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Wirecard-Skandal: Was hatte Kanzlerin Merkel mit dem Milliardenbetrug zu tun?


Wirecard-Skandal  

Welche Schuld trägt Merkel am Milliardenbetrug?

23.04.2021, 17:17 Uhr
Wirecard-Skandal: Was hatte Kanzlerin Merkel mit dem Milliardenbetrug zu tun?. Angela Merkel: Die Kanzlerin hat im Wirecard-Ausschuss ausgesagt. (Quelle: dpa/Michael Kappeler)

Angela Merkel: Die Kanzlerin hat im Wirecard-Ausschuss ausgesagt. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)

Showdown im Wirecard-Untersuchungsausschuss: Am Freitag sagte Angela Merkel aus. Es ging um nicht weniger als die Mitverantwortung am größten deutschen Finanzskandal. Doch welche Schuld trägt sie wirklich?

Ein deutsches Vorzeigeunternehmen der ersten Börsenliga, ein durchtriebener Manager, fast zwei Milliarden Euro, die verschwunden sind – und ein Dax-Vorstand, der sich für einen Geheimagenten hält und mittlerweile international gesucht wird: Die Geschichte des deutschen Unternehmens Wirecard ist perfekt für die ganz große Leinwand.

So spektakulär der Skandal ist – so entscheidend ist seine Aufarbeitung. Am Donnerstag sagte Olaf Scholz im parlamentarischen Untersuchungsausschuss – dem "schärfsten Schwert des Parlamentarismus" – zu Wirecard aus, am Freitag Kanzlerin Angela Merkel.

Doch was ist eigentlich passiert? Welche Rolle spielten die Wirecard-Manager, welche die Wirtschaftsprüfer – und was hat der Finanzminister und die Bundeskanzlerin mit all dem zu tun? t-online führt Sie durch einen Dschungel aus Lügen, Verstrickungen und Betrügereien, erklärt Ihnen den Hintergrund des Wirecard-Skandals – und die politische Dimension des Untersuchungsausschusses.

Was für ein Unternehmen ist Wirecard?

Wirecard ist ein Zahlungsanbieter mit Sitz in Aschheim bei München. Binnen 20 Jahren entwickelte sich das Unternehmen von einem Dienstleister der Porno- und Glücksspielindustrie zum vielgefeierten Star unter den 30 Dax-Konzernen und damit zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten großer Firmen in der globalen Finanzlandschaft.

1999 entstand Wirecard aus zwei Vorgängerunternehmen, "Wire Card" und "EBS". 1999 wurde "Wire Card" gegründet, ein Zahlungsdienstleister in den Anfängen des Onlinehandels. Zu diesem stieß Markus Braun im Jahr 2000 hinzu – als Berater der Unternehmensberatung KPMG.

Kurz zuvor wurde die EBS AG gegründet, die "Electronic Billing Systems AG", ein Unternehmen, das sein Geld mit Abwicklungen von Zahlungen an Pornowebseiten verdiente. Damals lief das noch über die Telefonrechnung.

Als die Wire Card AG finanzielle Probleme bekam, hat die EBS sie übernommen. Braun fädelte dies ein. Er wechselte von KPMG zu dem Unternehmen – und wurde Vorstandsvorsitzender und Technikvorstand.

Markus Braun: Der langjährige Wirecard-Chef sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. (Quelle: imago images/Sven Simon)Markus Braun: Der langjährige Wirecard-Chef sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Noch vor Braun war Jan Marsalek bei "Wire Card". Marsalek wurde die rechte Hand von Braun, jahrelang war er als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft zuständig. 2005 ging die Firma über die "Infogenie AG", eine Firma, die im Zuge des Platzens der Börsenblase gescheitert war, "durch die Hintertür" an die Börse. 2006 benannte sich die Firma um: in Wirecard.

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Zunächst wickelte sie hochriskante Zahlungen von Porno- und Glücksspielwebseiten ab, am Rande der Legalität. Das Duo Braun und Marsalek baute Wirecard weiter aus – und änderte die Kundengruppe des Unternehmens: weg von Zahlungsabwicklungen in der Pornoindustrie hin zum Dienstleister anerkannter, internationaler Firmen wie der Airline KLM, dem Haushaltsartikel-Spezialisten WMF oder dem Paketdienst FedEx.

Mit dem neuen Geschäftsmodell und Kundenstamm wuchs die Reputation von Wirecard – auch unter Anlegern. Der Aktienkurs von Wirecard stieg rasant an, 2018 ersetzte Wirecard die teilstaatliche Commerzbank in der ersten deutschen Börsenliga, dem Deutschen Aktienindex (Dax) <DE0008469008>. Lange währte der Erfolg aber nicht (siehe unten).

Wie lief das Geschäft von Wirecard konkret ab?

Der Konzern wickelte hauptsächlich Kartenzahlungen sowohl an Ladenkassen als auch im Onlinegeschäft ab. Wenn jemand im Internet oder an der Kasse mit Kreditkarte bezahlte, sorgte Wirecard dafür, dass das Geld auch beim Onlineshop oder Supermarkt ankam. Dafür kassierte Wirecard eine Gebühr – einen sehr kleinen Prozentsatz des Umsatzes.

Das Wirecard-Geschäft lohnte sich deshalb erst bei besonders vielen Kunden und Transaktionen. Für die Transaktionen arbeitete Wirecard mit Treuhandkonten. Diese sprangen ein, wenn das Konto eines Kunden nicht gedeckt war – und die Zahlung eigentlich nicht stattfinden hätte können. Die Treuhandkonten sorgten also als Art Versicherung dafür, dass die Zahlungen reibungslos abliefen.

Wirecard-Gebäude (Symbolbild): Wie kam es zu dem Milliardenbetrug bei dem Ex-Dax-Konzern? (Quelle: imago images/Fotostand)Wirecard-Gebäude (Symbolbild): Wie kam es zu dem Milliardenbetrug bei dem Ex-Dax-Konzern? (Quelle: Fotostand/imago images)

Für sein Geschäft betrieb Wirecard in Europa auch ein eigenes Kreditinstitut, die Wirecard Bank – samt vollwertiger Banklizenz. Die Wirecard Bank sorgte als Mittelsmann dafür, dass das Geld von den Kartendiensten zu den Händlern kommt. In anderen Ländern, wo Wirecard keine solchen Lizenzen hatte, arbeitete die Firma mit Drittfirmen zusammen, die dafür Provisionen erhielten.

In Asien etwa unterhielt Wirecard ein kompliziertes Netzwerk aus rund 100 Partnern, deren Geschäfte untereinander auch wiederum mit Treuhandkonten abgesichert wurden. Diese komplizierte Firmenstruktur mit Treuhändern in verschiedenen Ländern spielte eine entscheidende Rolle beim Bilanzskandal von Wirecard.

Denn erst durch die Treuhandkonten in Asien sah es so aus, als würden Dritte dem Wirecard-Konzern offene Rechnungen per Überweisung bezahlen und auf diesen Konten zwischenparken. Tatsächlich existierten 1,9 Milliarden Euro aber nicht (siehe unten).

Wie kam es zum Milliardenbetrug – und der Aufdeckung des Skandals?

Wie genau es zum Milliardenbetrug bei Wirecard kam, lässt sich bislang nur schwer rekonstruieren. Fakt ist: Im Juni 2020 brach das mühsam aufgebaute Kartenhaus zusammen. Eine Chronologie des Wirecard-Skandals:

Frühjahr 2015: In der britischen "Financial Times" ("FT") werden erste Vorwürfe gegen Wirecard laut. In der Artikelserie "The House of Wirecard" hinterfragt der "FT"-Journalist Dan McCrum erstmals das schnelle Wachstum – und das unklare Geschäftsmodell des Konzerns.

Februar 2016: Der britische Investor und Shortseller "Zatarra Research" veröffentlicht einen kritischen Bericht über Wirecard und wirft dem Unternehmen unter anderem Geldwäsche und Betrug vor. Hier lesen Sie, was ein Shortseller ist. Der Aktienkurs von Wirecard bricht daraufhin stark ein. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin leitet rechtliche Schritte gegen den Investor ein.

Anfang 2019: Die "FT" legt nach. In mehreren Artikeln wirft die britische Zeitung dem Konzern vor, dass Manager in Asien Verträge, Bilanzen und Rechnungen gefälscht und Geldwäsche betrieben haben sollen. Der Aktienkurs von Wirecard rauscht daraufhin erneut nach unten.

Februar 2019: Die Bafin verhängt aufgrund des massiven Kurseinbruchs der Wirecard-Aktie ein Leerverkaufsverbot auf die Titel des Konzerns. Das heißt: Wetten auf einen fallenden Kurs der Wirecard-Aktie sind nicht mehr erlaubt – eine Schutzmaßnahme, für die die Bafin später viel Kritik einstecken wird.

März 2019: Wirecard veröffentlicht die Ergebnisse eines Prüfberichts einer Rechtsanwaltskanzlei aus Singapur und sieht sich als entlastet an. Das Unternehmen erstattet Anzeige gegen den Journalisten McCrum und die "Financial Times".

April 2019: Die Bafin zieht nach – und erstattet ebenfalls Anzeigen gegen die "FT". Sie geht davon aus, dass die Zeitung mit den Shortsellern gemeinsame Sache macht, um den Kurs der Wirecard-Aktie zum Einsturz zu bringen und um mit Wetten auf diesen Kurssturz Geld zu verdienen.

Oktober 2019: Die "FT" lässt nicht locker – sondern veröffentlicht weitere kritische Beiträge über Wirecard. Unter anderem berichtet sie jetzt von zu hoch ausgewiesenen Gewinnen in den Bilanzen des Münchner Unternehmens. Kurze Zeit später kündigte Wirecard eine Sonderprüfung ihrer Bilanzen durch die Prüfungsgesellschaft KPMG an. Regulärer Buchprüfer bei Wirecard ist bis dahin eigentlich KPMG-Konkurrent EY.

März 2020: Wirecard verschiebt die Veröffentlichung seiner Jahresbilanz von 8. April auf 30. April 2020. Die KPMG-Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen. Sie habe sich unter anderem wegen der Corona-Pandemie verzögert, so der Konzern.

Ende April 2020: KPMG übergibt Wirecard den Bericht zur Sonderprüfung. Der Zahlungsdienstleister sieht sich abermals als entlastet an. Doch einige wichtige Fragen bleiben immer noch unbeantwortet. So kann die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zur Höhe und zur Existenz der Umsätze aus dem sogenannten Drittpartnergeschäft in den untersuchten Jahren 2016 bis 2018 keine Aussage treffen. Es bleibt unklar, ob die Umsätze existieren und korrekt sind oder ob es sie gar nicht gibt. Wirecard verschiebt die Veröffentlichung der Konzernbilanz erneut.

Mai 2020: Das Unternehmen kündigt an, ab 1. Juli ein Compliance-Ressort einzurichten – Vorstand soll der US-Manager James Freis werden, der zuvor bei der Deutschen Börse AG tätig war. Ende Mai verschiebt Wirecard erneut die Vorlage der Bilanz.

Anfang Juni 2020: Die Staatsanwaltschaft München durchsucht die Geschäftsräume von Wirecard in Aschheim. Dabei geht es um den Verdacht der Marktmanipulation.

18. Juni 2020: Nur wenige Stunden vor der Bilanzpressekonferenz meldet Wirecard, dass die Vorlage der Jahreszahlen erneut verschoben werden müsse. Die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY habe das Unternehmen darüber informiert, dass für die Existenz von Bankguthaben auf philippinischen Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine ausreichenden Nachweise vorlägen. Wirecard kündigt an, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten und spricht von einem "gigantischen Betrug". Die Wirecard-Aktien gehen an dem Tag mit einem Minus von 61,82 Prozent auf 39,90 Euro aus dem Handel. Zuvor hat eine Aktie noch mehr als 100 Euro gekostet. Jan Marsalek wird an dem Tag von seinem Vorstandsposten freigestellt.

19. Juni 2020: Wirecard-Chef Markus Braun räumt seinen Vorstandsposten. Wirecard habe ein exzellentes Geschäftsmodell, herausragende Technologie und ausreichende Ressourcen für eine große Zukunft, so Braun. "Ich will diese Zukunft nicht belasten", schreibt er in einer Erklärung. Interims-Chef wird Freis, der eigentlich erst zum Juli das Compliance-Ressort übernehmen sollte.

22. Juni 2020: Die 1,9 Milliarden Euro, für die EY Nachweise suchte, sind offenbar nicht auf den Philippinen, wie der Präsident der dortigen Notenbank mitteilt. Der bereits freigestellte Marsalek wird nun "mit sofortiger Wirkung" gefeuert, Markus Braun wird festgenommen. Einen Tag später kommt er gegen eine Millionenkaution wieder frei. Der Chef der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, sagt, seine Behörde habe offenbar nicht genug getan. "Es ist eine Schande", so Hufeld und weiter: "Es ist ein komplettes Desaster." Jan Marsalek ist zu diesem Zeitpunkt bereits untergetaucht.

25. Juni 2020: Wirecard ist pleite – das Unternehmen stellt einen Insolvenzantrag. Die Zukunft des einstiegen Aufsteigerkonzerns ist ungewiss.

Anfang Juli 2020: Der Ausverkauf bei Wirecard beginnt, mehr als 100 Interessenten wollen Teile des insolventen Konzerns übernehmen. Zum Insolvenzverwalter wurde Michael Jaffé berufen, der unter anderem schon die Kirch-Gruppe, den Halbleiterhersteller Qimonda und die dubiosen Anlegefirmen der P&R-Gruppe abwickelte.

Juli 2020: Der Wirecard-Skandal entwickelt sich mehr und mehr zu einer politischen Affäre, nachdem bekannt wird, dass Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) im Herbst 2019 bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU) für Wirecard geworben haben soll – zu einer Zeit also, als bereits Vorwürfe gegen das Unternehmen bekannt waren. Für Empörung sorgt auch, dass es offenbar Verwirrung um die genaue Zuständigkeit der Aufsichtsbehörden im Wirecard-Skandal gab: Niemand fühlte sich so richtig für Wirecard verantwortlich. Auch das Finanzministerium unter Olaf Scholz (SPD), zuständig für die Finanzaufsicht Bafin, die wiederum die Wirecard Bank überwacht, gerät zunehmend unter Druck.

22. Juli 2020: Ex-Vorstandschef Braun wird erneut festgenommen – und dieses Mal nicht gegen eine Kaution freigelassen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München geht mittlerweile von "gewerbsmäßigem Bandenbetrug", Untreue und Marktmanipulation aus. Sie schätzt, dass die Beschuldigten seit 2015 die Bilanzen des Konzerns aufgebläht haben. Auch weitere Wirecard-Manager sitzen nun im Gefängnis.

21. August 2020: Als erster Pleite-Konzern in der Geschichte des Dax fliegt Wirecard aus der ersten deutschen Börsenliga. Die Deutsche Börse kündigte aufgrund dieses Vorfalls grundlegende Änderungen an. Unter anderem soll der Dax auf 40 Unternehmenswerte vergrößert werden (siehe unten).

1. September 2020: Grüne, Linkspartei und FDP einigen sich auf einen Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag, um die Verstrickungen der Politik in dem Fall aufzuklären. 

4. September 2020: Die Staatsanwaltschaft stellt ihre Ermittlungen gegen die "FT"-Journalisten Stefania Palma und Dan McCrum ein.

November 2020: Das Wirecard-Kerngeschäft geht an die spanische Großbank Banco Santander. Markus Braun muss im Untersuchungsausschuss des Bundestages aussagen. Er habe "zu keiner Zeit Feststellungen getroffen oder Hinweise erhalten, dass sich Behörden, Aufsichtsstellen oder Politiker nicht korrekt, pflichtwidrig oder in irgendeiner Form unlauter verhalten hätten", so Braun. Mehr sagt er nicht und beruft sich auf sein Recht, die Aussage zu verweigern.

Ende Januar 2021: Der Chef der Finanzaufsicht Bafin Hufeld räumt seinen Posten. Man sei einvernehmlich zu dem Entschluss gekommen, dass es einen personellen Neustart an der Spitze der Bafin geben sollte, teilt das Finanzministerium mit. Auch seine Stellvertreterin Elisabeth Roegele muss ihren Posten räumen. Zuvor wurde bekannt, dass die Bafin einen Mitarbeiter wegen Insiderhandels anzeigte. Er hatte interne Informationen genutzt, um mit Wirecard-Aktien zu handeln. Auch weitere Geschäfte von Mitarbeitern werden untersucht.

März 2021: Neuer Präsident der Bafin soll Mark Branson werden. Er ist bislang Chef der Schweizer Finanzaufsicht Finma. Branson soll seinen Posten spätestens am 1. August antreten. Einige Tage später, Ende März, werfen Oppositionspolitiker dem Scholz-geführten Finanzministerium vor, wichtige Akten bewusst zurückgehalten zu haben. Die Finanzstaatssekretäre weisen diesen Vorwurf aber zurück. Das Finanzministerium erklärt, es informiere den Ausschuss "sorgfältig, detailliert und so zügig wie möglich". Insgesamt seien in den vergangenen Wochen und Monaten bereits mehr als 1.000 Ordner vom Ministerium übersandt worden.

26. März 2021: Roegele und Hufeld von der Bafin sagen im Untersuchungsausschuss aus. Roegele weist Vorwürfe zurück, die Finanzaufsicht habe den Skandalkonzern Wirecard absichtlich in Schutz genommen. Das von ihr ausgesprochene Leerverkaufsverbot sei vielfach als Parteinahme oder Gütesiegel für Wirecard verstanden worden, so Roegele. Das sei es aber nicht: "Das war und ist nicht die Zielsetzung der Bafin, die sie mit dem Leerverkaufsverbot verbunden hat."

20. April 2021: Peter Altmaier sagt im Untersuchungsausschuss aus, verteidigt sich gegen Vorwürfe. Die Wirtschaftsprüferaufsicht Apas, für die der CDU-Politiker die Rechtsaufsicht hat, habe nicht zu spät gehandelt.

21. April 2021: Jörg Kukies tritt vor den U-Ausschuss. Kukies gilt als einer der Schlüsselzeugen – er ist Staatssekretär im Finanzministerium von Olaf Scholz. Ihm wird etwa zu Last gelegt, sich mehrfach mit Ex-Wirecard-Chef Braun getroffen und sich für die Finanzfirma stark gemacht zu haben (siehe unten). Er bestreitet die Vorwürfe.

22. April 2021: Einen Tag nach Kukies folgt sein Chef, Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Der SPD-Politiker weist sämtliche Vorwürfe zurück.

23. April 2021: Der Höhepunkt des Wirecard-Ausschusses ist erreicht. Kanzlerin Angela Merkel sagt aus – über ihr Lobbying für das Unternehmen in China. Doch viel Neues fördert sie nicht zutage, stattdessen spielt ihr Kontakt zu Guttenberg eine große Rolle.

Wer sind die Hauptfiguren im Wirecard-Krimi?

  • Markus Braun: Braun, Jahrgang 1969, war fast 20 Jahre lang Chef des Zahlungsabwicklers. Er baute das Unternehmen stark aus – von einem Dienstleister der Schmuddelindustrie hin zu einer aufstrebenden Finanzfirma im Dax. Braun, der das Unternehmen laut Staatsanwaltschaft mit "Korpsgeist" und nach einem "streng hierarchischen System" geführt haben soll, sitzt hinter Gittern. Ihm droht eine lange Haftstrafe.
  • Jan Marsalek: Marsalek, 1980 in Wien geboren, war bei Wirecard der zweite starke Mann hinter Firmenboss Markus Braun. Marsalek stammt aus einfachen Verhältnissen. Kurz bevor er am französischen Gymnasium in Wien die Matura ablegen sollte, schmiss er die Schule, arbeitete anschließend für Tech-Start-ups, ehe er im Alter von 20 Jahren bei Wirecard anheuerte. Er war damit länger als Braun Teil des Konzerns, stieg auf und war zuletzt als Vertriebsvorstand auch für das umstrittene Asiengeschäft des Unternehmens verantwortlich. Seit Ende Juni 2020 befindet sich Marsalek auf der Flucht, mutmaßlich hält er sich zurzeit in Russland auf. Marsalek wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Nach seiner Flucht wurde bekannt, dass Marsalek oft mit Kontakten nach Russland prahlte, gar eine Art Doppelleben führte: So soll er etwa damit angegeben haben, mehrere Pässe zu besitzen – "wie jeder gute Geheimagent", wie Marsalek zitiert wird. Auch soll er sich Ende 2018 für den Aufbau einer Söldnerarmee in Libyen eingesetzt haben.
  • Felix Hufeld: Hufeld ist ein deutscher Jurist und war von März 2015 bis Januar 2021 Präsident der Finanzaufsicht Bafin. Im Zuge des Wirecard-Skandals geriet die Finanzaufsicht in die Kritik. Als Folge musste Hufeld seinen Posten räumen.
  • Dan McCrum: Dan McCrum ist Investigativjournalist bei der britischen Zeitung "Financial Times". Er schrieb bereits seit 2015 über Wirecard. Zwischenzeitlich wurde McCrum auch von der Finanzaufsicht angezeigt. Ihm wurde vorgeworfen, gemeinsam mit Spekulanten auf einen fallenden Aktienkurs gewettet zu haben.
  • Olaf Scholz: Der SPD-Politiker ist Bundesfinanzminister und trägt damit auch die Verantwortung für die Finanzaufsicht Bafin, einer nachgelagerten Behörde des Ministeriums. Scholz und das Finanzministerium gerieten wegen der Verstrickungen im Wirecard-Skandal zunehmend in die Kritik.
  • Peter Altmaier: Unter die Zuständigkeit des Wirtschaftsministeriums, das CDU-Politiker Altmaier führt, fällt die Abschlussprüferaufsichtskommission (Apas). Diese überwacht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland – also auch KPMG und EY. Der Chef der Apas wurde im Zuge des Bilanzskandals entlassen.

Akte mit Fahndungsfotos von Jan Marsalek: Der Ex-Wirecard-Vorstand wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)Akte mit Fahndungsfotos von Jan Marsalek: Der Ex-Wirecard-Vorstand wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)

Wie groß ist der Schaden des Wirecard-Skandals?

Groß. Tausende Anleger verloren viel Geld, weil der Aktienkurs des früheren Dax-Konzerns Wirecard ins Bodenlose stürzte. Hart getroffen sind auch die Banken, die Wirecard Geld und Kredite gaben. Schätzungen zufolge könnte sich ihr Schaden auf 3,2 Milliarden Euro summieren.

Zurzeit sind jede Menge Klagen von Anlegern, die sich geprellt fühlen, anhängig. Schon im Sommer berichteten Anleger, dass sie viel Geld durch den Kurssturz nach der Wirecard-Affäre verloren haben. Die Chance, dass Kleinanleger ihr verlorenes Geld wiedersehen, ist dabei denkbar klein. Denn die Einnahmen aus der Zerschlagung des insolventen Wirecard-Konzerns wird vorwiegend genutzt werden, um die Forderungen der Banken zu befriedigen.

Doch der größte deutsche Finanzskandal hat nicht nur finanzielle Auswirkungen. Viele Menschen sehen durch das Wirecard-Debakel das Ansehen des deutschen Finanzplatzes dauerhaft beschädigt. Das wiederum würde dafür sorgen, dass Investoren von Aktivitäten in Deutschland Abstand nehmen – eine fatale Konsequenz für die hiesige Unternehmenslandschaft.

Wer hat Schuld am Wirecard-Skandal?

Das ist die entscheidende Frage. Neben den Wirecard-Vorständen Markus Braun und Jan Marsalek spielen auch weitere Manager des Zahlungsdienstleisters wichtige Rollen in dem Skandal – nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in Dubai, Singapur oder auf den Philippinen. Auch der Wirecard-Aufsichtsrat muss sich einiges anhören. Denn er vermochte es nicht, das Treiben der Manager zu stoppen.

Neben Beteiligten aus dem Konzern gibt es auch Kritik an den Wirtschaftsprüfern von EY. Zehn Jahre lang prüfte die Gesellschaft die Bilanzen des Konzerns – und beanstandete nichts. Den Wirtschaftsprüfern wird vorgeworfen, durch Wirecard leicht Geld verdient, aber ihren Job nicht richtig gemacht zu haben. Der Deutschlandchef von EY, Hubert Barth, trat Ende Februar 2021 von seinem Posten zurück, allerdings bekommt er einen anderen Job im EY-Konzern.

Schließlich dürfte auch die Politik einige Schuld treffen, genauer gesagt: die Finanzaufsicht Bafin sowie das Wirtschafts- als auch das Finanzministerium – und die Kanzlerin.

Was hat die Politik mit Wirecard zu tun?

Womöglich eine ganze Menge. Die wichtigsten Fragen der politischen Aufarbeitung sind: Haben die Aufsichtsbehörden Wirecard als aufstrebenden Börsenstar trotz Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten mit Samthandschuhen angefasst? Wann genau wusste die Bundesregierung von Unregelmäßigkeiten? Und hat sie zu wenig dagegen unternommen?

Die Dimensionen des Wirecard-Skandals sind noch nicht vollständig geklärt. Fakt ist: Es gibt mehrere Ebenen, auf denen die Politik scharfe Kritik erntet. Eine Übersicht:

  • Das Versagen der Finanzaufsicht und der Bilanzpolizei: Die Bafin habe trotz klarer Hinweise auf Unregelmäßigkeiten nötige Schritte nicht ergriffen, werfen Kritiker der Behörde vor. Auch sei Verdachtsmeldungen auf Geldwäsche vor der Wirecard-Insolvenz nur ungenügend nachgegangen worden. Zudem hatte sich die Aufsicht 2019 auf die Seite von Wirecard geschlagen und Journalisten der "FT" angezeigt – sowie ein Leerverkaufsverbot verhängt. Es festigte bei Investoren den Eindruck, Wirecard sei Opfer einer gezielten Attacke. Leerverkäufer spekulieren auf fallende Kurse eines Unternehmens und veröffentlichen dafür oft bewusst negative Informationen. Kritisch sehen Beobachter auch, dass die Bafin sich dagegen nur für die Wirecard Bank zuständig fühlte – aber nicht für das gesamte Unternehmen. 
    Scharfe Kritik gibt es zudem an der Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR). Der privatrechtlich organisierte Verein DPR kontrolliert im Staatsauftrag Bilanzen. Die Finanzaufsicht Bafin hatte der auch als Bilanzpolizei bezeichneten Prüfstelle im Februar 2019 den Hinweis auf Ungereimtheiten in der Halbjahresbilanz 2018 von Wirecard gegeben. Daraufhin veranlasste die DPR eine Prüfung – die jedoch erst nach der Wirecard-Pleite zu einem Ergebnis kam. Inzwischen hat die Bundesregierung den Vertrag mit der DPR zu Ende 2021 gekündigt.
  • Das Lobbying der Politiker: Es geht vor allem darum, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Chinareise im September 2019 für den Markteintritt von Wirecard in China geworben hatte – auf Bitte des Ex-Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der als Berater von Wirecard arbeitete. Zu Guttenberg sieht sich mittlerweile als Opfer, Wirecard habe "uns alle getäuscht", wie er im Dezember 2020 im U-Ausschuss des Bundestags zu Protokoll gab. Doch nicht nur zu Guttenberg hatte sich für das Unternehmen eingesetzt. Auch etwa der Ex-Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, Klaus-Dieter Fritsche, hatte Lobbyarbeit für Wirecard betrieben.
  • Das Schlafen der Prüfer-Überwacher: Die Abschlussprüferaufsichtsstelle, kurz Apas, ein bis zum Wirecard-Skandal relativ unbekanntes Gremium, überwacht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland – also auch KPMG und die Firma EY, die im Wirecard-Skandal keine gute Figur machte. Kritiker werfen der Apas, einer nachgelagerten Behörde des Bundeswirtschaftsministeriums, vor, bei der Überwachung von EY als Wirecard-Dienstleister nicht genug aufgepasst zu haben. Der Chef der Apas, Ralf Bose, wurde im Zuge des Bilanzskandals entlassen. Der Grund: Er handelte privat mit Wirecard-Aktien – während seine Behörde sich bereits mit dem Fall beschäftigte.

Um die Fragen der politischen Verwicklungen zu klären, beschäftigt sich seit Herbst 2020 ein Untersuchungsausschuss im Bundestag mit Wirecard. Besonders die Oppositionspolitiker Fabio De Masi (Die Linke), Florian Toncar (FDP) und Danyal Bayaz (Die Grünen) spielen bei der Aufklärung eine wichtige Rolle.

Bis Ende April soll die Zeugenbefragung beendet werden. Gehört wurde am Donnerstag Finanzminister Olaf Scholz (SPD), am Freitag Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Danach soll der Abschlussbericht erstellt werden – bis zum Sommer.

Danyal Bayaz (Die Grünen), Fabio De Masi  (Linkspartei) und Florian Toncar (FDP) bei der Vorstellung der Zwischenbilanz des Wirecard-U-Ausschusses. (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)Danyal Bayaz (Die Grünen), Fabio De Masi (Linkspartei) und Florian Toncar (FDP) bei der Vorstellung der Zwischenbilanz des Wirecard-U-Ausschusses. (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)

Warum ist der Auftritt von Scholz und Merkel im U-Ausschuss so brisant?

Weil mit Scholz und Merkel – Vizekanzler und Kanzlerin – die Schwergewichte der deutschen Politik aussagten, und sich dazu äußern mussten, wie tief der Bund in den Milliarden-Skandal verstrickt war.

Bei der Debatte um die Mitschuld von Scholz und Merkel geht es zudem darum, ob die Bundesregierung den Wirecard-Konzern als "nationalen Champion" etablieren wollte und sich deshalb für ihn engagierte. So sieht es zumindest die Opposition.

Scholz hat diese Vorwürfe zurückgewiesen. "Die Verantwortung für diesen großangelegten Betrug trägt nicht die Bundesregierung", sagte der Finanzminister am Donnerstag im Untersuchungsausschuss des Bundestags. "In dem Unternehmen wurde offensichtlich mit hoher krimineller Energie gehandelt", so Scholz. Am Freitag sagte noch die Kanzlerin aus (siehe unten).

Leerverkaufsverbot der Bafin höchst umstritten

Oppositionspolitiker werfen Scholz vor, dass er sich seit 2019 über die Ermittlungen der Finanzaufsicht Bafin bei Wirecard informieren ließ – und trotzdem nicht einschritt oder die Ermittlungen zur Chefsache erklärte. Das Gegenteil war der Fall: Die Bafin verhängte das Leerverkaufsverbot auf die Wirecard-Aktie, und das Finanzministerium schaute zu.

Inzwischen hält Scholz die Maßnahme der Finanzaufsicht für fragwürdig, wie er aussagte. Mittlerweile sei bekannt, dass Informationen der Staatsanwaltschaft nicht tragfähig seien, die beim Leerverkaufsverbot eine wichtige Rolle spielten, so der Vizekanzler. Damit falle die Begründung für die Maßnahme in sich zusammen.

Die Kritik an Scholz reißt jedoch auch nach seiner Aussage nicht ab. Danyal Bayaz von den Grünen teilte etwa mit: "Olaf Scholz bekommt den Wasserhahn gar nicht mehr zu, so oft wie er seine Hände in Unschuld gewaschen hat."

Bei der Befragung im Untersuchungsausschuss habe er wiederholt jede Verantwortung von sich gewiesen. "Für den obersten Dienstherr der Finanzaufsicht befremdet diese Selbsteinschätzung. Sein Haus hat beim Leerverkaufsverbot die Hände in den Schoß gelegt, obwohl dieses von der Bafin gegen jeden Sinn und Verstand erlassen wurde", so Bayaz.

Scharfe Kritik an Scholz' Staatssekretär

Auch ein Staatssekretär im Finanzministerium von Scholz, Jörg Kukies, steht in der Kritik. Kukies traf sich im Herbst 2019 mit Wirecard-CEO Braun, und zwar ausgerechnet am 50. Geburtstag von Braun, wovon Kukies wiederum nichts gewusst haben will. Brisant ist die Sache, weil Kukies Vorsitzender des Bafin-Verwaltungsrates ist – und weil es kein schriftliches Protokoll von dem Treffen gibt.

Außerdem hatte Kukies am 23. Juni 2020, als der Konzern bereits zugegeben hatte, dass Milliarden Euro fehlen und der Wirecard-Aktienkurs schon eingebrochen war, beim Chef der Ipex um ein Telefonat gebeten, das auch stattgefunden hat. Die Ipex ist eine Tochter der staatlichen Förderbank KfW.

Bundesfinanzministerium und das Wirtschaftsministerium sollten "für Wirecard eine 'deutsche Lösung'" finden, zitiert der "Spiegel" aus einer Mail von Ipex-Chef Klaus Michalak an seine Vorgesetzten. "Herr Kukies will mit uns wohl diskutieren, ob wir nicht nur stillhalten können, sondern ggf. unser Engagement noch aufstocken würden."

Offenbar wollte der Staatssekretär dafür trommeln, dass der Staat dem Konzern einen millionenschweren Kredit weiterhin überlässt – und das kurz vor Zusammenbrechen des Unternehmens. Geschehen ist das nicht.

"Kein besonderes Interesse an der Verteidigung eines nationalen Champions Wirecard"

Zwei Tage nach dem Telefonat, am 25. Juni 2020, meldete Wirecard Insolvenz an. Das Finanzministerium stritt die Vorwürfe vehement ab, ein Sprecher des Ministers sagte Mitte März 2021, es seien "alle Optionen zur Vermeidung einer ungeordneten Insolvenz geprüft – und aus guten Gründen sofort verworfen" worden.

Kukies war am Mittwoch bereits Zeuge im U-Ausschuss. Er wies Vorwürfe zurück, man habe den damals aufstrebenden Tech-Konzern mit Samthandschuhen angefasst. "Es gab zu keinem Zeitpunkt eine besondere Privilegierung der Wirecard AG", betonte Kukies.

Im Finanzministerium habe es "kein besonderes Interesse an der Verteidigung eines sogenannten nationalen Champions Wirecard gegeben". Er persönlich habe "niemals zugunsten der Wirecard AG agiert oder interveniert", betonte Kukies.

Jörg Kukies: Der Staatssekretär im Wirecard-U-Ausschuss. (Quelle: Reuters/Bernd von Jutrczenka/Pool)Jörg Kukies: Der Staatssekretär im Wirecard-U-Ausschuss. (Quelle: Bernd von Jutrczenka/Pool/Reuters)

Schadet Scholz' Aussage seiner Kanzlerkandidatur?

Gut möglich. Da Scholz Kanzlerkandidat seiner Partei, der SPD, ist, haben seine Aussagen im U-Ausschuss besondere Bedeutung – und werden im Wahlkampf von seinen politischen Gegnern womöglich gegen ihn genutzt.

Bereits vor seiner Aussage sah sich Scholz Anschuldigungen ausgesetzt, sogar aus den Reihen der eigenen Regierungskoalition. So erhob Unions-Obmann Matthias Hauer schwere Vorwürfe gegen Scholz. "Erst einmal ist aus meiner Sicht ganz deutlich in diesem Untersuchungsausschuss geworden, dass Olaf Scholz die politische Verantwortung trägt", sagte er am Mittwoch, also vor Scholz' Aussage.

Streit um private Mails von Scholz

Die Union war es auch, die am Donnerstag auf private Mails von Scholz pochte. Sie warf dem Vizekanzler vor, dem Ausschuss relevante E-Mails vorzuenthalten, die er von einem privaten Account verschickt hatte.

CDU-Mann Hauer kritisierte, Scholz behindere die Arbeit des Ausschusses. Er müsse Mails nachliefern. Dagegen wies SPD-Obmann Jens Zimmermann die Vorwürfe zurück. Das Finanzministerium habe Akten vollständig an den Ausschuss gegeben – darunter seien auch Mails vom privaten Account des Ministers. Zimmermann warf dem Koalitionspartner einen "politischen Klamauk" vor.

Auch Scholz sagte, dass er nicht mehr liefern könne als das, was der Ausschuss habe – die privaten Mails seien mittlerweile gelöscht.

"Eine Bilanz des Grauens"

Unabhängig vom Mailverkehr Scholz' sieht die Opposition Scholz in der Schuld. Bayaz von den Grünen zieht in seiner Kritik etwa ein Fazit von Scholz' Amtszeit: "Mit P&R, Wirecard und zuletzt Greensill fallen drei Milliardenskandale in dieser Legislatur in den direkten Zuständigkeitsbereich von Olaf Scholz – eine Bilanz des Grauens."

Für die geschädigten Anlegerinnen und Anleger habe Olaf Scholz bei seinem Auftritt keine sonderliche Empathie gezeigt, sagte Bayaz. "So gewinnt man kein Vertrauen zurück in den Finanzplatz." Dieses Thema wird den Kanzlerkandidaten also im Wahlkampf sicher noch beschäftigen.

Was hat die Kanzlerin mit dem Milliardenbetrug zu tun?

Womöglich gar nicht so viel. Bei Merkel geht es ebenso wie bei ihrem Vizekanzler Scholz um den Vorwurf, dass sie mit Wirecard einen neuen Finanzkonzern "Made in Germany" etablieren wollte. Merkel hatte in China für Wirecard lobbyiert – auf Bitten ihres Ex-Verteidigungsministers zu Guttenberg. Nach der Wirecard-Pleite betonte sie, es sei Usus, dass man bei Auslandsreisen die Anliegen deutscher Unternehmen anspreche.

Auch im Untersuchungsausschuss wies sie Vorwürfe zurück, tat ihren Einsatz für Wirecard als normalen Vorgang ab. Die Bundesregierung setze sich regelmäßig im Ausland für die Interessen deutscher Konzerne ein, sagte die CDU-Politikerin am Freitag.

Sie distanzierte sich zugleich von Ex-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der als Lobbyist für Wirecard das Kanzleramt in die Pflicht nahm. CSU-Politiker Hans Michelbach entschuldigte sich dafür im Namen seiner Partei. Die Opposition warf Merkel vor, zu unkritisch gewesen zu sein.

Merkel sagte, mit dem Wissen von heute hätte sie anders gehandelt, das habe sie aber 2018 und 2019 nicht gehabt. "Es gab damals allen Presseberichten zum Trotz keinen Anlass, von schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei Wirecard auszugehen." Ihr persönlich seien gar keine bekannt gewesen.

FDP-Politiker: Merkels Einsatz sei ein "Fehler"

"Das Kanzleramt und ihre Minister haben Merkel schlecht auf ihren China-Besuch vorbereitet", fasste Grünen-Politiker Danyal Bayaz zusammen. Es habe schon bei der Reise im September 2019 öffentlich zugängliche Warnhinweise gegeben. "Da hat sich die Bundeskanzlerin nicht mit Ruhm bekleckert."

Der FDP-Politiker Florian Toncar bezeichnete Merkels Einsatz für Wirecard in China als "Fehler". Dem Konzern sei es gelungen, sein Anliegen zu platzieren und für diesen Prozess trage Merkel schlussendlich die politische Verantwortung. Allerdings sind Konsequenzen für Merkel unwahrscheinlich – zumal sie zur Bundestagswahl 2021 nicht mehr als Kanzlerin kandidiert. Politische Folgen wird sie daher nicht mehr spüren.

Wie soll ein Wirecard-Skandal künftig verhindert werden?

Neben der Aufklärung im parlamentarischen Untersuchungsausschuss und personellen Konsequenzen steht auch die Frage im Raum, wie ein Finanzskandal wie bei Wirecard in der Zukunft verhindert werden kann.

Besonders die Finanzaufsicht Bafin soll grundlegend reformiert werden. Die Bonner Behörde soll künftig mit verdeckten Testkäufen überprüfen, ob Kunden ausreichend beraten werden, bevor sie Finanzprodukte kaufen.

Zugleich soll die Aufsichtsstruktur der Bafin effizienter werden, der Präsident soll mehr Kompetenzen bekommen. Unter anderem soll sie mit Experten für Wirtschaftsprüfung und Bilanzanalyse verstärkt werden. Die Bafin soll auch selbst Sonderprüfungen veranlassen können. Dafür soll sie eine Taskforce mit besonders ausgebildeten Spezialisten bekommen.

Dax ändert sich entscheidend

Neben der Bafin ändern sich auch die Voraussetzungen für die erste Börsenliga, dem Dax. Ab September 2021 wächst der Dax um zehn börsennotierte Firmen auf 40 Mitglieder. Dann wird er nicht mehr Dax 30 sondern entsprechend Dax 40 heißen, der MDax schrumpft dagegen von 60 auf 50 Werte.

Bis 2020 überprüfte die Deutsche Börse die Zusammensetzung des Dax einmal im Jahr, im September. Seit 2021 wird zwei Mal im Jahr entschieden, welche Aktiengesellschaften im Dax gelistet sein sollen und welche nicht. Außerdem werden Firmen, die zwei Jahre lang keine operativen Gewinne einfahren, künftig nicht mehr in die erste Börsenliga hineingelassen.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Bergermann/ter Haseborg: "Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-Lüge"
  • Holtermann: "Geniale Betrüger: Wie Wirecard Politik und Finanzsystem bloßstellt"
  • Financial Times: "The House of Wirecard" et al.
  • Handelsblatt
  • Süddeutsche Zeitung
  • Manager Magazin
  • Redaktionsnetzwerk Deutschland
  • Neue Zürcher Zeitung
  • Der Spiegel
  • Statement Danyal Bayaz
  • Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, Reuters und AFP
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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