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Aktien: Das ist der richtige Zeitpunkt für den Einstieg an der Börse


MEINUNGVerbreitete Irrtümer  

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um in Aktien einzusteigen?

Eine Kolumne von Gerd Kommer

01.08.2021, 13:08 Uhr
Aktien: Das ist der richtige Zeitpunkt für den Einstieg an der Börse. Eine Frau investiert in Aktien (Symbolbild): Der richtige Zeitpunkt für den Einstieg in den Aktienmarkt existiert nicht. (Quelle: Getty Images/Kirill Smyslov)

In Aktien investieren (Symbolbild): Der richtige Zeitpunkt für den Einstieg in den Aktienmarkt existiert nicht. (Quelle: Kirill Smyslov/Getty Images)

Viele Privatanleger beschäftigen sich zu sehr damit, das passende Timing für den Einstieg an die Börse erwischen zu wollen. Unser Kolumnist erklärt Ihnen, warum das der falsche Ansatz ist.

Beim Einstieg in den Aktienmarkt kursieren unter Privatanlegern seit ewigen Zeiten zwei Mythen oder Irrtümer.

  • Irrtum 1 lautet: "Ich muss einen günstigen Startzeitpunkt für mein Investment erwischen. Nur mit einem guten Einstiegszeitpunkt ergibt die Geldanlage in Aktien Sinn."
  • Irrtum 2 lautet: "Jetzt ist kein günstiger Zeitpunkt – ich warte lieber auf eine bessere Gelegenheit." Für "jetzt" könnte man heute, Ende Juli 2021 oder jeden anderen Monat in den vergangenen 50 Jahren einsetzen.

Diese beiden alles in allem falschen Ansichten sind unter Privatanlegern vermutlich deswegen verbreitet, weil sie seit jeher von der Finanzbranche und den Finanzmedien propagiert werden – und weil sie unserem natürlichen Bauchgefühl entsprechen.

Unsere Intuition führt uns oft in die Irre

Die Finanzbranche und manche Finanzmedien unterliegen jedoch einem Interessenkonflikt, weswegen Sie ihren Informationen stets mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnen sollten.

Und unsere Intuition, der gesunde Menschenverstand, führt bei Börseninvestments leider auch oft in die Irre. Das zeigen Befunde der Verhaltensökonomie, englisch "Behavioural Finance", die sich mit verbreiteten Denkfehlern beim Investieren befasst. Nachfolgend liefere ich fünf Argumenten, warum Irrtum 1 und Irrtum 2 Sie bares Geld kosten können.

Der "ETF-Papst"
Dr. Gerd Kommer ist seit mehr als 20 Jahren Bestsellerautor für Investmentratgeberbücher. Zugleich ist er Geschäftsführer der Gerd Kommer Capital GmbH, einer digitalen Vermögensverwaltung, bei der Kunden bereits mit kleinen Beträgen starten können, sowie der Gerd Kommer Invest GmbH, einem Honorarberatungsunternehmen. In seiner t-online-Kolumne schreibt er gemeinsam mit seinen Kollegen Felix Großmann und Daniel Kanzler alle zwei Wochen über sein Spezialgebiet: den langfristigen Vermögensaufbau mit ETFs.

Argument 1: Nicht investieren ist unmöglich

Jeder investiert. Die Frage ist nicht, ob ich investiere, sondern in was. Auch ein Bankguthaben ist ein Investment, und zwar eines, das seit über hundert Jahren nach Abzug von Inflation und Steuern im Schnitt eine negative Durchschnittsrendite produziert – also Ihr Vermögen mindert. Heutzutage ist die reale Rendite dieser Geldanlage besonders unattraktiv.

Oberhalb der staatlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro sind Bankguthaben zudem auch noch risikoreich. Das habe ich hier gezeigt.

Wenn also jeder sowieso immer investiert, dann ist Warten auf einen günstigen Investmentzeitpunkt schon die grundsätzlich falsche Ausgangsüberlegung. Cleverer ist folgende Denkweise: Ich kann nicht nicht investieren. In was investiere ich also?

Argument 2: Aktienkurse lassen sich kurz- und mittelfristig nicht zuverlässig prognostizieren

Das ist eine wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnis, die seit rund 60 Jahren in Tausenden wissenschaftlichen Studien bestätigt wurde. Wir wissen zwar nicht, wohin sich Aktienkurse einzelner Aktien oder die eines breit gestreuten Aktienportfolios in den nächsten drei, zwölf oder 24 Monaten entwickeln werden, aber wir wissen, dass die Anlageklasse Aktien unter allen Anlageklassen die höchste langfristige Durchschnittsrendite hat. Auch deshalb ist "am Spielfeldrand warten" wenig rational.

Argument 3: Aktien sind, relativ gesehen, billig

Von den drei wichtigsten Anlageklassen – Aktien, zinstragende Anlagen und Wohnimmobilien – sind Aktien aktuell, relativ gesehen, am preisgünstigsten.

Es ist allgemein bekannt, dass Immobilien derart hoch bewertet sind, dass die Gefahr einer Blase steigt. Ich verzichte daher darauf, diesen Fakt hier eigens mit Zahlen zu belegen. Wer jetzt noch aus finanziellen Motiven in eine Wohnimmobilie investiert, dem wünsche ich viel Glück. Er wird es brauchen.

Zinstragende Investments, bei denen die Bonität des Schuldners hoch und das Rückzahlungsrisiko somit niedrig ist, sind sogar noch höher bewertet als Immobilien. Im Fachjargon ist eine hohe Bewertung bei zinstragenden Anlagen die Bezeichnung für das, was in der Alltagssprache niedriges Zinsniveau oder Nullzinsen heißt.

Bleiben also Aktien. Der globale Aktienmarkt ist im Vergleich zu seinen beiden Hauptalternativen – Immobilien und Anleihen – derzeit attraktiv bewertet. Ja, wenn man die Bewertung von Aktien – gemeint ist der globale Aktienmarkt – isoliert betrachtet, sind sie um rund ein Drittel teurer als im historischen Mittel, aber das ist ein Denkfehler, siehe Argument 1. Den globalen Aktienmarkt können Sie sich mit ETFs simpel und kostengünstig ins Depot holen. Lesen Sie hier, welche Broker sich für Einsteiger eignen.

Außerdem: Wer sich sorgt, dass Aktien moderat höher bewertet sind, kann diese Sorge leicht verkleinern, indem er in regionaler Hinsicht das Gewicht der USA oder in Branchenhinsicht das Gewicht von Internetaktien in seinem Depot herunterfährt. Lediglich diese beiden Teilsegmente des weltweiten Aktienmarktes sind heute teuer. Der Rest bewegt sich sogar isoliert betrachtet auf einem normalen Niveau.

Argument 4: Der Preis des Wartens

Wer glaubt, er könne mit "Geldparken" auf einem Bankkonto auf bessere Zeiten warten und damit in der Zwischenzeit wenigstens kein Geld verlieren, irrt in einem wichtigen Punkt. Wer so agiert, wird dieses Zaudern wahrscheinlich mit beträchtlichen entgangenen Gewinnen bezahlen – "Opportunitätskosten" im Ökonomenjargon.

Wegen dieser Kosten verdient ein Anleger, der mit einem Bankguthaben "an der Seitenlinie wartet", im langfristigen Mittel weniger als ein "Soforteinsteiger", der sein Geld breit gestreut in Aktien auf Buy-and-Hold-Basis (kaufen und halten) anlegt.

Argument 5: Kompromiss "Phaseneinstieg"

Wenn Sie die Argumente 1 bis 4 noch nicht überzeugt haben, tut es vielleicht dieses:

"Phaseneinstieg" bedeutet, dass Sie einen größeren Anlagebetrag in mehrere Teilbeträge aufteilen und das Investment in den Aktienmarkt über zwei, sechs oder zwölf Monate strecken – und zwar regelbasiert. Dazu verwenden Sie am besten breit gestreute ETFs.

Beim Phaseneinstieg teilt man die Investitionssumme – je nach eigenem Gusto – in drei, vier oder fünf Tranchen und investiert stur je ein Drittel, ein Viertel oder ein Fünftel sofort und die übrigen Tranchen dann gleichmäßig verteilt alle zwei Monate über die folgenden vier bis 18 Monate.

Die Methode des Phaseneinstiegs kann zögernden, skeptischen Anlegern die Angst davor nehmen, endlich loszulegen. Entscheidend ist jedoch, das Aktienmarkt-Investment dann auch tatsächlich jetzt zu starten und sich diszipliniert und mechanisch an den ursprünglichen Phaseneinstiegsplan zu halten – egal welches Marktgeschrei Sie beim nächsten Anlagetermin hören.

Alternativ könnte es Zauderern helfen, sogenannte Robo-Advisors zu nutzen, eine digitale Vermögensverwaltung. Auf Robos gehe ich in Kürze in einem eigenen Beitrag ein.

Im nächsten Beitrag dieser Kolumne werde ich die sehr langfristigen Renditen aller wichtigen Vermögensanlageklassen aufzeigen: Aktien, Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Immobilien, Gold und Rohstoffe. Machen Sie sich auf einige Überraschungen gefasst.

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