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AfD-Flüchtling Kevork Almassian: Mordanschlag erfunden?

Vorfall in Berlin  

Erfand ein syrischer AfD-Mitarbeiter einen Mordanschlag?

01.08.2020, 17:14 Uhr
AfD-Flüchtling Kevork Almassian: Mordanschlag erfunden?. Kevork Almassian und der angebliche Mordanschlag: Mit dem Foto einer Überwachungskamera rief der Unterstützer des syrischen Regimes und AfD-Mitarbeiter zur Fahndung auf (Verpixelung durch t-online.de). (Quelle: Kontraste/Screenshot Twitter)

Kevork Almassian und der angebliche Mordanschlag: Mit dem Foto einer Überwachungskamera rief der Unterstützer des syrischen Regimes und AfD-Mitarbeiter zur Fahndung auf (Verpixelung durch t-online.de). (Quelle: Kontraste/Screenshot Twitter)

Ein regimetreuer syrischer Aktivist in Diensten der AfD im Bundestag meldet einen Mordanschlag auf sich mitten in Berlin. AfD-nahe Portale empören sich. Doch die Polizei hat Zweifel, und der vermeintliche Angreifer hat seinerseits Anzeige erstattet.

Ein Mordanschlag, der dann doch allenfalls eine Beleidigung war? Recherchen von t-online.de legen die Vermutung nahe, dass ein syrischer Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier eine Begegnung dramatisiert und ausschlachtet. Er hat behauptet, mitten in Berlin zehn Minuten lang vor einem Angreifer auf der Flucht gewesen zu sein und trotz Hilferufen keinen Beistand bekommen zu haben.

Es geht um Kevork Almassian, der sich selbst in einem Interview schon als Propagandakrieger für Syriens Regierung dargestellt* hatte und bei Youtube 30.000 Abonnenten für seinen regimefreundlichen Kanal "Syriana Analysis" hat. Unstrittig ist, dass er offenbar von einem Landsmann auf seinen Einsatz für den syrischen Machthaber Bashar Al-Assad und für die AfD angesprochen wurde. Dann gehen die Schilderungen auseinander.

Almassian-Tweet: "Habe Mordversuch überlebt"

"Ich habe gerade einen Mordversuch durch diesen Mann überlebt", hatte Almassian am 7. Juli getwittert. Dazu postete er ein Foto von Mohammad A., aufgenommen von einer Überwachungskamera. Almassian schilderte auf Facebook, dass es seiner Erfahrung als Torwart zu verdanken sei, dass er unbeschadet entkommen konnte. AfD-nahe Portale berichteten über den "Mordanschlag", eine Seite titelte etwa "Armenischer Christ in Berlin von Islamisten mit Messer angegriffen", ohne eine Stellungnahme der Polizei zu veröffentlichen. Auch im Ausland übernahmen rechte Seiten die Darstellung.

 (Quelle: Screenshot Twitter) (Quelle: Screenshot Twitter)

Die Anschuldigungen seien aus der Luft gegriffen, erklärt Mohammad A. laut seiner Anwältin Nadija Samour. Er hat demnach seinerseits Almassian angezeigt. Dabei geht es um die unerlaubte Verwendung des Bildes, Verleumdung, Vortäuschen einer Straftat und falsche Verdächtigung. Almassian hat den Tweet mit Foto gelöscht, ein rechtes Portal hat seinen reißerischen Text vom "Messerangriff" durch "Islamisten" kommentarlos vom Netz genommen. Die Polizei Berlin informierte auf Anfrage von t-online.de, dass der Staatsschutz nach Almassians Anzeige Ermittlungen aufgenommen habe. Dabei gehe es um den Verdacht der Beleidigung. Es gebe keine Anhaltspunkte für ein versuchtes Tötungsdelikt.

Almassians Anwalt Richard Radtke teilte t-online.de hingegen mit: "Nach den Umständen ist das Vorgehen des Beschuldigten als ein Angriff auf Leib und Leben meines Mandanten, jedenfalls aber gegen seine körperliche Unversehrtheit zu deuten, dem dieser nur durch die eilige Flucht entgehen konnte."

Zehn Minuten Verfolgung auf 100 Meter Distanz?

Die angeblich zehn Minuten währende Verfolgung spielte sich vor einem Supermarkt in Charlottenburg zwischen zwei Orten ab, die nur rund 100 Meter auseinanderliegen. Almassian selbst wiederholt auf Anfrage von t-online.de zumindest den Vorwurf des Mordversuchs nicht.

"In sehr aggressiver Weise" habe der Mann ihn angesprochen und etwa gefragt, ob er nicht der Journalist sei, der Assad unterstütze. Almassian äußert sich zur Waffe jetzt auch vorsichtiger: Der Mann habe versucht, ihn an der linken Hand zu greifen und dann aus einem "kleinen Brustbeutel" einen schwarzen Gegenstand geholt, "der ein Messer oder eine Waffe mit Klinge zu sein schien". Als er, Almassian, daraufhin davongelaufen sei, habe der Mann ihn gejagt.

Mohammad A. sagt seiner Anwältin zufolge, er sei zunächst "einige Schritte" hinter Almassian hergelaufen. Er habe verstehen wollen, wieso Almassian überraschend losgelaufen sei. Als der Flüchtende "Polizei, Polizei" geschrieen habe, habe auch er gerufen: "Fuck Nazis, er ist von der AfD!" Damit habe er die Szene in Kontext setzen wollen. Umstehende hätten aber überhaupt nicht reagiert.

Angeblicher Angreifer: Hatte kein Messer

Ein Messer wäre eine gefährliche Waffe, auch wenn der vorgebliche Angreifer Mohammad A. viel kleiner und schmächtiger ist als Almassian und wegen einer Verletzung aus Syrien nur eine Hand einsetzen kann. Almassian erklärte t-online.de, die Polizei habe den Fall unmittelbar nach dem Eintreffen als "versuchte Körperverletzung" aufgenommen. Er kündigte auch "neue rechtliche Schritte gegen Mohammad A." an. Der angebliche Angreifer bestreitet dagegen der Anwältin zufolge, ein Messer oder ähnliches gehalten zu haben. Er habe auch nie vorgehabt, Almassian zu verletzen. 

Genau das behaupteten Almassian und Medien vom rechten Rand. Diese Berichte gaben t-online.de und dem ARD-Politikmagazin "Kontraste" eine Mitschuld. Aggressionen gegen Almassian seien Folge von Berichterstattung der Medien über den in Aleppo aufgewachsenen Armenier. Tatsächlich hatten die Berichte in der syrischen Gemeinde international einiges Aufsehen erregt. Almassians Geschichte und seine Positionen stehen auch im Mittelpunkt des aktuellen Vorfalls.

Flüchtling Almassian warnte vor Flüchtlingen

t-online.de und "Kontraste" hatten 2019 berichtet, dass mit Almassian ein Aktivist für das syrische Regime für die AfD arbeitet. Und das, obwohl er nach den Maßstäben der Partei ein "Wirtschaftsflüchtling" ist, der 2015 aus einem sicheren Land über die sichere Schweiz nach Deutschland gekommen war.

In der AfD hatte Almassian bereits Bekannte: Im syrischen Aleppo, woher Almassian stammt, war er im Bürgerkrieg mit Manuel Ochsenreiter unterwegs gewesen, einem früheren Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Markus Frohnmaier und rechtsextremen pro-russischen Netzwerker.  Frohnmaier selbst hatte Almassian im Mai 2015 auf einer Konferenz der pro-russischen Separatisten in Donezk gesehen. 

Monate später war Almassian aus der Asylunterkunft heraus zu Auftritten bei der AfD gefahren, wo etwa auch Björn Höcke sprach. Almassian warnte als Redner 2015 und 2016 vor dem Großteil der anderen Flüchtlinge, die nicht integrierbar seien. Er bestritt wiederholt, dass es in Syrien außer Islamisten auch eine demokratische Opposition gegen Baschar al-Assad gab. Einen Amnesty-Bericht über Massenhinrichtungen in syrischen Gefängnissen nannte er "armselige voreingenommene Propaganda".

Mit verfremdetem George-Floyd-Foto bei Demo

Solche Äußerungen machen ihn zu einer Reizfigur für Syrer, die unter dem Assad-Regime zu leiden hatten oder deshalb das Land verlassen haben. Auch Mohammad A. glaubte, Almassian von einer Demonstration fürs syrische Regime wiedererkannt zu haben. "Bist Du nicht derjenige, der vor dem Brandenburger Tor für Assad demonstriert hat?", fragte er, wie seine Anwältin erklärt.

 (Quelle: Screenshot Twitter) (Quelle: Screenshot Twitter)

Es gibt Bilder, die den Frohnmaier-Mitarbeiter bei der Kundgebung am 19. Juni vor der US-Botschaft zeigen. Eines, das Almassian gepostet hatte, zog Kreise: Er breitbeinig vor dem Brandenburger Tor, in den Händen das ikonische Foto des Polizisten, der auf George Floyd kniet. Doch es war bearbeitet, und diese Variante postete er auch einzeln.

Über die Köpfe des Polizisten und Floyds sind in dem Foto die Fahnen der USA und Syriens montiert. Der tödliche Polizeieinsatz gegen den Schwarzen wird gleichgesetzt mit Sanktionen, die die USA kurz vor der Demo auf mehrere Dutzend Unterstützer aus Assads Umfeld ausgeweitet hatten. Nutzer antworteten auf Almassians Posting mit Bildern aus Syrien: von Opfern von Giftgasangriffen und aus Foltergefängnissen des syrischen Regimes.

Dort sind Morde und Mordversuche dokumentiert.

*Wir haben an dieser Stelle korrigiert, dass sich Almassian nicht wörtlich als Propagandakrieger bezeichnet, sondern so dargestellt hatte. Er hatte erklärt, der Krieg in Syrien werde auf vielen Ebenen geführt, und jeder werde mit seinen Fachekenntnissen an seinem Platz gebraucht. Jemand müsse auch Gegenpropaganda machen.

Verwendete Quellen:


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