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FDP: Hat Christian Lindner seine beste Zeit bereits hinter sich?

Jungpolitiker treten aus dem Lindner-Schatten  

Kippt der liberale König?

14.05.2021, 16:26 Uhr
FDP: Hat Christian Lindner seine beste Zeit bereits hinter sich?. Christian Lindner bei einer Pressekonferenz: Wie stark lässt der Parteichef andere neben sich glänzen? (Quelle: imago images)

Christian Lindner bei einer Pressekonferenz: Wie stark lässt der Parteichef andere neben sich glänzen? (Quelle: imago images)

FDP = Christian Lindner und sonst fast nichts. Diese Gleichung gilt zwar noch immer. Doch zunehmend stellen Nachwuchspolitiker die Dominanz des Chefs infrage. Womöglich hat Christian Lindner seine beste Zeit bereits hinter sich.

In diesen Tagen blickt manch einer in der FDP-Bundestagsfraktion fast glückselig ein Jahr zurück. Denn im Mai 2020 kippte in den höchsten liberalen Führungszirkeln die Stimmung. Und das war gut so, wie viele heute noch finden.

Die FDP hatte zu Beginn der Pandemie die Corona-Politik von Bund und Ländern fast staatsmännisch mitgetragen. Ein führendes Mitglied der Partei sagt: "So konnte es nicht weitergehen, der Parteichef hatte zu lange gezaudert. Wir beschlossen, als Opposition endlich unser Profil wieder zu schärfen."

Und das Profil wurde dann auch fleißig geschärft. Ab dem Frühsommer nahm die Kritik der FDP immer stärker zu: Ob in den Talkshows oder in Zeitungsinterviews von Abgeordneten – überall wurde die Bundesregierung nun kritisiert.

Manche sagen, Christian Lindner musste zu diesem Kurswechsel gedrängt werden. Es war deshalb auch ein Sieg wichtiger Indianer über den Häuptling. In der Politik kommt so etwas nicht häufig war.

Deshalb war der Corona-Schwenk auch ein erstes Indiz dafür, dass sich in der Partei ein Umbruch anbahnt: Lindner, der die FDP aus der außenparlamentarischen Opposition in den Bundestag zurückführte und deshalb lange als Star gefeiert wurde, ist nicht mehr der unangreifbare Chef, dem keiner zu widersprechen wagt. 

Partei steht so gut da wie lange nicht

Inzwischen, ein Jahr später, steht die FDP so gut da wie lange nicht. In den Umfragen liegen die Liberalen bei zehn bis zwölf Prozent. Beim anstehenden – Corona-bedingt digitalen – Bundesparteitag am Wochenende soll das Wahlprogramm verabschiedet werden. Die Kernpunkte: Die FDP will keinerlei Steuererhöhungen und mit einem Förderprogramm für die Wirtschaft sollen allerlei Arbeitsplätze gerettet werden.

Wer in diesen Tagen mit den Funktionären der Partei spricht, erlebt lauter gut gelaunte Liberale. Es werde der Sommer der FDP, das ist die fast schon übermütige Parole. 

Hinter dieser fröhlichen Fassade hat ein Umbauprozess der Partei begonnen. Und der hat viel mit ihrem Vorsitzenden zu tun: Es heißt nicht nur von Kritikern, Lindner habe die FDP vor wenigen Jahren so zentralistisch auf sich ausgerichtet wie der Barockkönig Ludwig der XIV. seinen Hofstaat. Immer mehr Leute in der FDP sehen inzwischen eine Gefahr in der Übermacht des Chefs. Gerät er ins Wanken, droht er die ganze Partei mit in den Abgrund zu ziehen. Diesem Risiko wollen sich immer weniger Liberale aussetzen.

Ende einer Talfahrt? Die Umfragewerte der FDP im Verlauf der letzten Monate. (Quelle: Heike Aßmann für t-online)Ende einer Talfahrt? Die Umfragewerte der FDP im Verlauf der letzten Monate. (Quelle: Heike Aßmann für t-online)

Während der nun fast vier Jahre zurück im Bundestag treten zunehmend andere Personen aus dem Lindner-Schatten ins Licht. Unter ihnen sind die Rollen klar verteilt, jeder beackert ein unterschiedliches Themengebiet. Ihr Plan: Sie wollen die FDP als drittgrößte politische Kraft etablieren. Zwar hinter Union und Grünen, aber vor der SPD. Ob sie erfolgreich sind, hängt auch davon ab, ob der Parteichef den Umbauprozess bremst oder beschleunigt. 

Der Aufstieg der bisherigen Schattenmänner hinter Lindner zeigt sich an niemandem so deutlich wie an Johannes Vogel. Der 39-Jährige ist Generalsekretär der FDP in Nordrhein-Westfalen und sitzt für die Partei im deutschen Bundestag. Er will sich beim Parteitag zu einem der Vizechefs von Lindner wählen lassen – und hat sehr gute Chancen. Er wäre dann im obersten Zirkel der Partei angekommen.

Johannes Vogel: Der arbeitspolitische Sprecher der FDP will seine Partei auch nach links öffnen. (Quelle: imago images)Johannes Vogel: Der arbeitspolitische Sprecher der FDP will seine Partei auch nach links öffnen. (Quelle: imago images)

Vogel ist jugendlich, dynamisch, ehrgeizig. Wenn er öffentlich auftritt, suchen seine Augen im Publikum immer einen Fixpunkt. Wie ein Panther, der bereit ist zum Sprung. Vogel wirkt dabei wie ein Bilderbuch-Liberaler. Doch sein Kerngebiet ist die Arbeitsmarktpolitik. In der Aufteilung zwischen den Nachwuchspolitikern ist er der Mann, der Grünen und SPD die Stimmen abjagen soll. Im Gespräch mit t-online sagt er: "Die Corona-Pandemie war gewissermaßen der Einbruch von Politik in den ganz normalen Alltag der Bevölkerung. Darin liegt auch eine Chance: Ich glaube, dass die Menschen in den letzten Jahren politisch nie interessierter waren als jetzt."

Diese Chance will Vogel so nutzen: Die FDP soll sich als Partei beweisen, die eben nicht nur für die oft bemühten Zahnärzte und Anwälte Politik macht. Gerade in der Krise, glaubt Vogel, könne die FDP ihr Versprechen vom Aufstieg für jedermann erneuern. Vogel möchte auch diejenigen erreichen, die früher intern als "Arbeiterklasse" bezeichnet wurden. Er will die FDP vom Image der kaltherzigen Kapitalistenpartei befreien und schließt deshalb auch eine Ampelkoalition im Bund nicht aus. Mit der SPD wird es nicht angenehm, aber so schlimm ist es auch nicht.

Für jemanden wie Vogel war die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten von Thüringen ein Desaster. Wieder stand dort das Bild der konservativen FDP mit weit geöffneter Flanke nach rechts. In seinem Umfeld ist man froh, dass die Pandemie solche lästigen Fehltritte verdrängte. 

Johannes Vogel verbindet eine enge politische Achse mit Konstantin Kuhle. Er ist der zweite Politiker, der zunehmend ins öffentliche Licht rückt. Auftritte in den "Tagesthemen" inklusive. In der Partei munkelt mancher, die beiden jungen Liberalen hätten einen politischen Nichtangriffspakt geschlossen: Man fördert sich gegenseitig – aber wohl nur so lange, bis einer von ihnen wirklich an die Spitze will.

Konstantin Kuhle im Bundestag: Der 32-Jährige will die FDP für Unionswähler attraktiv machen. (Quelle: imago images/Christian Spicker)Konstantin Kuhle im Bundestag: Der 32-Jährige will die FDP für Unionswähler attraktiv machen. (Quelle: Christian Spicker/imago images)

Der 32-jährige Kuhle kommt aus Göttingen, hat Jura studiert und steht für das diametral gegenüberliegende politische Themenfeld: Wo Vogel für die Partei nach SPD-Wählern Ausschau hält, ist Kuhle – trotz liberaler Positionen – auf der Suche nach ehemaligen Unions-Sympathisanten. Er ist innenpolitischer Sprecher der Fraktion – und die Innenpolitik ist ein weites Feld. Deshalb hat Kuhle oft etwas zu sagen. 

Dass die Union sich in ihrem Führungsstreit um die Kanzlerkandidatur fast zerlegte, wurde im Lager um Kuhle mit Hochgenuss zur Kenntnis genommen. Er sagt: "Wir dürfen das Thema innenpolitische Sicherheit nicht der Union überlassen. Ich mache mich dafür bereits seit Jahren stark und glaube, dass auch dort der liberale Ansatz vieles zu bieten hat."

Kuhle wirkt im persönlichen Umgang sympathisch, nett und zurückhaltend. Doch seine Sprache ist klar: "Was die große Koalition da als sogenanntes 'Einwanderungsgesetz' verabschiedet hat, ist ein Witz. Die wissen ja selbst nicht einmal, wie viele Leute mittlerweile eingewandert sind." Wenn es nach Kuhle geht, dann gibt es ab diesem September Koalitionsverhandlungen über ein Jamaika-Bündnis. Nur dieses Mal, wird intern versichert, werde auch sicher regiert. 

Kuhle und Vogel haben das politische Parteienspektrum unter sich aufgeteilt. Doch in der FDP werden noch andere politische Figuren immer sichtbarer. Eine von ihnen ist Gyde Jensen. Die 31-Jährige sagt über sich selbst, sie sei eine Feministin. Wenn Wolfgang Kubicki für die alte Macho-FDP steht, repräsentiert Jensen die verjüngte, emanzipierte Partei. Obwohl sie ausgerechnet Kubicki gern als ihr politisches Vorbild nennt. 

Gyde Jensen: Die 31-Jährige bezeichnet sich als Feministin. (Quelle: imago images/Future Image)Gyde Jensen: Die 31-Jährige bezeichnet sich als Feministin. (Quelle: Future Image/imago images)

Jensen ist die jüngste Vorsitzende eines Ausschusses im Deutschen Bundestag und sagt: "Dass ich Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe geworden bin, zeigt auch etwas für die FDP: Wir wollen nicht nur bessere Aufstiegschancen in Deutschland, sondern haben auch einen klaren Kompass für die Außenpolitik." Das Themenfeld der Partei soll somit noch breiter werden: Jensen steht für den Feminismus in der FDP und gleichzeitig die Außenpolitik.

In Gyde Jensen spiegelt sich die Sehnsucht der Partei, möglichst ein umfassendes Angebot an den Wähler zu machen. Wo Kuhle und Vogel noch um innenpolitische Debatten ringen, weitet Jensen den Blick und macht gern auf die Probleme der Rolle Deutschlands in der Welt aufmerksam. 

So lautet auch der Plan für die Zukunft. Nur: Kann das gutgehen?

Der Grat, den die drei jungen Politiker der Liberalen beschreiten, ist schmal: Einerseits wollen sie mit ihren fachpolitischen Ansätzen punkten. Andererseits wird Politik vor allem über Personen wahrgenommen: Und der mit Abstand bekannteste und auch populärste Kopf der FDP ist weiterhin Lindner. 

Wie viel Macht sie bekommen, liegt in Lindners Hand

Klar ist: Weder Vogel noch Kuhle oder Jensen wollen den Chef aktiv beschädigen. Doch je größer ihr Einfluss wird, desto mehr schwindet der des Parteichefs. Schon gibt es erste Forderungen in der Partei, Lindner möge künftig nicht zusätzlich zum Amt des Parteichefs auch noch Fraktionsvorsitzender sein. Einer von den drei Nachwuchskräften könnte den Posten stattdessen übernehmen. Doch wie viel Macht die neuen Strategen der FDP tatsächlich bekommen, liegt in der Hand des Vorsitzenden.

In der FDP hofft man nun erst mal, dass die Pandemie langsam endet. Denn monatelang hatten die Liberalen mit dem Vorwurf zu kämpfen, auf Bundesebene jene Maßnahmen zu kritisieren, die sie in einzelnen Landesregierungen dann doch umsetzten. Durch die Bundesnotbremse sind nun wieder mehr Zuständigkeiten bei der Kanzlerin angesiedelt, und die FDP ist raus aus ihrer Zwickmühle. 

Die Partei hatte schon immer eine nicht allzu große Kernwählerschaft. Auch die aktuelle Lage ist deshalb volatil. Für die FDP kann die Wahl gar nicht schnell genug kommen, egal ob Grüne oder die Union sie gewinnen.

Intern heißt es nur, sowohl Armin Laschet als auch Annalena Baerbock bräuchten ja Koalitionspartner. Mindestens einen, vielleicht sogar zwei. Die jungen Politiker um Vogel, Kuhle und Jensen hoffen auf Letzteres.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche

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