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"Es geht nur noch um das nackte Überleben"

Von Nils Kögler

Aktualisiert am 27.12.2021Lesedauer: 5 Min.
Der neun Monate alte Mansor Ahmad liegt auf dem Schoß seiner Großmutter und wird gefĂŒttert: Millionen Kinder in Afghanistan sind schwer unterernĂ€hrt und kĂ€mpfen um ihr Leben.
Der neun Monate alte Mansor Ahmad liegt auf dem Schoß seiner Großmutter und wird gefĂŒttert: Millionen Kinder in Afghanistan sind schwer unterernĂ€hrt und kĂ€mpfen um ihr Leben. (Quelle: Alessio Romenzi/Unicef)
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Nach der MachtĂŒbernahme der Taliban in Afghanistan warnten viele vor einer humanitĂ€ren Krise im Winter. Seitdem ist es um das Land still geworden. Jetzt ist der Winter da

Es ist das erste Mal seit Langem, dass Afghanistan in der deutschen Öffentlichkeit wieder etwas Aufmerksamkeit geschenkt wird: Das Land am Hindukusch steuere "in die grĂ¶ĂŸte humanitĂ€re Katastrophe unserer Zeit", warnte Außenministerin Annalena Baerbock kurz vor Weihnachten. Die Feiertage sind traditionell auch in der Politik die Zeit, der großen Krisenherde zu gedenken. Danach aber passiert oft: nichts.

Im Sommer kehrte die deutsche Bundeswehr Afghanistan nach einem 20-jĂ€hrigen Einsatz den RĂŒcken. Nachdem die internationalen Truppen das Land verlassen hatten, ĂŒbernahmen die Taliban innerhalb kĂŒrzester Zeit die Macht. Die Staatengemeinschaft fror daraufhin die fĂŒr das Land so wichtigen Hilfsgelder ein. Experten warnten schon damals: Dem krisengebeutelten Land droht im Winter eine schwere humanitĂ€re Katastrophe.

Millionen Menschen brauchen humanitÀre Hilfe

Der Winter ist mittlerweile da, doch in Deutschland haben die Bundestagswahl, der Regierungswechsel und eine wieder eskalierende Corona-Pandemie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit voll und ganz auf sich gezogen. Auch außenpolitisch richten sich die Augen mittlerweile angsterfĂŒllt auf die eskalierende Situation an der ukrainischen Grenze zu Russland. Die nahende Katastrophe in Afghanistan schien schon in Vergessenheit geraten. Nun Ă€ußert sich also die neue Außenministerin. Große Teile der Wirtschaft in Afghanistan seien zusammengebrochen, viele Menschen mĂŒssten hungern, sagte Baerbock. "Über 24 Millionen Menschen brauchen in diesem Winter humanitĂ€re Hilfe, um ĂŒberleben zu können."

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Die furchtbare Zahl hat Baerbock vom International Rescue Committee (IRC). Die Organisation veröffentlichte jĂŒngst ihre "Emergency Watchlist", in der sie die schlimmsten humanitĂ€ren Krisen weltweit auflistet. Afghanistan schafft es in dem Report auf den traurigen ersten Platz – noch vor LĂ€ndern wie Äthiopien und dem Jemen. Denn dem Land fehlt es an allem.

Zahl der Hungernden in wenigen Monaten verdoppelt

Zum einen wĂ€ren da Armut und Hunger. Eine deutliche Sprache sprechen die Zahlen, die der Landesdirektor fĂŒr Afghanistan bei der Welthungerhilfe, Thomas ten Boer, nennt: Die Arbeitslosenquote im Land steigt Richtung 85 Prozent. Gleichzeitig sind auch die Lebensmittelpreise um 50 Prozent gestiegen. Bis Juni 2022 könnten 97 Prozent der mehr als 40 Millionen Menschen im Land in Armut leben. 98 Prozent der Bevölkerung bekommen nicht mehr genug zu essen. Die Zahl der Menschen, die Hunger leiden, hat sich von 11 Millionen im Mai dieses Jahres auf 22,8 Millionen im November mehr als verdoppelt – und sie steigt weiter.

Die sieben Monate alte Bis Bibi wird vermessen: Eine Million Kinder in Afghanistan sind schwer mangelernÀhrt.
Die sieben Monate alte Bis Bibi wird vermessen: Eine Million Kinder in Afghanistan sind schwer mangelernÀhrt. (Quelle: Alession Romenzi/Unicef)

DarĂŒber hinaus steht das Gesundheitssystem Afghanistans kurz vor dem Kollaps. Es gebe nicht genĂŒgend Medikamente, Personal und medizinische AusrĂŒstung, erklĂ€rt Christine Kahmann von Unicef auf Anfrage von t-online. Die Zahl der Betten in den KrankenhĂ€usern decke nicht den Bedarf. Ärzte versuchten zwar alles, um möglichst viele Leben zu retten, hĂ€tten aber seit Monaten kein Gehalt mehr erhalten. Speziell in lĂ€ndlichen Regionen hĂ€tten bereits viele Gesundheitszentren schließen mĂŒssen. WĂ€hrenddessen sind Krankheiten wie die Masern und auch das Coronavirus auf dem Vormarsch.

Temperaturen bis Minus 25 Grad

Der nun anstehende Winter wird die Situation wohl noch weiter verschlimmern, denn zumindest in Teilen des Landes wird es bitterkalt. Die Temperaturen in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, können in den kalten Monaten auf minus zehn Grad fallen, erklÀrt ten Boer. In den zentral gelegenen, bergigen Gebieten und im Nordosten des Landes könnten es sogar bis zu minus 25 Grad werden.

Viele Menschen haben bei den eisigen Temperaturen kaum Schutz vor der KĂ€lte. Er habe zwar keine endgĂŒltigen Informationen, schĂ€tze die Zahl der Menschen ohne adĂ€quate Behausung jedoch auf ungefĂ€hr drei Millionen, sagt ten Boer. "Sehr wahrscheinlich mehr", fĂŒgt er an. Geld fĂŒr Brennmaterialien hĂ€tten viele Familien nicht, erklĂ€rt Kahmann. Zudem befĂŒrchtet sie, dass speziell lĂ€ndliche Regionen durch starke SchneefĂ€lle in den kommenden Monaten schwer fĂŒr Helfende zu erreichen sein werden.

Die Kinder trifft es besonders hart

All diese Probleme treffen die JĂŒngsten des Landes besonders hart. "Vor allem die Situation der Kinder ist katastrophal", sagt Kahmann. "Afghanistan ist seit vielen Jahren einer der schlimmsten Orte der Welt, um ein Kind zu sein", sagt sie. Dabei zahlten die Kinder den höchsten Preis in einer Not, fĂŒr die sie selbst nichts könnten. "Es geht fĂŒr viele Familien wirklich nur noch um das nackte Überleben", so Kahmann weiter.

Die 12-jÀhrige Samiyah mit ihrem mangelernÀhrten Bruder Hazrat Ali: Die Kinder trifft die Not in Afghanistan besonders schwer.
Die 12-jÀhrige Samiyah mit ihrem mangelernÀhrten Bruder Hazrat Ali: Die Kinder trifft die Not in Afghanistan besonders schwer. (Quelle: Alessio Romenzi/Unicef)

Allein 14 Millionen MĂ€dchen und Jungen bekĂ€men nicht ausreichend zu essen. Mehr als eine Million dieser Kinder sei so stark mangelernĂ€hrt, dass ihr Leben am seidenen Faden hinge. "Wenn sie jetzt keine Hilfe erhalten, werden viele von ihnen den nĂ€chsten FrĂŒhling nicht erleben", prognostiziert Kahmann. Es sei ein Wettlauf gegen die Zeit. Selbst wenn sie ĂŒberleben, werden die Kinder ein Leben lang mit den Folgen des Hungers zu kĂ€mpfen haben. "Die Auswirkungen von MangelernĂ€hrung sind irreversibel und die gesundheitlichen SchĂ€den werden sich ein Leben lang auswirken", sagt ten Boer.

"Dort, wo das Lachen von Kindern zu hören sein sollte, herrscht Stille"

Die Eltern stĂŒnden angesichts der vielen Probleme vor "herzzerreißenden Entscheidungen", so Kahmann. Sie wĂŒssten nicht, wie sie ihre Kinder ernĂ€hren und gleichzeitig warm halten können. Das Geld reiche nur fĂŒr Nahrung oder Brennmaterialien – nicht aber fĂŒr beides. Viele Erwachsene verzichteten deswegen auf Mahlzeiten, um das wenige Essen ihren Kindern geben zu können. Doch selbst dabei handele es sich hĂ€ufig nur um trockenes Brot, das sie mit Tee genießbar machten. "Dort, wo das Lachen von Kindern zu hören sein sollte, herrscht Stille", berichtet Kahmann. "Die Kinder sind zu schwach, weil sie all ihre Kraft benötigen, um am Leben zu bleiben."

Die zehn Monate alte Ayesha und die zweijÀhrige Marzia liegen mit ihrer Mutter Sakina teilen sich zu dritt ein Bett: Die KrankenhÀuser im Land sind nicht ausreichend ausgestattet.
Die zehn Monate alte Ayesha und die zweijÀhrige Marzia liegen mit ihrer Mutter Sakina teilen sich zu dritt ein Bett: Die KrankenhÀuser im Land sind nicht ausreichend ausgestattet. (Quelle: Alessio Romenzi/Unicef)

Beide Organisationen kĂ€mpfen hĂ€nderingend vor Ort, um Leben zu retten. "Was es am dringendsten braucht, ist Nahrungsmittelsicherheit", sagt ten Boer. "Wir mĂŒssen ausreichend Essen fĂŒr die Familien bereitstellen, um die MangelernĂ€hrung zu minimieren und den Menschen dabei zu helfen, den Winter zu ĂŒberbrĂŒcken." Auch Kahmann plĂ€diert dafĂŒr, möglichst viele HilfsgĂŒter in die Provinzen zu bringen – vor allem Medikamente, Zusatznahrung fĂŒr mangelernĂ€hrte Kinder, warme Decken und Heizmaterialien. Zudem mĂŒsse die medizinische Versorgung aufrechterhalten werden.

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Appell an die Staatengemeinschaft

Dabei brauchen die Organisationen UnterstĂŒtzung. Kahmann richtet an die internationale Gemeinschaft den flehentlichen Appell, Hilfe trotz der politischen UnwĂ€gbarkeiten fortzusetzen. DafĂŒr mĂŒsse "alles getan" werden, sagt sie. Die Zeit drĂ€nge. "Wir dĂŒrfen nicht warten, sondern mĂŒssen alle Fenster fĂŒr die humanitĂ€re Hilfe nutzen, bevor der Winter sich weiter zuspitzt und die Situation sich weiter verschlimmert", so ihre eindringliche Warnung. Sie bittet auch die Bevölkerung in Deutschland und Europa um Hilfe: "Es braucht dringend weiter Spenden", so Kahmann.

Ten Boer mahnt auch langfristig weiter Hilfe an. "Nur Nahrungsmittel sind fĂŒr das afghanische Volk nicht genug", sagt er. "Deutschland muss an Afghanistan interessiert bleiben und seine Entwicklung und Zukunft unterstĂŒtzen." Von der internationalen Gemeinschaft wĂŒnscht er sich UnterstĂŒtzung fĂŒr die unterdrĂŒckten Frauen im Land. "Die internationale Gemeinschaft muss sich weiter auf die Gleichberechtigung der Frauen konzentrieren."

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Mit ihrer AnkĂŒndigung, von Deutschland finanzierte Hilfe auch ĂŒber Nichtregierungsorganisationen zu leisten, dĂŒrfte die Außenministerin also offene TĂŒren einrennen. Die Menschen in Afghanistan sind darauf angewiesen, dass sie Wort hĂ€lt.

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