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Ukraine-Krieg: Awdijiwka, Kupjansk, Bachmut – Experte analysiert die Front


Militäranalyst Gady zur Ukraine-Front
"Die Lage ist ernst"

InterviewVon Simon Cleven

Aktualisiert am 25.02.2024Lesedauer: 6 Min.
Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

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UKRAINE-CRISIS/EASTVergrößern des Bildes
Region Donezk: Zerstörte Panzer der russischen Armee liegen auf einem Feld nahe Bohorodychne. (Quelle: STRINGER/reuters)

Awdijiwka, Kupjansk, Bachmut: Die Ukraine ist an mehreren Frontabschnitten unter Druck. Militäranalyst Franz-Stefan Gady erklärt die Hauptprobleme der Ukraine – und wie sie gelöst werden könnten.

Hört man vom Krieg in der Ukraine, so gab es zuletzt vor allem Hiobsbotschaften. Russland sei langsam, aber stetig an mehreren Frontabschnitten auf dem Vormarsch, lautet die einhellige Einschätzung von Experten. Besonders in der Stadt Awdijiwka im Donbass setzen die russischen Truppen den ukrainischen Verteidigern zu. Hier hat der neue Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Olexander Syrskyj, am Samstagmorgen einen taktischen Rückzug angeordnet. Mehr dazu lesen Sie hier.

Auch der renommierte Militäranalyst Franz-Stefan Gady schätzt die Lage an der Ukraine-Front als ernst ein. Doch Schwarzmalerei sei keinesfalls angebracht, sagt der Österreicher im t-online-Interview. Er zeigt auf, welche Strategie die Ukraine jetzt fahren sollte, wo die Hauptprobleme von Kiews Truppen liegen – und warum die europäischen Alliierten mit ihrer Unterstützung auf einem guten Weg sind.

t-online: Herr Gady, es mehren sich Berichte über den Vormarsch russischer Truppen in der Ukraine. Die Ukrainer ziehen sich aus der monatelang umkämpften Stadt Awdijiwka zurück, auch in der Region Charkiw soll es russische Vorstöße geben. Ist die Lage aus Sicht der Ukraine wirklich so prekär?

Franz-Stefan Gady: Die Lage ist tatsächlich ernst. Ich glaube aber nicht, dass wir den Zeitpunkt erreicht haben, an dem die Ukraine unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Es ist nach wie vor so, dass der Krieg in der Ukraine von der Artillerie dominiert wird. Wer die überlegene Feuerkraft auf dem Gefechtsfeld aufbieten kann, der hat auch die Chancen, Gefechte für sich zu entscheiden, Durchbrüche an der Frontlinie und gegebenenfalls auch größere Gewinne zu erzielen. Und ich sehe im Moment, dass noch keine Seite einen entscheidenden Vorteil hat.

(Quelle: privat)

Zur Person

Franz-Stefan Gady (41) gehört zu den besten ausländischen Kennern der militärischen Lage in der Ukraine. Mehrfach hat er das Land seit Februar 2022 besucht. Gady ist Senior Fellow am International Institute for Strategic Studies in London und Adjunct Senior Fellow am Center for a New American Security in Washington. Der Österreicher berät Regierungen und Streitkräfte in Europa sowie den Vereinigten Staaten.

Aber die Ukrainer klagen schon seit Monaten über Munitionsmangel. Russland hingegen hat auf Kriegswirtschaft umgestellt, wird von Nordkorea mit Hunderttausenden Artilleriegeschossen ausgerüstet und kann immer mehr Soldaten in die Gefechte schicken.

Die Russen haben auch eine Feuerüberlegenheit, die je nach Frontsektor bei etwa fünf zu eins liegt. Man darf aber nicht vergessen, dass die russische Artillerieüberlegenheit in der Sommeroffensive 2022 im Donbass sogar bei bis zu zehn zu eins lag. Auch das hat damals nicht zum Kollaps der ukrainischen Seite geführt.

Woran liegt das?

Die russischen Truppen haben mit großen Herausforderungen innerhalb ihres Systems zu kämpfen. Ihnen fehlen oftmals moderne Ausrüstung und Ausbildung, die Kampfkraft erschlafft mancherorts, und sie begehen nach wie vor viele taktische Fehler. Schwarzmalerei ist also trotz russischer Vorstöße nicht angebracht.

Wo liegt Ihrer Ansicht nach aktuell der Fokus der Kampfhandlungen?

Wir sollten unser Hauptaugenmerk auf jeden Fall auf die Gegend um Kupjansk in der Oblast Charkiw und auf Awdijiwka lenken. Auch könnte es eine neue russische Offensive im Süden im Raum Robotyne geben. Hier wird sich in nächster Zeit zeigen, wie der neue Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte agiert. Schickt Syrskyj Verstärkung in diese Zonen, um die dortigen Stellungen zu verteidigen? Im Falle von Awdijiwka hat er bereits einen taktischen Rückzug befohlen. Jetzt ist die Frage: Wie geordnet können sich die Ukrainer zurückziehen, und wie schnell und gut können neue Verteidigungslinien gebildet werden?

Was könnte passieren, wenn sich Syrskyj für die erste Option entscheidet?

Sollte die Entscheidung getroffen werden, die Front so zu halten, wie sie sich aktuell darstellt, dann würden die ukrainischen Verluste wahrscheinlich massiv ansteigen. Russland hat im Raum Bachmut und bei Kupjansk schon jetzt wichtige Stellungen erobert. Das gilt auch für die Front im Süden bei Orichiw und Robotyne. Die Ukraine müsste also versuchen, mit Gegenangriffen die russischen Soldaten von diesen Stellungen zu vertreiben. Und das wäre konträr zur Gesamtstrategie. Besser wären auch dort taktische Rückzüge.

Wie sieht diese Gesamtstrategie aus?

Meiner Ansicht nach wird die Ukraine in diesem Jahr eine defensive Strategie fahren. Sie sollte die Zeit nutzen, um die Streitkräfte zu schonen, auszubauen und neu zu strukturieren. Gleichzeitig muss der Druck auf die Russen aufrechterhalten werden. Das könnten Kiews Truppen mit Langstreckenpräzisionswaffen, Marschflugkörpern und Drohneneinsätzen schaffen. Damit waren sie in letzter Zeit bereits erfolgreich. So könnte Ende dieses Jahres oder Anfang 2025 erneut eine größere Offensive stattfinden.

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In ihrem neuesten Artikel mit dem US-Analysten Michael Kofman plädieren Sie dafür, dass die Ukraine auf einen Abnutzungskrieg setzen sollte. Was meinen Sie damit?

Abnutzung ist der Charakter der Kriegsführung in der Ukraine. Sie setzt die Bedingungen für eine erfolgreiche Strategie. Abnutzung bedeutet aus ukrainischer Sicht, dass die Verluste auf russischer Seite deutlich höher sind als die eigenen. Der Ukraine kann das mit Artillerie, aber auch mit Drohnenangriffen gelingen. Schafft sie das, steigert das die Chance, von einem Stellungskrieg – wie es sich jetzt darstellt – wieder hin zu einem Bewegungskrieg zu kommen.

Video | Verwundeter gerettet – dann schlägt Drohne zu
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Quelle: t-online

Was bedeutet das?

Im Bewegungskrieg geht es darum, schnell vorzustoßen, Territorien einzunehmen, den Gegner einzukreisen und schließlich zu zerschlagen. Die Ukraine wäre dabei überlegen: Ihre Soldaten sind insgesamt besser ausgebildet als die russischen, und die ukrainische Einsatzdoktrin ist meines Erachtens besser geeignet.

Hätte Russland wegen seiner schieren Masse an Soldaten im Abnutzungskrieg nicht eigentlich Vorteile?

Würde man die Streitkräfte eins zu eins gegenüberstellen, wäre das sicherlich so. Aber die Ukraine kann sich "indirekter Methoden" bedienen. Dazu gehören Langstreckenpräzisionswaffen wie Marschflugkörper. Die deutschen Taurus-Marschflugkörper wären dabei wichtig. Diese würden den Ukrainern zwar keine grundlegend neuen Fähigkeiten bringen, aber die bereits existierenden Fähigkeiten erweitern. Denn die französischen und britischen Marschflugkörper, über die die Ukraine jetzt verfügt, werden auch irgendwann aufgebraucht sein.

Wagen wir also einen Ausblick: Welche Hindernisse gibt es aktuell für die Ukraine?

Die ukrainischen Streitkräfte haben drei Hauptprobleme. Zum einen fehlt es ihnen an Infanterie. Der Personalmangel wird immer akuter, und eine neue Mobilisierungswelle ist eigentlich unumgänglich. Manche Einheiten haben nur zwischen 20 und 30 Prozent Sollstärke. Das ist ein Problem. Das zweite ist die fehlende Artilleriemunition sowie eine Unterlegenheit bei FPV- und Kamikazedrohnen. Beides ist zentral, um eine Überlegenheit gegenüber den Russen an der Front wiederherzustellen. Und drittens wird Russland in diesem Jahr bei der elektronischen Kriegsführung überlegen sein. Auch das behindert den Einsatz etwa von Drohnen auf ukrainischer Seite.

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Über allen Diskussionen zu den Ukraine-Hilfen des Westens schwebt derzeit ein Mann: Donald Trump. Wie sollten die europäischen Verbündeten Kiews sich in dieser Situation verhalten?

Das Allerwichtigste ist zu realisieren, dass ein Kollaps der ukrainischen Front bei ausbleibenden US-Hilfen durchaus passieren kann. Ich halte diese Wahrscheinlichkeit zwar derzeit für niedrig, unmöglich ist es aber nicht. Die nächsten Monate werden für die ukrainischen Streitkräfte sehr kritisch werden. Ich erwarte eine Reihe von militärischen Hiobsbotschaften. Die ukrainischen Streitkräfte müssten sich in jedem Fall adaptieren. Dennoch glaube ich nicht, dass die russische Armee die Fähigkeit hätte, das ganze Land oder noch größere Teile zu besetzen. Aber noch mal: Man sollte die Situation nicht schwarzmalen.

Was stimmt Sie aktuell positiv?

Ich glaube, dass die Lage zum Ende des Jahres aus ukrainischer Sicht deutlich besser sein kann als jetzt. Die Europäer kurbeln die Munitionsproduktion deutlich an. Ende dieses Jahres und Anfang 2025 wird deutlich mehr geliefert werden können. Schon allein damit könnte sogar ohne Hilfen aus den USA ab circa Ende des Jahres eine defensive Strategie aufrechterhalten werden.

Die Europäer haben einen guten Ansatz. Neben der Artilleriemunition produzieren sie auch mehr Flugabwehrgeschosse und -systeme. Dazu liefern sie der Ukraine finanzielle Unterstützung, helfen ihr außerdem bei eigener Produktion. Ich denke, man muss da weitermachen, wo man schon begonnen hat. Und den Amerikanern immer wieder klarmachen, dass die Ukraine nicht nur für Europa kämpft, sondern für die gesamte regelbasierte internationale Ordnung.

Herr Gady, vielen Dank für dieses Gespräch.

Transparenzhinweis: In einer ersten Version dieses Interviews hieß es, dass Russland aktuell in manchen Sektoren der Front eine Feuerüberlegenheit von zehn zu eins habe. Tatsächlich liegt das Verhältnis bei fünf zu eins zugunsten Russlands.

Verwendete Quellen
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