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Oliver Anthony: "Rich Men North of Richmond" – Lied beunruhigt USA


Über diesen Mann spricht plötzlich ganz Amerika


Aktualisiert am 25.08.2023Lesedauer: 4 Min.
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Über Nacht zum Star: Countrysänger Oliver Anthony bei einem Auftritt in Moyock, North Carolina.Vergrößern des Bildes
Über Nacht zum Star: Countrysänger Oliver Anthony bei einem Auftritt in Moyock, North Carolina. (Quelle: IMAGO)

Über Nacht wurde der bislang weitgehend unbekannte Countrysänger Oliver Anthony zum Sprachrohr des wütenden Amerikas. Kritiker wittern dahinter eine rechte Agenda.

Die Zeilen eines Liedes über wachsende Armut bewegen derzeit ganz Amerika: "Es ist eine verdammte Schande, was aus dieser Welt geworden ist. Für Menschen wie mich und Menschen wie dich", so beginnt der Song "Rich Men North of Richmond" des vor Kurzem noch unbekannten Countrysängers Oliver Anthony.

Aber plötzlich ist er berühmt. Denn sogar bei der ersten Vorwahl-Debatte der Republikaner wurde Anthonys Song vom übertragenden Sender Fox News jetzt eingespielt. Die Kandidaten wurden anschließend gefragt, was sie von ihm halten und was von der Inflation und den "Bidenomics", also der Wirtschaftspolitik Joe Bidens.

Der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, hatte darauf nur eine Antwort: "Unser Land befindet sich im Niedergang." Es sind Worte, wie sie auch Donald Trump immer wieder benutzt, um den Zustand Amerikas zu beschreiben. "We are a nation in decline", "Wir sind eine Nation im Niedergang."

Über Nacht wurde Oliver Anthony, der eigentlich Christopher Anthony heißt, aus dem Bundesstaat Virginia damit in ganz Amerika bekannt. Schon zuvor war sein Song ein Phänomen. Erst vor wenigen Wochen veröffentlicht, wurde er binnen kurzer Zeit millionenfach auf verschiedenen Musik-Plattformen im Internet abgespielt. Ein Video auf YouTube bereits fast 40 Millionen Mal. Inzwischen steht er an der Spitze der Billboard-Charts. Oliver Anthony zog damit selbst an absoluten Weltstars wie Taylor Swift vorbei. Seit Mittwochabend, als es bei der Republikaner-Debatte abgespielt wurde, dürfte es nun amerikanische Politiker im ganzen Land aufschrecken.

Den Nerv einer Nation getroffen

Denn Oliver Anthony scheint einen Nerv getroffen zu haben. Sein Lied steckt voller Anklagen, eben gegen jene "Rich Men North of Richmond". Gemeint sind damit vermögende und einflussreiche Politiker in Washington, die nördlich von Richmond, der Hauptstadt von Virginia, leben und die – so der Songtext – längst nicht mehr an die kleinen Leute denken.

Die Vorwürfe in dem Lied reichen von Inflation über zu hohe Steuern bis hin zu versteckten Pädophilie-Anspielungen. So heißt es in einer Zeile "Cause your dollar ain't shit and it's taxed to no end" (Weil dein Dollar einen Scheiß wert ist und ohne Ende besteuert wird) und in einer anderen: "I wish politicians would look out for miners / And not just minors on an island somewhere" (Ich wünschte, die Politiker würde sich um Bergarbeiter kümmern und nicht nur um Minderjährige auf irgendeiner Insel).

Es sind Anspielungen auf den verurteilten Sexualstraftäter und US-Milliardär Jeffrey Epstein, der einflussreiche Freunde auf seine Insel einlud, wo sie sich an jungen Mädchen vergingen. Aber auch auf frei erfundene Erzählungen aus dem rechtsextremen Spektrum der QAnon-Verschwörungsideologen, wonach Hillary Clinton eine Pizzeria in Washington betreiben soll, in der Kinder sexualisierter Gewalt ausgesetzt würden.

Hinweise darauf, dass Oliver Anthonys Weltbild zumindest Elemente aus verschwörungstheoretischen Kreisen enthält, liefert auch sein YouTube-Kanal. Auf dem teilt er eine Playlist mit dem Namen "Videos that make your noggin bigger" – Videos, die dich schlauer machen.

Die enthält neben Videos von rechten Kommentatoren wie Ben Shapiro und Jordan Peterson auch Beiträge, die sich mit den Terroranschlägen des 11. September 2001 auseinandersetzen – und andeuten, "tanzende Israelis" seien involviert gewesen. Die "Anti Defamation League", die gegen die Diskriminierung von Juden eintritt, bezeichnet diese Idee auf ihrer Website als "antisemitische Verschwörungstheorie".

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Soziale Probleme jenseits von Washington

Die Verse seines Wut-Songs wirken geschrieben wie die eines durchschnittlichen weißen Amerikaners vom Land, der sich zwar für die Armen einsetzen will, der aber zugleich übergewichtige, steuerfinanzierte Sozialhilfeempfänger und zugleich Politiker anklagt. Währenddessen würden die wirklich Armen einfach nicht mehr weiterwissen und sich schließlich das Leben nehmen.

Well, God, if you're 5-foot-3 and you're 300 pounds
Taxes ought not to pay for your bags of fudge rounds
Young men are puttin' themselves six feet in the ground
'Cause all this damn country does is keep on kickin' them down

Ja, Gott, wenn du 1,60 Meter groß bist und 140 Kilo wiegst
Dann sollten Steuern nicht dazu dienen, deine Tüten voll Karamellbonbons zu finanzieren
Junge Männer bringen sich ins Grab
Denn das Einzige, was dieses verdammte Land tut, ist, weiter auf sie einzutreten.

Aber so sei es, "in dieser neuen Welt zu leben, mit einer alten Seele", singt Oliver Anthony. Man arbeite den ganzen Tag und verkaufe dabei seine Seele. Man mache "Überstunden für eine beschissene Bezahlung."

Sein Lied löst Kontroversen aus, besonders in den sozialen Netzwerken. Denn die Zeilen wirken auf viele wie das Echo von Geschichten, die Donald Trump, Ron DeSantis oder Vivek Ramaswamy über ein sterbendes Amerika erzählen. Es sind düstere Erzählungen, die sich längst nicht auf das ganze Land übertragen lassen. Aber die Probleme von Inflation, extremer Armut, von Übergewicht und Selbstmorden sind zugleich nicht erfunden. In Oliver Anthonys Song manifestiert sich ein Gefühl, das viele Menschen in Amerika haben.

Der Sänger scheint von den Reaktionen bislang vor allem überwältigt zu sein und äußerte sich zuletzt lediglich in einem Facebook-Beitrag zu seinem plötzlichen Erfolg und der wachsenden Aufmerksamkeit. Sich selbst beschreibt er darin als "nur einen Idioten mit einer Gitarre", der nicht den Erfolg gesucht habe.

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"Diese Lieder haben Millionen von Menschen auf einer so tiefen Ebene berührt, weil sie von jemandem gesungen werden, der die Worte in dem Moment spürt, in dem er sie singt. Keine Bearbeitung, kein Agent, kein Blödsinn", schreibt Oliver Anthony. Sich selbst beschreibt er als Schulabbrecher und ehemaligen Fabrikarbeiter. Auch, dass er bereits mit psychischen Problemen und mit Alkohol zu kämpfen hatte, erwähnt er.

Einfluss auf den kommenden Wahlkampf

Das Phänomen Oliver Anthony erinnert mit seiner Politik- und Sozialkritik zu Beginn des Wahlkampfes an einen kritischen Moment im ersten Wahlkampf von Barack Obama 2008.

In dem Jahr wurde ein Mann mit dem Namen Samuel Joseph Wurzelbacher als "Joe the Plumber" bekannt. Ein Video von Wurzelbacher, der Republikaner ist, verbreitete sich damals rasend schnell. Darin kritisierte er den demokratischen Kandidaten Barack Obama für seine geplante Steuerpolitik, unter der Kleinunternehmer zu leiden hätten. Obama gewann damals die Wahl.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • billboard.com: "Oliver Anthony Music’s ‘Rich Men North of Richmond’ Debuts at No. 1 on Billboard Hot 100" (Englisch)
  • adl.org: "Antisemitic Conspiracies About 9/11 Endure 20 Years Later" (Englisch)
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