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Böse Benziner? "Die Autofahrer stehen zu Unrecht am Pranger"

MEINUNGBöse Benziner?  

Die Autofahrer sind nicht die Sünder

Von Ursula Weidenfeld

08.09.2020, 13:01 Uhr
Böse Benziner? "Die Autofahrer stehen zu Unrecht am Pranger". Verkehr (Symbolbild): Beim Autogipfel kommt die Spitze der Autobranche mit Vertretern von Bund und Ländern zusammen. (Quelle: imago images/Die Videomanufaktur)

Verkehr (Symbolbild): Beim Autogipfel kommt die Spitze der Autobranche mit Vertretern von Bund und Ländern zusammen. (Quelle: Die Videomanufaktur/imago images)

Beim Autogipfel mit der Bundeskanzlerin geht es nicht nur um Subventionen für Autokonzerne. Es geht um die Mobilität der Zukunft: Ist Autofahren eigentlich noch okay?

Paradigmenwechsel kündigen sich langsam an – und dann dreht sich der Mainstream auf einmal mit Wucht. Einen solchen Moment erleben wir gerade in Bezug auf das Auto.

Kein Mitleid mehr mit den Herstellern von Verbrennungsmotoren, tosender Beifall für (offensichtlich nicht ganz legale) Pop-up-Fahrradspuren, ein donnerndes "Weiter so!" für vermeintlich klimafreundliche E-Bike- und Lastenradverkäufer.

Wohin man auch schaut: Die klassische Autoindustrie und ihre Kunden gelten als verantwortungslose Klimafeinde. Zu Unrecht.

Immer noch sind die Autobauer und ihre Zulieferer die wichtigste Industriebranche Deutschlands. Wie kaum eine andere Industrie sorgen sie für stetige Exportüberschüsse, gut bezahlte Arbeitsplätze und sprudelnde Steuerquellen.

Autobauer haben gepennt

Die meisten Autonutzer sind nicht aus Spaß oder Übermut mobil, sondern, weil sie zur Arbeit müssen, ihre Kinder in die Schule bringen sollen oder ihre Waren verkaufen wollen. Beide Seiten, Hersteller und Kunden von Autos,  tragen enorm zu Wachstum und Wohlstand in diesem Land bei. Wenn es ihnen nicht gut geht, kommt auch das Land nicht aus der Krise. Das wird ein Thema für den Autogipfel sein, zu dem die Bundeskanzlerin heute Abend eingeladen hat.

Klar, beide Seiten haben gepennt. Die Autobauer haben zuerst bei den Abgasen geschummelt und betrogen, und dann geschlafen, als ihre wichtigsten Absatzmärkte auf elektrische Antriebe setzten.

Jetzt stehen sie mit Anfänger-E-Modellen da, während ihnen ausländische Wettbewerber vormachen, dass Strom-Autos mit großer Reichweite, und vernünftige Hybrid-Gefährte für den kombinierten Betrieb machbar sind.

Gerne Auto zu fahren ist keine Sünde

Und die Nutzer? Sie haben die günstigen Benzin- und Dieselpreise der vergangenen Jahre als Garantie dafür genommen, dass fossile Treibstoffe immer günstiger sein werden als Strom. In den Städten haben sie erbittert jeden Parkplatz verteidigt, als ginge es um ihr Leben. Gegen Tempolimits und Tempo-30-Zonen haben sie zu einem Kreuzzug aufgerufen, den sie nicht gewinnen können.

Das war kurzsichtig. Doch im Gegenzug jetzt so zu tun, als sei das Bedürfnis nach individueller Mobilität eine schwere Sünde, und als sei es ein Verbrechen, gerne und schnell zu fahren, ist ebenso weltfremd. Und zu riskieren, dass die Autoindustrie in diesem Land untergeht, ist zumindest leichtfertig.

Wenn die Bundeskanzlerin heute Abend die Branche und die Ministerpräsidenten zusammenschaltet, wird es nämlich nicht nur um die Arbeitsplätze und die Wertschöpfung einer der wichtigsten Industriezweige des Landes gehen.

Es geht um die Zukunft individueller Mobilität

Unterschwellig wird mitverhandelt, welche Bedeutung das deutsche Modell industrieller Produktion künftig haben wird, und wie viel individuelle Mobilität in Zukunft noch gewünscht ist. Auch die künftige Verteilung des öffentlichen Raums wird sich daran neu ausrichten.

Auf dem Land und in stadtnahen Vorstädten gibt es zum Auto heutzutage keine vernünftige Alternative. Wer seine Kinder dort zum Sport, den alten Vater zum Arzt, sich selbst bis zum nächsten Pendlerbahnhof transportiert, soll sich für ein eigenes Auto nicht rechtfertigen müssen. Dasselbe gilt für den Wochenendeinkauf, die Ferienreise, den Freunde- und Verwandtenbesuch.

Zur Freiheit gehört auch das Recht auf eigene Entscheidungen, wann und wohin man fährt. Das gilt übrigens auch für den städtischen Raum.

Dennoch kann niemand darüber hinwegsehen, dass sich die Prioritäten gerade in den Großstädten ändern. Immer mehr Menschen sind mit dem Fahrrad unterwegs, nutzen die Bahn oder die öffentlichen Verkehrsmittel, und nutzen ein Auto nur noch dann und wann. Wer so unterwegs ist, braucht keinen Parkplatz vor der Tür, und will auch keine Tiefgarage in der Wohnanlage mehr mitfinanzieren.

Autobranche wird weiterhin wichtige Rolle spielen

Anfangs unmerklich, dann immer dynamischer verändert sich auch die Einstellung zum öffentlichen Raum. Während Autobesitzer den Laternen-Parkplatz in der Wohnstraße erbittert verteidigen, finden Nicht-Autofahrer es ganz schön, wenn Kneipen mehr Außensitzplätze anbieten dürfen, oder vor der Einfahrt ein paar Pflanzkübel für das Urban Gardening platziert werden.

Autokonzerne und Autofahrer werden ihre Interessen künftig nicht mehr so einfach durchsetzen können wie bisher. Das ist gut. Doch sie werden weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Es wäre gut, wenn das respektiert würde. 

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".

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