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Coronavirus: Das sind die Hoffnungsschimmer in der Krise

MEINUNGHoffnung während der Pandemie  

Es gibt Lichtblicke in der Corona-Krise

26.03.2020, 15:52 Uhr
82-jähriger Marathonläufer lässt sich von Corona nicht unterkriegen

Klemens Wittig aus Dortmund sieht sich trotz seines hohen Alters gegen eine Erkrankung durch das Coronavirus gut gewappnet. (Quelle: Reuters)

"Trotz der Coronakrise geht es mir sehr gut": 82-Jähriger Marathonläufer bleibt zuversichtlich und will auch anderen Mut machen. (Quelle: Reuters)


Die Corona-Krise hat auch Deutschland getroffen. Der Kampf gegen das Virus bestimmt den Alltag der Bevölkerung. Jeden Tag gibt es neue Berichte über Infizierte und Todesopfer. Aber es gibt auch Hoffnung.

Martin steht gedankenverloren in der Kassenschlange eines kleinen Supermarktes im Berliner Stadtteil Neukölln. Es ist noch kalt in dieser Jahreszeit, er trägt mehrere Schichten Kleidung und darüber einen dunkelgrünen Bundeswehr-Parka. Sein faltiges Gesicht wird teilweise von langen dunkelblonden Haaren, durch einen grau-blonden Dreitagebart und einer Mütze verdeckt, die sich Martin tief ins Gesicht gezogen hat. In der linken Hand hält er eine große Tüte mit einem Schlafsack, in der rechten ist die kleine Flasche Schnaps zu sehen, die er hier im Supermarkt kaufen möchte.

Die Schlange reicht durch den halben Markt, aber am Dienstagnachmittag sind gar nicht so viele Menschen zum Einkaufen gekommen. Aber die Menschen halten in der Corona-Krise Abstand voneinander, das zieht die Reihe der Wartenden in die Länge. Als Erinnerung hat der Supermarkt Zeichen auf den Boden geklebt. Auch in der Viruszeit müssen die Menschen einkaufen, aber hier soll die Ansteckungsgefahr minimiert werden.

Eine Mitarbeiterin in einem Supermarkt putzt eine Plexiglasscheibe, einen sogenannten "Spuckschutz" (Symbolbild): Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, hat die Bundesregierung das öffentliche Leben weiter erheblich eingeschränkt.  (Quelle: dpa)Eine Mitarbeiterin in einem Supermarkt putzt eine Plexiglasscheibe, einen sogenannten "Spuckschutz" (Symbolbild): Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, hat die Bundesregierung das öffentliche Leben weiter erheblich eingeschränkt. (Quelle: dpa)

Nur Martin hält sich nicht daran. Wie in der virusfreien Zeit steht er ganz selbstverständlich direkt hinter seinem Vordermann, einem jungen Mann mit Kopfhörern, der mit seinem roten Korb gerade darauf wartet, seine Einkäufe auf das Kassenband legen zu können. Als Martin noch einen Schritt näher an ihn herantritt, fängt dieser an zu schreien: "Sag mal, spinnst du? Kannst du in dieser Zeit nicht etwas Abstand halten? Bist du dumm oder lebensmüde?"

Martin antwortet nicht, nimmt seine Flasche wieder vom Band und geht mehrere Schritte von der Kasse weg. Die Menschen hinter ihm tun es ihm gleich. Wie wir später vor dem Supermarkt erfahren werden, ist Martin obdachlos, lebt schon seit fünf Jahren auf der Straße. Einen Zugang zum Internet hat er nicht, er liest auch keine Zeitung. "Ich erfahre vieles durch andere Menschen, denen ich auf der Straße begegne oder durch die Menschen in der Unterkunft, in der ich manchmal schlafe", sagt der 43-Jährige.

Die Menschen in Deutschland sind angesichts der Pandemie angespannt. Mit Recht, denn die gegenwärtige Krise darf nicht unterschätzt werden. Ängste und Existenzsorgen, gepaart mit sozialer Isolation, sind gerade ein stetiger Ballast für Teile der Bevölkerung. Sie tragen ihn mit, auf dem Weg in den Supermarkt oder in den Park. Diese Verunsicherung verankert sich im Unterbewusstsein, es ist andauernder Stress. Das lässt Situationen, wie die mit Martin im Supermarkt, schneller eskalieren. 

Diese Ängste sind das Ergebnis einer gut informierten Gesellschaft. Große Teile der Bevölkerung sind zu Hobby-Virologen geworden, die Menschen stehen jeden Morgen auf, blicken auf die Zahlen der Neuinfizierten und Verstorbenen. Das ist manchmal einseitig, denn es gibt auch Lichtblicke, die aber zu selten Erwähnung finden. Mit der folgenden Auflistung möchte ich die Gefahr durch das Virus nicht relativieren. Vielmehr möchte ich zeigen, dass es auch Hoffnung gibt und einen Blick auf einen Horizont ohne Krise:

1. Auch Zahlen können Mut machen

Das Coronavirus war den Virologen vor der Krise unbekannt, aber mit fortschreitender Pandemie erfahren Experten immer mehr über das Krankheitsbild und Staaten lernen voneinander, wie man eine schnelle Ausbreitung verhindern kann.


So machen beispielsweise die Zahlen aus Frankreich oder Südkorea Mut. Sie zeigen, dass soziale Distanz und Ausgangsbeschränkungen schnelle Wirkung erzielen können, sodass die Zahl der Neuinfektionen nicht rasant weiter ansteigt. Frankreich startete früher mit restriktiven Maßnahmen als Deutschland, die ersten Corona-Infektionen gab es im Nachbarland einen Monat früher. Trotzdem hat Frankreich 25.600 Corona-Infektionen, Deutschland über 37.323 (Stand: 26. März, 10 Uhr). Das zeigt, dass die französischen Maßnahmen wirken. 

Einige Länder machen Hoffnung: Diese Kurven zeigen die Infizierten und Genesenen weltweit. (Quelle: t-online.de)

2. Das deutsche Gesundheitssystem

Dennoch sind in Frankreich deutlich mehr Menschen am Virus gerstorben als in Deutschland (1.333:206). Das deutsche Gesundheitssystem ist ein starker Verbündeter im Kampf gegen die Pandemie. Es ist dafür vielleicht noch etwas früh für ein abschließendes Urteil, aber die Sterberaten durch das Virus ist in der Bundesrepublik im internationalen Vergleich gering und das ist auch der fortschrittlichen Behandlung, der medizinischen Ausrüstung und der guten medizinischen Forschung zu verdanken.

Dresden: Anna Heist (r.), Ärztin in Weiterbildung, und Luise Müller, Arztassistentin, sitzen in der Corona-Notaufnahme des Städtischen Klinikum Dresden im Empfangsbereich vor einem Computerbildschirm.  (Quelle: dpa)Dresden: Anna Heist (r.), Ärztin in Weiterbildung, und Luise Müller, Arztassistentin, sitzen in der Corona-Notaufnahme des Städtischen Klinikums Dresden im Empfangsbereich vor einem Computerbildschirm. (Quelle: dpa)

Wenn die Viruserkrankung einen schweren Verlauf nimmt, kann die Bevölkerung in Deutschland zumindest mit dem Bewusstsein ins Krankenhaus gehen, dass sie dort meistens gut aufgehoben ist. Natürlich gibt es auch im deutschen Gesundheitssystem Personalmangel, die Privatisierungen der letzten Jahrzehnte haben das System geschwächt und eben beim Thema Finanzierung sollte die Politik aus der aktuellen Krise lernen. Aber insgesamt fängt das deutsche Gesundheitssystem zumindest Patienten finanziell auf, während in den USA Arztbesuche oft aus Kostengründen gemieden werden.

Außerdem haben wir einen gewissen zeitlichen Vorsprung: Die Bundesrepublik hat im Vergleich zu Italien früh mit Corona-Tests angefangen, weil man durch die Ausbreitung in China, Südkorea und Italien vorgewarnt war. Durch diese frühen Tests gelang es, Menschen früher zu isolieren. Ein Lichtblick im Kampf um die Eindämmung des Virus.

3. Transparenz der Entscheidungen durch die Bundesregierung

Der Kampf gegen die Pandemie ist auch eine stetige Abwägung zwischen der Eindämmung der Krankheit und dem Beschränken individueller Freiheitsrechte. Die Bundesregierung und insbesondere Kanzlerin Angela Merkel versuchen dabei, die Bevölkerung möglichst transparent in diese Entscheidungsprozesse mit einzubinden.

Das ist richtig und wichtig, denn in der gegenwärtigen Krise kommt es auf die Handlungsbereitschaft von jedem einzelnen Bürger an. Dabei verwenden die politischen Entscheidungsträger in Deutschland aktuell eine sehr sachliche Rhetorik, es wird nicht, wie in manch anderen Ländern, eine Kriegssituation beschworen. 

Kanzlerin Angela Merkel erklärt regelmäßig auf Pressekonferenzen das Vorgehen der Bundesregierung im Kampf gegen das Coronavirus. (Quelle: Reuters)Kanzlerin Angela Merkel erklärt regelmäßig auf Pressekonferenzen das Vorgehen der Bundesregierung im Kampf gegen das Coronavirus. (Quelle: Reuters)

Die deutschen Politiker betonen deutlich den Ernst der Lage, zeigen aber auch, dass über die Beschränkung individueller Freiheitsrechte nicht leicht entschieden wird. Diese Balance ist ein großer Vorteil für die Einsicht vieler Bürger und schafft nicht noch zusätzliche Panik.

4. Die Aussicht auf einen Impfstoff

Ja, es wird in absehbarer Zeit einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben. Das ist in jedem Fall ein Lichtblick und eine Aussicht auf ein normalisiertes Leben nach der Krise. Doch wann dieser Impfstoff verfügbar sein wird, darüber sind sich Experten, Politiker und Dietmar Hopp bislang uneinig. 


Nach der Erforschung wird es darum gehen, die umfangreiche Verfügbarkeit des Impfstoffes sicherzustellen. Außerdem die Politik dafür sorgen, dass der erwartbare Ansturm darauf gebremst wird und dass Risikogruppen zuerst geimpft werden. 

5. Das Virus und die Klimakrise

Im Jahr 2019 war die Klimakrise das dominierende globale Problem, seit der Pandemie mit dem Coronavirus rückt die Klimathematik in den Hintergrund. Aber gelöst ist das Problem der Erderwärmung natürlich nicht.

Eine junge Mutter mit ihrer Tochter im Home Office während der Corona-Zeit.  (Quelle: AP/dpa)Eine junge Mutter mit ihrer Tochter im Homeoffice während der Corona-Zeit. (Quelle: AP/dpa)

Auch deswegen sollten die Gesellschaften versuchen, aus der Viruskrise auch für die Klimakrise zu lernen. Ein großer Teil der Bevölkerung organisiert gerade seinen Arbeitsalltag um, es gibt Homeoffice und kaum Mobilität mit Autos oder Flugzeugen.

Diese neuen Formen des Arbeitsalltages zeigen neue Möglichkeiten auf, was durch digitalisierte Arbeitsprozesse erreicht werden kann. Im Zuge der Klimakrise lässt sich auch durch Corona hinterfragen, wie viel Mobilität überhaupt notwendig ist. Für viele Arbeitgeber ist die Corona-Krise ein erzwungener Testlauf, der der Welt jedoch am Ende zugutekommen kann.

6. Soziale Aspekte im Fokus

Aktuell hält die Bevölkerung Abstand zueinander, minimiert ihre sozialen Kontakte. Dieses Vorgehen ist unerlässlich, um die Pandemie zu verlangsamen. Aber genau das kann die soziale Interaktion am Ende der Krise stärken.

Einerseits intensivieren gerade viele Menschen ihre bestehenden sozialen Kontakte, sprechen sich gegenseitig Mut zu. Außerdem ist unser Sozialleben ein normal selbstverständlicher Bestandteil unseres Daseins, viele Menschen hätten niemals damit gerechnet, dass dieser Teil ihres Lebens zeitweise wegbrechen könnte. Das hat natürlich psychologische und auch psychosomatische Implikationen, verursacht Stress und Unwohlsein. Aber am Ende steht die Hoffnung, dass die Menschen ihre sozialen Kontakte mehr oder noch mehr zu schätzen wissen.

Köln: Eine Straße ist menschenleer. Zur Eindämmung des Coronavirus ist auch das öffentliche Leben in der Stadt heruntergefahren. (Quelle: dpa)Köln: Eine Straße ist menschenleer. Zur Eindämmung des Coronavirus ist auch das öffentliche Leben in der Stadt heruntergefahren. (Quelle: dpa)

Krisen schweißen zusammen, das zeigt sich in Deutschland und auf der Welt vor allem daran, wie sich Menschen aktuell in der Krise gegenseitig unterstützen. Diese Solidarität, die aktuell vom Dorf bis hin in die Stadt zu beobachten ist, sollte unsere Gesellschaft als Lichtblick aus der Corona-Krise mitnehmen. 

7. Realismus

Letztlich ist es der Realismus, der der Bevölkerung helfen wird, diese Krise zu überstehen. Auf der einen Seite ist es unrealistisch, dass die Pandemie in einer Woche vorbei ist. Wir sind aktuell nicht über den Berg und eine realistische Einschätzung hilft vor falschen Erwartungen und einer Enttäuschung. 


Andererseits muss Panik immer mit Vorsicht begegnet werden. Die Situation ist ernst und der Virus gefährdet zahlreiche Leben. Aber der weitaus überwiegende Teil wird auch nach einer Corona-Erkrankung wieder gesund. Deshalb tut es gut, sich täglich die Zahl der Genesenen vor Augen zu führen. Realismus führt dazu, dass man anderen Menschen mit mehr Geduld begegnet, auch wenn sie, wie Martin im Supermarkt, bestimmte Vorschriften noch nicht verstehen. 

Eine auf Fakten basierende Sachlichkeit führt aber vor allem zu einer realistischen Einschätzung der Gefahr durch den Virus und er zeigt vor allem eines: Unsere Gesellschaften werden auch die Corona-Krise überstehen. Es liegt an den Menschen, ob wir gestärkt daraus hervorgehen. Das ist in jedem Fall ein Hoffnungsschimmer. 

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen und Beobachtungen
  • Zahlen der Johns Hopkins University
  • Aktuelle Informationen zur Corona-Krise
  • dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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