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Zukunft der EU: "In 20 Jahren ist Europa ein eigener Staat"

Forscher sagen Zukunft der EU voraus  

"In 20 Jahren ist Europa wohl ein eigener Staat"

25.12.2015, 15:03 Uhr | Daniel Reviol, t-online.de

Zukunft der EU: "In 20 Jahren ist Europa ein eigener Staat". Rumänische Bürger feiern 2007 den Beitritt ihres Landes zur EU: Zukunftsforscher glauben, dass Europa in den kommenden Jahrzehnten wieder enger zusammenrücken wird. (Quelle: dpa)

Rumänische Bürger feiern 2007 den Beitritt ihres Landes zur EU: Zukunftsforscher glauben, dass Europa in den kommenden Jahrzehnten wieder enger zusammenrücken wird. (Quelle: dpa)

2015 hat Europa auf eine harte Probe gestellt: erst der Schuldenstreit um Griechenland, dann der nicht abreißende Flüchtlingsstrom, schließlich die große Terrorangst. Längst glauben die vielen Pessimisten, die Europäische Union stehe kurz vor dem Kollaps. Dem widersprechen Zukunftsforscher. Sie sind überzeugt: Wir kommen den "Vereinigten Staaten von Europa" immer näher.

Lüder Gerken, Vorsitzender des Centrums für Europäische Politik, gehört eher zu den Pessimisten. Wahrscheinlich bleibe das Konstrukt EU bestehen - zu groß seien die wirtschaftlichen Interessen und die Sorge einzelner Staaten, ohne EU politisch an Gewicht zu verlieren. "Doch Lösungen in der Schulden- und Flüchtlingskrise sind nicht abzusehen."

Zukunftsforscher: Nach der Krise wächst Europa enger zusammen

Zudem sei "eine Renationalisierung in Europa bereits in vollem Gange", so Gerken. Länder wie Großbritannien, Frankreich oder Polen sehen die EU vor allem als "Vehikel um eigene Interessen durchzusetzen". Die Fakten sprächen somit gegen ein vereintes Europa.

Falsch, sagen Experten für Zukunftsfragen gegenüber t-online.de. Der Österreicher Reinhold Popp, Professor für Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin, ist überzeugt, Europa werde die aktuelle Krise "zu 95 Prozent" überwinden und daraus stärker hervorgehen: "In 15 oder 20 Jahren ist die EU wohl ein eigener Staat" - vielleicht nicht auf dem Papier, aber praktisch werde es so sein.

Der "Nationalstolz" der europäischen Staaten könnte Popp zufolge dafür sorgen, dass es auch weiterhin einzelne Regierungen und Staatschefs geben wird. Mit einer gemeinsamen Währung, einem gemeinsamen Militär, einer abgestimmten Sozialgesetzgebung und arbeitsrechtlichen Standards werde dann aber die EU den europäischen Alltag grundlegend bestimmen, prognostiziert Popp. "Auch in der Finanzpolitik wird dann den einzelnen Staaten von der EU reinregiert."

"Das europäische Jahrhundert"

Daniel Dettling, Leiter des Zukunftinstituts in Berlin, sieht es ähnlich. "Der Abgesang auf die EU ist so alt wie die EU selbst", sagt der Zukunftsforscher. Tatsächlich wachse in Krisen immer auch die Bereitschaft, gemeinsam Lösungen zu finden. Dettling rechnet auf lange Sicht wie Popp mit einem Trend zu mehr Einheit in Europa - allerdings ohne, dass die Vielfalt des Kontinents und die verschiedenen Identitäten der Staaten verloren gingen.

"Ein Ende des Nationalstaates wird es in den nächsten Jahrzehnten nicht geben", ist sich Dettling sicher. Trotzdem: "Das 21. Jahrhundert wird das europäische Jahrhundert." Obwohl die EU demografisch altern werde, sei Europa mit seinen funktionierenden Sozialstaaten unter anderem Asien einen entscheidenden Schritt voraus. "Das macht die EU auch in 20 Jahren noch besonders attraktiv", erläutert Dettling. 

Südliche EU-Staaten gewinnen an Macht

Veränderungen werde es allerdings im europäischen Machtgefüge geben. Neben den wirtschaftlich sehr starken Nationen gewinnen laut Dettling bald die südlichen Staaten deutlich an Einfluss. Der Grund: Klimaflüchtlinge, Bürgerkriegsflüchtlinge, Terrorflüchtlinge seien in den nächsten Jahrzehnten "die Mega-Herausforderung" für Europa. "Dadurch spielen die Staaten an den EU-Außengrenzen eine immer größere Rolle - also Italien, Spanien, womöglich Griechenland." Auch die Türkei erwartet Dettling in diesem Zusammenhang in einer entscheidenden Position: "Bis 2030 ist das Land deshalb EU-Mitglied."

Popp und Dettling sind sich einig, dass aber vor allem wirtschaftliche Interessen die EU zusammenhalten. "Die Wirtschaft stand immer im Zentrum - und das wird auch so bleiben", sagt Popp. Der Experte wertet das positiv: "Nie gab es eine so lange anhaltende Friedensphase in Europa wie jetzt. Das haben wir der Wirtschaftsunion zu verdanken. Die gemeinsamen Wirtschaftsinteressen sichern den Frieden."

Dettling bestätigt das: "Was wäre die Alternative zu einem Friedensprojekt? Ein Projekt der Unfreiheit oder des Krieges? Das kostet Geld und ist damit nicht attraktiv." In Zukunft müsse die europäische Friedensidee verstärkt auch global gelebt werden wie aktuell im Nahen Osten, fordert Dettling. "Auch weil sich die USA zunehmend zurücknehmen, wächst die weltweite Verantwortung der EU. Frieden ist kein europäisches Privileg mehr."

Die großen Herausforderungen 2016

Derzeit erlebten wir in Europa jedoch noch einen Gegentrend zur Globalisierung, sagt Dettling. Vielen Menschen sei Europa momentan zu schnelllebig und zu komplex. Damit erklärt Dettling die neue Nationalisierung, die in vielen Staaten zuletzt rechtspopulistischen Parteien zum Aufschwung verhalf.

Popp betont, dass es innerhalb von Europa nicht nur einen Rechtsruck gebe. Ebenso linkspopulistische Parteien wie Syriza in Griechenland oder Podemos in Spanien konnten in den letzten Jahren Erfolge verzeichnen. Das zeige: "Die politische Mitte insgesamt hat ein Problem." Viele Menschen seien der "ständigen Kompromisse" überdrüssig: "Sie wünschen sich aus diesem Grund moderne Diktatoren, die sagen: 'Das will ich und das mache ich so!'"

Doch natürlich seien Kompromisse wesentlicher Bestandteil demokratischer Politik. Popp sieht hierin eine der wesentlichen europäischen Herausforderungen des kommenden Jahres: "Den Politikern muss es endlich gelingen, die komplexen Vorgänge der globalisierten Welt verständlich zu machen."

Neben der Terrorbekämpfung werde sich 2016 zudem das Ringen um eine einheitliche Asylpolitik fortsetzen, sagt Popp. Länder wie Polen und Slowenien, die sich bei der Aufnahme von Flüchtlingen bislang wenig solidarisch gezeigt hätten, müssten sich anpassen: "Wenn sie weiter politische Partner sein wollen, müssen sie auch einmal Dinge tun, die ihnen vielleicht nicht gefallen - zum Beispiel Asylanten aufnehmen." Ansonsten werde die EU in ein oder zwei Jahren ihre Konsequenzen ziehen und Fördermittel streichen. Dettling glaubt ebenfalls: "Geht es so weiter, müssen Länder, die viele Flüchtlinge aufnehmen, einen finanziellen Ausgleich erhalten - zu Ungunsten der anderen Staaten."

Schon der EU-Anteil an der Weltbevölkerung betrage nur etwa sieben Prozent, erläutert Popp. Für ihn ist damit klar: Kein Mitgliedsland kann sich einen Alleingang erlauben - nicht einmal Deutschland. "Ohne die EU sind die Staaten viel zu klein, um etwas zu bewegen."

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