wie der Nationalspieler den Weg aus der Krise findet. (Quelle: imago images/Sven Simon)

Leroy Sané steht beim FC Bayern derzeit massiv in der Kritik. Stefan Effenberg erklärt, wie der Nationalspieler den Weg aus der Krise findet. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Der FC Bayern ist "Weihnachtsmeister", hat aber ein Problem. Die große Bundesliga-Zwischenbilanz nach 13 Spieltagen mit sechs Thesen.

Die Dominanz des FC Bayern – sie ist nicht mehr so extrem wie sie es in den vergangenen Jahren immer wieder war. Dass er trotzdem "Weihnachtsmeister" ist, spricht für die Mannschaft und die Einstellung. Dennoch hat die durchaus Probleme. Das größte derzeit scheint Leroy Sané zu sein.

1. Kriegt Sané bei Bayern nicht die Kurve, kriegt er sie nirgendwo.

Leroy Sané ist noch nicht angekommen beim FC Bayern. Der erhöht nun zurecht den Druck. Trainer Hansi Flick hat ihn nach der Einwechslung bei Bayer Leverkusen (2:1) wieder ausgewechselt – das ist das Schlimmste für einen Spieler. Und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte im "Doppelpass" bei Sport 1: "Wir fördern jeden Spieler, aber wir fordern auch." Man werde Sané "wenn nötig auch in den Hintern treten."

Ich sage: Natürlich hat Sané eine Verletzungsgeschichte hinter sich mit Kreuzbandriss und Kapselverletzung. Aber: Er ist mittlerweile 24 Jahre alt, hat eine enorme Erfahrung gesammelt und jahrelang unter Pep Guardiola bei Manchester City gespielt. Er ist Nationalspieler und war der Königstransfer des FC Bayern im Sommer. 45 Millionen Euro hat Sané gekostet, und das mitten in der Coronakrise. Da darf man schon erwarten, dass ein Spieler gute Leistungen bringt – und zwar konstant.

Bundestrainer Joachim Löw hatte Sané für viele überraschend aus dem Kader für die WM 2018 in Russland gestrichen. Nicht nur britische Medien fragten: Warum bloß? Die Antwort hat Sané nun im Nachhinein selbst gegeben. Hintergrund waren ganz offensichtlich Bedenken, ob er vom Kopf her bereit ist für das allerhöchste Level.

Ist sein Charakter stark genug, um unter diesem Druck zu bestehen? Kann er sein Ego zurückstellen und das Team an erste Stelle rücken? Gelingt es ihm, sein phänomenales Potenzial dauerhaft abzurufen?

Das sind Fragen, die ihn schon seine ganze Karriere lang begleiten. Umso dringlicher ist es, dass Sané sie jetzt beantwortet – und zwar mit Ja. Auf dem Platz.

Denn das ist jetzt die alles entscheidende Phase in seiner Karriere. Wenn sich Sané bei Bayern nicht durchsetzt, wird die Kurve nach unten gehen und er ein ewiges Talent bleiben. Schafft er den Sprung, kann er eine Karriere hinlegen wie Franck Ribéry oder Arjen Robben.

Um das zu erreichen, gibt es nur einen Weg für Leroy Sané: harte Arbeit. So haben es Ribéry und Robben geschafft. So ist Thomas Müller zu dem geworden, der er heute ist. Und so ist Robert Lewandowski Weltfußballer geworden. Eifer und Wille schlagen langfristig nicht nur Talent – sie sind auch entscheidend, um Vertrauen zu gewinnen: vom Trainerteam, von den Mitspielern, von den Verantwortlichen, den Fans und auch von einem selbst.

Damit einher geht die Körpersprache, die mir nicht gefällt. Sané vermittelt derzeit: "Wenn es heute nicht klappt, dann vielleicht nächste Woche." Das führt dazu, dass er alle acht Wochen ein geniales Tor schießt und ein überragendes Spiel macht. Aber eben nicht jede Woche.

Ich weiß, wovon ich spreche, weil es auch früher Spieler gab, die mehr Talent hatten als ich – so wie Sané heute. Aber harte Arbeit und Selbstvertrauen führen dazu, dass du etwas ausstrahlst, das dir am Ende Punkte und Titel einbringt. Und zwar: "Egal, was heute passiert: Wir werden gewinnen. Nicht nächste Woche, nicht übernächste. Sondern heute." Das merken Mitspieler, Trainerteam, Verantwortliche und Fans sofort.

Sané hat bei Bayern die besten Voraussetzungen. Trainer und Verantwortliche wissen, wie sie ihn auf diesem steinigen Weg begleiten. Das Entscheidende ist natürlich, dass er ihn selbst gehen will. Kriegt Sané bei Bayern nicht die Kurve, kriegt er sie nirgendwo.

2. Leverkusen und Leipzig können Meister werden – Dortmund nicht.

Noch vor zwei Wochen habe ich geschrieben, dass Borussia Dortmund durchaus noch Chancen auf die Deutsche Meisterschaft hat. Nach den Spielen gegen Werder Bremen (2:1) und Union Berlin (1:2) muss ich das revidieren. Der BVB liegt mittlerweile acht Punkte hinter Bayern und spielt so, dass er eher nach hinten statt nach vorne schauen sollte. Das große Problem ist die Rückwärtsbewegung.

Mats Hummels attestierte seinen Mitspielern "unverzeihbares" Abwehrverhalten und sprach ihnen den unbedingten Siegeswillen ab. Er übte also massive Kritik an seinen Mitspielern, wie man sie selten hört.

Darf ein Führungsspieler sich so äußern? Natürlich. Vor allem intern, dann vielleicht auch mal öffentlich. Aber: Er braucht dafür den Status der Unantastbarkeit. Und den sehe ich bei Hummels aktuell nicht, weil seine Leistungen dem nicht entsprechen. Er trägt selbst eine Mitschuld an dem Verhalten.

Dabei steht Hummels in der Hauptverantwortung, das Defensivverhalten in Absprache mit dem Trainerteam zu verbessern. Wenn vier, fünf Leute vorne stehenbleiben und mit dem Fernglas verfolgen, was die Abwehr macht, dann hast du ein massives Problem. Genauso, wenn sie bei gegnerischen Standards ihre Aufgaben vernachlässigen. 

Das führt dann insgesamt dazu, dass es für Dortmund um die Qualifikation für die Champions League geht – und eben nicht mehr um den Titel.

Ähnlich ist die Lage bei Borussia Mönchengladbach. 18 Punkte nach 13 Spielen sind ebenfalls eine Enttäuschung, ungeachtet der tollen Auftritte in der Champions League. In der Liga haben sie sich ganz sicher zu diesem Zeitpunkt mehr versprochen.

Als Kandidaten für den Meistertitel bleiben damit neben Bayern aus meiner Sicht nur noch Leverkusen und RB Leipzig. Beide haben mich mit der Art und Weise beeindruckt, wie sie die Belastung mit allen drei Wettbewerben wegstecken. Beide spielen tollen Fußball. Beide haben die Chance, Meister zu werden.

3. Wolfsburg kann die große Überraschung werden

Mit dem VfL Wolfsburg, Union Berlin und dem VfB Stuttgart gibt es zudem drei Vereine, die deutlich höher stehen in der Tabelle, als das die meisten von uns vermutet hätten. Diese Vereine haben nicht diese Mehrfach-Belastung wie die anderen Vereine an der Spitze. Und das kann ein Trumpf sein ab Januar. Gerade dem VfL Wolfsburg traue ich noch viel zu. Er liegt mit 24 Punkten auf dem vierten Platz und kann am Ende zwischen Platz zwei und vier rauskommen.

Das ist umso bemerkenswerter, weil es zwischen Geschäftsführer Jörg Schmadtke und Trainer Oliver Glasner mächtig dicke Luft gab am Anfang der Saison. Glasner hatte Kritik an den Transfers geäußert, Schmadtke sich darüber geärgert. Zum Glück arbeiten beide weiterhin erfolgreich zusammen.

Genauso erfreulich sind die bisherigen Auftritte von Union und Stuttgart, die beide offensiv und selbstbewusst agieren – und damit nicht wie gewöhnliche Aufsteiger oder eigentliche Abstiegskandidaten.

4. Khedira könnte beim VfB alles kaputt machen.

Insbesondere der VfB hat natürlich immer den Anspruch, sich in der Bundesliga zu etablieren. Mit einem Durchschnittsalter von nur 24,3 Jahren im Kader wird das aber schwierig.

Mit Weltmeister Sami Khedira (33) ist nun ein ehemaliger VfB-Spieler auf dem Markt – und hat im "Sportstudio" auch schon signalisiert, dass er sich eine Rückkehr vorstellen kann. Auf den ersten Blick könnte man fragen: Warum holen sie Khedira nicht einfach zurück? Für ihn würde sich ein Kreis schließen und der sehr junge VfB an Erfahrung gewinnen.

Ich persönlich wäre da allerdings sehr, sehr vorsichtig. Die Stuttgarter Mannschaft ist durch den Aufstieg und die gemeinsamen Erfolgserlebnisse sehr eng zusammengewachsen. Die entstandene Hierarchie und das Gefüge – auch in Bezug auf die Gehälter – könnte ein Khedira-Transfer unter Umständen kaputt machen. Und es gibt noch einen Haken: Khedira hat in dieser Saison noch kein einziges Spiel gemacht für Juventus Turin. Die Frage nach seinem Leistungsstand ist da durchaus berechtigt.

5. Cunha oder Labbadia – einer hat keine Zukunft bei Hertha.

Im Pokal ist Hertha in der ersten Runde an Braunschweig gescheitert (4:5), in der Liga steht der Hauptstadt-Klub mit nur 13 Punkten auf dem 14. Tabellenplatz. Die bisherige Saison ist nur mit einem Wort zu beschreiben: enttäuschend. Statt an den Plätzen für den Europacup zu kratzen, droht eher ein Abstieg. Ein Problem: Der Verein weiß offensichtlich selbst nicht, wo er hin will.

Ein Beleg dafür: Jens Lehmann hatte als Aufsichtsratsmitglied angekündigt: "Das Ziel ist allen bei Hertha BSC klar. Und das heißt Qualifikation für den europäischen Fußball." Präsident Werner Gegenbauer konterte daraufhin: "Herr Lehmann spricht als Berater von Tennor über und nicht für Hertha BSC." Tennor ist die Firma von Investor Lars Windhorst.

Und nun gibt es auch noch Ärger um den vielleicht besten Spieler Matheus Cunha. Trainer Bruno Labbadia sagte nach dem 1:4 beim SC Freiburg: "Er zieht sich selbst runter, bringt seine Leistung nicht, zieht die Mannschaft runter." Ich bin mir nicht sicher, ob es klug ist, so eine Aussage in der Öffentlichkeit zu tätigen, weil es die letzte Eskalationsstufe ist. Das ist so ungefähr das Schlimmste, was ein Trainer über einen Spieler sagen kann. Hat Cunha nun noch eine Zukunft bei Hertha? Nein, die hat er nicht. Als Spieler weiß ich nach so einer Ansage: Ich kann meine Wohnung ausräumen und einen neuen Arbeitgeber suchen. Unter diesem Trainer werde ich keine Rolle mehr spielen. Außer, der Verein würde den Trainer wechseln…

6. Stevens hat an Glaubwürdigkeit verloren.

Mieser als Hertha geht es Mainz und Schalke. Klubs also, die sich ihre Probleme selbst geschaffen haben. In Mainz war es das Theater zu Saisonbeginn um den Trainingsboykott. Auf Schalke gab es so viele Fälle, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann. Ich versuche es trotzdem mal mit den wichtigsten aus der laufenden Saison.

Zunächst setzte der Verein mit Ralf Fährmann, Sebastian Rudy, Mark Uth und Nabil Bentaleb in der ersten Elf auf vier Spieler, die noch in der vergangenen Saison aussortiert worden waren. Dann verkaufte er Rudy doch noch an Hoffenheim. Bentaleb wurde später suspendiert, Fährmann zwischenzeitlich aus dem Tor genommen, um später doch wieder zu spielen.

Mit Vedad Ibisevic verpflichtete Schalke einen 36-jährigen Torjäger als Nachfolger für den erfolglosen Guido Burgstaller. Nach einem Handgemenge mit Co-Trainer Naldo schickte man Ibisevic dann wieder weg. Man trennte sich von Trainer David Wagner und lag mit der Entscheidung für Manuel Baum als Nachfolger falsch. Als Krönung holte man den 67-Jährigen Huub Stevens für zwei Spiele zurück.

Der hatte noch vor eineinhalb Jahren beim klubeigenen Youtube-Kanal ein erneutes Engagement ausgeschlossen: "Ich tue das nicht mehr. Da kommt mal ein Ende und das ist jetzt gekommen. Ich rede da nicht drum herum." An anderer Stelle bestätigte er: "Das ist definitiv das letzte Mal."

Das war es offensichtlich nicht. Und das wirft die Frage auf: Wem soll man auf Schalke eigentlich noch glauben? Bei allem Respekt vor seiner Lebensleistung und den tollen Erfolgen mit Schalke 04: Stevens hat dadurch an Glaubwürdigkeit verloren. Und die ganze sportliche Führung um Jochen Schneider auch.

Sie haben auf Schalke eigentlich so viel Fußballkompetenz zur Verfügung mit ehemaligen Stars. Sie nutzen sie nicht. Und dann müssen am Ende die Leute den Kopf hinhalten, die dafür verantwortlich sind.

Die entscheidende Frage auf Schalke lautet mittlerweile: Welcher Trainer tut sich das überhaupt noch an? Die Frage muss erlaubt sein.

Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und vor allem beste Gesundheit!

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