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Nationalmannschaft in der Image-Krise: Drei Gründe für das DFB-Dilemma


DFB-Elf in der Image-Krise  

Das Nationalmannschafts-Dilemma

12.11.2020, 00:20 Uhr
Nationalmannschaft in der Image-Krise: Drei Gründe für das DFB-Dilemma . Joachim Löw und Oliver Bierhoff (v.l.): Die beiden DFB-Führungskräfte müssen ihre Arbeit grundlegend hinterfragen. (Quelle: imago images/Jan Huebner)

Joachim Löw und Oliver Bierhoff (v.l.): Die beiden DFB-Führungskräfte müssen ihre Arbeit grundlegend hinterfragen. (Quelle: Jan Huebner/imago images)

Das Image der Nationalmannschaft ist angekratzt, die Quoten überschaubar, der Trainer angezählt. Das zeigte auch eine jüngste Umfrage unter den Fans. Doch was ist dran an der Kritik?

In Zeiten der Corona-Krise ist das Leben oft lästig. Kein Tummeln auf den Straßen, in den Bars oder Clubs. Schaut man in die Gesichter der Menschen, so ist Trübsal zu erkennen. Der gestrige 11. November, Feiertag der Narren und Karnevalisten, er ist nur noch ein Tag wie jeder andere. Gerade in diesen Zeiten sucht der Mensch Zerstreuung, Ablenkung vom Alltag und den immer wieder aufpoppenden Nachrichten gestiegener Infektionszahlen.

Wie gut, dass wenigstens die Nationalmannschaft noch spielt, mag manch einer da sagen. Doch die Tage, in denen die Nationalmannschaft bei der Bevölkerung Freude und Euphorie auslöst, sie sind vorerst gezählt.

Desinteresse am DFB-Team

"Wir sind nicht mehr der Deutschen liebstes Kind", sagte Anfang der Woche selbst DFB-Direktor Oliver Bierhoff auf der digitalen Pressekonferenz vor den letzten Länderspielen des Jahres am heutigen Mittwoch (Tschechien), Samstag (Ukraine) und Dienstag (Spanien). "Wir haben Sympathien verspielt", räumte er im Rahmen eines 15-minütigen Appells ein, in dem er zugleich einen "positiven Spirit" in der öffentlichen Betrachtung einforderte und eine "falsche Tonalität" monierte.

Während Bierhoff sich von den Fans eine bessere Stimmung wünscht, üben diese ihrerseits Kritik am DFB. Sie haben ihre Gründe für ihr verlorenes Interesse an den Auftritten der Nationalelf in den vergangenen Jahren. Laut einer repräsentativen Umfrage, die t-online durchführen ließ, ist die Kommerzialisierung der Nationalmannschaft der Hauptgrund für das sinkende Interesse am Team von Joachim Löw. Dies gaben mehr als 50 Prozent der mehr als 2.000 Befragten an, gefolgt von einer unsympathischen DFB-Führung (39,7 Prozent) sowie einer unattraktiven Spielweise (35,6 Prozent).

Was genau ist an den drei Kritikpunkten der Fans dran?

1. Die Kommerzialisierung der Nationalmannschaft

Oliver Bierhoff ist das Gesicht der Kommerzialisierung beim DFB. Seit vielen Jahren arbeitet er daran, aus der Nationalmannschaft eine Marke zu machen. Genau da liegt das Problem. Der Nationalmannschaftsdirektor fremdelte fundamental mit den Anhängern des DFB-Teams, als er Ende August 2018 verkündete, man müsse mit den Stakeholdern diskutieren, inwieweit der Slogan "Die Mannschaft" noch tragbar ist. Der Slogan blieb – bis heute. 

"Die Mannschaft", ein Name zum Selbstzweck, geboren nach dem Triumph von Rio 2014. Was vor sechs Jahren eine grandiose Marketingidee zu sein schien, hätte spätestens nach der verkorksten WM 2018 sein Ende finden müssen – ähnlich wie der schon seinerzeit kritisch beäugte Hashtag "#ZSMMN" (Bedeutung: Zusammen, Anm. d. Red.), der bereits vor dem Turnier in Brasilien Häme nach sich zog.

Immer wiederkehrende Slogans und ein Fanclub Nationalmannschaft powered by Coca-Cola sind mit dem Namen Bierhoff verknüpft. Wenn Fans das Gefühl bekommen, nicht als Fans sondern als Kunden angesehen zu werden, leidet die Identifikation.

So sehr Bierhoff auch einen Aufbruch propagiert: Das unantastbare Marketing-Image bleibt an ihm haften, öffentlich ausgetragene Trainings hin oder her. Als im Oktober Akteure des DFB-Teams bei "Wer wird Millionär?" zu Gast waren, traten diese allein optisch dermaßen angepasst auf, dass der krampfhafte Versuch, Nähe zum Fan zu suggerieren, eher den gegenteiligen Effekt auslöste. Womit wir beim zweiten Punkt wären. Krampfhaft ja, doch gleich unsympathisch?

2. Die unsympathische DFB-Führung

Der Begriff "Führung" ist sicherlich ein weitgefasster. Vom Kapitän über den Trainer bis hin zum Präsidenten sehen sich diverse Persönlichkeiten beim DFB dazu berufen, als leitende Figuren aufzutreten. Dass diese in der Öffentlichkeit als unsympathisch wahrgenommen werden, sollte zu denken geben, hat aber auch seine nachvollziehbaren Gründe.

Der bereits erwähnte Bierhoff sowie Bundestrainer Joachim Löw sind seit mehr als 16 Jahren im Amt – und damit länger als die Bundeskanzlerin. Abnutzungserscheinungen sind nur allzu verständlich. Obwohl sich sowohl Löw ("Wir sind bei der WM fast schon arrogant aufgetreten") als auch Bierhoff ("Wir haben unsere Fans 2018 tief enttäuscht und müssen Vertrauen zurückgewinnen") in der Vergangenheit selbstkritisch zeigten, vermochten beide es bis heute nicht, eine neue Begeisterung zu entfachen.

Joachim Löw: Der Bundestrainer will in den letzten Länderspielen des Jahres auf Sieg spielen.  (Quelle: imago images/Picture Point LE)Joachim Löw: Der Bundestrainer will in den letzten Länderspielen des Jahres auf Sieg spielen. (Quelle: Picture Point LE/imago images)

Sätze des Bundestrainers wie "Ich stehe über den Dingen" oder "Mir ist völlig egal, wer was wie sagt", zeugen von einer Selbstüberzeugung, die mitten im Umbruch des Nationalteams kontraproduktiv sind. Dass Bierhoff zudem nicht davor zurückschreckte, an die Öffentlichkeit zu appellieren, die Tonalität zu verändern, offenbart das große Dilemma, in dem sich die Nationalmannschaft im Oktober 2020 befindet.

Bierhoff und Löw wirken wie unantastbare Größen, die ihren Weg unangefochten durchziehen wollen. Dass sie selbst möglicherweise Teil des Problems sein könnten, kommt ihnen zumindest öffentlich derweil weniger in den Sinn. Der Weg, neuen, jungen Spielern das Vertrauen zu schenken, ist lobenswert, doch was bringen schöne Reifen, wenn der Motor kaputt ist?

3. Die unattraktive Spielweise

Nur ein Sieg in den vergangenen fünf Spielen, dazu neun Gegentreffer. Die Nationalmannschaft spielt derzeit keine Sterne vom Himmel, ist insbesondere in der Defensive wacklig. Wechselnde Spielsysteme (keine Festlegung auf Vierer- oder Fünferkette) sowie die Verwässerung der Wettbewerbe sind jedoch plausible Gründe für die durchwachsenen Leistungen in den vergangenen Partien.

Offensiv bewies das Team um die Ausnahmekönner Timo Werner, Serge Gnabry oder Leroy Sané zuletzt ihre herausragenden Qualitäten. Doch was fehlt, ist die Balance. Denn vorne mag die Nationalmannschaft durch viel Tempo und technisch beschlagene Spieler attraktiv wirken, die desolaten Abwehrleistungen mildern das Gesamtbild. Dazu fehlen gute Ergebnisse, die von der Öffentlichkeit zusätzlich erwartet werden.

Eine Euphorie auszulösen, gepaart mit dem Anspruch, attraktiven Fußball zu spielen, Ergebnisse einzufahren, die Schmach von 2018 hinter sich zu lassen sowie eine Mannschaft mit Titelambitionen in Zeiten der Pandemie aufzubauen, ist eine Mammutaufgabe. Spätestens im Sommer dürfte sich zeigen, ob Bundestrainer und Nationalmannschaftsdirektor dieser gewachsen waren und der aktuelle Weg des Umbruchs der richtige ist – oder das Ende einer Ära bedeutet.

Verwendete Quellen:

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