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Migrantenquote in Berlin: Warum das in Unternehmen Unsinn ist

MEINUNGVorstoß aus Berlin  

Darum ist eine Migrantenquote Unsinn

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

19.01.2021, 15:39 Uhr
Migrantenquote in Berlin: Warum das in Unternehmen Unsinn ist. Eine Angestellte trägt Kopftuch (Symbolbild): Berlin will ein Drittel der Stellen im öffentlichen Dienst künftig mit Migranten besetzen. (Quelle: Getty Images/ xavierarnau)

Eine Angestellte trägt Kopftuch (Symbolbild): Berlin will ein Drittel der Stellen im öffentlichen Dienst künftig mit Migranten besetzen. (Quelle: xavierarnau/Getty Images)

Berlin will Stellen im öffentlichen Dienst per Quote mit mehr Migranten besetzen. Das ist gut gemeint, könnte aber gewaltig schiefgehen.

Das Land Berlin will nach der Frauen- nun auch eine Migrantenquote für den öffentlichen Dienst einführen. Ein Drittel der Stellen bei der Müllabfuhr, im Ordnungsamt und bei der Polizei sollen künftig mit Migranten besetzt werden, schlägt Arbeitssenatorin Elke Breitenbach vor. Sie hat dafür gute Gründe. Dennoch ist die Idee verfehlt.

Denn je mehr Quoten wirksam werden, desto größer ist am Ende das Risiko, das Gegenteil dessen zu erreichen, was man will: mehr Spaltung statt mehr Gerechtigkeit.

Vielfalt ist wichtig, aber Quoten der falsche Weg

Es stimmt: Gemeinwesen funktionieren besser, wenn sich die Vielfalt der Bevölkerung auch bei den Amtsträgern abbildet. Das bestreitet heute in der Forschung kaum noch jemand.

Frauen fühlen sich in einer Firma wohler, in der außer ihnen auch viele andere Frauen arbeiten. Jugendliche mit Migrationshintergrund akzeptieren Regeln eher, wenn die Ordnung von Polizisten mit einer Migrationsbiografie durchgesetzt wird.

Selbst bei Biodeutschen ist dieser Effekt erkennbar: wenn Sachsen beispielsweise lieber sächsische Moderatorinnen im Fernsehen betrachten, als einem Westimport zuzuhören.

Repräsentanz fördert eine zufriedene Gesellschaft 

Wer sieht, dass Menschen, die einem ähnlich sind, es weit gebracht haben, traut sich selbst automatisch mehr zu. Wer erlebt, dass Migranten Bürgermeister und Bundestagsabgeordnete werden, fühlt sich besser repräsentiert. Unter dem Strich sorgt das für bessere Politik, mehr Wirtschaftswachstum, und eine zufriedenere Gesellschaft.

Identität spielt eine wichtige Rolle. Deshalb ist es richtig, wenn sich die Politik und der öffentliche Dienst für Lebensläufe öffnen, die vom Standardmodell der Personalauswahl bisher nicht erfasst werden. Und es ist nur fair, wenn sich die Aufmerksamkeit nicht nur auf Führungspositionen richtet, sondern auch auf die mittlere und gehobene Laufbahn.

Ist aber eine Quote dafür der richtige Weg? Hilft nach der Frauen- und der Schwerbehinderten-Quote nun auch noch ein fixes Maß für die Herkunft der Bewerber? Zweifel sind angebracht.

Wer zählt alles als benachteiligter Migrant?

Denn anders als bei der Frauenquote und bei Behinderten soll ein beruflicher Nachteil ausgeglichen werden, der sich nicht so einfach bestimmen lässt: Ist beispielsweise auch ein Brite mit asiatisch-stämmigen Eltern gemeint, der ein Studium in Oxford abgeschlossen hat? Sollte ein weißer US-Bürger bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden? Formal ja. Doch einen Nachteil im Bewerbungsverfahren haben beide sicher nicht.

Wenn eine Migrantenquote verlangt wird, sind andere gemeint. Türkischstämmige Bewerber, die heute wegen ihres Namens aussortiert werden. Muslimische Frauen, People of Color, Flüchtlinge. Ihre Nachteile sind nicht individuell, sondern strukturell, sie werden in Bewerbungsverfahren häufig allein wegen ihres Aussehens diskriminiert.

Doch auch Bewerber über 50 werden gerne aussortiert. Bildungsaufsteiger stoßen an die gläserne Decke, weil sie den Habitus der neuen Gesellschaftsschicht nicht beherrschen. Schwaben in Rostock und Perleberger in München leiden unter dem impliziten Landeskinderbonus ihrer neuen Wohnorte. Sie alle würden eine Quote verdienen, wenn wirklich alle strukturellen Nachteile behoben werden sollen.

Je mehr Quoten, desto schwieriger die Abwägung

Mit solchen Überfrachtungen aber sind Personalabteilungen überfordert. Sie müssten selbst abwägen, welche Quote im Ernstfall zieht: Hat ein schwerbehinderter Mann mit Migrationshintergrund den größeren Nachteil bei seiner Bewerbung gehabt, oder ist eine Transgender-Frau mit gleicher Qualifikation schwerer betroffen?

Je mehr Quoten es gibt, desto schwieriger werden solche Abwägungsprozesse. Irgendwann können sie die eigentliche Aufgabe überlagern: die Bewerberin einzustellen, die für den Posten tatsächlich am besten geeignet ist. Am Ende einer solchen Entwicklung steht zwangsläufig die Frage nach positiver Diskriminierung: Wo bleiben die, die gar nicht benachteiligt sind?

Das haben im vergangenen Jahr Wissenschaftler der Freien Universität Berlin in einem Experiment erforscht. Sie schickten Bewerbungen für ein Praktikum an alle deutschsprachigen Theater. Die fingierten Schreiben waren bis auf den Namen des Bewerbers und die Geschlechtsidentität identisch. Ergebnis: Auch im Kulturbereich wird diskriminiert, nur andersherum. Wer weiß und heterosexuell ist, hat schlechtere Karten, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als ein türkischstämmiger oder ein Transgender-Kandidat.

Müsste das in einem Quoten-Regime für den Arbeitsmarkt auch ausgeglichen werden? Bräuchte man am Ende in bestimmten Sektoren eine Quote für diejenigen, die in vielen anderen Bereichen des Arbeitsmarktes bessergestellt sind? Ach, Quatsch. Lassen wir das.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".

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