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Karl Lauterbach: Das ist jetzt wichtiger für ihn als Corona


Mega-Krise im Gesundheitswesen
Traut sich Lauterbach das wirklich?


Aktualisiert am 31.10.2022Lesedauer: 6 Min.
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Gesundheitsminister Lauterbach (SPD): Experten kritisieren, er konzentriere sich zu stark auf Corona. Damit soll jetzt Schluss sein. (Quelle: IMAGO/Christian Marquardt)

Für eine Mandel-OP ins Krankenhaus? Damit könnte bald Schluss sein. Denn der Gesundheitsminister plant die größte Krankenhausreform seit der Jahrtausendwende.

Alexander Jorde bleibt ruhig, doch die Worte des 26-Jährigen sind alarmierend: "Das Problem ist inzwischen sicherheitsrelevant." Jorde ist Pfleger auf einer Intensivstation, 2017 erlangte er nach einer TV-Diskussion mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel nationale Bekanntheit als "Das Gesicht der Pflege".

Schon damals warnte Jorde vor Personalmangel, Überlastung und einer Kündigungswelle der Fachkräfte. Seither hat sich die Lage für Jorde und seine Kollegen nicht verbessert – im Gegenteil. Es fehle nun nicht mehr nur die Zeit, eine Hand zu halten. "Durch den extrem hohen Zeitdruck kommt es immer wieder zu Fehlern wie Medikamentenverwechslungen", sagt er. "Wir haben nachweislich mehr Todesfälle deswegen."

Lebensbedrohlich – so beschreibt nicht nur Jorde die Gefahr für Patienten. So beschreiben auch Dutzende Geschäftsführungen von Krankenhäusern die Lage, in der sich ihre Häuser befinden. Erst die Corona-Pandemie, nun die massiv gestiegenen Energiekosten: Deutschlands Krankenhäuser befinden sich in einer großen Krise. Es fehlen Geld und Personal. Darunter leidet die Qualität. Und dann gibt es noch das viel größere Problem: Es fehlt bisher der politische Wille, daran grundlegend etwas zu ändern.

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Nicht nur Jorde, der selbst SPD-Mitglied ist, ist zutiefst enttäuscht vom sozialdemokratischen Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der bei seinem Amtsantritt für viele die Hoffnung auf bessere Zeiten verkörperte – nicht zuletzt, weil er als Mediziner selbst tiefe Einblicke in das Gesundheitssystem besitzt. "Ich habe von Herrn Lauterbach deutlich mehr erwartet", sagt Jorde. "Das Gesundheitssystem ist kaputt, es muss strukturell verändert werden – ganz unabhängig von Corona."

Lauterbach verspricht "größte Krankenhausreform" der letzten 20 Jahre

Nach verzweifelten Hilferufen und massiver Kritik aus den Krankenhäusern in den vergangenen Wochen sieht das auch Lauterbach inzwischen so. Er hat das Thema weit oben auf die Agenda seines Ministeriums gesetzt. Vor Kurzem kündigte er "die größte Krankenhausreform der letzten 20 Jahre" an. Eine Kommission mit 16 Mitgliedern soll Lösungen vorschlagen. Und bloß nicht klein denken.

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Denn Lauterbach will das sogenannte Fallpauschalen-System überwinden. Danach bekommt ein Krankenhaus für eine bestimmte Operation einen fixen Betrag, unabhängig davon, wie lange der Patient bleibt. Das System gilt unter Experten inzwischen als Mutter vieler Probleme. Als es 2003 eingeführt wurde, sollte es dagegen die Lösung für fast alle Probleme sein. An der damaligen Einführung beteiligt war auch ein Gesundheitspolitiker namens Karl Lauterbach.

Lauterbach reformiert also Lauterbach. Die Hoffnungen in den Krankenhäusern sind entsprechend groß. Allerdings gilt das auch für die Skepsis gegenüber der Politik. Wird sie tatsächlich endlich wagen, was überfällig ist? Den ganz großen Wurf?

Denn aus Sicht der Branche braucht es nicht weniger als eine Revolution, um die Gesundheitsversorgung in Deutschland sicherzustellen. Und den Mut zu Schritten, die auch für Patienten große Veränderungen bringen. Notwendig ist aus Sicht von Experten nicht nur eine neue Form der Finanzierung und eine konsequente Digitalisierung, sondern auch eine sehr viel stärkere Hinwendung zu ambulanten Behandlungen sowie die Schließung von Krankenhäusern.

All das bietet nicht nur politischen Gesprächs-, sondern Sprengstoff. Und es würde für Patienten eine große Umstellung bedeuten. Schließlich wird in Deutschland deutlich mehr stationär behandelt als in vielen anderen Ländern Europas.

Kanzler-Bruder fordert: mehr Ambulanz, weniger Krankenhäuser

Ein Beispiel: Wem die Mandeln entfernt werden, der verbringt in Deutschland im Schnitt vier Tage im Krankenhaus. In Zukunft, so Experten, solle der Patient gleich nach der Operation wieder nach Hause geschickt werden – sofern er ansonsten gesund ist und ein Angehöriger nach ihm sehen kann. In anderen Ländern ist das schon lange üblich.

Ähnliches ist denkbar bei einer ganzen Reihe von weniger invasiven Eingriffen. Die Belastung für Ärzte und Pflegekräfte in den Krankenhäusern würde so gesenkt, genauso wie die Zahl der benötigten Betten.

"Mit einer stärkeren Ambulantisierung und dem Mut der Länder, unnötige Krankenhäuser zu schließen und Leistungen in Zentren zu konzentrieren, ließen sich erhebliche Personalressourcen heben", sagt Jens Scholz t-online. Er ist der Bruder von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und weiß sehr genau, wovon er redet. Denn der Anästhesiologe ist der Chef des Uniklinikums in Schleswig-Holstein, das mit 2.600 Betten und 15.000 Mitarbeitern eines der größten Krankenhäuser bundesweit ist.

Krankenhäuser schließen? Eine heikle Mission für Politiker

Zunächst müsse das Finanzierungssystem stärker nach den unterschiedlichen Formen der Versorgung und Verantwortlichkeit der Krankenhäuser ausdifferenziert werden, sagt Scholz. Bei den Häusern, die danach "unterausgestattet" sind, sei eine Bilanz nötig: Braucht es das Krankenhaus tatsächlich? Bei solitären Häusern im ländlichen Raum sei es meistens sinnvoll, sie zu erhalten, sagt Scholz. Bei kleineren Häusern in Ballungsräumen müsse man aber genau prüfen, ob es sie wirklich brauche.

Ein Krankenhaus zu schließen, ist politisch eine heikle Mission. Oft nutzen Kommunalpolitiker die Häuser als Werbung gegenüber der Bevölkerung und Wirtschaft. Scholz fordert schon jetzt: "Die Länder müssen sich hier ehrlich machen." Jeder Politiker, "der mit seinem Kreiskrankenhaus auf Wählerstimmenfang gegangen ist", könne sich dann immerhin mit einem Fingerzeig auf die Reform aus Berlin herausreden, weil dort die Spielregeln geändert worden seien.

Vorbild Dänemark?

Wie groß der gesellschaftliche und politische Widerstand sein kann, hat die dänische Regierung gerade erfahren. Auch sie kämpft, wie fast alle Länder in Europa, mit einer immer älteren und pflegebedürftigeren Bevölkerung, explodierenden Kosten und einem Fachkräftemangel im medizinischen Bereich. Deswegen hat sie bereits 2007 eine radikale Krankenhausreform angestoßen. Erst 2025 soll sie beendet sein – ein Zeichen dafür, wie komplex das Vorhaben ist.

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18 Krankenhäuser wurden geschlossen, Leistungen werden stattdessen in sechs großen Klinikzentren, sogenannten "Super-Krankenhäusern" gebündelt. Ambulanzen übernehmen kleinere bis mittelschwere Erkrankungen und die Nachbehandlung nach schweren Eingriffen.

"Es gab in den Regionen, in denen Krankenhäuser geschlossen wurden, einen öffentlichen Aufschrei", sagt Signe Smith Jervelund t-online. Sie ist Professorin für Public Health an der Universität in Kopenhagen und Herausgeberin des skandinavischen "Journal of Public Health". Für die Bevölkerung wie die Lokalpolitik sei ein Krankenhaus in der Nähe wichtig. "Es verleiht Sicherheit und macht stolz."

Personalmangel bleibt auch in Dänemark "potenzielle Bombe"

Trotz des Widerstands zieht die Expertin aber eine vorsichtig positive Bilanz: "Ersten Auswertungen zufolge ist die Qualität der Versorgung durch die Zentralisierung gestiegen." Für sie sei das der wichtigste Faktor. Für andere Bereiche – zum Beispiel die Finanzierung – sei es noch zu früh, ein Urteil zu fällen. Manche der Super-Krankenhäuser befinden sich schließlich noch im Bau oder werden gerade erweitert.

Smith Jervelund warnt aber schon jetzt: Noch lange nicht seien mit der Reform alle Probleme gelöst. "Der Fachkräftemangel bleibt weiter eine potenzielle Bombe, besonders in der Pflege leiden wir sehr darunter." Selbst wenn durch die Zentralisierung in Super-Krankenhäusern Arbeit und Stellen eingespart würden, es bleibt zu wenig. "Es wollen einfach zu wenige in der Pflege arbeiten."

"Gibt es Angehörige, die sich kümmern?"

In Deutschland ist dieses Problem vielen bewusst. Henriette Neumeyer, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, pocht auch deswegen darauf, dass die von Lauterbach angestrebte Reform für die Angestellten auf den Stationen in der Umsetzung "so schlank wie nur möglich" sein müsse. "Sie darf dem medizinischen und pflegerischen Personal keinesfalls noch mehr Arbeit aufbürden, als es ohnehin schon zu stemmen hat", sagte Neumeyer t-online.

Neumeyer ist zu großen Änderungen in ihrer Branche bereit, sie hält die Ambulantisierung für notwendig und plädiert sogar für die Schließung von Krankenhäusern – ungewöhnlich für einen Krankenhausverband. Gerade wegen ihrer möglichen Radikalität müsse die Reform aber klug durchdacht und gut strukturiert sein, warnt sie.

Das Wohl der Patienten müsse dabei im Fokus stehen und auch stark nach sozialen Faktoren entschieden werden. Bei der Ambulantisierung beispielsweise stelle sich die Frage: "Kann das Umfeld des Patienten eine Nachbehandlung überhaupt leisten? Gibt es Angehörige oder mobile Dienste, die sich kümmern?", fragt Neumeyer. "Sonst laufen wir Gefahr, dass die Menschen nach ein paar Tagen schlecht versorgt wieder vor unseren Türen stehen."

"Die Kommission darf sich nicht einigeln"

Neumeyer will nicht zu früh urteilen, wie so viele beobachtet sie die Arbeit der 16-köpfigen Kommission aber skeptisch. "Die Herausforderung, alle Impulse der letzten Jahre aufzunehmen, ist gewaltig – und die Kommissionsmitglieder widmen sich ihrer Aufgabe nicht in Vollzeit", sagt sie.

Zu kurz kommt ihr bisher die Einbeziehung von Patienten und medizinischem Personal. "Die Kommission darf sich nicht einigeln, man sollte die Menschen lieber einmal zu viel als einmal zu wenig beteiligen." Denkbar seien Workshops oder Feedbackformate für Angestellte und Patienten in der praktischen Arbeit, immer gerichtet auf die Fragen: "Was wird tatsächlich gebraucht? Was ist erwünscht?"

Klar ist schon jetzt: Lauterbachs Weg zu einer nachhaltigen Reform ist noch weit.

Verwendete Quellen
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