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Die "Geheimwaffe" – einen wichtigen Punkt hat Löw nicht beachtet

Von Berti Vogts

Aktualisiert am 09.06.2021Lesedauer: 5 Min.
Zwei Generationen Bundestrainer: Joachim Löw und VorgÀnger Berti Vogts (r.).
Zwei Generationen Bundestrainer: Joachim Löw und VorgÀnger Berti Vogts (r.). (Quelle: t-online/imago-images-bilder)
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Die deutsche Nationalmannschaft startet gegen starke Franzosen in die Fußball-EM. Doch was ist nötig, um die Supertruppe um MbappĂ©, KantĂ© und Co. zu schlagen?

Am Montag war ich das erste Mal nach knapp zwei Jahren wieder in einem Fußballstadion. Deutschland gegen Lettland in DĂŒsseldorf, die DFB-Generalprobe vor dem Start der Europameisterschaft. Und ich sah prompt einen fulminanten 7:1-Erfolg unserer Nationalmannschaft. Ein tolles GefĂŒhl endlich wieder auf der TribĂŒne zu sitzen – und das nur 10 Kilometer von meinem Wohnort entfernt.


Das machen die WM-Helden von 2014 heute

2014 krönte sich die deutsche Nationalmannschaft in einer historischen Nacht im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro zum Weltmeister. Seitdem hat sich viel in der DFB-Elf verÀndert. Aber was machen die Weltmeister von 2014 eigentlich heute? t-online zeigt es Ihnen in einer Fotoshow.
Manuel Neuer: Er ist einer der Wenigen, die derzeit noch in der Nationalmannschaft aktiv sind. Als TorhĂŒter ist Manuel Neuer als klare Nummer eins gesetzt.
+21

Zugegeben: Vor der Corona-Krise waren diese Besuche noch schöner. FrĂŒher fuhr ich auch zu LĂ€nderspielen, um Kollegen aus meiner Nationalmannschaftszeit zu treffen. Aktuell erkenne ich meine alten Wegbegleiter meist gar nicht, weil sie Masken tragen. GesprĂ€che kommen so kaum zustande. Und obwohl ich bereits zweimal geimpft bin, musste ich beim Einlass ins Stadion einen negativen Corona-Test vorweisen.
Eine verrĂŒckte Welt.


Doch eine Sache ist zum GlĂŒck gleich geblieben: Auch in DĂŒsseldorf standen sich 22 Spieler auf dem Rasen gegenĂŒber und kĂ€mpften um den Sieg. Herrlich, dass ich ihnen dabei wieder von der TribĂŒne aus zusehen konnte.

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Und als ehemaliger Bundestrainer habe ich natĂŒrlich ganz genau hingeschaut. Meine Erkenntnisse:

Die Positionssuche von Joshua Kimmich

Jogi Löw ließ Joshua Kimmich gegen die Letten auf der rechten Seite spielen. Und selbstverstĂ€ndlich kann der Bayern-Profi diese Position ausfĂŒllen. Er ist ein Weltklassefußballer. Aber ich hatte schon frĂŒh in der Partie das GefĂŒhl, dass sich Kimmich dort außen nicht zu 100 Prozent wohlfĂŒhlt. Vor allem, wenn er den Ball zugespielt bekam. FĂŒr mich ist klar, dass er als zentraler Spieler am besten zur Geltung kommt – und dort auch zum Auftakt gegen Frankreich spielen muss. Denn gegen die Franzosen wird es eine ganz andere Partie.


Lettland war ein eher schwacher Gegner. Die Zentrale hatte kaum etwas zu tun. Gegen Frankreich aber muss das Zentrum dicht sein. Und das gelingt mit dem Duo Ilkay GĂŒndoğan/Toni Kroos nicht, weil beide zu offensiv ausgerichtet sind. FĂŒr Kimmich hingegen steht die Defensive an erster Stelle. Ohne ihn in der Zentrale werden wir im Zentrum von Frankreich ĂŒberrannt.

Deshalb muss Löw nun wieder umdenken.

Das große Fragezeichen hinter Volland

Was mich in den beiden letzten EM-Tests gegen DĂ€nemark (1:1) und Lettland zudem gewundert hat, war, dass Angreifer Kevin Volland nur insgesamt zwölf Minuten zum Einsatz kam. Ich hatte mich sehr darĂŒber gefreut, dass Löw ihn ĂŒberraschend fĂŒr die EM nominiert hat. Denn uns fehlte bis dahin ein richtiger StĂŒrmer im Team. Aber einen Punkt hat Löw wohl nicht bedacht: Gerade in diesen Tests hĂ€tte sich Volland nun mit mehr Einsatzzeit und ein paar Toren wertvolles Selbstvertrauen fĂŒr das Turnier holen können.

Kevin Volland: Der Angreifer der AS Monaco kam in den letzten beiden DFB-Tests kaum zum Einsatz.
Kevin Volland: Der Angreifer der AS Monaco kam in den letzten beiden DFB-Tests kaum zum Einsatz. (Quelle: ULMER Pressebildagentur/imago-images-bilder)

Jetzt geht er "kalt" in die EM und bleibt wohl nur die "Geheimwaffe". Schade eigentlich. Denn Volland ist ein Topspieler, der das Potenzial fĂŒr die Startformation hat.

Der Kracher-Auftakt gegen die Franzosen

Aber natĂŒrlich können wir auch ohne den Angreifer der AS Monaco gegen Frankreich bestehen. Und ich muss offen zugeben, dass es mir nicht gefĂ€llt, wie aktuell in Deutschland ĂŒber die Chancen in diesem Topspiel gesprochen wird. FĂŒr viele ist Frankreich der klare Favorit. Ich sage: Quatsch! NatĂŒrlich haben die Franzosen mit Kylian MbappĂ©, Karim Benzema, Antoine Griezmann herausragende Spieler in ihren Reihen. Aber die haben wir doch auch: Manuel Neuer, GĂŒndoğan, Kroos, Kimmich und Thomas MĂŒller sind in der ganzen Fußballwelt gefĂŒrchtet.


SelbstverstĂ€ndlich können wir auch gegen Frankreich gewinnen. Und wir haben doch sogar einen Vorteil: Die Partie findet in MĂŒnchen statt. Wir spielen in einem spektakulĂ€ren Stadion, in einer tollen Fußballstadt – und zwar vor 14.000 Zuschauern. Der Heimvorteil wird unseren Spielern enorme, zusĂ€tzliche Power verleihen. Und selbst wenn wir nicht gewinnen, können wir es mit Siegen gegen Portugal und Ungarn immer noch in die K.o.-Runde schaffen.

Klar ist aktuell nur eines: Der 15. Juni wird ein Festtag fĂŒr den Fußball.

Die Kritik von außen

WorĂŒber ich mich hingegen Ă€rgere, sind die jĂŒngsten Aussagen von JosĂ© Mourinho. Der portugiesische Toptrainer hatte vor wenigen Tagen gegenĂŒber der britischen "Sun" folgendes gesagt: "Die Mannschaft von Joachim Löw war in der Qualifikation und in der Nations League schrecklich." Und es sei "ziemlich schwer zu verstehen, warum sie in den letzten Jahren so schlecht waren." Klar: Mourinho hat mit seiner Analyse teilweise sicher recht. Aber diese Störfeuer von außen kurz vor Turnierstart finde ich trotzdem nicht fair. Er sollte lieber vor seiner eigenen HaustĂŒr kehren. Gerade Mourinho.


An diesem Beispiel wird mal wieder deutlich, was wir eigentlich aktuell fĂŒr einen tollen Bundestrainer haben: Oder können Sie sich vorstellen, dass Löw so abwertend ĂŒber den Fußball einer anderen Nation spricht? Ganz sicher nicht! Und das hat auch nichts damit zu tun, dass er aktuell als Trainer der deutschen Nationalmannschaft in einem offiziellen Amt ist. Löw wird immer viel zu sehr Gentleman sein, um sich auf dieses Niveau zu begeben.

Die Diskussion um die Abwehrreihe

Ein weiteres Thema, welches mich aktuell etwas stört, ist die Diskussion um die deutsche Abwehrreihe. Ich habe das GefĂŒhl, dass dieses Thema von außen an das DFB-Team herangetragen wird. Spielen wir mit Dreierkette oder sogar mit fĂŒnf Verteidigern? Andauernd hört man diese Frage auf den Pressekonferenzen. Die Diskussion darĂŒber wĂŒrde mich an Löws Stelle wirklich nerven.

Mats Hummels: Kehrte kurz vor EM-Start in die Nationalmannschaft zurĂŒck. Wird beim Turnier wichtiger Bestandteil der deutschen Abwehrreihe sein.
Mats Hummels: Kehrte kurz vor EM-Start in die Nationalmannschaft zurĂŒck. Wird beim Turnier wichtiger Bestandteil der deutschen Abwehrreihe sein. (Quelle: Uwe Kraft/imago-images-bilder)

Kurz und knapp die ErklĂ€rung eines ehemaligen Bundestrainers: Die Ausrichtung der Kette ist Interpretationssache – und kann sich von Spiel zu Spiel Ă€ndern. Gegen die offensiv schwachen Letten reichten die drei Abwehrspieler Mats Hummels, Antonio RĂŒdiger und Matthias Ginter hinten aus. Die beiden Außenverteidiger Robin Gosens und Kimmich orientierten sich stark nach vorne – weil sie hinten kaum gefordert waren. Aber das wird gegen Frankreich ganz anders sein. Gegen eine Topoffensive ist doch klar, dass die Außenverteidiger weiter nach hinten rĂŒcken und sich so automatisch eine FĂŒnferkette ergibt. Diskussion beendet.

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Die Zukunft von U21-Trainer Stefan Kuntz

Zuletzt möchte ich noch zu einem Thema kommen, welches nur indirekt mit der A-Nationalmannschaft zu tun hat, aber zukĂŒnftig auch in diesem Zuge wichtig werden könnte. Mein ehemaliger Auswahlspieler Stefan Kuntz hat mit der deutschen U21-Nationalmannschaft gerade zum zweiten Mal den EM-Titel gewonnen. Eine sensationelle Leistung, zu der ich Stefan gratulieren möchte.


Interessant finde ich aber vor allem die Diskussion um seine eigene Zukunft. Bleibt er oder geht er? FĂŒr mich ist die Antwort klar: Der DFB muss alles dafĂŒr tun, dass Kuntz auch weiter U21-Trainer bleibt. Er weiß, wie man mit jungen Fußballern umzugehen hat und ist dabei auch noch extrem erfolgreich. LĂ€sst der DFB ihn ziehen, begeht man einen großen Fehler.

Und auch an Stefan selbst möchte ich noch ein paar Worte richten: Mach so weiter. Und habe bitte Geduld! Auch ich war viele Jahre – genauer gesagt von 1979 bis 1990 – DFB-Nachwuchstrainer und gehörte parallel zum Trainerstab von Franz Beckenbauer, bevor ich dann schließlich den Bundestrainerposten ĂŒbernahm. Ähnlich könnte es auch irgendwann fĂŒr dich laufen.

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