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Energiewende: Lässt sich mit Atomkraft das Klima retten?


Energiewende in der Welt
Lässt sich mit Atomkraft das Klima retten?

Von dpa, mam

Aktualisiert am 30.12.2023Lesedauer: 4 Min.
Atomkraftwerk in Frankreich (Symbolbild): Frankreich ist Spitzenreiter bei dem Ausbau von Kernkraft.Vergrößern des BildesAtomkraftwerk in Frankreich (Symbolbild): Frankreich ist Spitzenreiter bei dem Ausbau von Kernkraft. (Quelle: Januario Helder/ABACA/imago-images-bilder)
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Mehrere Staaten haben angekündigt, die Kernkraft auszubauen. Die Klimaziele stünden auf dem Spiel, so ihr Argument. Doch wie nachhaltig ist Atomkraft?

Es war der 15. April 2023 um 23.59 Uhr, als das Atomkraftwerk Neckarwestheim 2 vom Netz ging – der letzte Meiler in ganz Deutschland, der bis dato noch in Betrieb war. Die Bundesregierung setzt damit auf eine Zukunft ohne Produktion von Atomstrom. Doch damit steht sie unter den Industriestaaten recht allein da.

Die USA und Frankreich etwa sehen in den Atommeilern die Zukunft. Nachdem die EU die Atomenergie als nachhaltig eingestuft hat, planen sie die Nutzung von Kernenergie bis zum Jahr 2050 massiv auszubauen. Als Grund führen sie an, dass die Klimaziele anders nicht zu erreichen seien. Doch wie nachhaltig ist Atomenergie wirklich?

Warum wollen einige Staaten auf Atomkraft setzen?

Industrienationen wie Kanada, Frankreich, Japan und die USA wollen zum Wohle des Klimas die Energieerzeugung aus Atomkraft deutlich hochschrauben. Bis zum Jahr 2050 sollten die Kapazitäten verdreifacht werden, hieß es in einer auf der Weltklimakonferenz veröffentlichten Erklärung. Man halte fest, dass Atomkraft eine Schlüsselrolle dabei spiele, bis Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität zu erreichen und das 1,5-Grad-Ziel, mit dem die Weltgemeinschaft die schlimmsten Folgen der Erderwärmung verhindern will, im Rahmen des Möglichen zu halten.

Hat Deutschland die Erklärung auch unterschrieben?

Nein, und das ist auch wenig verwunderlich. Deutschland hatte im April 2023 die letzten drei Kernkraftwerke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland abgeschaltet und somit den Atomausstieg vollzogen. Die ehemaligen Kraftwerke werden nun zurückgebaut. Doch immer wieder werden Stimmen laut, die Atomkraft befürworten.

In einem ersten Entwurf für das neue CDU-Grundsatzprogramm heißt es etwa, Deutschland könne zurzeit nicht auf die Option Kernkraft verzichten. Man wolle auf "Kernkraftwerke der vierten und fünften Generation" setzen, also Reaktortypen auf neuestem Stand, die sicherer, effizienter und sauberer sein sollen. Die Oppositionspartei stellt sich damit gegen den Kurs der Ampelregierung. Diese setzt darauf, die Erneuerbaren Energien auszubauen und in einer Übergangszeit Strom aus dem Ausland zu importieren.

Wichtige Importländer waren im dritten Quartal 2023 etwa Dänemark, Frankreich, die Niederlande, Norwegen, Österreich und die Schweiz. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Insgesamt wurden aus diesen Ländern demnach 23,1 Milliarden Kilowattstunden Strom importiert. 94,2 Milliarden Kilowattstunden Strom wurden hingegen in Deutschland selbst erzeugt, mehr als 60 Prozent davon durch erneuerbare Energieträger. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erhöhte sich damit der Anteil erneuerbarer Energien, die Stromerzeugung aus Windkraft etwa stieg im 3. Quartal 2023 gegenüber dem 3. Quartal 2022 um 16,2 Prozent.

Wie sauber und nachhaltig ist Atomkraft im Vergleich zu anderen Energieformen?

Dem Umweltbundesamt (Uba) zufolge ist die Technologie nicht nachhaltig. Ein Grund ist die Wasserfrage, die von zentraler Bedeutung für den sicheren und effizienten Betrieb von Atomkraftwerken ist. "Dieser hohe Bedarf an Kühlwasser kann schlecht für die Umwelt sein, oder in Verbindung mit Hitzewellen und Klimawandel den Betrieb einschränken", mahnt das Uba. "In Zeiten von Hitzewellen oder Dürren kann die Wasserverfügbarkeit für Kühlzwecke eingeschränkt sein, was zu Problemen bei der Kühlung führen kann. Solche Extremereignisse werden durch den Klimawandel aber immer häufiger auftreten."

In Frankreich, wo ein Großteil der Kernreaktoren mit Flusswasser gekühlt wird, war es in den vergangenen Jahren bereits vermehrt zu Ausfällen gekommen. Außerdem verursacht der Uranabbau laut Uba erhöhte Uran- und Radiumbelastung in Gewässern und kleinen Teilen von Gestein. Radioaktiver Staub und Radongas gefährden Arbeiter und Anwohner von Uranminen.

Ist Atomkraft CO₂-neutral?

Bei der Herstellung von Strom aus Atomkraft entstehen zwar nur kleine Mengen des klimaschädlichen Gases CO₂, doch vor allem vor und nach der Stromproduktion fallen die Treibhausgase dann doch in größeren Mengen an. Betrachte man den gesamten Lebensweg – von Uranabbau, Brennelementherstellung, Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung – so ist in den einzelnen Stufen des Zyklus zum Teil ein hoher Energieaufwand nötig, wobei Treibhausgase emittiert würden, heißt es beim Uba.

Was sagt das Umweltministerium dazu?

Laut Ministerium ist Atomkraft keine Option zur Klimarettung, denn sie ist zu langsam, zu gefährlich und nicht robust gegen den Klimawandel. Mit Strom aus Wind und Sonne gebe es längst eine viel bessere, klimafreundlichere und günstigere Alternative.

Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) warnt zudem vor "explodierenden Kosten eigentlich aller Neubauten von Atomkraftwerken". Ihre Sorge sei, dass der Bau und die Nutzung von Reaktoren für die Verbraucher sehr teuer werden könnte. Und dann sei sie noch nicht einmal bei den Kosten für die End- und Zwischenlagerung von Atommüll. "Aber irgendwo muss der Müll am Ende des Tages hin", sagt Lemke.

Wo wird Atommüll entsorgt?

In sogenannten Endlagern, in denen die radioaktiven Abfälle über sehr lange Zeiträume abgesichert aufbewahrt werden sollen. Dem Uba zufolge gibt es in Deutschland und auch in der EU bislang kein Endlager, das tatsächlich in Betrieb ist und empirische Belege oder wissenschaftliche Analysen zu den langfristigen Auswirkungen der Entsorgung hochradioaktiver Abfälle liefern könnte.

Wie viel Atommüll gibt es in Deutschland?

Unterschieden wird zwischen hoch-, mittel- und schwachradioaktiven Abfällen. Bei hochradioaktiven Abfällen handelt es sich meist um verbrauchte Brennelemente aus Atomkraftwerken oder Forschungsreaktoren. Diese machen nach Angaben des Bundesamts für die Sicherheit nuklearer Entsorgung (BASE) zwar nur 5 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle aus, bringen aber 99 Prozent der Aktivität mit sich.

Doch auch die Entsorgung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen – zum Beispiel kontaminierte Teile aus dem Rückbau der Atomkraftwerke wie Teile des Generators – stellt die Verantwortlichen vor Herausforderungen. Nach Schätzungen des BASE gibt es in Deutschland etwa 620.000 Kubikmeter davon, das entspricht ungefähr dem Inhalt von mehr als 200 olympischen Schwimmbecken.

Könnten die Abfälle in den Zwischenlagern bleiben?

Nur Endlager in tiefen geologischen Schichten gelten als dauerhaft sichere Lösung. "Beton, Stacheldraht und Wachmannschaften" könnten dies nicht ersetzen, sagt BASE-Präsident Wolfram König. Tiefliegende Gesteine böten eine natürliche Barriere, die vor Strahlung schützt. Ein Endlager zu finden aber gestaltet sich in Deutschland als schwierig. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) rechnet frühestens 2042, aber eher in der späten zweiten Hälfte des Jahrhunderts, mit einem Endergebnis. Für Bau und Einlagerung der strahlenden Hinterlassenschaften müssen weitere Jahrzehnte veranschlagt werden. Bis es so weit ist, wird der Atommüll zwischengelagert.

Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Eigene Recherche
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