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Härtere Corona-Regeln in Deutschland – ist das wirklich nötig?

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Der Tag der Entscheidung

28.10.2020, 07:50 Uhr
Härtere Corona-Regeln in Deutschland – ist das wirklich nötig?. Kanzlerin Merkel und Bayerns Ministerpräsident Söder drängen auf noch schärfere Regeln gegen Corona. (Quelle: imago images)

Kanzlerin Merkel und Bayerns Ministerpräsident Söder drängen auf noch schärfere Regeln gegen Corona. (Quelle: imago images)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Gestern Abend war ich beim Training. Gewichte stemmen, Muckis malträtieren, sowas. Hilft mir, um abzuschalten und halbwegs fit zu bleiben, ein- bis zweimal die Woche, so ungefähr. Daneben steht dann der liebe Stefan und gibt mir Anweisungen. Komm, zwei schaffste noch, sowas sagt er, der Stefan. 60 Kilo stemmen, 15 Mal, drei Sätze, für mich ist das viel. Zehn Klimmzüge, Pause, noch mal zehn, zwei schaffste noch, sagt der Stefan, der Fiesling. Er schickt mich auf die Matte: Na los, Liegestützen, zeig mal, was du kannst. Na, dem werd ich’s zeigen. 10, 20, 30, da geht noch was. Planke: halbe Minute, ganze Minute, anderthalb Minuten, zwei. Der soll bloß nicht denken, ich sei platt, der Stefan, ich doch nicht! Jetzt der Barrenstütz? Na klar! Dann noch mal an die Eisen. Argh, kann nicht mehr. Kannste doch, sagt der Stefan, der blöde Kerl. Argh. Klimmzüge. Argh! Liegestützen. Argh!! Noch mal irgendwas Ähnliches wie eine Planke, Archchchch!!! So, nun komm mal rüber zu den Hanteln, sagt er, der superfiese, hundsgemeine Stefan. Ich kann nicht mehr! Na los, Alter! Argh!!!!! Du willst es doch auch, durchhalten ist alles! Also hochwuchten, die Dinger, einmal, pfft, zweimal, pfft – und beim dritten Mal schoss er mir dann durch den Kopf, der Gedanke, der mich seither nicht mehr loslässt: Das ist ein bisschen wie in dieser vermaledeiten Pandemie. Wahnsinnig anstrengend. Kräftezehrend. Ermüdend. Die Entbehrungen, die Mühsal, die Erschöpfung, wir wollen eigentlich nicht mehr durchhalten. Müssen aber, sagt die Kanzlerin, die zwar nicht Stefan heißt, aber mindestens genauso viel Autorität besitzt wie mein Trainer. Diszipliniert bleiben. Weitermachen, an die Regeln halten. Nicht aus freien Stücken wie beim Krafttraining, sondern weil es die elende Seuche verlangt. Wir müssen da durch.

Ich kenne viele Leute, die glaubten, nach den anstrengenden Ausgangsbeschränkungen im Frühjahr sei die Corona-Zumutung halbwegs ausgestanden. Der Sommer war trotz mancher Kompromisse toll. Viele düsten in den Urlaub, viele entdeckten unser schönes Deutschland ganz neu. Viele dachten: Ach komm, lass sie reden, die Virologen, als die vor der zweiten Welle warnten. Dann kam sie, die zweite Welle, und zwar schneller und größer, als es die meisten für möglich gehalten hatten. Und nun haben wir den Salat. Nun schlagen die Kanzlerin, Minister und Ministerpräsidenten wieder Alarm, im Regierungsviertel kursieren Schreckensszenarien: Lassen wir die Entwicklung so weiterlaufen wie jetzt, dann bräuchten wir im Januar 60.000 Betten auf den Intensivstationen. Illusorisch. Wir haben derzeit noch nicht einmal 30.000 Betten, schon mehr als 70 Prozent sind belegt, und es gibt schon jetzt zu wenig Pflegerinnen und Pfleger. Wir können also entweder jetzt sofort das öffentliche Leben hart ausbremsen – oder weitermachen wie bisher und die Folgen im Winter ausbaden: Kein Weihnachtsfest, keine funktionierenden Gesundheitsämter, womöglich überfüllte Hospitäler, womöglich nicht mehr für jeden Patienten eine angemessene Behandlung. Womöglich fehlende Medikamente. Aus unseren Nachbarländern häufen sich schon jetzt die Anfragen nach Remdesivir.

Das ist die Lage, das sind die Befürchtungen, weshalb die Politiker aus Bundes- und Landesregierungen seit gestern ununterbrochen tagen, telefonieren, feilschen. "Wellenbrecher-Shutdown" ist das Wort der Stunde. Kurz gesagt: Alle Restaurants, Bars, Diskos, Museen, Theater und leider auch mein Fitnessstudio müssten schließen, Veranstaltungen würden verboten – aber Schulen, Kitas und die meisten Geschäfte blieben geöffnet. Lieber jetzt schnell einen Teil des öffentlichen Lebens herunterfahren, als abzuwarten und in drei, vier Wochen einen kompletten Lockdown zu riskieren.

So der Plan. Ob er hülfe? Ungewiss. Die meisten Ansteckungen werden derzeit im privaten Umfeld registriert, vor allem bei Treffen mit Familien und Freunden. Die lassen sich zwar einschränken, aber kaum ganz verbieten. Deshalb appellieren Merkel und Co. an alle Bürger, auf Feiern, Reisen, Treffen zu verzichten. Es gibt einige, die das ablehnen und sich darüber echauffieren, darunter Esoteriker, AfDler und Extremisten, aber auch Bürgerrechtler und Vereinsamte. Und es gibt viele andere, die es entweder richtig finden oder zumindest eine Zeitlang mittragen würden. Die ebenfalls erschöpft sind, aber sich wohl oder übel durchkämpfen. Ein bisschen so wie beim Krafttraining: Das schaffen wir jetzt noch. Durchhalten ist alles. Dieser fiesen Seuche werden wir’s zeigen, wir sind stärker als sie! Kommt mir bekannt vor. Und logisch.

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WAS STEHT AN?

Bundespolizisten kontrollieren auf der Wilmersdorfer Straße in Berlin die Einhaltung der Maskenpflicht.  (Quelle: dpa/Christoph Soeder)Bundespolizisten kontrollieren auf der Wilmersdorfer Straße in Berlin die Einhaltung der Maskenpflicht. (Quelle: Christoph Soeder/dpa)

Heute ist also der Tag der Entscheidung: Ab 13 Uhr diskutiert Kanzlerin Merkel in einer Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten über die Corona-Lage und versucht, möglichst viele von ihnen auf harte Beschlüsse zu verpflichten. Manche, vor allem Bodo Ramelow aus Thüringen und vielleicht Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt, werden wohl wieder ausscheren.

In Tschechien gilt angesichts dramatisch steigender Corona-Infektionszahlen ab heute eine nächtliche Ausgangssperre: Zwischen 21 Uhr und 5 Uhr dürfen die Menschen ihre Häuser nicht mehr verlassen.

In Frankreich will Präsident Macron in einer TV-Ansprache schärfere Regeln verkünden: Im Gespräch sind eine Ausweitung der nächtlichen Ausgangssperre oder sogar ein neuer (Teil-)Lockdown.

In Berlin plant das Bündnis "Alarmstufe Rot" eine Großdemonstration, um auf die Existenznot der Veranstaltungsbranche aufmerksam zu machen.

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In Magdeburg muss Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) vor dem Untersuchungsausschuss zum Terroranschlag in Halle Rede und Antwort stehen. Ebenso wie Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) und Sicherheitschef Tobias Teschner soll er erklären, warum die Behörden vor dem Anschlag keine erhöhte Gefahr für die Synagoge sahen.

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Im ostafrikanischen Tansania wählen die Bürger ihren neuen Präsidenten. Der autokratische Amtsinhaber John Magufuli wird von Oppositionsführer Tundu Lissu herausgefordert. Letzterer hat einen Mordanschlag überlebt, tritt aber trotzdem an.

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In Polen ruft die Frauenrechtsorganisation "Strajk Kobiet" zum Streik auf. Sie protestiert gegen die Entscheidung des Verfassungsgerichts, wonach auch Schwangerschaftsabbrüche aufgrund schwerer Fehlbildungen des ungeborenen Kindes verfassungswidrig sind.

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Im Berliner Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf endet die Befragung der SPD-Mitglieder: Wer soll dort für die Bundestagswahl im kommenden Jahr kandidieren: der Regierende Bürgermeister Michael Müller oder die Staatssekretärin Sawsan Chebli? In Teilen der Hauptstadtpresse hält man die Entscheidung für wahnsinnig wichtig, weil Herr Müller bei einer Niederlage wohl bald seine politische Karriere beenden müsste (als Bürgermeisterin will ihm Franziska Giffey folgen) und weil Frau Chebli viele Follower auf Twitter hat, wo sich Journalisten halt auch gern rumtreiben. Für den Rest des Landes ist es völlig unerheblich.

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Vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Hüpfer war, hatte ich zwei Zöpfe, einen vorn über der Stirn und einen hinten am Kopf, und tobte an den Wochenenden über die Tanzflächen einer süddeutschen Großstadt. Das hatte einen Grund, und der kam aus den Lautsprecherboxen:

Deine blauen Augen
Machen mich so sentimental.
So blaue Augen!
Wenn du mich so anschaust
Wird mir alles and‘re egal.
Total egal.
Deine blauen Augen
Sind phänomenal.

So trällerte Annette Humpe (hier zu hören). Phänomenal. An ihre Hits mit der Berliner Band Ideal reihte sie viele weitere Erfolge, produzierte die Musik von DÖF, Rio Reiser, Udo Lindenberg, den Prinzen, Nena, Ich & Ich. Ohne sie wären einige deutsche Rockröhren höchstens Röhrchen geblieben. Wenn ich mich heute in den Musikcharts umhöre, kommt mir oft das Grausen. Dann wünsche ich mir, Annette Humpe würde ein Comeback feiern und die Szene noch mal richtig aufmischen. Könnte sie bestimmt, auch als Seniorin. Heute wird sie 70 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, Annette, du bist und bleibst ideal!

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WAS LESEN?

Friedrich Merz wettert gegen Armin Laschet und Annegret Kramp-Karrenbauer und behauptet, das CDU-Establishment wolle durch die Verschiebung des Parteitags seine Wahl zum Chef vereiteln. Für seine Empörung erntet er Spott und Kritik, auch von ehemals konservativen Medien wie der "FAZ". Dabei dürfte er recht haben: Die Absage der Großveranstaltung ist in Corona-Zeiten zwingend – aber seine Gegner sind gar nicht böse darüber und haben eine Briefwahl vom Tisch gewischt. Unser Reporter Tim Kummert hat Herrn Merz gestern zu Spaghetti und Cola getroffen und einen Mann im Dauergefecht erlebt.

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"Das wird zu Krieg führen", sagt Barack Obama.  (Quelle: Reuters/Kevin Lamarque)"Das wird zu Krieg führen", sagt Barack Obama. (Quelle: Kevin Lamarque/Reuters)

Donald Trump und Joe Biden hetzen durch besonders umkämpfte Staaten und machen Wahlkampf. Interessanter ist, was ein ehemaliger Präsident über das Spektakel denkt: Barack Obama hat eine klare Meinung dazu, was am kommenden Dienstag für Amerika und die Welt auf dem Spiel steht – und seine Gedanken teilt er nahezu täglich mit seinem engen Vertrauten Ben Rhodes. Den hat unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold zu einem denkwürdigen Gespräch getroffen. So erfuhr er auch, dass Obama Angela Merkel anrief und sie für ihren Kurs gegen Corona lobte.

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Einen "Trump-Klon" hat Joe Biden den britischen Premier Boris Johnson vor einiger Zeit genannt. Falls also der Demokrat die US-Wahl gewinnt, dürfte es ungemütlich für Herrn Johnson werden – und das könnte erhebliche Auswirkungen auf den Brexit haben, berichtet mein Kollege Stefan Rook. 

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In Belgien explodieren die Corona-Fallzahlen – Wissenschaftler vermuten, dass sich die Entwicklung auf Deutschland übertragen ließe. Was würde das für unser Gesundheitssystem bedeuten? Meine Kollegin Sandra Simonsen klärt Sie auf. 

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Unser Rechercheur Lars Wienand beobachtet seit Wochen die Radikalisierung der "Querdenker"-Szene. Am Montag ist er der Frage nachgegangen, wieso die Behörden vermeintlich tatenlos zusehen, wie der HNO-Arzt Bodo Schiffmann Räuberpistolen verbreitet und Millionen Flugblätter mit Unsinn über das Coronavirus verschickt. Gestern klopften dann die Ermittler an Schiffmanns Tür: Hausdurchsuchung. 

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WIE HELFEN?

Jeden Morgen lesen viele tausend Menschen den Tagesanbruch, noch mehr lesen die Nachrichten auf t-online und auf unseren Bildschirmen in Bahnhöfen und Innenstädten. Das ist eine große Verantwortung, der wir Redakteure uns jeden Tag aufs Neue stellen. Da wir so viele Menschen erreichen, erreichen uns wiederum viele Hinweise. Die wollen wir nun bündeln und Ihnen ein Angebot machen: Helfen Sie uns, die relevantesten Nachrichten zu veröffentlichen. Sie können nicht nur Leser sein, sondern sind für unsere Reporter und Redakteure womöglich auch eine wichtige Quelle. Haben Sie Hinweise zu einem unserer Artikel? Verfügen Sie über Einblicke in Bereiche, die anderen verschlossen sind? Möchten Sie Missstände mithilfe unserer Reporter aufdecken? Dann kontaktieren Sie uns bitte unter hinweise@stroeer.de. Wir sagen vielen Dank!

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WAS AMÜSIERT MICH?

Toll, Berlin bekommt nun endlich seinen neuen Flughafen!

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen beschwingten Tag. Morgen schreibt Sven Böll den Tagesanbruch, am Freitag Daniel Fersch. Von mir hören Sie am Samstag wieder. 

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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