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Das Drama um die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Welch ein Drama

28.01.2021, 14:38 Uhr
Das Drama um die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca . Die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca sind heiß begehrt. (Quelle: dpa/Jessica Hill;Liam Mcburney/AP)

Die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca sind heiß begehrt. (Quelle: Jessica Hill;Liam Mcburney/AP/dpa)

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WAS WAR?

Welch ein Drama: Seit Monaten warten Millionen von Europäern sehnsüchtig auf die erlösenden Impfstoffe, ergehen sich Politiker in vollmundigen Versprechen, überschlagen sich viele Medien mit Jubelarien auf die Pioniere von Biontech, Moderna und Astrazeneca. Alles verfrüht. Die Hoffnung auf den schnellen Exit aus dem Corona-Labyrinth zerplatzt wie ein Ballon. EU-Kommissare und Pharmabosse giften sich öffentlich an und schieben sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Seit gestern Abend ist klar: Der schlagzeilenträchtige Schaukampf hilft nicht, Deutschland und andere EU-Länder erhalten große Teile der bestellten Impfstoffe wohl erst Wochen oder Monate später. Astrazeneca kann im ersten Quartal weniger als die Hälfte der bestellten Menge liefern, auch Biontech hat Lieferprobleme. Millionen Menschen werden noch lange auf ihre Spritze warten müssen. Angela Merkels Ankündigung, bis zum Spätsommer allen Bürgern ein Impfangebot machen zu können, erscheint kaum noch erfüllbar.

Die Schäden der verzögerten Lieferung dürften immens sein. Im Kanzleramt stellt man sich auf Schlimmes ein und plant die Aushebelung der Schuldenbremse: Ein noch tieferer Griff in die Staatskasse soll die Dauerkatastrophe lindern – entsprechend weniger Geld wird für Digitalisierung, Klimaschutz, Verkehrswende und andere Zukunftsaufgaben übrig bleiben. Am Horizont zeichnet sich eine düstere Prophezeiung ab: Das Leben in Deutschland könnte nicht monate-, sondern noch viele Jahre lang von der Corona-Krise gezeichnet sein. Währenddessen findet China rasch zu alter Stärke zurück, planen die Amerikaner binnen Wochen hundert Millionen Bürger zu impfen, machen auch die Brexit-Briten Fortschritte bei der Immunisierung der Bevölkerung.

Ist die EU zu schwach, um sich in einer Jahrhundertkrise zu behaupten? Für eine Antwort auf diese Frage ist es zu früh, die Lage ist unübersichtlich und die Produktion der Impfstoffe hochkomplex, wie mein Kollege Daniel Schreckenberg berichtet. Nie zuvor hat es eine vergleichbare Aktion gegeben, da sind Rückschläge immanent. Auch sollten wir nicht aus dem Blick verlieren, dass unsere Ungeduld im globalen Maßstab ein Luxusproblem ist. In den armen Ländern dieser Welt werden Hunderte Millionen Menschen noch jahrelang auf einen Impfstoff gegen die Seuche warten, wenn sie ihn überhaupt je bekommen. Bei allem Ärger über die verstolperte Impfkampagne sollten wir auf unserem gesegneten Kontinent deshalb nicht schwarzsehen. Die Pandemie ist fürchterlich anstrengend, die Erlösung lässt länger auf sich warten, wir werden noch mehr Geduld aufbringen müssen. Umso wichtiger, dass wir zwischen den Hiobsbotschaften auch die Lichtblicke sehen. Denn die gibt es, wenngleich in ganz anderen Ecken.

Zum Beispiel in der Mikrobiologie. In dieser hochspezialisierten Wissenschaft haben die amerikanischen Forscher Bonnie L. Bassler und Michael R. Silverman eine revolutionäre Entdeckung gemacht und dafür gestern den deutschen Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis zugesprochen bekommen. Durch jahrelanges Tüfteln ist es ihnen gelungen, das Kommunikationsverhalten von Bakterien zu entschlüsseln. Ja, die kommunizieren miteinander, die kleinen Dinger. So "planen" sie beispielsweise, wie sie gemeinsam Körperzellen befallen und tödliche Krankheiten auslösen können. Na ja, zumindest dürfen wir Laien uns das so vorstellen. Ist aber erst die Kommunikation der Bakterien entschlüsselt, dann lässt sie sich auch durch Medikamente blockieren. Schon in fünf Jahren könnten entsprechende Präparate auf dem Markt sein, schätzen die Experten. Sie wären ein schlagkräftiger Ersatz für Antibiotika, gegen die viele Menschen Resistenzen entwickelt haben. Die Entdeckung der beiden Amerikaner "hat nicht nur zu einem fundamentalen Perspektivenwechsel in der Bakteriologie geführt, sondern ebenso zu gänzlich neuen Ansätzen in der Antibiotika-Forschung", sagt der Vorsitzende des deutschen Stiftungsrats. Ein Quantensprung in der Medikamentenforschung: Da ist er, unser Lichtblick. Er kommt aus einer ganz anderen Ecke, und es wird noch eine Zeit lang dauern, bis er unsere Welt erhellt. Aber dann könnte er sich als ähnlich wichtig erweisen wie die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs.

Die amerikanischen Mikrobiologen Bonnie L. Bassler und Michael R. Silverman haben eine revolutionäre Entdeckung gemacht.  (Quelle: privat/Florence McCall/dpa)Die amerikanischen Mikrobiologen Bonnie L. Bassler und Michael R. Silverman haben eine revolutionäre Entdeckung gemacht. (Quelle: privat/Florence McCall/dpa)

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WAS STEHT AN?


Melania Trump während der letzten Rede ihres Gatten als US-Präsident.  (Quelle: Reuters/Carlos Barria)Melania Trump während der letzten Rede ihres Gatten als US-Präsident. (Quelle: Carlos Barria/Reuters)

Heute möchte ich sie zu einer Zeitreise einladen. Bevor wir die Maschine betreten, die uns in die Vergangenheit transportiert, schauen wir uns schnell noch einmal um. Wir erhaschen einen kurzen Blick auf Angela Merkel, mächtigste Frau Europas und eine der wichtigsten Stimmen auf dem internationalen Parkett. Aus Brüssel winkt Ursula von der Leyen zu uns herüber, die im gesamteuropäischen Laden auf dem Chefsessel sitzt und soeben ihre Videokonferenz mit Sanna Marin beendet hat, der gerade mal 35-jährigen finnischen Ministerpräsidentin. Aus Frankfurt hören wir die Stimme Christine Lagardes, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, die mit Janet Yellen, ihrer Ex-Kollegin von der US-Notenbank, telefoniert, um ihr zum Amtsantritt als Finanzministerin im US-Kabinett zu gratulieren. Amerikas neue Vizepräsidentin Kamala Harris hat gerade zu viel zu tun, um uns zu beachten, während wir die letzten Stufen zu unserer Zeitmaschine erklimmen. Aber die neue First Lady, Dr. Jill Biden, lächelt uns immerhin kurz zu. Dann schließt sich die Tür.

Die Reise kann nur kurz gewesen sein, denken wir uns, als wir wieder ins Tageslicht hinaustreten. Es sieht eigentlich alles aus wie vorher, nur dass ein untersetzter Mann mit orangefarbener Haut und betonierter Föhnfrisur auf den Stufen des Weißen Hauses steht und hinter ihm eine Dame mit steinerner Miene in der Tür erscheint. Melania! Noch einmal einen Blick auf sie zu werfen, wie hatten wir uns das gewünscht! Mythen ranken sich um sie, Geschichten, Gerüchte. Erinnerungen werden wach. In der Nacht, als ihr Mann zum Präsidenten gewählt wurde, brach sie nach der entscheidenden Hochrechnung in Tränen aus. Tränen des Glücks sollen es nicht gewesen sein. Befremdet, aber neugierig sah die Welt zu, wann immer sie ihrem Mann die Hand entzog, die kalte Schulter zuwendete und ihr professionelles Model-Lächeln ausknipste, sobald er nicht mehr in ihre Richtung sah. Sechs Monate lang hatte sie sich geweigert, ihm aus New York ins Weiße Haus zu folgen, um – angeblich – in ihrem Ehevertrag zusätzliche Boni auszuhandeln. Sie strahlte kalten Glamour aus, umgab ihren Donald mit weltläufiger Eleganz. Ja, sie hat ihn aufgewertet, was angesichts seiner Grobschlächtigkeit allerdings keine Kunst war.

Nichts beschreibt ihre Rolle im Weißen Haus besser als ein Kurzbesuch in Texas. Dort hatte ihr Mann Kinder illegaler Einwanderer, die an der Grenze aufgegriffen worden waren, von ihren Eltern trennen und in Käfige sperren lassen, was trotz der nahezu täglichen Skandale der Trump-Ära an Unmenschlichkeit unübertroffen geblieben ist. Frau Trump, die mit jedem Schritt ein Fashion-Statement setzt und sogar Hurrikan-Opfer in High Heels besucht, trug für ihre Reise zu den eingekerkerten Kindern eine lässige Jacke mit der dicken Aufschrift: "Mir ist es egal. Und dir?" US-Medien warfen ihr deshalb Zynismus gegenüber den Kindern vor. Genauso gut hätte sich die Botschaft an ihren Mann richten können, der den Besuch an der Grenze am liebsten verhindert hätte und die Antwort auf sein Gezeter nun auf der Jacke lesen konnte. Oder galten die Zeilen der Presse, um deren Kommentare die First Lady sich keinen Deut mehr schere? So behauptete es später der notorisch lügende Twitter-Präsident.

"Wir vermuten. Gesichert ist nichts", könnte der Slogan der ehemaligen First Lady sein. Sie war die große Leerstelle an der Seite des Egomanen, polarisierte wenig, sagte fast nichts und bot genau deshalb die perfekte Projektionsfläche für das begierige Publikum. Die einen sahen in ihr das schöne Opfer, das sich ins Spinnennetz der Macht und die Machenschaften eines Monsters verstrickt. Für die Trump-Fans gab sie die glamouröse Heldin an der Seite des Erlösers, wie auf diesem kitschigen Gemälde. Menschen auf allen Seiten des politischen Spektrums bediente die First Lady mit einer gefühlsgeladenen Soap, ohne selbst eine Regung zu zeigen. Sie lebte von unserer Fantasie. Vielleicht erklärt das, warum bis heute jeder Artikel über Melania Trump enormes Leserinteresse hervorruft und sich immer noch Millionen Menschen um jeden Infoschnipsel über sie reißen. Corona? FC Bayern? Joe Bidens Pläne? Die Abrufzahlen für Melania-Artikel übertreffen jedes andere Thema um ein Vielfaches.

Melania, die Sphinx, passte perfekt zum Präsidenten aus dem Reality TV. Sie lenkte ab, belebte die Show und band selbst die Kritiker ein bisschen ein. In den wenigen Momenten, in denen heimliche Tonbandmitschnitte ihr ungeschminktes Wesen offenbarten, zeigt sich eine Frau, die sich mehr über die Arbeit mit der Weihnachtsdeko ärgert als über die Verbrechen ihres Mannes an Kindern. Ihr politisches Vermächtnis beschränkt sich darauf, Ehefrau im Haus eines mächtigen Mannes gewesen zu sein. Ob sie sich nun von ihm scheiden lässt?, fragen wir uns zerstreut, während wir die Luke der Zeitmaschine wieder schließen. Und dann nichts wie zurück in die Gegenwart, in der kompetentere Frauen die Schalthebel der Macht bedienen. Es war nur eine kurze Reise. Und das ist gut so.

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Stephan Ernst (rechts) soll Walter Lübcke erschossen haben, weil sich der CDU-Politiker für Flüchtlinge einsetzte (Quelle: dpa/Boris Roessler)Stephan Ernst (rechts) soll Walter Lübcke erschossen haben, weil sich der CDU-Politiker für Flüchtlinge einsetzte (Quelle: Boris Roessler/dpa)

Mehr als 40 Verhandlungstage dauerte der Prozess im Mordfall Walter Lübcke, heute will das Oberlandesgericht Frankfurt sein Urteil sprechen. Der Hauptverdächtige Stephan Ernst hat gestanden, den hessischen CDU-Politiker im Juni 2019 erschossen zu haben. Die Bundesanwaltschaft fordert für den Neonazi die Höchststrafe: 15 Jahre Haft und danach Sicherungsverwahrung. Der Verteidiger plädiert auf Totschlag. Unabhängig davon, wie das Urteil ausfällt, ist eines sicher: Bei diesem rechtsradikal motivierten Mordfall sind noch viele Fragen offen. So kann dem mitangeklagten Neonazi Markus H. eine unmittelbare Tatbeteiligung wohl nicht nachgewiesen werden, auch wenn der Hauptverdächtige ausgesagt hat, sein Komplize sei mit am Tatort gewesen. Außerdem ist ungeklärt, ob Stephan Ernst weitere Unterstützer hatte und warum ihn der Verfassungsschutz, der ihn lange als "brandgefährlich" führte, aus den Augen verlor. Der Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages hat noch viel Arbeit vor sich.

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Kommt es heute zum Showdown für Andreas Scheuer? Der Verkehrsminister wird im Untersuchungsausschuss des Bundestags nochmals zum Pkw-Mautdebakel vernommen; danach ist die Beweisaufnahme abgeschlossen. Die Opposition wirft dem CSU-Mann nicht nur millionenschweres Versagen auf Kosten der Steuerzahler vor, sondern auch Blockade der Ermittlungen. Wir fragten schon vor Monaten: Warum ist dieser Mann noch im Amt?

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Kremlkritiker Alexej Nawalny sitzt in Russland im Knast, heute entscheidet ein Gericht in seinem Berufungsverfahren über die Strafe. Herrn Nawalnys Anwälte sorgen sich um seine Unversehrtheit. Herr Putin sorgt sich um seine Macht.

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WAS LESEN?

Joe Biden: Dem US-Präsidenten steht der erste Showdown seiner Amtszeit bevor. (Quelle: Kevin Lamarque/Reuters)Joe Biden: Dem US-Präsidenten steht der erste Showdown seiner Amtszeit bevor. (Quelle: Kevin Lamarque/Reuters)

Joe Biden hat einen Blitzstart hingelegt: Mit Dutzenden Regierungsdekreten will er Donald Trumps Schadensbilanz reparieren. Doch wenn er die USA tatsächlich gerechter und stabiler aus der Corona-Krise herausführen will, kann er das nicht mit präsidialen Erlassen erreichen, sondern allein mit Gesetzen. Und genau da wartet ein großes Problem, weiß unser Korrespondent Fabian Reinbold. 

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Falls Sie die Rede von Charlotte Knobloch gestern im Bundestag nicht gehört haben, sollten Sie das nachholen. Jeder sollte sie gehört haben. 

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Weltweit arbeiten Experten daran, das Coronavirus besser zu verstehen. Doch zentrale Fragen bleiben auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie offen: An welchen Orten infizieren sich die Menschen mit dem Erreger? Was beeinflusst die Schwere des Krankheitsverlaufs? Wie lange ist man nach einer Infektion immun? Meine Kollegin Melanie Weiner erklärt Ihnen, was bislang bekannt ist.

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Warum zweifeln so viele Pflegekräfte an der Sicherheit der Corona-Impfung? t-online-Leser in Pflegeberufen haben meiner Kollegin Charlotte Janus ihre Gedanken verraten.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Mit Corona haben wir genug Probleme? Nicht im Kreis Herzogtum Lauenburg. Da steht nämlich ein Möbelhaus. Und mittendurch verläuft eine Grenze.

Ich wünsche Ihnen einen problemfreien Tag.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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