Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Jetzt wird es unglaubwĂŒrdig

Eine Kolumne von Stefan Effenberg

Aktualisiert am 20.01.2022Lesedauer: 6 Min.
Erling Haaland erzielte beim 1:2 gegen St. Pauli seinen 79. Treffer im 78. Spiel fĂŒr Borussia Dortmund – geholfen hat das letztlich nicht.
Erling Haaland erzielte beim 1:2 gegen St. Pauli seinen 79. Treffer im 78. Spiel fĂŒr Borussia Dortmund – geholfen hat das letztlich nicht. (Quelle: /imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Die Überraschungen im Pokal haben Konsequenzen fĂŒr Spieler und Verantwortliche. FĂŒr Gladbach und Dortmund ist nicht nur das Geld weg. Der Imageschaden ist irreparabel.

Borussia Dortmund? Rausgeflogen. Gladbach? Blamiert. Der FC Bayern und Leverkusen? LĂ€ngst ausgeschieden. Im Pokal ist so viel VerrĂŒcktes passiert wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Verliert er durch die fehlenden Topvereine an AttraktivitĂ€t? Auf keinen Fall.


FC Bayern: Was diese ehemaligen Stars heute machen

t-online.de hat sich 20 ehemalige Spieler des deutschen Rekordmeisters herausgesucht und aufgeschrieben, was sie heute machen. Tobias Rau beispielsweise, 2003 bis 2005 im Verein, unterrichtet heute in der NĂ€he von Bielefeld an einer Gesamtschule Biologie und Sport.
Thomas Helmer (1992–1999): Jahrelang eine Bank in der Defensive des FC Bayern. Zuletzt moderierte der Europameister von 1996 die Sport1-Kultsendung "Doppelpass", im Sommer 2021 gab er sie jedoch an Florian König ab. Helmer ist dennoch weiterhin fĂŒr Sport1 als Moderator im Einsatz, moderiert unter anderem den "Doppelpass on Tour", den Sport1-Fantalk oder auch die Spiele des DFB-Pokals.
+18

Das Gegenteil ist richtig. Im Viertelfinale stehen acht Vereine, die das absolut verdient haben, darunter vier Zweitligisten. Mit RB Leipzig gibt es zwar noch einen Favoriten. Nach dem, was diese Woche geschehen ist, kann allerdings auch im weiteren Verlauf des Wettbewerbs alles passieren.

Die Liga spielt keine Rolle

In welcher Liga ein Verein spielt oder wie die letzten Ergebnisse waren? Das spielt im Pokal ĂŒberhaupt keine Rolle. Gladbach hat in der Liga vor zwei Wochen den FC Bayern besiegt. Nun hat im Pokal Hannover die Borussia rausgehauen. Köln spielt eine exzellente Saison. Jetzt hat der HSV den FC eliminiert. Dortmund schien sich in der Liga gefangen zu haben und eine Serie starten zu können.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
MinisterprÀsident Orbån verhÀngt Notstand
Viktor Orban bei einer Pressekonferenz (Archivbild): Der ungarische Regierungschef hat jetzt den Notstand verhÀngt.


Nun ĂŒberrumpelte St. Pauli den Bundesliga-Zweiten. Hertha BSC wollte endlich mal im Finale im heimischen Olympiastadion dabei sein. Leider ließ Union diesen Traum zerplatzen und machte sich selbst damit zur neuen Nummer eins in der Hauptstadt.

Im blau erleuchteten Berliner Olympiastadion jubeln nur die Roten von Union Berlin. Das ist eine von zahlreichen Überraschungen im Pokal.
Im blau erleuchteten Berliner Olympiastadion jubeln nur die Roten von Union Berlin. Das ist eine von zahlreichen Überraschungen im Pokal. (Quelle: Annegret Hilse/Reuters-bilder)

Ich hatte ein Angebot des HSV

Das macht es unglaublich spannend. Und bedeutet fĂŒr die unterklassigen Klubs und kleineren Bundesligisten nicht nur viel Geld – sondern womöglich auch einen krĂ€ftigen Schub fĂŒr den weiteren Saisonverlauf. Wer weiß? Vielleicht erleben wir am Ende der Saison endgĂŒltig die Wiederauferstehung des Hamburger Fußballs, wenn St. Pauli und der HSV als Erster und Zweiter aufsteigen.

Ich wĂŒrde mich als Hamburger persönlich sehr darĂŒber freuen – zumal ich einer der wenigen bin, der in Hamburg beiden Vereinen die Daumen drĂŒckt. Ich bin mit 17 neutral aus Hamburg weggegangen nach Mönchengladbach – und spĂ€ter neutral zurĂŒckgekehrt. Und auch wĂ€hrend meiner Karriere hatte ich nur einmal BerĂŒhrungspunkte.

Als ich 2002 den FC Bayern verlassen habe, hatte ich ein Angebot von Wolfsburg und eines vom HSV. Der konnte allerdings sportlich und finanziell schon damals nicht wirklich mithalten, deshalb bin ich zum VfL gegangen.

Ärgern sich die Spieler heute auch noch so massiv?

Der Pokal hat fĂŒr mich ganz deutlich gezeigt, warum der FC Bayern in Deutschland der Konkurrenz so weit enteilt ist und sich daran auch nichts Ă€ndern wird. Die möglichen Verfolger schaffen es nicht einmal, konstant ihre Spiele gegen kleinere Klubs zu gewinnen. Weder in der Liga noch im Pokal, wo sie teilweise an Zweitligisten scheitern. Wie sollen sie dann Bayern gefĂ€hrlich werden?

NatĂŒrlich ist das verdammt schwierig – gerade im Pokal gegen die hochmotivierten Underdogs. Das habe ich selbst erlebt und mich nach einer vertanen Chance teilweise unglaublich geĂ€rgert. Mich hĂ€tte man bis zum nĂ€chsten Spiel nicht ansprechen dĂŒrfen, weil ich tagelang angefressen war und nachgedacht habe. Ich denke, das ging frĂŒher einigen so, ob Matthias Sammer oder Oliver Kahn.

Und ich frage mich natĂŒrlich: Geht es den heutigen Spielern auch noch so?

Es geht um das Lebenswerk von Max Eberl

Am brisantesten ist die Situation sicherlich bei den beiden Borussias – Dortmund und Mönchengladbach.

Ich war Anfang der Woche in Mönchengladbach und habe den Eindruck gewonnen, dass sich die Fans große, große Sorgen machen um ihren Verein. Und auch ich denke, dass die angebracht sind. Es geht hier um das Lebenswerk von Max Eberl. Der hat in den vergangenen 15 Jahren wahnsinnig viel aufgebaut, tolle Spieler verpflichtet und war drauf und dran, eine Ära einzuleiten.

Eingetreten ist Stand heute das Gegenteil. Gladbach ist extrem weit weg von den Zielen und AnsprĂŒchen. DafĂŒr gibt es sicherlich auch viele GrĂŒnde. Eberl und Trainer Adi HĂŒtter haben sich sicher keinen Gefallen damit getan, Nationalspieler Matthias Ginter am vergangenen Wochenende auf die Bank zu setzen, ihm damit einen Abschied nahezulegen – dies aber öffentlich mit sportlichen GrĂŒnden zu erklĂ€ren.

Gladbach-Spieler haben bei Bayern nichts zu suchen

Das große Problem in Gladbach ist aber sicher ein anderes. Es waren in den vergangenen Wochen und Monaten zu viele Spieler mit ihren Gedanken nicht mehr zu hundert Prozent bei der Borussia. Sie haben sich mit ihrer Zukunft auseinandergesetzt, mit auslaufenden VertrĂ€gen, angeblichem Interesse von Topklubs. Sie haben Gladbach als Sprungbrett gesehen nach ganz oben. Und das ist die Wurzel allen Übels.

Wenn Dir Dein Berater Flausen in den Kopf gesetzt hast, bekommst Du die nicht einfach wieder raus. Dann hast Du im Hinterkopf: Wenn das hier nicht so erfolgreich wird, dann werde ich wohl den Verein wechseln. Genauso spielen sie derzeit auch Fußball.

Besonders heiß ist angeblich gerade ein Wechsel des defensiven Mittelfeldspielers Denis Zakaria zum FC Bayern. Ich muss sagen: Ein Spieler aus dieser Gladbacher Mannschaft hat bei Bayern nichts zu suchen. Das ist ein anderes Level, an dem sich schon andere die ZĂ€hne ausgebissen haben – vom ehemaligen Supertalent Renato Sanches bis zu Marcel Sabitzer aktuell. Der ein oder andere bei Gladbach ĂŒberschĂ€tzt sich offenbar.

Nur einer bringt konstant die nötige Leistung

Der Einzige, der bei Gladbach das ausstrahlt und konstant auf den Platz bringt, was es braucht, ist Torwart Yann Sommer. Wille, Einstellung, Ehrgeiz, Leidenschaft und Identifikation – hier stimmt wirklich alles.

Selbst von KapitÀn Lars Stindl erwarte ich, dass er sich selbst hinterfragt und nach Spielen nicht immer wieder das Gleiche erzÀhlt. Warum bekommen die Spieler nicht das auf den Platz, was sie sich vornehmen? Er muss bei sich anfangen und sich selbst diese Frage stellen.

Was tun, um diese Saison zu retten und irgendwie die Qualifikation fĂŒr den internationalen Wettbewerb zu schaffen? Gladbach muss aus den nĂ€chsten vier Bundesligaspielen neun oder zehn Punkte holen. Und das geht nicht mit einer Leistung wie zuletzt.

Mit wem kann HĂŒtter noch rechnen?

Trotzdem sage ich klipp und klar: Ich wĂŒrde an HĂŒtter festhalten. Vor der Frage nach dem Trainer stehen fĂŒr mich mindestens neun andere – und die betreffen die Mannschaft und die Spieler.

Weg mit der Maske: Der angefressene Gladbach-Trainer Adi HĂŒtter beim 0:3 gegen Hannover 96.
Weg mit der Maske: Der angefressene Gladbach-Trainer Adi HĂŒtter beim 0:3 gegen Hannover 96. (Quelle: Swen Pförtner/dpa-bilder)
Loading...
Loading...
Loading...

HĂŒtter hat seine Spieler nach dem Aus sehr deutlich kritisiert – und hat auch jedes Recht dazu. Spieler machen es sich teilweise zu leicht und gehen vielleicht auch zu entspannt mit so einer Blamage um.

Wenn es nach den Fans geht, mĂŒssen Eberl und HĂŒtter genau jetzt damit anfangen, Spieler auszusortieren und auf die zu setzen, die wirklich bereit sind, sich zu hundert Prozent und ĂŒber die Saison hinaus auf Gladbach zu konzentrieren. Man muss befĂŒrchten, dass dann nicht mehr viele ĂŒbrig bleiben. Aber in der Tendenz gebe ich ihnen recht. HĂŒtter muss sich ganz genau anschauen, mit wem er rechnen kann.

Beim BVB ist es immer das gleiche Muster

GrundsÀtzlich ist das sogar die einzige Möglichkeit, um diese Krise zu bewÀltigen.

Fakt ist: Diese Niederlage, dieses Ding, tut richtig weh. So groß ist die Chance auf einen Pokalsieg vielleicht in 15 Jahren erst wieder.

So lange wird Borussia Dortmund nicht warten mĂŒssen. Der BVB hat gerade in der vergangenen Saison den Pokal gewonnen. Dennoch lĂ€uft auch Dortmund den Zielen und AnsprĂŒchen hinterher und hat sich mindestens genauso blamiert bei St. Pauli (1:2).

Hier ist es immer das gleiche Muster. Dortmund gewinnt zwei Spiele, scheint auf dem richtigen Weg. Dann gibt es eine herbe EnttĂ€uschung. Und anschließend stellen sie fest, dass sie nicht wirklich gelernt haben aus der letzten EnttĂ€uschung. Und dann wird es natĂŒrlich unglaubwĂŒrdig.

Die grĂ¶ĂŸte Lehre aus dem Pokal

Die Parallelen zu Gladbach sind zahlreich. Die grĂ¶ĂŸte ist allerdings diese – und das ist wohl die grĂ¶ĂŸte Lehre aus den Achtelfinalspielen des Pokals: Die Zukunft diverser Spieler ist ungeklĂ€rt und die Gedanken sind entsprechend nicht zu hundert Prozent auf dem Platz. So kannst Du als Topverein offensichtlich keinen Titel holen. Und es kann nicht der Anspruch von Dortmund sein, alle vier, fĂŒnf Jahre den Pokal zu gewinnen.

Anhand dieses Themas lÀsst sich auch gut aufzeigen, warum Bayern keine vergleichbaren Probleme hat. Auch hier gibt es immer mal ein paar offene Fragen und Diskussionen, wie derzeit um Robert Lewandowski.

Die meisten Spieler und insbesondere die LeistungstrĂ€ger hat der Klub jedoch frĂŒhzeitig und langfristig an sich gebunden. Zuletzt hat nach Joshua Kimmich und Leon Goretzka auch Kingsley Coman unterschrieben – Serge Gnabry, Manuel Neuer und auch Lewandowski werden folgen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Erling Haaland und der BVB sind raus aus dem Pokal. Sein Treffer zum 1:2 per Elfmeter war nur Ergebniskosmetik.
Erling Haaland und der BVB sind raus aus dem Pokal. Sein Treffer zum 1:2 per Elfmeter war nur Ergebniskosmetik. (Quelle: /imago-images-bilder)

Haaland-Entscheidung drÀngt nun noch mehr

In Dortmund betrifft das Zukunftsthema natĂŒrlich in erster Linie TopstĂŒrmer Erling Haaland mit seiner 75 Millionen Euro schweren Ausstiegsklausel und dem Interesse diverser europĂ€ischer Topklubs. Dazu zĂ€hle ich aber auch das 18-jĂ€hrige Riesentalent Jude Bellingham, bei dem es eine Frage der Zeit ist, bis er geht.

Und dann sind da noch die zahlreichen VertrĂ€ge, die in diesem Sommer auslaufen – insbesondere aber 2023. Das betrifft KapitĂ€n Marco Reus genauso wie Abwehrchef Mats Hummels, Manuel Akanji, Raphael Guerreiro oder Mahmoud Dahoud.

Im Fall Haaland bedeutet das beispielsweise, dass die Entscheidung ĂŒber seine Zukunft nun noch mehr drĂ€ngt – damit Dortmund zumindest noch versuchen kann, die Europa League zu gewinnen.

Dieser Imageschaden ist nicht zu reparieren

Gladbach und Dortmund stecken im Dilemma. NatĂŒrlich geht das Geld flöten, das sie mit einem Weiterkommen generiert hĂ€tten. Schlimmer ist aber der Imageschaden. Der ist nicht zu reparieren.

Weitere Artikel


Auch Hertha BSC gehört zu diesen Vereinen in der Krise. Auch hier ist klar: So kannst du nicht weitermachen. Und das bedeutet fĂŒr die Sportdirektoren und Manager Michael Zorc, Max Eberl und Fredi Bobic, dass sie sich ihre Kader ganz genau angucken und jetzt schon die Planung fĂŒr das nĂ€chste Jahr vorantreiben mĂŒssen. Mit Spielern, auf die sie wirklich zĂ€hlen können.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
  • Florian Wichert
Von Florian Wichert
1. FC Union BerlinBVBCoronavirusDeutschlandErling HaalandFC Bayern MĂŒnchenHSVHannover 96Marcus ThuramMatthias GinterMax EberlMönchengladbachRB LeipzigWolfsburg
Fußball - Deutschland


t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website