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Ausbruch bei Tönnies - Corona-Hotspot Schlachthof: Frage nach der Verantwortung

Ausbruch bei Tönnies  

Corona-Hotspot Schlachthof: Wer trägt die Verantwortung?

18.06.2020, 20:26 Uhr | Von C. Zeiher, A. Stein und J. Ratzsch, dpa

Hunderte neue Corona-Fälle in Fleischbetrieb Tönnies

Eine Fleischfabrik in Nordrhein-Westfalen ist zum Hotspot von Corona-Infektionen geworden. Beim Fleischhersteller Tönnies in Gütersloh wurden mehr als 600 Menschen positiv getestet. (Quelle: Reuters)

Gütersloh: Eine Fleischfabrik ist zum Corona-Hotspot geworden – so reagieren die Verantwortlichen. (Quelle: Reuters)


Schlachthöfe entwickeln sich zu Brennpunkten der Corona-Pandemie. Nun wird über Kühlräume diskutiert und wie sie die Virusverbreitung begünstigen könnten. Dabei sind die Zustände in der Branche schon länger fragwürdig.

Nach dem Corona-Ausbruch beim Branchen-Riesen Tönnies im Kreis Gütersloh stellen sich viele Fragen – immer lauter auch die nach der Verantwortung der Fleisch-Konzerne im Land.

Deutschlands Marktführer bei der Schlachtung von Schweinen hatte am Mittwoch einen deutlichen Anstieg der Infiziertenzahl unter den Beschäftigten in Rheda-Wiedenbrück vermeldet – auf mehr als 650. Für rund 7.000 Menschen wurde eine Quarantäne verfügt, Schulen und Kitas im Kreis wurden geschlossen. Bis zu den Sommerferien in NRW – Start 29. Juni – wird es nur eine Notbetreuung geben.

Coronavirus - Tönnies (Quelle: dpa/David Inderlied)Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter: Beim Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind seit Anfang der Woche Hunderte Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. (Quelle: David Inderlied/dpa)

Heimaturlaub als Ursache? – "Eher nicht"

Das Unternehmen Tönnies geht bislang davon aus, dass Beschäftigte das Virus etwa aus Heimaturlauben in Osteuropa mitgebracht haben könnten. Einer Expertin für Infektionskrankheiten zufolge ist es jedoch extrem unwahrscheinlich, dass Hunderte von Corona-Fällen auf Familienbesuche am Wochenende zuvor zurückgehen.

"Die Inkubationszeit beträgt im Mittel fünf Tage, sodass ein Wochenendbesuch kaum so eine große Anzahl an Personen erklären kann", sagte Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe Emerging Viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Genf.

Mitarbeiter im Schlachthaus: Beim Fleischhersteller Tönnies gibt es einen Coronavirus-Ausbruch.(Symbolbild) (Quelle: imago images/Westend61)Mitarbeiter im Schlachthaus: Beim Fleischhersteller Tönnies gibt es einen Coronavirus-Ausbruch.(Symbolbild) (Quelle: Westend61/imago images)

Kritik an Aussage von Ministerpräsident Armin Laschet

Für seinen Satz über Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien gerät NRW-Ministerpräsident Armin Laschet von der CDU unter Druck. Der hatte auf die Frage, was der Corona-Ausbruch über die bisherigen Lockerungen aussage, geantwortet: "Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren." 

Außenminister Heiko Maas bezeichnete die Äußerung als "höchst gefährlich" und in der Sache absurd. Der CDU-Politiker gieße damit "Öl ins Feuer", wie es "niemand, der verantwortliche Politik macht, tun darf". Maas forderte Laschet auf, sich zu entschuldigen: "Herr Laschet hat sich, glaube ich, bereits korrigiert. Aber ich glaube, mit einer Entschuldigung würde er sich selber den größten Gefallen tun."

Auch Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionschef im NRW-Landtag, forderte eine Entschuldigung: "Mit diesem Zitat hat sich Armin Laschet die Denke von Tönnies eins zu eins zu eigen gemacht. Das ist unterste Schublade."

Ein weiterer Faktor für die Verbreitung sollen laut Tönnies die kalten Temperaturen in den Zerlegebereichen sein. Klar ist: Temperatur und Luftfeuchtigkeit haben Einfluss darauf, wie rasch Tröpfchen verdunsten. Zudem wird Sars-CoV-2 nach derzeitigem Kenntnisstand auch über Aerosole – winzige Tröpfchenkerne aus Flüssigkeit und Partikeln wie Viren – übertragen. Wie infektiös diese unter Kühlhausbedingungen sind, lässt sich aber noch nicht sagen.

Der Ruf nach strengeren Regeln wird lauter

Bundesagrarministerin Julia Klöckner dringt angesichts des heftigen Ausbruchs auf Konsequenzen: "Hunderte von Infektionen in einem Betrieb. Diese Zustände sind nicht haltbar", sagte die CDU-Politikerin am Donnerstag. Es sei richtig, Infektionsursachen am Arbeitsplatz und in Unterkünften nun gründlich zu untersuchen.

Auch die stellvertretende SPD-Fraktionschefin im Bundestag, Katja Mast, bekräftigte Pläne für schärfere Regeln. "Wir sagen ganz klar in Richtung Fleischindustrie und an alle, die von diesem Geschäftsmodell profitieren: Wir werden so lange an dem Thema dranbleiben, bis sich substanziell etwas ändert."

Die Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben mit Subunternehmern und Sammelunterkünften mit vielen osteuropäischen Beschäftigten stehen schon lange in der Kritik. Das Bundeskabinett hatte im Mai Eckpunkte für verschärfte Arbeitsschutzvorschriften für die Fleischindustrie beschlossen. Das Gesetzgebungsverfahren steht noch aus.

Fleischhersteller Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: Das große Schlachtwerk wurde wegen der vielen positiven Corona-Tests vorübergehend geschlossen. (Quelle: dpa/David Inderlied)Fleischhersteller Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: Das große Schlachtwerk wurde wegen der vielen positiven Corona-Tests vorübergehend geschlossen. (Quelle: David Inderlied/dpa)

Die Corona-Pandemie trifft besonders die Schwachen

Der aktuelle Fall in NRW ist der größte von mehreren Aufsehen erregenden Ausbrüchen der vergangenen Tage. Erst kürzlich wurden in Berlin-Neukölln mehrere Wohnhäuser unter Quarantäne gestellt. Gleiches gilt für einen Gebäudekomplex in Göttingen mit 700 Bewohnern, wo etwa 100 neue Infektionen registriert wurden.

"Die Pandemie hat eine soziale Dimension und Schieflage, gegen die die Bundesregierung viel stärker ankämpfen muss", sagte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Die Bundesregierung muss einen Plan vorlegen, wie die wirtschaftlich Schwächsten in unserer Gesellschaft nicht zu Kranken werden."

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans sagte dem RND: "Corona ist eine riesige Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Aber es gibt keinen Zweifel, dass auch hierzulande die gesundheitlichen Risiken für Menschen mit geringerem Einkommen de facto größer sind – schon allein deshalb, weil sie in beengteren Verhältnissen leben und arbeiten."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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