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Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Eine L├╝ge zu viel

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 24.04.2022Lesedauer: 6 Min.
Boris Johnson verteidigt sich im Parlament in London.
Boris Johnson verteidigt sich im Parlament in London. (Quelle: UK Parliament/Jessica Taylor/Reuters)
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

lassen Sie uns heute mit einer einfachen Wahrheit beginnen: Der britische Premierminister Boris Johnson hat gelogen. Genau, das ist nix Neues und w├╝rde im Tagesanbruch normalerweise allenfalls f├╝r eine Randnotiz reichen. Wir kennen den Schwindler aus London lange genug, und die britischen W├Ąhler kennen ihn auch. Das Wort, mit dem sie Johnson in einer aktuellen Umfrage am h├Ąufigsten beschreiben, lautet: L├╝gner. Ferner liegen "inkompetent" und "nicht vertrauensw├╝rdig" ganz vorn im Rennen, eingerahmt von "Kasper" und "Idiot". Soweit das erwartbare Stimmungsbild auf der Insel.

Eine Nachricht ist das heute trotzdem, denn auch in Gro├čbritannien ist seit dem Brexit und dem darauffolgenden Debakel eine Menge passiert. Zuletzt schien alles vergessen: die leeren Supermarktregale, das Schlangestehen an der Tankstelle, die Angst, im Winter ohne Heizung zu frieren. Selbst die vielen Toten, die das Coronavirus unter den Briten forderte, traten zeitweise in den Hintergrund.

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Gro├čbritanniens f├╝hrender Hallodri durfte sich pl├Âtzlich ├╝ber Beifall und Anerkennung selbst von Kritikern freuen. Er wurde zum Staatsmann, er verwandelte sich vom Spr├╝cheklopfer zum Helfer in der Not: Der bedr├Ąngten Ukraine bescherte er dringend ben├Âtigte Waffen und Milit├Ąrausbilder noch vor Beginn des russischen Angriffs ÔÇô so schnell und unb├╝rokratisch, dass der Kontrast zum z├Âgernden Kanzler in Berlin kaum gr├Â├čer sein k├Ânnte. W├Ąhrend die deutsche Regierungsb├╝rokratie dar├╝ber nachsinnt, wann eine Waffe defensiv, wann schwer oder vielleicht doch leicht genug ist, um nach Kiew verladen zu werden, liefern die Briten, was die Magazine hergeben. Zur Kr├Ânung spazierte Herr Johnson mit Wolodymyr Selenskyj durch die ukrainische Hauptstadt, das gab starke Bilder und gute Presse. Und die Reise war ja auch ein mutiges Signal. Der britische Premier schwang sich zu ungeahnten H├Âhen auf. ├ťber sich hinausgewachsen ist er aber nicht.

Die Regierungschefs Johnson und Selenskyj Anfang April in Kiew.
Die Regierungschefs Johnson und Selenskyj Anfang April in Kiew. (Quelle: imago-images-bilder)

Denn daheim auf der Insel tut man sich nicht schwer, die Tricks des Populisten wiederzuerkennen. Geben ist seliger denn Nehmen, finden Johnson und sein Team, die einst im Brexit-Wahlkampf gegen osteurop├Ąische Wanderarbeiter Stimmung machten. Fremdenhass ebnete ihnen den Weg an die Macht, dahinter k├Ânnen sie schlecht zur├╝ck. Deshalb sieht man sie zwar bei Waffenlieferungen an die Ukraine klotzen statt kleckern, doch die Aufnahme von Kriegsfl├╝chtlingen w├╝rden sie am liebsten verweigern. Nur 16.400 Ukrainer hatten es bis vergangene Woche nach Gro├čbritannien geschafft. Zum Vergleich: Auf bis zu 60.000 sch├Ątzte man ihre Zahl zum selben Zeitpunkt allein in Berlin.

Das Thema ist unangenehm f├╝r den frischgebackenen Staatsmann in der Downing Street, doch dar├╝ber redet jetzt kaum noch jemand. Denn nach seiner Ukraine-Mission holt ihn ein alter Skandal wieder ein: "Partygate". Drakonische Corona-Regeln mussten die Briten w├Ąhrend des Lockdowns befolgen ÔÇô w├Ąhrend im Amtssitz des Premiers bis sp├Ąt in die Nacht gefeiert wurde. Das emp├Ârte Parlament versuchte Johnson mit seiner ├╝blichen Masche zu beschwichtigen: leugnen, abwarten, eine halbgare Entschuldigung hier, ein bisschen Zerknirschung dort ÔÇô und darauf hoffen, dass die Leute irgendwann das Interesse verlieren.

Da hat er sich verrechnet. Das Parlament zu bel├╝gen, ist bei den Briten strafbar. Vieles haben sie dem wuscheligen Boris durchgehen lassen, aber das war zu viel. Zahlreiche Familien haben Corona-Tote zu beklagen, konnten ihre Angeh├Ârigen nicht am Sterbebett begleiten, durften nicht zur Beerdigung erscheinen. Es ist ein sehr pers├Ânlicher Zorn, der dem Meister des Durchwurschtelns entgegenschl├Ągt, w├Ąhrend er zu erkl├Ąren versucht, warum f├╝r ihn und seine Buddys die Regeln nicht gegolten haben, die auf allen anderen so schwer lasteten. Es geht nicht mehr nur um eine Handvoll Partyl├Âwen auf ein paar illegalen Feiern. Es geht jetzt um Gerechtigkeit, und da sind die Briten empfindlich.

Deshalb stimmt das Parlament heute dar├╝ber ab, ob es den Premierminister vor einen Untersuchungsausschuss zerrt. Ob das gelingt, ist offen, und ob es was n├╝tzt, erst recht. Aber seine ├ťberheblichkeit hat Boris Johnson eingeholt und wird ihm nun tagt├Ąglich vorgehalten. Der Staatsmann ist wieder zum Windbeutel geschrumpft. Die einfachen Wahrheiten bleiben eben unumst├Â├člich.

Demonstranten in London fordern die Absetzung des Premiers.
Demonstranten in London fordern die Absetzung des Premiers. (Quelle: Tayfun Salci/ZUMA Press Wire/dpa-bilder)

Der wildeste Kerl von allen

Helden sind rar in diesen Tagen. Suchen wir sie also nicht in den Regierungszentralen, nicht auf den Schlachtfeldern und lieber auch nicht in den Fu├čballstadien. Auf der B├╝hne werden wir f├╝ndig. Dort tobt seit 55 Jahren ein Typ namens James Newell Osterberg Junior herum. Nie geh├Ârt, werden Sie jetzt sagen, also lassen Sie mich erkl├Ąren, was es mit diesem Helden auf sich hat.

Geboren wurde er in einem Kaff in Michigan, aufgewachsen ist er in einem Wohnwagen. Machte fr├╝h Musik, vor allem aber Faxen. Punk nannten sie das damals. Drogen, viele Drogen. Auf der B├╝hne meistens halbnackt. Noch mehr Drogen. Mitte der Siebziger zog er mit David Bowie nach Berlin, der hatte ebenfalls Musik im Herzen und Drogen in den Taschen und au├čerdem eine Altbauwohnung mit sieben Zimmern in Sch├Âneberg. Dort und in den Hansa Studios an der Mauer stachelten sich die beiden gegenseitig zu kreativen H├Âchstleistungen an. Schufen gemeinsam die Alben "Lust for Life" und "The Idiot", die auch heute noch in keiner Musiksammlung fehlen d├╝rfen, egal, ob sie aus Schallplatten, CDs oder Playlists besteht. Als der Punk dem Bowie zu oft den K├╝hlschrank leer fra├č und obendrein den Abwasch verga├č, schmiss der Bowie den Punk raus, und der Punk verduftete ins Hinterhaus. Machte weiter Faxen und Musik oder sowas ├ähnliches. K├Ąmpfte sich durch bis in die Neunziger, wo er dann gleich mehrere Meisterwerke ver├Âffentlichte, ich z├Ąhle sie hier nicht alle auf, aber wild sind sie, sehr wild.

Wild ist er auch heute noch, selbst wenn das Kreuz knackt, die Haut knittert und der Bart stoppelt. Die Exzesse haben Spuren hinterlassen, und der Punk zeigt sie gern her. Das ist n├Ąmlich das Gro├čartige an diesem kleinen Mann: dass er auch im hohen Alter noch auf die B├╝hnen der Welt klettert und dort zu seinen grandiosen Songs rumtobt, so gut es eben geht. Ich habe mir das vor ein paar Jahren angesehen und war verz├╝ckt, ganz ehrlich. Und als er dann nach einem ziemlich gewagten Sprung von der B├╝hne Arm in Arm mit uns seinen Kracher "Sixteen" r├Âhrte, wussten wir Normalos im Publikum, dass dieser Moment ziemlich wahrscheinlich zu den bewegendsten unseres Lebens z├Ąhlte. Sowas k├Ânnen nur Helden bewirken.

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Tagesanbruch - Was heute wichtig ist
Was heute wichtig ist

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Ich wei├č, Sie wollen nun endlich wissen, von wem ich rede, aber lassen Sie mich vorher noch rasch sechs, doch, sechs verschiedene Versionen von "Sixteen" verlinken. Denn mit dieser Reise durch die Jahre 1977, 1978, 1983, 1996, 2009 und nat├╝rlich unbedingt 2016 l├Ąsst sich selbst ein so grauer Donnerstag wie der heutige in einen Heldentag verwandeln. Es gibt n├Ąmlich was zu feiern: Herzlichen Gl├╝ckwunsch zum 75. Geburtstag, lieber Iggy Pop!

Da rockt er, der Iggy. Hier anno 2016. Zahmer ist er seither eher nicht geworden.
Da rockt er, der Iggy. Hier anno 2016. Zahmer ist er seither eher nicht geworden. (Quelle: Jose Sena Goulao/LUSA/epa/dpa/dpa-bilder)

Linke am Ende

Mitglieder der Linkspartei erkl├Ąren gern anderen Leuten, wie diese zu leben haben: sozial, pazifistisch, feministisch und so weiter. Pragmatismus und Geschlossenheit hingegen liegen ihnen fern, weshalb sie bei der Bundestagswahl baden gingen und nach Oskar Lafontaines unr├╝hmlichem Abgang im Saarland endg├╝ltig in der Versenkung verschwanden. Auch ihre dubiose Einstellung zu Putin und anderen Despoten macht die Partei unglaubw├╝rdig, nun gibt ihr der Skandal um offenbar jahrelange sexuelle ├ťbergriffe im hessischen Landesverband den Rest. Eine der beiden Parteichefinnen ist gestern zur├╝ckgetreten, die andere d├╝rfte fr├╝her oder sp├Ąter folgen. Was bleibt dann noch? Drei Linke aus Hessen haben unserem Frankfurter Reporter Stefan Simon ihr Herz ausgesch├╝ttet. Und unsere Chefreporterin Miriam Hollstein bringt es in ihrem Kommentar auf den Punkt: "Diese Partei scheitert an sich selbst."


Was lesen?

Der kleine Vlad vor dem Grab seiner Mutter.
Der kleine Vlad vor dem Grab seiner Mutter. (Quelle: Rodrigo Abd/AP/dpa)

Was macht der Krieg in der Ukraine mit Kindern? Diesen Text meiner Kollegin Liesa W├Âlm sollten Sie lesen.



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Was am├╝siert mich?

Was macht der Kanzler eigentlich nachts?

(Quelle: Mario Lars)

Ich w├╝nsche Ihnen einen ausgeruhten Tag.

Herzliche Gr├╝├če,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

ANMERKUNG: In der urspr├╝nglichen Version dieses Textes stand, kaum mehr als 3.200 ukrainische Fl├╝chtlinge h├Ątten es bisher nach Gro├čbritannien geschafft. Das ist falsch, die korrekte Zahl zum genannten Zeitpunkt betrug 16.400. Sie liegt damit allerdings immer noch weit unter den Zahlen in Deutschland und anderen europ├Ąischen L├Ąndern.

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