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Gegen den Uhrzeigersinn: Warum wir auch älter jünger bleiben können

MEINUNGGegen den Uhrzeigersinn  

Warum wir auch älter jünger bleiben können

Eine Kolumne von Ulrike Scheuermann

25.04.2021, 10:42 Uhr
Gegen den Uhrzeigersinn: Warum wir auch älter jünger bleiben können. Jung bleiben: Ältere Menschen müssen weder einsam sein, noch bauen sie automatisch geistig oder körperlich ab. (Quelle: Getty Images/PeopleImages)

Jung bleiben: Ältere Menschen müssen weder einsam sein, noch bauen sie automatisch geistig oder körperlich ab. (Quelle: PeopleImages/Getty Images)

Ein legendäres Experiment aus dem Jahr 1979 zeigt: Das Älterwerden bedeutet nicht automatisch, abzubauen. Einige Fähigkeiten können sich sogar verbessern. Was können Sie tun?

Sie hocken in einem Einzelzimmer im Pflegeheim und starren auf die Wand mit den Familienfotos oder auf den Fernsehbildschirm und warten auf …? Zum Glück stimmt das nicht. Ältere Menschen müssen weder einsam sein, noch bauen sie automatisch geistig oder körperlich ab. Wie wir mit einem Vorurteil aufräumen und dadurch auch älter jünger bleiben können.

Lange Zeit gab es in der Altersforschung eine verbreitete Theorie: die "Disengagement-Theorie". Sie besagt, dass sich ältere und alte Menschen aus dem sozialen Leben zurückziehen, ihre emotionalen Fähigkeiten nachlassen und sie sich so auf den Tod vorbereiten.

Kontakte ja, aber anders: Menschen bleiben unverändert sozial aktiv

Das stimmt aber nicht! In einer Metastudie werteten Susan Charles und Laura L. Carstensen 2010 mehr als 160 Studien zum sozialen und emotionalen Alter aus. Eindeutig zeigte sich, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit im Alter nicht nachlässt und dass ältere Menschen genauso sozial aktiv sind wie jüngere.

Nur die Art, wie man Kontakte gestaltet, verändert sich: Während die Jüngeren lockerere Beziehungen zu mehr Menschen pflegen, konzentrieren sich Ältere auf wenigere, engere Beziehungen, bei denen sie besonders darauf achten, wer ihnen wichtig ist, mit wem sie ihre Zeit verbringen wollen.

Die Einsamkeitsrate während der Pandemie ist auch bei Älteren gestiegen

Normalerweise werden Menschen im Alter auch nicht einsamer. Allerdings zeigt ein aktueller Bericht (2021) des Deutschen Zentrums für Altersfragen (via DEAS), dass in der ersten Welle der Corona-Pandemie alle Altersgruppen einsamer wurden, vor allem jedoch Menschen in der zweiten Lebenshälfte: "Im Jahr 2020 lag die Einsamkeitsrate der Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren bei etwa 14 Prozent und ist damit 1,5-mal höher als in den Vorjahren⁠", sagen die Autoren der Studie.

Lebhaftere Kommunikation durch bessere Technik

Die erweiterten Kommunikationswege tragen aber wieder zu einem sozial aktiveren Leben bei. 93-Jährige schreiben jetzt WhatsApp-Nachrichten und freuen sich über die Fotos des Laserschwert schwingenden Urenkels. Während der Kontaktbeschränkungen haben wir alle viel dazugelernt.

Beide profitieren: Jüngere von Älteren und umgekehrt

Was auch im Trend liegt: Immer mehr Menschen, über zwei Drittel der 16- bis 29-Jährigen und fast 80 Prozent der 30- bis 44-Jährigen, pflegen Kontakte zu "deutlich Älteren", und umgekehrt immer mehr Ältere, rund 80 Prozent, zu "wesentlich Jüngeren", so das Institut für Demoskopie, Allensbach 2012 "Altersbilder der Gesellschaft".

Das ist auch naheliegend, denn Ältere haben Zeit und Ruhe für Gespräche. Was für ein Luxus ist ein konzentriertes Gespräch doch für viele Jüngere, die das oft gar nicht mehr gewohnt sind. Und durch den Kontakt zu Jüngeren sterben den Älteren nicht mit der Zeit Freunde oder Geschwister ersatzlos weg. Und das Ganze hat noch einen großartigen Nebeneffekt: Wer Kontakt zu Jüngeren hält, fühlt sich selbst auch jünger.

Du bist so alt, wie du dich fühlst – mehr als nur ein Spruch

"Du bist so alt, wie du dich fühlst" klingt nach einem dieser optimistischen, aber auch wissenschaftlich haltlosen Sprüche à la "Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst". In diesem Fall ist aber mehr dran. Die Harvard-Psychologin Ellen J. Langer⁠ hat dafür den Beweis erbracht.

Es ist ein legendäres und irgendwie verrücktes, auch anrührendes Experiment mit Menschen aus einem Altenheim: das Counterclockwise-Experiment, übersetzt "Gegen-den-Uhrzeigersinn"-Experiment, aus dem Jahr 1979. Die Forscherin wollte herausfinden, wie stark das gefühlte Alter von dem abhängt, was wir uns zutrauen und wie wir von anderen gesehen und behandelt werden. So waren dann über 70-Jährige aus einem Seniorenheim die Protagonisten.

Langer lud 17 Bewohner eines Seniorenheimes zu einem einwöchigen Ausflug ein. Davon lebte die neunköpfige Kontrollgruppe bei dem Ausflug weitgehend wie sie sonst auch lebte. Die Versuchsgruppe mit acht Personen wurde jedoch in der Zeit um 20 Jahre zurückversetzt: Sie lasen Zeitungen und hörten Radiosendungen, sahen Fernsehshows aus der Zeit. Auch die Möbel und Kleidung stammten aus den 1950ern.

Sie wurden außerdem gebeten, sich in der Gegenwartsform über die Ereignisse aus dem Jahr 1959 zu unterhalten. Alle in der Gruppe trugen darüber hinaus viel Eigenverantwortung, schon bei der Ankunft mussten sie zum Beispiel ihre Koffer selbst schleppen, wie sie das vor 20 Jahren noch getan hatten, was für einige nicht so leicht und ungewohnt war.

Gegen den Uhrzeigersinn: Das gefühlte Alter wirkt

Das Ergebnis zeigte sich bereits nach wenigen Tagen: Alle Teilnehmer fühlten sich jünger, fitter, waren aktiver und kamen fast ohne fremde Hilfe zurecht. Hör- und Sehkraft⁠, Gedächtnis, Gehfähigkeit, Körperhaltung und Intelligenz verbesserten sich, die Arthritis in den Gelenken nahm ab und die Greiffähigkeit der Finger zu. Sie saßen aufrechter.

Ellen J. Langer verschwieg später in Interviews und Artikeln oft sogar einige farbenfrohe Details dieses Verjüngungseffekts, weil sie zu unglaubwürdig klangen: So begannen die alten Herren spontan, Football zu spielen, während sie auf den Bus warteten, der sie zurück ins Altenheim fahren sollte⁠.

Zwar war Langers Experiment eine Einzelstudie, die es nicht in wissenschaftliche Fachzeitschriften schaffte, aber ihr Ergebnis wird inzwischen durch viele Studien zum sozialen Alter und praktische Erfahrungen gestützt. So etwa von jemandem, den ich als Revolutionär der Altenpflege bezeichnen möchte: Kaspar Pfister.

Alt werden, aber jünger

Mit seinen bundesweit 124 Hausgemeinschaften für Pflegebedürftige eröffnet Kaspar Pfitzer eine neue Aussicht auf das Altwerden. Es geht auch anders für Alte als tagein, tagaus resigniert in die Luft oder den Fernseher zu starren und das fertig servierte Großküchenessen als trauriges Highlight des Tages zu erwarten.

In seinem Buch "Wer gebraucht wird, lebt länger⁠" beschreibt Pfister seine Hoffnung gebende Alternative. Seit 2006 betreibt er bundesweit inzwischen 25 Einrichtungen für Pflegedürftige mit alternativen Modellen, in denen Menschen mit Sinn und Lebensfreude lange aktiv und mit Verantwortung leben. Die Bewohner kochen ihr Essen gemeinsam selbst, leben den Alltag mit den anderen, streiten, lachen, feiern und sitzen am Kamin zusammen.

Diese wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnisse helfen, länger jünger zu bleiben:

  • Wir sollten uns nicht über unsere Krankheiten definieren, sondern über gemeinsame Aktivitäten und das Mitwirken in einer Gemeinschaft.
  • Zu viel Hilfe ist nicht immer gut. Auch Ältere ⁠sollten sich als selbstwirksam erfahren, Verantwortung übernehmen und mit anderen im Austausch auf Augenhöhe sein, um gesund zu bleiben.
  • Sich jung zu fühlen, kann man fördern, indem man weiterhin das tut, was man in jungen Jahren gerne getan hat – oder schon immer mal tun wollte. Was dabei jederzeit passt ist: lachen, reden, genießen, kochen, flirten, spielen. Damit es besser hält: Bitte lachen Sie!
Verwendete Quellen:

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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