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Michael Kretschmer: "Wutbürgers Liebling" soll Ministerpräsident werden

Wer ist Michael Kretschmer?  

"Wutbürgers Liebling" soll Ministerpräsident werden

18.10.2017, 20:02 Uhr | Patrick Diekmann, t-online.de, dpa

Michael Kretschmer: "Wutbürgers Liebling" soll Ministerpräsident werden. Michael Kretschmer, Generalsekretär der CDU Sachsen, soll der nächste sächsische Ministerpräsident werden. (Quelle: dpa)

Michael Kretschmer, Generalsekretär der CDU Sachsen, soll der nächste sächsische Ministerpräsident werden. (Quelle: dpa)

Michael Kretschmer ist der Favorit für die Nachfolge des sächsischen Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Kretschmer gilt in CDU-Kreisen als Spagatkünstler zwischen Merkel und rechten Pöblern. Ein Kurzporträt.

von Patrick Diekmann

Michael Kretschmer ist ein hervorragender Taktiker. Das bestätigen selbst Politiker aus anderen Parteien. Innerhalb der CDU ist der 42-Jährige gut vernetzt und gilt als eines der größten Talente der Partei. Dabei gelingt ihm das Kunststück, bei den Gemäßigten und bei den Wütenden in der CDU gleichermaßen beliebt zu sein. "Wie macht er das nur?", fragte sich schon vor zwei Jahren die Nachrichtenseite "Zeit Online". 

In Berlin gilt der sächsische CDU-Generalsekretär als Wirtschaftsliberaler, der öffentlich nicht seine Meinung, sondern die Meinung der Öffentlichkeit vertritt. Die CDU-Spitze sieht ihn als Taktiker und lobt seine Wortgewandtheit und seinen Charme. Ursula von der Leyen bezeichnete ihn als einen der "hochinteressanten Leute" in der CDU. "Er hat großes rednerisches Talent, er hat Charisma, er stammt von hier", sagt CDU-Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Dabei sind Kretschmers Äußerungen inhaltlich oft näher an Horst Seehofer als an Angela Merkel.

"Vorzeige-Ossi der CDU"

So lobte er Ungarn für den Bau des Grenzzauns gegen Flüchtlinge und er kritisierte das Adoptionsrecht für Homosexuelle mit der Begründung: "Ich finde es reicht mal". "Zeit Online" bezeichnet ihn in einem Porträt gleichzeitig als "Vorzeige-Ossi der CDU" und als "Wutbürgers Liebling". Kretschmar ist ähnlich wie die CSU der Auffassung, dass es im demokratischem Spektrum keine Partei rechts neben der CDU geben darf. Dementsprechend versucht er, in Sachsen rechte Provokateure zu integrieren und bei Laune zu halten. 

Rechte Ausfälle in seiner Partei ließ Kretschmer auch mal unkommentiert. Es erinnerte eher an die AfD als ein CDU-Bundestagsabgeordneter aus Sachsen forderte, dass die Deutschen ihren "Schuldkult" ablegen müssten oder als ein CDU-Kreisverband alle drei Strophen des Deutschlandlieds druckte. Kretschmer reagierte nicht. Dagegen kritisierte er die anfängliche Handlungsunfähigkeit in der CDU gegenüber Pegida. 

Stanislaw Tillich sitzt auf dem CDU-Landesparteitag neben Generalsekretär Michael Kretschmer. (Quelle: dpa)Stanislaw Tillich sitzt auf dem CDU-Landesparteitag neben Generalsekretär Michael Kretschmer. (Quelle: dpa)

Kretschmer scheint ein gutes Gespür dafür zu haben, die CDU in Sachsen weit rechts aufzustellen und trotzdem als bürgerlich wahrgenommen zu werden. Seiner Auffassung nach vertritt er dabei die öffentliche Meinung. "In Sachsen formt sich eine öffentliche Meinung, die sich später oft bundesweit durchsetzt. Die sächsische Union hat vor Monaten eine Änderung des Asylrechts gefordert, dafür sind wir heftig kritisiert worden – inzwischen ist das alles im Bundestag beschlossen worden. Ich habe mich dafür ausgesprochen, dass wir konsequenter abschieben, inzwischen fordern das viele. Was gestern als Unverschämtheit galt, ist heute Gesetz. Es lohnt sich, der Institution der Bürger zu vertrauen, sie haben ein gutes Gespür", sagte Kretschmer "Zeit Online".

Trotz dieses Gespürs fuhr Kretschmer bei der Bundestagswahl eine bittere Niederlage ein. Bei der Bundestagswahl verlor Kretschmer ausgerechnet in seiner Heimatregion das Direktmandat gegen einen bis dato namenlosen AfD-Mann, den Malermeister Tino Chrupalla. Am Tag darauf gab er zu, wie schon seit 2002 mit einem Sieg gerechnet zu haben. In Sachsen lag die rechtspopulistische Partei, die mit bundesweit 12,6 Prozent der Stimmen erstmals in den Bundestag einzog, insgesamt mit 27 Prozent der Stimmen hauchdünn vor der Union mit 26,9 Prozent. Auch deshalb stand Tillich zuletzt erheblich unter Druck. Nun erklärte der CDU-Landeschef und Regierungschef, er wolle die Verantwortung "in jüngere Hände" übergeben.

Kronprinz und Wendekind

Seine Wahl fiel dabei auf Kretschmer, der bereits seit 2005 Generalsekretär der sächsischen Union ist. Das Präsidium der Partei stellte sich einstimmig hinter den Vorschlag. Im Dezember soll es zum Stabwechsel kommen.

Wenn Michael Kretschmer neuer Regierungschef von Sachsen wird, gehört er zu den jüngsten deutschen Politikern in diesem Amt. Auch wenn Helmut Kohl bei seinem Amtsantritt als Länderchef 39 Lenze zählte und Sigmar Gabriel erst 40 war - aktuell wäre Kretschmer mit 42 Jahren der jüngste deutsche Ministerpräsident.

Politisch gesehen ist Kretschmer so etwas wie ein Wendekind. "Für Politik begeisterten mich Freunde aus der Jungen Gemeinde, mit denen ich im Wendeherbst 1989 die Friedensgebete in Görlitz besuchte. Eine bis heute prägende Zeit", schreibt Kretschmer in seiner Biografie auf seiner Website. Tatsächlich stieg er schon mit 19 Jahren in den Politikbetrieb ein - als Stadtrat in Görlitz. Der gelernte Informationselektroniker studierte später an der Dresdner Fachhochschule Wirtschaftsingenieurwesen.

Schon lange wurde Kretschmer als Kronprinz für eine spätere Nachfolge von Ministerpräsident Stanislaw Tillich gehandelt. Kretschmer steht vor einer Mammutaufgabe. In nur zwei Jahren muss er die Union in Sachsen wieder so aufstellen, dass sie wieder stärkste Kraft im Freistaat wird und die AfD auf Abstand hält.

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