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Andrij Melnyk: Zum Abschied dreht er noch einmal auf


Melnyk verlässt Deutschland
Zum Abschied dreht er noch einmal auf

Von Fabian Reinbold

14.10.2022Lesedauer: 4 Min.
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Andrij Melnyk (Archivbild): "Ich kann nicht versprechen, dass ich die Klappe halten werde." (Quelle: IMAGO/Chris Emil Janssen)

Ukraine-Botschafter Andrij Melnyk verlässt Berlin. Er hat viel Porzellan zerschlagen – und einiges richtig gemacht. Kurz vor dem Abschied befeuert er neuen Streit.

Auf den letzten Metern fuhr er noch einmal die schweren Geschütze auf. Andrij Melnyk knöpfte sich zuletzt mit der ihm eigenen Beharrlichkeit und Giftigkeit Angela Merkel vor.

Die Ex-Kanzlerin absolvierte in den vergangenen Wochen mehrere Auftritte, in denen sie auch darüber sprach, dass man das momentan Undenkbare wieder denken müsse: Auf lange Sicht könne es Sicherheit nur unter Einbeziehung Russlands und dem Wiederaufbau von Beziehungen nach Moskau geben.

Melynks Reaktion las sich so: "Die Ex-Kanzlerin, die mit ihrem jahrelangen putinfreundlichen Kuschelkurs Moskaus Aggression gegen die Ukrainer möglich machte, philosophiert schamlos" über Beziehungen zu Russland.

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Er schrieb von einer "Besessenheit der Alt-Kanzlerin mit Terrorstaat-Russland", die ihn fassungslos mache und für Ukrainer "fast pervers" klinge. Merkel habe eine "katastrophale Appeasement-Politik" gegenüber Putin betrieben, und nun "halluziniert sie von der 'Einbeziehung Russlands' für dauerhaften Frieden". Soweit die Kurzversion der Tiraden.

Ätzend bis beleidigend

Andrij Melnyk, seit 2015 der Botschafter der Ukraine in Berlin, verlässt das Land also im typischen Sound, den Deutschland von ihm kennt: undiplomatisch scharf, ohne Rücksicht auf Verluste, ätzend bis beleidigend. Am Samstag kehrt er nach knapp acht Jahren im Amt in seine Heimat zurück – als vielleicht berühmtester und berüchtigtster Diplomat der vergangenen Jahrzehnte.

Während sein Land ums Überleben kämpfte, erntete Melnyk in den vergangenen Monaten in Deutschland kübelweise Hass in den sozialen Netzwerken und viel Empörung im politischen Berlin. Für viele Deutsche war er schlichtweg eine Nervensäge – allerdings eine Nervensäge mit Mission, auf der er auch Erfolge feiern konnte.

Auslöser für seine im Juli beschlossene Ablösung war ein Interview, in dem er sich bei der Verteidigung des früheren ukrainischen Nationalistenführers Stepan Bandera um Kopf und Kragen redete. Doch die Beziehungen Melnyks im politischen Berlin waren schon lange beschädigt. Viele im Regierungsviertel sind erleichtert über den Abgang Melnyks, der viel Porzellan zertrümmert hat.

Immer wieder Attacken auf die SPD

Der 47-jährige Botschafter hat es selbst gespürt. Zum Abschied sagt er nun, er hoffe, dass die Bundesregierung "nicht nur aufatmet und sagt: 'Endlich ist dieser Quälgeist weg'."

Tatsächlich war Melnyk seit Kriegsbeginn kontinuierlich angeeckt – insbesondere die Russland- und Energiepolitik der SPD nahm der Ukrainer unnachgiebig ins Visier. Bei den Sozialdemokraten wiederum beschwerten sich im Frühjahr einflussreiche Genossen über den Botschafter eines Landes, das gerade ums Überleben kämpfte.

Melnyk scheute nicht davor zurück, selbst Bundeskanzler und Bundespräsident anzugehen. Dem Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier warf Melnyk etwa vor, "seit Jahrzehnten ein Spinnennetz der Kontakte mit Russland geknüpft" zu haben. Steinmeier gestand daraufhin Fehler ein.

Kanzler Scholz nannte er in einem Interview wenig später eine "beleidigte Leberwurst". Der Hintergrund: Scholz hatte im Gegensatz zu anderen europäischen Regierungschefs lange mit einem Besuch in Kiew gezögert und erklärte sein vorläufiges Nein auch mit einer Ausladung Steinmeiers, der Wochen zuvor spontan die Ukraine besuchen wollte.

Die Sache mit der Leberwurst

Wochenlang zelebrierte Melnyk den eigenen Leberwurst-Spruch demonstrativ, unter anderem, in dem er Treffen mit einem Südpfälzer Leberwurst-Produzenten inszenierte. Erst nachdem Scholz doch noch Kiew besucht und Deutschland die gewünschten Panzerhaubitzen in die Ukraine geliefert hatte, sagte Melnyk, dass er sich für die Äußerung bei Scholz entschuldigen wolle.

Der Botschafter hatte den Bogen überspannt. Von der Regierung in Kiew bekam er Ärger für die Attacken auf Scholz. Dann folgte das Interview, in dem Melnyk den Nationalisten und Nazi-Kollaborateur Bandera verteidigte – bald darauf fiel in der ukrainischen Hauptstadt die Entscheidung, Melnyk aus Berlin abzuberufen.

Schon lange zuvor hatte der Botschafter auch durch seine teils wilden Attacken Zugang in Berlin eingebüßt. Nach Kriegsausbruch gab es mehrere Treffen mit wichtigen Regierungsvertretern wie Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner (FDP). Dabei habe der FDP-Chef ihm gesagt, Kiew blieben ohnehin nur wenige Stunden bis zur Niederlage, so Melnyk. Der Botschafter gab den Satz an die Medien. Lindner ließ dementieren. Das Vertrauen war dahin – nicht nur bei Lindner. Minister hielten Melnyk auf Abstand.

Melnyk, Musk und das kriegswichtige Internet

Wenn Melnyk nun nach Kiew ins dortige Außenministerium zurückkehrt, ist noch unklar, welche Funktion er übernehmen wird. Es gibt offenkundig auch dort Zweifel am langjährigen Deutschland-Botschafter, der längst auch im internationalen Rahmen für Aufruhr sorgt.

Auf einen berüchtigten Tweet von Tesla-Gründer Elon Musk, der zur Beendigung des Krieges in der Ukraine Forderungen des Kremls aufgegriffen hatte, reagierte Melnyk mit einem "Fuck off!".

Nun gibt es Berichte, dass Musks Firma SpaceX nicht länger die Kosten für den kriegswichtigen Betrieb seines Satelliten-Internetdienstes Starlink in der Ukraine übernehmen wolle – Musk selbst stellte auf Twitter einen Bezug zwischen den Berichten und der Beschimpfung durch Melnyk her.

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Sein Nachfolger in Berlin wird der Karrierediplomat Oleksii Makeiev, der zuletzt Sonderbeauftragter für Sanktionen und mit den internationalen Abstimmungen der Strafmaßnahmen gegen Moskau betraut war. Von ihm sind keine öffentlichen Beleidigungen à la Melnyk bekannt.

Und doch zeichnete Melnyks Agieren in Deutschland eine gewisse Effektivität aus. In den Medien war er nicht nur wegen seines Amtes, sondern eben auch wegen seiner pointierten Meinungen ein gern gesehener Talkshowgast und Interviewpartner.

Unablässig trommelte er dabei für Waffenlieferungen an sein Land, sei es aus Beständen der Bundeswehr oder vonseiten der Rüstungsindustrie. Er setzte die Bundesregierung damit ein ums andere Mal unter Druck, gerade in der monatelang andauernden Debatte um die Lieferungen schwerer Waffen.

War er doch der richtige Mann?

Das tat er mit sichtbarem Erfolg. Tatsächlich hat die SPD-geführte Bundesregierung in den ersten Kriegsmonaten vielfach gezögert und oft nur nach hohem Druck konkrete Militärhilfe für Kiew zugesagt. Und laut Umfragen bleibt die Zustimmung in der deutschen Bevölkerung für solche Unterstützung des überfallenen Landes hoch.

Mittlerweile ist Deutschland hinter den USA und Großbritannien der drittgrößte Unterstützer der Ukraine bei Rüstungsgütern. So unabsehbar der weitere Verlauf des Krieges in der Ukraine auch sein mag – deutsche Waffen wie die Panzerhaubitze 2000 sind der ukrainischen Armee eine große Hilfe bei der Abwehr der russischen Aggression.

Daran hat der undiplomatische Botschafter, der nun in sein Heimatland zurückkehrt, seinen Anteil. Nicht auszuschließen, dass es dereinst über Melnyk heißen wird: Er war doch der richtige Mann am richtigen Ort.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • Nachrichtenagentur dpa
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