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Der unwahrscheinliche Herr Klingbeil

  • Johannes Bebermeier
Von Johannes Bebermeier

Aktualisiert am 06.11.2021Lesedauer: 6 Min.
Lars Klingbeil: Er wird wohl SPD-Chef.
Lars Klingbeil: Er wird wohl SPD-Chef. (Quelle: Political-Moments/imago-images-bilder)
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Lars Klingbeil wird wohl SPD-Chef. Vor Kurzem h├Ątte er das selbst nicht f├╝r m├Âglich gehalten ÔÇô und seine internen Kritiker schon gar nicht. Wie hat er das geschafft?

In der L├╝neburger Heide ist Lars Klingbeil schon l├Ąnger ein Star. Es ist Mitte September, noch anderthalb Wochen bis zur Wahl. F├╝r Klingbeil reiht sich gerade Termin an Termin an Termin. In einem Caf├ę macht er so etwas wie eine Pause f├╝r SPD-Generalsekret├Ąre im Endspurt: Er gibt zwei Journalisten ein Interview. Immerhin bestellt er einen Minztee.


Ampelkoalition: Das sind die Minister und Ministerinnen

Olaf Scholz wurde zum Kanzler der Ampelregierung gew├Ąhlt und f├╝hrt das neue Bundeskabinett damit an. Vor B├Ąrbel Bas (SPD), Bundestagspr├Ąsidentin, legte der 63-J├Ąhrige den Amtseid f├╝r seine erste Amtszeit ab.
Wolfgang Schmidt, 51 Jahre, wird Kanzleramtsminister. Er galt schon vorher als aussichtsreichster Kandidat f├╝r das Amt. Er ist Scholz' engster Vertrauter.
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Soll ja beruhigend wirken.

Doch nach einer dreiviertel Stunde ist schon wieder Schluss mit Beruhigung, Klingbeil verabschiedet sich, der n├Ąchste Termin, so ist das eben, st├Ąndig auf Zack. So sehr, dass der Kellner seinen gro├čen Moment verpasst. "Ist Herr Klingbeil schon weg?", fragt der Mann mit h├Ąngenden Schultern. Er wollte doch noch ein Handyfoto mit ihm machen, f├╝rs Internet.

Aber Pustekuchen, zu sp├Ąt. Klingbeils Karriere als Werbegesicht f├╝r ein Caf├ę ist vorbei, bevor sie ├╝berhaupt begonnen hat. Man kann nicht alles haben. Wenige Monate und eine Bundestagswahl sp├Ąter sind seine professionellen Aussichten trotzdem nicht so schlecht: Lars Klingbeil wird wohl SPD-Chef.

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Dabei haben ihm selbst in der eigenen Partei lange Zeit viele abgesprochen, ├╝ber die notwendige Durchsetzungsf├Ąhigkeit f├╝r die Spitzenpolitik zu verf├╝gen. Bei Klingbeil ist es ├Ąhnlich wie bei anderen Menschen, die irgendwie immer gut gelaunt, stets nahbar und chronisch verbindlich daherkommen: Man untersch├Ątzt sie leicht. Doch Parteichef wird niemand, der ab und zu mal sch├╝chtern die Hand hebt.

Klingbeils "traurige Augen"

Dass Klingbeil mit seinen 43 Jahren nun bald oben angekommen ist, war trotzdem lange nicht absehbar. Noch vor wenigen Monaten wurde er f├╝r seine Arbeit von Parteifreunden hart angegriffen. Und zwar in einer SPD, die sich ├Âffentliche Totenstille verordnet hatte. Quasi als letzten Weg, um die Partei irgendwie am Leben zu erhalten.

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Doch Ende April reicht es dem rheinland-pf├Ąlzischen SPD-Chef Roger Lewentz mit der Totenstille. In der "S├╝ddeutschen Zeitung" beklagt er sich lautstark: "Wir verpassen gerade den Wahlkampfstart und handeln uns einen R├╝ckstand ein, der dann sp├Ąter nicht mehr aufzuholen ist." Der Schuldige aus seiner Sicht: Lars Klingbeil, Generalsekret├Ąr, und damit in der traditionellen Parteienlogik f├╝r Attacken auf den Gegner zust├Ąndig.

Die SPD ist zu dieser Zeit in den Umfragen bei 15 Prozent erstarrt und wird das noch eine ganze Weile bleiben. Erfahrene Wahlk├Ąmpfer der alten Schule werden hinter vorgehaltener Hand deshalb noch sehr viel deutlicher: Die SPD-Spitze stehe gar nicht auf dem Platz, der Generalsekret├Ąr sei kaum erkennbar. Wenn der "mit seinen traurigen Augen vor den Kameras steht", dann sei klar: "Das ist kein Angreifer."

Blo├č kein "potentes Getue"

Zu wenig Attacke, zu stromlinienf├Ârmig, und ├╝berhaupt und sowieso: viel zu soft. Es ist eine Kritik, die Klingbeil kennt, weil sie ihn schon lange begleitet. Doch sie scheint ihn nicht sonderlich zu bewegen. Dieses "potente Getue", dieses "auf andere andauernd draufzutreten, ist ein v├Âllig antiquiertes Politikmodell, letztes Jahrhundert", hat er der "Zeit" einmal gesagt.

Das ist ein bisschen lustig, weil Klingbeil sich im Wahlkampf nun wirklich nicht gerade zur├╝ckh├Ąlt. Der Union wirft er quasi in jedem Interview vor, eine "Chaostruppe" zu sein, im "puren Panikmodus" und "einfach kaputt". Seine Kritiker scheinen das nur nicht mitzubekommen. Vielleicht weil er nie laut dabei wird. Oder es sind wirklich die "traurigen Augen", wer wei├č das schon.

Lars Klingbeil: Olaf Scholz' Mann f├╝r den Zusammenhalt.
Lars Klingbeil: Olaf Scholz' Mann f├╝r den Zusammenhalt. (Quelle: Florian Gaertner/photothek.de/imago-images-bilder)

In Wahrheit aber meint Klingbeil mit dem "potenten Getue" nicht zuletzt den Umgang in der SPD selbst. Denn so solidarisch sich die Genossen die Gesellschaft auch ertr├Ąumen ÔÇô ihre eigene Partei glich bisher nur selten einem Bullerb├╝. Klingbeil will das anders, und nach allem, was man h├Ârt, macht er es auch anders.

Modern statt Macho. Beteiligung statt Basta. Freundlich statt frustriert.

In einer SPD, die sich jahrelang selbst zerfleischt hat und des eigenen Frusts ├╝berdr├╝ssig ist, wird moderner F├╝hrungsstil zu einer St├Ąrke und ist keine Schw├Ąche mehr. Die Gesellschaft hat sich gewandelt und die SPD mit ihr. Auch weil die Partei oft genug vor dem Abgrund stand und sich wandeln musste, um ├╝berhaupt noch eine Chance zu haben. Die Voraussetzungen waren also gut, zumindest was das angeht. Aber von allein funktioniert Modernisierung eben auch nicht, Klingbeil und andere haben darauf hingearbeitet.

Er hat sich gewisserma├čen selbst den Weg an die Spitze bereitet.

"Manche sagen, das ist Gerdgas"

Was an einem Abend Mitte September in der Stadthalle von Walsrode passiert, ist deshalb nicht ganz frei von Ironie. Lars Klingbeil hat Gerhard Schr├Âder f├╝r einen Auftritt in seinen Wahlkreis eingeladen. Ausgerechnet ihn. Denn breitbeiniger als beim Altkanzler geht's in der SPD des Jahres 2021 kaum mehr.

"Ein anderer Typus Politiker aus einer anderen Zeit", so hat Klingbeil Schr├Âder einmal beschrieben. Das wiederholt er in Walsrode zwar nicht. Er erw├Ąhnt aber freim├╝tig, dass er als Sch├╝ler gegen die Bildungspolitik des damaligen Ministerpr├Ąsidenten demonstriert hat. Das Motto: "Sch├╝ler immer bl├Âder dank Gerhard Schr├Âder". Sp├Ąter arbeitete Klingbeil in dessen Wahlkreisb├╝ro. Heute nennt er Schr├Âder einen Freund.

Daran ├Ąndert auch nichts, dass der Altkanzler in Walsrode partout nicht die Botschaften aufsagen will, die Klingbeil ihm vorher aufgetragen hat. Stattdessen scherzt Schr├Âder ├╝ber seinen Job als Putins Erdgas-Lobbyist ("Manche sagen, das ist Gerdgas") und ├╝ber die Bedeutung von Wahlprogrammen ("Ich habe nicht mal jedes Programm gelesen, an dem ich angeblich mitgearbeitet habe").

Es sind nicht ganz die Botschaften des Lars Klingbeil. Der erz├Ąhlt gerne die Geschichte von der SPD, die sich durch die Arbeit am Wahlprogramm mit sich selbst vers├Âhnt habe. Der Abend ist ein Ausflug ins Gestern, aber einer, der sein Publikum findet und somit auch Klingbeil hilft. Also l├Ąsst er Schr├Âder einfach Schr├Âder sein. Und nimmts mit Humor.

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Man kann das r├╝ckgratlos finden. Oder politisch klug.

Der Mann, der mit K├╝hnert und mit Schr├Âder kann

Irgendeine Ebene findet Klingbeil mit praktisch jedem. Es ist die Qualit├Ąt, die eigentlich alle an ihm sch├Ątzen: zwischen den unterschiedlichsten Menschen und Positionen vermitteln zu k├Ânnen. Mit dieser F├Ąhigkeit gelingt ihm auch das Kunstst├╝ck, nicht nur den Basta-Altkanzler zu seinen Freunden zu z├Ąhlen, sondern auch die linke Nachwuchshoffnung Kevin K├╝hnert. Also zwei Genossen, die sich inhaltlich nicht ferner stehen k├Ânnten ÔÇô und die sich ganz nebenbei nicht ausstehen k├Ânnen.

Lars Klingbeil und Kevin K├╝hnert: Unwahrscheinliche Gef├Ąhrten.
Lars Klingbeil und Kevin K├╝hnert: Unwahrscheinliche Gef├Ąhrten. (Quelle: Mauersberger/imago-images-bilder)

Klingbeil selbst ist nicht gerade der nat├╝rliche Verb├╝ndete eines Kevin K├╝hnert. Er geh├Ârt dem rechten SPD-Fl├╝gel an, dem Seeheimer Kreis. K├╝hnert haben die Seeheimer lange Zeit nicht mal zu ihren Wahlpartys eingeladen. Das Verh├Ąltnis zwischen K├╝hnert und Klingbeil k├Ânnte theoretisch auch einem Fl├╝gelkampf in Miniatur gleichen. Stattdessen hat Klingbeil einmal gesagt: "Unsere Freundschaft hat dazu beigetragen, dass die SPD ihre Zerrissenheit ├╝berwinden konnte."

Und das ist vermutlich nicht mal so ├╝bertrieben, wie es klingt.

Denn es waren zwar die beiden Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, die mit ihrem unpr├Ątenti├Âsen Vorschlag, ihren einstigen Gegner Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten zu machen, den Wahlerfolg begr├╝ndet haben. Klingbeil aber war derjenige, so sehen es viele, der mit seiner vermittelnden Art die n├Âtige Geschlossenheit organisiert hat. Schon weil er die Befindlichkeiten an der Spitze l├Ąnger kennt.

Es war Martin Schulz, der den bis dahin gesch├Ątzten, aber eher unbekannten Fachpolitiker Klingbeil nach der katastrophalen Wahl 2017 zum Generalsekret├Ąr machte. Ihm sei versprochen worden, eine Oppositionspartei zu ├╝bernehmen, scherzt Klingbeil noch heute manchmal. Die Partei abseits der Regierung zu modernisieren, das war der Plan. Es kam anders.

Klingbeil musste pl├Âtzlich die n├Ąchste ungeliebte gro├če Koalition mitverhandeln. Zwei Jahre sp├Ąter dann erlebte er mit, wie die Partei ihre Chefin Andrea Nahles abs├Ągte. Er organisierte die Nachfolge, einen endlosen Mitgliederentscheid, an deren Ende schon wieder eine ├ťberraschung f├╝r viele Genossen wartete: Esken und Walter-Borjans wurden es, und nicht der Funktion├Ąrsfavorit Scholz. Doch auch mit ihnen fand Klingbeil eine Ebene. Nat├╝rlich.

Zwei schwierige Aufgaben

Bald wird es mehr noch als sonst an Klingbeil sein, ├ťberraschungen zu vermeiden. B├Âse ├ťberraschungen jedenfalls. Anfang Dezember wird ein Parteitag das neue F├╝hrungsduo w├Ąhlen. Saskia Esken will anders als Norbert Walter-Borjans weitermachen, nachdem sie l├Ąngere Zeit auch mit einem Ministeramt gelieb├Ąugelt hatte.

Auf Klingbeil und Esken warten gleich zwei schwierige Aufgaben: Sie m├╝ssen die Partei zusammenhalten, die zu verarbeiten hat, dass sie auch in einer Ampelregierung l├Ąngst nicht so viel durchsetzen kann, wie sie gerne durchsetzen w├╝rde. Ohne Konflikte d├╝rfte das kaum ablaufen.

Und sie m├╝ssen die Partei f├╝r j├╝ngere W├Ąhlerschichten attraktiver machen. Denn bei denen kam die SPD trotz ihres guten Gesamtergebnisses bei der Wahl ziemlich schlecht an. Was umso alarmierender ist, weil sich die SPD durchaus um sie bem├╝ht hat. Klingbeil vorneweg ÔÇô mit wenig Erfolg.

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Gut m├Âglich also, dass Lars Klingbeil auch k├╝nftig den einen oder anderen Minztee gebrauchen kann. Ruhiger jedenfalls d├╝rfte es f├╝r ihn nicht werden.

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Von Annika Leister
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