Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Gruselig!

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 31.01.2020Lesedauer: 7 Min.
London: In der City herrschte in der Nacht auf Freitag eine ambivalente Stimmung.
London: In der City herrschte in der Nacht auf Freitag eine ambivalente Stimmung. (Quelle: F. Harms)
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Good morning from London, liebe Leserinnen und Leser,

merkw├╝rdige Stimmung hier, in dieser gro├čartigen Stadt.

WAS WAR?

Ankunft am Abend. Vor der Passkontrolle in Heathrow standen die Flugg├Ąste wie immer brav in der Schlange, in Downtown pulsierte das Partyleben, in Westminster wurden die B├╝rgersteige schon hochgeklappt, die BBC sendete Kochshows und Vogelfilme. Piep-piep. Wahnsinnig gew├Âhnlich, das alles. Aber schaute man in die sozialen Medien, las man die Kolumnen in den Zeitungen, fragte man die Leute in den Buchl├Ąden oder Clubs, wie sie sich wirklich f├╝hlen, schlug einem vielerorts Melancholie entgegen. Warum? Weil heute so viel ansteht.


WAS STEHT AN?

London hisst den Union Jack.
London hisst den Union Jack. (Quelle: Antonio Bronic/Reuters-bilder)

Jetzt ist es soweit. Heute Nacht um 0 Uhr marschieren sie raus aus der EU, die Briten. Runter mit den goldenen Sternen, hoch mit dem Union Jack, h├Âher, noch h├Âher! Sicher, praktisch ├Ąndert sich zun├Ąchst wenig. In der ├ťbergangsphase bis Ende des Jahres m├╝ssen London und Br├╝ssel erst mal ihre k├╝nftigen Beziehungen regeln. Trotzdem ist der heutige Freitag eine historische Z├Ąsur. Der letzte Tag Gro├čbritanniens in der Europ├Ąischen Union. Ein Tag des Einerseits und des Andererseits.

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Einerseits verlieren wir Festlandeurop├Ąer heute ein ganz besonderes Volk in unserer Union. Der gro├čen weiten Welt zugewandt, mit unersch├╝tterlicher Gelassenheit und einem ordentlichen Schuss Exzentrik gesegnet, brillant in der Finanzwirtschaft ebenso wie in der Geheimdienstarbeit, zutiefst patriotisch, ohne ins Chauvinistische abzudriften, ehrgeizig, aber nicht so verbissen wie wir Deutschen, Erfinder des schwarzen Humors und der Popkultur, kurz: sehr speziell, aber auch sehr cool. So kennen wir die Briten. Und so bleiben sie nat├╝rlich auch ÔÇô aber eben nicht mehr in unserem sch├Ânen, gro├čen europ├Ąischen Haus. Daraus ziehen sie heute Nacht aus. Es ist ein Jammer, und unser vereintes Europa wird ohne sie ├Ąrmer, schw├Ącher und langweiliger sein. Gruselig!

Andererseits gewinnen wir EU-B├╝rger etwas: Die Freiheit, endlich beherzt die europ├Ąische Einigung zu vollenden. Denn dabei haben sie uns st├Ąndig Kn├╝ppel zwischen die Beine geworfen, die coolen Briten. Kein Haushaltsplan ohne Extrawurst f├╝r London, kaum ein EU-Gipfel ohne Missgunst oder Erpressung. Keine Chance f├╝r eine europ├Ąische Armee oder eine gemeinsame Energiepolitik. Das Steuersystem l├Âchrig wie ein K├Ąse, weil die Gentlemen hier oben unbedingt ihre Kontenparadiese f├╝r ├ľlscheichs, russische Milliard├Ąre, Firmenerben und andere Gesch├Ąftleshuber brauchen, mit denen sie noch ein paar Extrakr├Âten verdienen k├Ânnen. Gruselig!

Ja, es war nie leicht mit den Briten in der EU. Sie kamen sp├Ąt zur Party und gehen nun fr├╝h wieder. Gro├čbritannien und die europ├Ąische Integration, das war immer schon eine Zweck- und ein bisschen auch eine Zwangsehe. Auch deshalb, weil man nie eine gemeinsame Antwort auf die Frage fand, was das Ganze eigentlich soll.

Erst wollten die Briten auf keinen Fall mitmachen, sahen Europa nur als den letzten von drei Kreisen, in denen sie sich auf der Weltb├╝hne bewegten (nach erstens dem Commonwealth und zweitens dem Rest der anglophonen Welt). Ihre erste Reaktion auf den gemeinsamen Binnenmarkt? Sie torpedierten ihn! Gr├╝ndeten eine Konkurrenzveranstaltung, EFTA genannt, in der sie sich ungleich wichtiger machen konnten. Ging aber in die Hose. Erst, als sie sich allein drau├čen in der K├Ąlte stehen sahen, wollten sie dann doch im Europa-Club mitmachen. Zweimal prallten sie am franz├Âsischen Pr├Ąsidenten de Gaulle ab, der sein Veto einlegte, weil ihm die Ambitionen der Insulaner arg windig vorkamen. Erst als der alte Mann abtrat, konnten sich die Briten 1973 in die EU reinschlingeln.

Aber dabei sein ist eben doch nicht alles. F├╝r die Briten war der gemeinsame Markt das Ziel. Margaret Thatcher sah darin die Chance, ihre Ideologie der Deregulierung und des radikalen Marktliberalismus in ganz Europa durchzusetzen, Punkt. F├╝r den Rest Europas dagegen diente der gemeinsame Markt nur als Zwischenschritt auf dem Weg der fortschreitenden politischen Einigung des Kontinents. Beim blo├čen Gedanken daran wollten die britischen Tories schon damals den ├ärmelkanal lieber noch ein bisschen tiefer ausbaggern.

Denn bis heute schmerzt sie eine historische Wunde: Den Verlust ihres weltumspannenden Empires haben sie nie verkraftet. Nur noch R├Ądchen in einem gr├Â├čeren Getriebe sein statt die Nabe im Zentrum aller Speichen? No, thatÔÇÖs not funny! Die Abneigung gegen die mutma├čliche Fremdbestimmung, gegen die Br├╝sseler B├╝rokratiemaschine (die in Wahrheit n├Ąmlich nur das Vehikel f├╝r eine zweite deutsche Invasion ist), hat die britische Boulevardpresse jahrzehntelang gesch├╝rt.

"Es w├Ąchst zusammen, was zusammen geh├Ârt", hat Willy Brandt einst ├╝ber den Mauerfall gesagt. Manchmal w├Ąchst aber auch zusammen, was sich erst zur Einheit formen muss. Die vielen Vorz├╝ge der EU h├Ątten eine jahrzehntelange, stille ├ťberzeugungsarbeit gebraucht, auch hier auf der Insel. Doch die leise Botschaft ging im Dauergedr├Âhne der euroskeptischen Krakeeler unter. Da w├Ąchst nichts mehr zusammen, da gibt es keine Visionen. Nur Boris Johnsons kleingeistiges Ziel: "Get Brexit done, h├Â, h├Â!"

"F├╝r den Wuschelkopf ist der Brexit ein gro├čes Spiel", schreibt unser Kolumnist Gerhard Sp├Ârl in seiner Analyse. Die sollten wir uns heute zu Gem├╝te f├╝hren und anschlie├čend die weitere Berichterstattung verfolgen. Am Abend schalten wir dann den Fernseher ein und schauen Herrn Johnson bei seiner Siegesrede und Herrn Farage bei seiner "Leave means Leave"-Party vor dem Parlament zu. Und wenn wir dann genug gesehen haben, sagen wir Goodbye. Gehabt euch wohl.


t-online.de-Autor Daniel Stelter hat eine ganz andere Sicht auf den Brexit.
t-online.de-Autor Daniel Stelter hat eine ganz andere Sicht auf den Brexit. (Quelle: imago images)

Just a second, war das jetzt zu pessimistisch? Es gibt ja auch eine Gegenansicht. Zum Beispiel die unseres Autors Daniel Stelter, der zu den f├╝hrenden deutschen ├ľkonomen z├Ąhlt. Er schreibt heute Morgen auf t-online.de: "Mit dem Brexit sind die Briten nicht weg. Im Gegenteil: Der Inselstaat erfindet sich neu und hat die Chance, zum neuen Taktgeber Europas zu werden." Der Brexit-Schock k├Ânne die Grundlage f├╝r einen starken Aufschwung der britischen Wirtschaft legen. Denn absehbar wird Gro├čbritannien mehr Einwohner haben als Deutschland, das sich zum Rentnerstaat entwickelt. Mehr Menschen, mehr Wirtschaftskraft, mehr Wachstum, dazu das herausragende Bildungssystem, die global einsetzbare englische Sprache und die Finanzkraft der Londoner City, alles befreit von der Br├╝sseler B├╝rokratie: Das Gro├čbritannien von heute k├Ânnte sich au├čerhalb der EU zur Schweiz von morgen entwickeln. Und wir Deutschen? "In zehn Jahren w├╝nschen wir, wir w├Ąren ebenfalls ausgetreten", schreibt Daniel Stelter. Aber lesen Sie selbst.

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WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus ruft den globalen Gesundheitsnotstand aus.
WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus ruft den globalen Gesundheitsnotstand aus. (Quelle: Denis Balibouse/Reuters-bilder)

Manchmal dauert es eine Zeit lang, bis Menschen den Ernst der Lage erkennen. Zu lang. Zwei Monate nach den ersten Krankheitsf├Ąllen und einen Monat, nachdem die chinesischen Beh├Ârden zum ersten Mal die Weltgesundheitsorganisation ├╝ber das Auftreten eines seltsamen neuen Erregers informierten, hat die WHO nun endlich den weltweiten Gesundheitsnotstand ausgerufen. Immer mehr L├Ąnder melden Erkrankte, in Bayern gab es gestern Abend einen weiteren best├Ątigten Fall. Schon 213 Menschen sind am Coronavirus gestorben, mehr als 9.600 Infizierte wurden verzeichnet, mehr als bei der SARS-Epidemie im Jahr 2003. In Wahrheit d├╝rften es noch viel mehr sein.

Fluglinien und Firmen kappen ihre Verbindungen nach China, Minister eilen mit Beschwichtigungsappellen vor die Fernsehkameras ÔÇô aber das Vertrauen vieler Leute ist dahin. An Flugh├Ąfen, in Bussen und Einkaufszentren in London, Paris, Berlin und anderen europ├Ąischen St├Ądten sieht man immer mehr Menschen mit Mundschutz, unwillk├╝rlich macht man einen Bogen um sie. Sind die etwa ansteckend? Regierungen und die meisten Medien bem├╝hen sich ersichtlich, jede Panikstimmung zu verhindern. Aber sie ist ja l├Ąngst da, die Verunsicherung. Durch Facebook, WhatsApp und Twitter geistern abenteuerliche Videos, die uns die "Pest des 21. Jahrhunderts" prophezeien und behaupten, die Beh├Ârden in China, aber auch in Europa w├╝rden das wahre Ausma├č der Seuche verschweigen. Besorgte Freunde und Bekannte melden sich: Was h├Ąltst du davon? Es gibt wenig Mittel gegen dieses wachsende Gef├╝hl des Unbehagens. N├╝chterne Berichterstattung, sicher. Aufkl├Ąrung ├╝ber die Schutzma├čnahmen der Beh├Ârden, klar. Die Erforschung eines Impfstoffs, logisch, aber die wird anderthalb Jahre dauern. Ob das alles reicht, die kollektive Angst zu lindern? Ich will hier keine Panik sch├╝ren, aber ich habe meine Zweifel.


Der Flughafen in Berlin, der Bahnhof in Stuttgart, der City-Tunnel in Leipzig: Deutschland verl├Ąuft sich beim Bauen gern im Zust├Ąndigkeits-, Planungs- und Kostenlabyrinth. Das soll anders werden, deshalb ber├Ąt der Bundestag heute ├╝ber ein Gesetz zur Beschleunigung von Gro├čprojekten im Verkehrsbereich. Vielleicht k├Ânnen wir uns ja etwas bei den Briten abgucken: Da muss jeder Bauherr auf seine Kostenkalkulation eine zus├Ątzliche Risikosumme draufpacken. Weil es am Ende eh immer teurer wird.

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t-online.de-Korrespondent Fabian Reinbold geht im Wei├čen Haus ein und aus.
t-online.de-Korrespondent Fabian Reinbold geht im Wei├čen Haus ein und aus. (Quelle: F. Reinbold)

Der US-Senat in Washington setzt heute das Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump fort und stimmt voraussichtlich ├╝ber die Forderung der Opposition ab, neue Zeugen zuzulassen. Gemeint ist damit vor allem der fr├╝here Sicherheitsberater John Bolton, der mit einer kompromittierenden Enth├╝llung Trumps Verteidigungsstrategie schreddern k├Ânnte. Findet sich eine Mehrheit, wird das Impeachment schlagartig zur Schlacht. Lehnt die republikanische Mehrheit den Antrag ab, w├Ąre sofort ein Freispruch des Pr├Ąsidenten m├Âglich. Dann kann Herr Trump einfach weitermachen wie bisher.

Parallel geht auch der Wahlkampf richtig los ÔÇô und unser Amerika-Korrespondent Fabian Reinbold ist mittendrin. Seinen kostenlosen Newsletter "Post aus Washington" halte ich, mit Verlaub, f├╝r die beste deutsche Informationsquelle zur amerikanischen Politik. Darin l├Ąsst er uns einmal in der Woche hinter die Kulissen der US-Politik blicken und erkl├Ąrt, wie Herr Trump und die Amerikaner ticken. Hier k├Ânnen Sie ihn abonnieren.


Milla Jovovich, Heidi Klum und Designer Julien MacDonald begeben sich zusammen auf die Jagd nach, ja was: Sch├Ânheit? Unterwerfung? Geld?
Milla Jovovich, Heidi Klum und Designer Julien MacDonald begeben sich zusammen auf die Jagd nach, ja was: Sch├Ânheit? Unterwerfung? Geld? (Quelle: ProSieben/Richard H├╝bner)

Seit 15 Staffeln dreht sich Heidi Klums Welt darum, eine m├Âglichst schlanke Sch├Ânheit zu "Germany's next Topmodel" zu k├╝ren. Gestern Abend ging es wieder los. Doch f├╝r was steht die Modeldompteurin wirklich? Meine Kollegin Janna Specken findet: Frau Klum ist eine leere H├╝lle, ihrer Verantwortung f├╝r junge Menschen wird sie nicht gerecht.


WAS LESEN?

Nigel Farage, die Knallt├╝te, will erstens im Mittelpunkt stehen und zweitens schnellstens raus aus der EU.
Nigel Farage, die Knallt├╝te, will erstens im Mittelpunkt stehen und zweitens schnellstens raus aus der EU. (Quelle: Francois Lenoir/Reuters-bilder)

"Mister Brexit" nennen sie Nigel Farage auf der Insel, er hat den EU-Austritt vorangetrieben und posaunt: Das war erst der Anfang! Als n├Ąchste Austrittskandidaten hat er D├Ąnemark, Italien und Polen im Visier. Ist da was dran? Meine Kollegin Madeleine Janssen r├╝ckt mal ein paar Dinge gerade.


Sie hei├čen "Leiter der Lizenzspielerabteilung" oder "Performance Manager": Ex-Fu├čballer, die wissen, wie eine Kabine voller schwitzender M├Ąnner tickt, wie man daraus eine Mannschaft formt und wor├╝ber Spieler gr├╝beln, wenn sie mal nicht auf dem Platz stehen. Sebastian Kehl, seit anderthalb Jahren bei Borussia Dortmund die Br├╝cke zwischen Profis und Management, ist einer von ihnen. Meinem Kollegen Benjamin Zurm├╝hl hat er seine Ansichten zu Hierarchie und F├╝hrung erkl├Ąrt.


WAS AM├ťSIERT MICH?

Jeder hat halt so seine Perspektive.

(Quelle: Mario Lars)

Ich w├╝nsche Ihnen einen selbstbewussten Tag und dann ein sch├Ânes Wochenende. Am Montag schreibt mein Kollege Florian Wichert f├╝r Sie, mich lesen Sie ab Dienstag wieder. Herzliche Gr├╝├če,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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