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Britische Restaurants mĂŒssen Kalorien angeben

dpa, Petra Kaminsky

26.04.2022Lesedauer: 4 Min.
Im Kampf gegen Übergewicht: Seit April mĂŒssen grĂ¶ĂŸere Restaurant-Ketten in England die Kalorienangaben zu jedem Gericht im MenĂŒ ausweisen.
Im Kampf gegen Übergewicht: Seit April mĂŒssen grĂ¶ĂŸere Restaurant-Ketten in England die Kalorienangaben zu jedem Gericht im MenĂŒ ausweisen. (Quelle: Benedikt von Imhoff/dpa-bilder)
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Wer ein paar Kilo zugelegt hat, achtet oft stĂ€rker auf die Kalorien beim Essen. Damit die Menschen auch im Restaurant die Kontrolle behalten können, mĂŒssen in England viele Ketten diese Angabe jetzt auf ihre Speisekarten drucken. WĂ€re das im Kampf gegen Übergewicht auch bei uns sinnvoll?

Wer ins Restaurant geht, möchte sich verwöhnen lassen – oder einfach schnell satt werden. Doch wollen sich GĂ€ste bei der Auswahl von Fisch, Fleisch oder Nudeln Gedanken machen ĂŒber den Kaloriengehalt? Haben sie Lust, Energiewerte auf der Speisekarte zu studieren und sich gegen Kalorienbomben zu entscheiden?


Lebensmittel: Schwere Kost - leichte Kost

Schwere Kost: GĂ€nsebraten - leichte Kost: HĂ€hnchenschnitzel
Schwere Kost: PlÀtzchenteig - Leichte Kost: Haferkekse
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In England glaubt die Regierung, dass Kalorien-Angaben auf der Karte im Kampf gegen das grassierende Übergewicht helfen. Seit April mĂŒssen grĂ¶ĂŸere Ketten dort diese Zahlen im MenĂŒ ausweisen. In Deutschland gibt es diese Pflicht nicht. Aber Berlin prĂŒft, ob sie Sinn macht. Die Gegner der Kalorien-Listen im Lokal protestieren schon im Vorfeld.

Ist KalorienzÀhlen "Humbug"?

Das reine KalorienzĂ€hlen werde von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen als Methode zum Fördern der gesunden ErnĂ€hrung schon "seit Jahrzehnten als Humbug abgetan", warnt etwa die als Köchin bekannt gewordene Sarah Wiener (59). "Ich habe das GefĂŒhl, bei derartigen VorschlĂ€gen wird immer noch so getan, als wĂ€ren Menschen Otto-Motoren: Kraftstoff rein, Energie raus. ErnĂ€hrung ist aber wesentlich komplexer", sagt die Unternehmerin und österreichische GrĂŒnen-Abgeordnete im EuropĂ€ischen Parlament.

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Mit anderen Worten: Wem und wofĂŒr hilft es bei der Auswahl auf der Speisekarte zu lesen, dass mancher Salat kalorienmĂ€ĂŸig schwerer wiegt als einige Pasta-Gerichte?

Umsetzbarkeit muss ĂŒberprĂŒft werden

"Das Bundesministerium fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft (BMEL) prĂŒft derzeit, ob eine verpflichtende Angabe der Kalorien in der Außer-Haus-Verpflegung möglich und sinnvoll ist", erlĂ€utert eine Sprecherin des Ministeriums mit Blick auf das britische Modell. Dazu mĂŒssten die rechtliche Umsetzbarkeit ebenso untersucht werden wie die praktischen Aspekte fĂŒr Verbraucher und Unternehmen. "Eine Bewertung kann deswegen zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfolgen."

Anders als im Lokal sind in Deutschland die Pflichten fĂŒr den Handel bereits eingefĂŒhrt: Essen in Fertigverpackungen wird im Laden mit Kalorien-Angaben ausgezeichnet. Egal ob Chips, Quark oder Marmelade, auf der Ware stehen meist klein gedruckt die NĂ€hrwertangaben. Diese Pflicht ist Teil der Lebensmittelinformationsverordnung der EuropĂ€ischen Union (EU).

Die Verbraucher sollen damit die Chance haben, bewusst auszuwĂ€hlen. Das wiederum soll helfen, Übergewicht, Adipositas (Fettleibigkeit) und andere Krankheiten wie Diabetes in der Gesellschaft zurĂŒckzudrĂ€ngen. Dieses Argument spielte auch in England bei der neuen Speisekarten-Regel eine Rolle.

In einem Londoner Restaurant stehen die Angaben zu Kalorien und Co. auf einem Hinweisschild: Das Bundesministerium fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft prĂŒft, ob das auch in Deutschland möglich und sinnvoll ist.
In einem Londoner Restaurant stehen die Angaben zu Kalorien und Co. auf einem Hinweisschild: Das Bundesministerium fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft prĂŒft, ob das auch in Deutschland möglich und sinnvoll ist. (Quelle: Michael Kappeler/dpa-bilder)

Kalorien-Angaben bisher freiwillig in Deutschland

In Deutschland stufen Fachleute rund zwei Drittel der MĂ€nner und die HĂ€lfte der Frauen als ĂŒbergewichtig ein. Zugleich sind Kalorien-Angaben in Lokalen bisher freiwillig – und selten. Einige Ketten nennen sie zum Beispiel in ihren Internet-Auftritten.

Verbraucher können sich damit vor dem Besuch schlau machen: Ein "Big Mac" von McDonald's hat rund 500 Kilokalorien, wie man dort lesen kann. In einem Block-House-Restaurant kommt ein "Mr. Rumpsteak" ohne Beilagen demnach auf etwa 350 Kilokalorien. FĂŒr Erwachsene gilt, stark vereinfacht, ein Bedarf um die 2.000 Kilokalorien am Tag als Regel.

"Wir stellen unseren GĂ€sten die Allergene und NĂ€hrwerte der Block-House-Gerichte seit gut zehn Jahren zur VerfĂŒgung", berichtet Markus Gutendorff, Vorstand der Block House Restaurantbetriebe AG, zu den Internet-Infos. "TatsĂ€chlich haben wir in den Block-House-Restaurants kaum Anfragen zu den Energie- und NĂ€hrwerten unserer Gerichte." Wobei eine Sprecherin erlĂ€utert, dass die Webseiten der Steakhaus-Kette aus Hamburg gut genutzt wĂŒrden.

Deutscher Hotel- und GaststÀttenverband ist nicht begeistert

Freiwillige Netz-Infos sind das eine – ein gesetzlicher Zwang zu Energiewerten auf Karten wĂ€re aus Sicht des Deutschen Hotel- und GaststĂ€ttenverbandes (Dehoga) der falsche Weg. "Der Dehoga spricht sich deutlich gegen die verpflichtende Angabe von Kalorien auf Speisekarten in heimischen Restaurants aus", stellt Ingrid Hartges, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Bundesverbandes, klar. "Das neue Gesetz ist in Großbritannien umstritten – und das nicht ohne Grund."

FĂŒr sie ist das Konzept kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Übergewicht. "Das alleinige ZĂ€hlen von Kalorien ersetzt keine ausgewogene gesunde ErnĂ€hrung und Bewegung", fĂŒhrt Hartges aus. Sie verweist auf Erfahrungen im Handel: "Es ist bekannt, dass Kunden im Supermarkt trotz der Angaben zu Lebensmitteln greifen, die besonders hohe Kalorien aufweisen."

Zudem fĂŒhrt der Verband die Mehrarbeit fĂŒr Lokale an: "In unserer Branche geht es um Genuss. Man stelle sich den bĂŒrokratischen Aufwand fĂŒr die Betriebe vor mit zum Teil tĂ€glich wechselnden Angeboten, die fĂŒr jedes Gericht die Kalorien fĂŒr die einzelnen Zutaten in der jeweiligen Menge berechnen mĂŒssten."

Kalorien zÀhlen bedeutet nicht gleich gesunde ErnÀhrung

Ähnlich argumentiert Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung in Bonn: "Kalorien-Angaben auf Speisekarten stehen aus unserer Sicht nicht im Fokus, wenn es um gesunde ErnĂ€hrung geht." Das ZĂ€hlen der Energiewerte könne wichtig sein, wenn stark ĂŒbergewichtige Menschen im Rahmen einer Therapie gezielt Kalorien reduzieren mĂŒssten.

Aber im Alltag, auch beim Restaurantbesuch, zÀhle ein viel breiteres VerstÀndnis, etwas Gesundes zu essen: Es gehe um Genuss, Geschmack, QualitÀt, Frische, Vielfalt, Ausgewogenheit, Freude beim Essen in angenehmer AtmosphÀre.

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In ausgewĂ€hlten Bereichen sei das Kochen mit der Kalorientabelle umsetzbar – aber nicht ĂŒberall. "Denn dazu mĂŒsste nach exakten Rezepturen immer genau gekocht werden." In kleineren Restaurants und in der gehobenen Gastronomie könnte so die KreativitĂ€t von Köchin oder Koch leiden, sagt die ErnĂ€hrungsfachfrau. "Er kann dann seine Rezepte nicht nach GefĂŒhl verfeinern, etwa mit Sahne oder einem Schuss Alkohol, weil sich dann der Kaloriengehalt Ă€ndert."

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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