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Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Von dpa
Aktualisiert am 23.03.2022Lesedauer: 5 Min.
Ein Satellitenfoto zeigt brennende GebÀude in Irpin nahe Kiew.
Ein Satellitenfoto zeigt brennende GebÀude in Irpin nahe Kiew. (Quelle: Uncredited/Maxar Technologies/dpa./dpa)
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Kiew/Moskau (dpa) - Nach fast einem Monat Krieg in der Ukraine gibt es weiterhin kaum Hoffnung auf Frieden. Angesichts zunehmender Gewalt gegen Zivilisten rief PrÀsident Wolodymyr Selenskyj seine Landsleute in einer neuen Videobotschaft zum Durchhalten gegen die russischen Truppen auf.

Selenskyj ruft zum Durchhalten auf

Selenskyj appellierte an seine Landsleute, alles zu tun, um den Staat zu schĂŒtzen. "Um unser Volk zu retten. KĂ€mpft. KĂ€mpft und helft!" Der in Kiew ausharrende Staatschef rief dazu auf, die "Eindringlinge" zu vertreiben. In einer Videoschalte vor dem italienischen Parlament berichtete Selenskyj am Dienstag, dass mindestens 117 Kinder getötet worden seien. Mit Blick auf die russischen Truppen fĂŒgte er hinzu: "Sie hören nicht auf zu töten." Vor der Schalte mit dem Parlament hatte Selenskyj nach eigenen Angaben mit Papst Franziskus telefoniert und eine Vermittlung des Vatikans befĂŒrwortet.

Die russischen Truppen haben nach Angaben des ukrainischen Generalstabs zunehmend Probleme mit dem Nachschub. Sie hĂ€tten noch Munition und Lebensmittel fĂŒr höchstens drei Tage, hieß es in Kiew. Ähnlich sei die Lage beim Kraftstoff. Solche Angaben können nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.

Verhandlungen: "schwierig" und "manchmal skandalös"

Die Friedensverhandlungen mit Russland bezeichnet Selenskyj als "sehr schwierig". "Sie sind sehr schwierig, manchmal skandalös, aber wir bewegen uns Schritt fĂŒr Schritt vorwĂ€rts", sagte Selenskyj in einer in der Nacht zum Mittwoch verbreiteten Videoansprache. Vertreter der Ukraine seien tagtĂ€glich bei den Verhandlungen im Einsatz. "Wir werden arbeiten, wir werden so viel wie möglich kĂ€mpfen. Bis zum Ende. Mutig und offen." Die UnterhĂ€ndler seien unermĂŒdlich im Einsatz. "Ausruhen können wir uns, wenn wir gewonnen haben."

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Gleichzeitig bedankte sich Selenskyj bei allen internationalen KrĂ€ften, die sein Land unterstĂŒtzten. Er dankte vor allem den Vermittlern, "die ein reales Bild nach Moskau bringen".

Putin und Macron besprechen Waffenstillstand

Unterdessen laufen weiterhin diplomatische BemĂŒhungen, um den Konflikt zu beenden. Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sprach mit dem russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin ĂŒber die Bedingungen fĂŒr einen Waffenstillstand.

Am Mittwoch reist US-PrĂ€sident Joe Biden nach Europa. Dort stehen unter anderem Gipfeltreffen von EU, G7 und Nato in BrĂŒssel auf dem Programm. Nach Darstellung des Weißen Hauses sollen dort weitere Sanktionen gegen Russland angekĂŒndigt werden. Ein wichtiges Element werde dabei sein, die bestehenden Strafmaßnahmen so zu verschĂ€rfen, dass Moskau eine Umgehung der Sanktionen weiter erschwert werde, sagte der Nationale Sicherheitsbeauftragte Jake Sullivan. Er warnte allerdings auch davor, dass der Krieg noch andauern werde. "Dieser Krieg wird weder leicht noch schnell enden."

Russlands Vize-Außenminister Sergej Rjabkow hatte zuvor betont, er sehe die Beziehungen zu den USA wegen des Kriegs am "Rand des Abbruchs". Als Bedingungen fĂŒr weitere GesprĂ€che mit Washington nannte er ein Ende der Eskalation vonseiten der USA. "Sie mĂŒssen aufhören, Drohungen gegen Russland auszusprechen."

Kiew: Hilfskonvoi bei Mariupol festgesetzt

Unweit der belagerten ukrainischen Hafenstadt Mariupol haben prorussische Separatisten Angaben aus Kiew zufolge einen Hilfskonvoi festgesetzt. KĂ€mpfer der selbst ernannten Volksrepublik Donezk hĂ€tten im zehn Kilometer westlich von Mariupol gelegenen Manhusch mehrere Mitarbeiter des ukrainischen Zivilschutzes als "Geiseln" genommen, sagte Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk im ukrainischen Fernsehen. Auch diese Angaben ließen sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Die festgesetzten Menschen hÀtten Busse gefahren, in denen Zivilisten aus Mariupol hÀtten evakuiert werden sollen, sagte Wereschtschuk. Die Fluchtroute sei mit dem Internationalen Roten Kreuz abgesprochen gewesen. Mehr als 100.000 Menschen warten demnach auf eine Evakuierung, sitzen aber in der Stadt am Asowschen Meer fest, in der die Lage Beobachtern zufolge immer dramatischer wird.

Aus dem russischen Verteidigungsministerium hieß es unterdessen, mehr als 68.000 weitere Zivilisten seien ohne Kiews Hilfe aus Mariupol in Sicherheit gebracht worden. Diese Menschen befĂ€nden sich nun "in völliger Sicherheit unter dem Schutz der Russischen Föderation". Kiew wirft Moskau hingegen vor, vor allem Frauen und Kinder gegen ihren Willen nach Russland zu bringen. "Frauen und Kinder werden massenhaft aus den Gebieten der Regionen Donezk und Luhansk abgeschoben", schrieb die Menschenrechtsbeauftragte des Parlaments, Ljudmyla Denissowa, auf Facebook.

Pentagon: Russen kÀmpfen mit logistischen Problemen

Russische StreitkrĂ€fte kĂ€mpfen nach EinschĂ€tzung aus der US-Regierung weiterhin mit großen logistischen Problemen. MĂ€ngel gebe es nicht nur bei Lebensmitteln und Treibstoff, sondern auch bei der AusrĂŒstung fĂŒr die Soldaten, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums. "Wir haben Hinweise darauf erhalten, dass einige Soldaten tatsĂ€chlich Erfrierungen erlitten haben und aus dem Kampf genommen wurden. Sie haben also weiterhin Probleme mit der Logistik und der Versorgung." Bei der Kommunikation untereinander hĂ€tten die russischen Truppen ebenfalls Probleme.

Der Pentagon-Vertreter fĂŒhrte die logistischen Schwierigkeiten der russischen StreitkrĂ€fte auf den anhaltenden Widerstand der Ukrainer und auf schlechte Planung zurĂŒck. Die Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Brennstoff wĂŒrden auch die Marine betreffen. "Sie machen sich Sorgen darĂŒber, ob sie ihre Schiffe weiterhin mit Treibstoff versorgen können."

Der Regierungsmitarbeiter sagte, russische StreitkrĂ€fte wĂŒrden vermutlich inzwischen von See aus auf die besonders umkĂ€mpfte Hafenstadt Mariupol feuern. Im Asowschen Meer hĂ€tten die Russen dafĂŒr rund sieben Schiffe zusammengezogen. Der Pentagon-Vertreter erhob erneut schwere VorwĂŒrfe gegen die russischen StreitkrĂ€fte. Man habe klare Beweise dafĂŒr gesehen, dass die Russen in der vergangenen Woche absichtlich Zivilisten angegriffen hĂ€tten, sagte er.

Beide Kriegsparteien berichten von GelÀndegewinnen

Die ukrainische Seite berichtete von erfolgreichen Angriffen. In der Luft seien etwa binnen 24 Stunden neun russische Ziele getroffen worden. In der besonders umkÀmpften Stadt Mariupol sollten am Dienstag nach ukrainischen Regierungsangaben drei Fluchtkorridore geöffnet werden - ob das gelang, war unklar.

Aber auch Russland berichtete von militĂ€rischen Fortschritten. Aus den Regionen Donezk und Luhansk in der Ostukraine meldete die russische Armee einen weiteren Vormarsch. KĂ€mpfer der selbst ernannten Volksrepublik Donezk rĂŒckten nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums weitere vier Kilometer vor. Es werde um die Eroberung dreier Dörfer in der NĂ€he der Stadt Donezk gekĂ€mpft. SĂŒdwestlich davon sei das Dorf Uroschajne eingenommen worden. Zudem hĂ€tten KĂ€mpfer im Gebiet Luhansk die Kontrolle ĂŒber mindestens drei weitere Orte erlangt. Der ukrainische Generalstab widersprach.

Guterres: Russland kann Krieg nicht gewinnen

UN-GeneralsekretĂ€r Guterres sagte in New York, Russland könne den Krieg nicht gewinnen. "Die Ukraine kann nicht Stadt fĂŒr Stadt, Straße fĂŒr Straße, Haus fĂŒr Haus erobert werden. FrĂŒher oder spĂ€ter wird man vom Schlachtfeld zum Friedenstisch wechseln mĂŒssen." Der Portugiese forderte einen sofortigen Waffenstillstand. Die Fortsetzung des Kriegs sei moralisch inakzeptabel, politisch nicht vertretbar und militĂ€risch unsinnig.

Guterres bekrĂ€ftigte, dass Russlands Krieg illegitim sei, gegen die UN-Charta verstoße und entsetzliches Leid gebracht habe. Zivilisten wĂŒrden durch systematische Bombardierungen terrorisiert.

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