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Lohn oder Macht? Die Bahnstreiks zeigen die Schwäche der Gewerkschaften


Die Bahnstreiks zeigen die Schwäche der Gewerkschaften

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

Aktualisiert am 24.08.2021Lesedauer: 3 Min.
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Anzeigetafeln am Bahnhof (Symbolbild): Gewerkschaften bleibt der Nachwuchs weg, nur noch ein Viertel der Arbeitnehmer ist organisiert.
Anzeigetafeln am Bahnhof (Symbolbild): Gewerkschaften bleibt der Nachwuchs weg, nur noch ein Viertel der Arbeitnehmer ist organisiert. (Quelle: imago-images-bilder)
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Der Streik bei der Bahn wird das Unternehmen verändern – und das gesamte Land. Denn: Die Art und Weise, wie in Deutschland Lohnverhandlungen geführt werden, muss sich wandeln.

Der Lokführer-Streik wird noch einen Tag dauern. Erst ab Mittwochfrüh fährt die Bahn wieder nach Fahrplan, erst dann können Pendler, Ferienreisende und Logistikunternehmen aufatmen.

Eine Einigung ist jedoch nicht in Sicht, weitere Streiktage werden wahrscheinlich folgen. Denn gestritten wird nicht nur um die materiellen Forderungen der Zugführer. Gekämpft wird auch um die Macht im Arbeitnehmerlager, die Tariffreiheit – und um die Frage, ob und wie Beschäftigte künftig ihre Interessen wirksam vertreten können.

Der Arbeitskampf bei der Bahn ist nicht nur für diejenigen aufregend, die auf das Verkehrsmittel angewiesen sind. Er könnte auch die Zukunft der Lohnfindung in anderen Branchen grundlegend verändern. Deshalb wird er so erbittert geführt, werden Schlichtungsversuche zurückgewiesen, wird weiter gestritten, obwohl es inhaltlich gar nicht mehr um sehr viel geht.

  • Bahnstreik: Warum dieser Tarifkonflikt nicht wie jeder andere ist


Alle Gewerkschaften kämpfen zurzeit um Mitglieder. Nur wer in den Betrieben stark ist, kann seine Lohn- und Gehaltsforderungen durchsetzen. Doch die Arbeitnehmerorganisationen schrumpfen seit Jahrzehnten: Waren im Jahr 1994 noch fast zehn Millionen Arbeitnehmer im Deutschen Gewerkschaftsbund organisiert, sind es heute nur noch 5,8 Millionen.

Rund die Hälfte der deutschen Beschäftigten arbeiteten 2020 in Unternehmen ohne Tarifbindung, Tendenz weiter fallend. Auf der Gegenseite findet sich dasselbe Bild: Um die Jahrtausendwende waren 40 Prozent der Unternehmen tarifgebunden – heute sind es gerade noch ein Viertel.

Lokführer, Piloten und Co. streiken nicht mehr solidarisch

Es ist ein Paradox: Mitglieder gewinnen Gewerkschaften vor allem im Arbeitskampf. Streiks aber werden immer schwieriger, weil die Basis in den Unternehmen nicht mehr stimmt, weil Kollegen in den Nachbarunternehmen immer öfter gar nicht mehr mitmachen, weil deren Betrieb nicht tarifgebunden ist. Deshalb haben die Arbeitnehmerorganisationen ihre Arbeitskampfstrategie umgestellt.

Statt der großen und teuren Massenstreiks des vergangenen Jahrtausends nutzten sie im Arbeitskampf besondere Gruppen: Wenn nur die Lokführer streiken, legt die Gewerkschaft den Betrieb lahm, muss aber Bahnschaffnern, Fahrkartenverkäuferinnen und die Stellwerkstechniker kein Ausfallgeld bezahlen. Die haben ja schließlich nicht gestreikt.

Wird am Flughafen nur die Feuerwehr zum Arbeitskampf gerufen, fliegt trotzdem niemand mehr. Lassen die Metaller nur ein paar strategisch wichtige Zulieferer in den Ausstand treten, können die Autokonzerne selbst auch nicht mehr arbeiten.

Das hat lange funktioniert – bis die Unverzichtbaren auf die Idee kamen, ihre Verhandlungsmacht im eigenen Interesse durchzusetzen, anstatt sie allen Arbeitnehmern zugutekommen zu lassen. Spartengewerkschaften wie die Lokführer- oder die Pilotenorganisationen entstanden, das Solidaritätsverständnis der Arbeitnehmer wandelte sich.

Regulierung ersetzt Gewerkschaften

Die Bundesregierung griff ein, um das alte Gefüge zu stabilisieren. Immer wieder. Kurzfristig hilft das, langfristig aber beschleunigt sich der Erosionsprozess: Denn wenn der Staat die Selbstorganisation ablöst, wächst das Motivationsproblem. Wenn man an den Vorteilen der Tarifbindung ohnehin beteiligt ist, warum sollte man dann freiwillig die Kosten – Mitgliedsbeiträge, das Risiko, in einen Arbeitskampf verwickelt zu werden – tragen?

Zuletzt hat die Bundesregierung mit Blick auf die Bahn das Tarifeinheitsgesetz verabschiedet. Danach soll nur die Gewerkschaft Tarifverhandlungen in einem Unternehmen führen, die die meisten Mitglieder hat. Bei der Bahn ist das bisher die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die sich längst mit der Bahn geeinigt hat. Ende des Jahres tritt das Gesetz in Kraft – der mitgliederschwächeren GDL bleibt nicht mehr viel Zeit, in der Bahn die Führung zu übernehmen.

Allgemeinverbindlichkeit, Tariftreuegesetze, selbst der Mindestlohn wirken ähnlich: Je mehr reguliert wird, desto weniger Arbeitnehmer treten in eine Gewerkschaft ein, desto seltener unterschreiben Arbeitgeber in einem Arbeitgeberverband, desto größer wird der Bedarf an neuen Schutzzäunen. Im Bahnstreik kulminieren all diese Entwicklungen: Bis entschieden ist, ob sich hier die Sparten- oder die Einheitsgewerkschaft, ein neuer Weg der Interessenvertretung oder die traditionelle Tarifpolitik durchsetzen, werden Pendler, Schulkinder und Reisende wohl noch leiden müssen.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr neues Buch heißt: Die Kanzlerin. Porträt einer Epoche. Sie können es jetzt bestellen.

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