• Home
  • Politik
  • Ausland
  • T├╝rkei: "Sehr viel falsch gemacht" ÔÇô Lira-Krise bringt Erdogan in Not


Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild f├╝r einen TextVerletzte bei Geldtransporter-├ťberfallSymbolbild f├╝r einen TextG├╝nther bleibt Ministerpr├ĄsidentSymbolbild f├╝r ein VideoScholz erntet Shitstorm nach PKSymbolbild f├╝r einen TextKomiker sollen Giffey reingelegt habenSymbolbild f├╝r ein VideoAbgetrennter Kopf in Bonn: neue DetailsSymbolbild f├╝r ein VideoBis zu 50 Liter Regen pro QuadratmeterSymbolbild f├╝r einen TextBusunfall: Fahrer stirbtSymbolbild f├╝r einen TextSensationstransfer vor AbschlussSymbolbild f├╝r einen TextDas ist Deutschlands bester ClubSymbolbild f├╝r einen TextUngewohnt privat: neues Foto von MeghanSymbolbild f├╝r einen Text75-J├Ąhriger soll Ehefrau get├Âtet habenSymbolbild f├╝r einen Watson TeaserBoris Becker verklagt Oliver PocherSymbolbild f├╝r einen TextSchlechtes H├Âren erh├Âht das Demenzrisiko

Lira-Krise ersch├╝ttert Erdogans Machtbasis

Von Patrick Diekmann, Istanbul

Aktualisiert am 28.06.2019Lesedauer: 5 Min.
Recep Tayyip Erdogan mit seiner Frau Emine: Der t├╝rkische Pr├Ąsident hat im eigenen Land mit einer W├Ąhrungskrise zu k├Ąmpfen.
Recep Tayyip Erdogan mit seiner Frau Emine: Der t├╝rkische Pr├Ąsident hat im eigenen Land mit einer W├Ąhrungskrise zu k├Ąmpfen. (Quelle: Reuters-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo

Erdogans Machtbasis in der T├╝rkei bekommt Risse. Die Wahlniederlage seiner AKP in Istanbul hat auch mit der Wirtschaftskrise im Land zu tun. Der Verfall der Lira trifft viele Menschen in ihrem Alltag.

Es herrscht gesch├Ąftiges Treiben in Istanbul. Auf der Istiklal, der gro├čen zentralen Einkaufsstra├če der Stadt, sind am Abend tausende Menschen unterwegs. Jugendliche tragen gro├če Einkaufstaschen hinter sich her, unweit davon kauft sich eine junge vierk├Âpfige Familie Mara┼č, das traditionell t├╝rkische Eis. Auf den ersten Blick deutet in der Millionenmetropole wenig darauf hin, dass sich die T├╝rkei in einer schweren wirtschaftlichen Krise befindet. Nur viele kleine Details fallen auf, auch in der Innenstadt. Etwa bei den zahlreichen kleinen M├Ąrkten, die Zeitschriften und Zeitungen auf der Stra├če pr├Ąsentieren. Manche Magazine haben ihr Format verkleinert, in den letzten Jahren gleich mehrfach. Weil das Papier zu teuer geworden ist.

Loading...
Symbolbild f├╝r eingebettete Inhalte

Embed

Der Verfall der t├╝rkischen W├Ąhrung, der Lira, hat in den vergangenen Jahren das Leben vieler T├╝rken ver├Ąndert. Allt├Ągliche Waren wurden teurer, der Gang zum Supermarkt wird f├╝r Teile der Bev├Âlkerung zur Existenzfrage. Der ├ärger in der Bev├Âlkerung w├Ąchst. Sollte der t├╝rkische Pr├Ąsident Recep Tayyip Erdogan diese Probleme nicht in den Griff bekommen, k├Ânnte seine Machtbasis zerbrechen.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
BBC-Moderatorin Deborah James ist tot
Deborah James: Die krebskranke Moderatorin verabschiedete sich in einem emotionalen Post von ihren Fans.


"Stecken in der Zwickm├╝hle"

In der gro├čen Istanbuler Einkaufsstra├če sitzen drei Mitarbeiter im Eingangsbereich eines Handyladens. Kunden sind keine da. Der W├Ąhrungsverfall zeigt sich dort besonders deutlich, wo die Produkte teuer sind. Gerade Elektronikgesch├Ąfte sind betroffen. Handys, Kameras, Computer ÔÇô solche Produkte importiert die T├╝rkei. Wegen der Abwertung der Lira haben sich die Preise deutlich erh├Âht.

Ein t├╝rkischer Supermarkt in Ankara: Die Lebensmittelpreise sind durch die Lira-Krise erheblich gestiegen.
Ein t├╝rkischer Supermarkt in Ankara: Die Lebensmittelpreise sind durch die Lira-Krise erheblich gestiegen. (Quelle: imago-images-bilder)

"Wir stecken in einer Zwickm├╝hle", erkl├Ąrt Elyas* (36), der Inhaber eines anderen Technikgesch├Ąfts ist. "Wir m├╝ssen unsere Produkte teurer einkaufen, aber die Menschen k├Ânnen sich die Preise nicht leisten. Also verkaufen wir sie billiger, manchmal sogar mit Verlusten", erz├Ąhlt er: "Ich habe die Wahl, zu wenig Geld oder gar kein Geld zu verdienen." Kollegen w├╝rden teilweise ihre L├Ąden schlie├čen oder bestimmte Ware gar nicht mehr anbieten. Elyas hei├čt eigentlich nicht Elyas. Aber seinen richtigen Namen will er nicht in Medien lesen. Die Wirtschaftskrise zu beschreiben oder gar der Regierung die Verantwortung daf├╝r zu geben, ist politisch heikel.

Die Kameras, Laptops und Drucker, die Elyas in seinem Laden anbietet, werden importiert, ihr Preis ist in Euro ausgewiesen. Schlecht f├╝r t├╝rkische Kunden: Noch im Jahr 2016 bekam man einen Euro f├╝r 3,24 Lira, heute muss man 6,50 zahlen. Der Wert der t├╝rkischen W├Ąhrung hat sich im Vergleich zum Euro halbiert.

Preise steigen rasant

Das verteuert nicht nur Elektronik. Die T├╝rkei weist ein massives Au├čenhandelsdefizit auf, importiert also viel mehr, als sie exportiert. Auch Waren wie Papier f├╝r Zeitungen, oder Lebensmittel sind betroffen.

Was das hei├čt, zeigt sich im Supermarkt: "Ich habe gerade gerade f├╝r 210 Lira eingekauft. Fr├╝her habe ich daf├╝r nur 140 Lira gezahlt", sagt Dana (35), die gerade in einem kleinen Markt an der Kasse steht. "Alles ist teurer geworden. Das Leben in der T├╝rkei wird immer schwerer." Sie arbeitet in der Marketing-Abteilung eines gro├čen TV-Senders, oft mehr als 45 Stunden in der Woche. Trotzdem muss sie aufpassen: "Bestimmte Dinge in den M├Ąrkten kaufen wir einfach nicht mehr. Besonders Gem├╝se und Zigaretten sind viel zu teuer geworden."

Eine Marktstra├če in Istanbul: Durch den Verfall der Lira ist die Kaufkraft vieler T├╝rken in den letzten Jahren gesunken.
Eine Marktstra├če in Istanbul: Durch den Verfall der Lira ist die Kaufkraft vieler T├╝rken in den letzten Jahren gesunken. (Quelle: imago-images-bilder)

Die durchschnittlichen Verbraucherpreise stiegen laut dem t├╝rkischen Statistikamt im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat um 18,7 Prozent. Allein Lebensmittel wurden in dem Zeitraum durchschnittlich um knapp 27 Prozent teurer, Haushaltsger├Ąte um 28 Prozent. Zuletzt stiegen auch die Preise f├╝r Tabak, Alkohol und die ├Âffentlichen Verkehrsmittel.

Mehrere Kreditkarten

Dazu kommt eine hohe Arbeitslosigkeit von aktuell 14,1 Prozent. Und die L├Âhne derjenigen, die einen Job haben, sind weitgehend gleich geblieben oder nur marginal an die Inflation angepasst worden. Dadurch stehen viele T├╝rken vor der grunds├Ątzlichen Frage, wie sie ihre Familien versorgen sollen. Auch die Mittelschicht ist betroffen. Es wird beispielsweise teurer, Kinder zur Schule zu schicken.

Trotzdem versuchen die Menschen, ihren Lebensstandard zu halten. Viele Familien haben gleich mehrere Kreditkarten, kaum irgendwo sonst auf der Welt sind Privathaushalte so hoch verschuldet. "Wir versuchen unser normales Leben weiterzuf├╝hren und geben unsere Ersparnisse aus, bis hoffentlich wieder bessere Zeiten kommen", sagt G├╝lsen* (45), die mit ihrer Familien in einem Restaurant in einer Seitenstra├čen der Istiklal sitzt. Auch sie hei├čt eigentlich anders.


Die Niedergang der Lira ist ├╝berwiegend hausgemacht. Die T├╝rkei finanzierte ihren rasanten wirtschaftlichen Aufschwung oft auf Pump. F├╝r Kredite gab es auf Bestreben Erdogans immer niedrige Zinsen, dadurch stieg die Inflation. Die t├╝rkische Notenbank erh├Âhte die Zinsen erst im Fr├╝hjahr 2018 deutlich, trotz Kritik von Erdogan. Durch den Versuch, sich in die Angelegenheiten der unabh├Ąngigen Notenbank einzumischen, verlor die t├╝rkische Regierung an Vertrauen bei ausl├Ąndischen Investoren. Erdogan sorgte auch durch andere Ma├čnahmen f├╝r den Vertrauensverlust, durch politische Streitigkeiten etwa mit Deutschland und den USA und durch seinen autorit├Ąren Politikstil. Zuletzt mit der Annullierung der B├╝rgermeisterwahl in Istanbul.

Niederlage in Istanbul

"Die M├Ąrkte suchen Stabilit├Ąt. Und wenn bestimmte gesellschaftliche Regeln, wie zum Beispiel die Akzeptanz eines Wahlergebnisses, nicht mehr gelten, schadet dies auch ma├čgeblich dem Vertrauen in die W├Ąhrung", sagt Kristian Brakel, Leiter des Istanbuler B├╝ros der Heinrich-B├Âll-Stiftung: "Die aktuelle Wirtschaftskrise hat deshalb nat├╝rlich direkten und indirekten Einfluss auf die aktuelle politische Lage in der T├╝rkei und erkl├Ąrt auch einen St├╝ck weit das Wahlergebnis in Istanbul." Bei der Wahl in Istanbul hatte der vorher unbekannte CHP-Politiker Ekrem Imamoglu den AKP-Kandidaten Binali Yildirim deutlich geschlagen.

Empfohlener externer Inhalt
Twitter

Wir ben├Âtigen Ihre Einwilligung, um den von unserer Redaktion eingebundenen Twitter-Inhalt anzuzeigen. Sie k├Ânnen diesen (und damit auch alle weiteren Twitter-Inhalte auf t-online.de) mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder deaktivieren.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit k├Ânnen personenbezogene Daten an Drittplattformen ├╝bermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.
Loading...
Loading...
Loading...

Bislang bekam die t├╝rkische Regierung die Krise nicht in den Griff. Erdogan gibt W├Ąhrungsspekulanten und dem Ausland die Schuld f├╝r den Zustand der eigenen W├Ąhrung. Er spricht von einem Wirtschaftskrieg, ruft zur Verteidigung der T├╝rkei auf. Die t├╝rkische Regierung begann eine Jagd auf ausl├Ąndische Devisen: Erdogan forderte die t├╝rkische Bev├Âlkerung auf, ihre Ersparnisse in Fremdw├Ąhrungen in Lira umzutauschen. Viele seiner Anh├Ąnger taten dies.

Erdogan wehrte sich lange gegen Zinserh├Âhungen durch die t├╝rkische Zentralbank.
Erdogan wehrte sich lange gegen Zinserh├Âhungen durch die t├╝rkische Zentralbank. (Quelle: imago-images-bilder)

Ein bekanntes Reisebusunternehmen aus Istanbul bot pro 500 Dollar, die in Lira umgetauscht werden, eine Freifahrt zu einem beliebigen Ziel an. "Wir haben es mit einem Wirtschaftsputsch zu tun. Deshalb haben wir uns auf den Befehl unseres Pr├Ąsidenten ├╝berlegt, wie wir ihn mit unserem Unternehmen unterst├╝tzen k├Ânnen", erkl├Ąrte j├╝ngst der Metro-Gesch├Ąftsf├╝hrer Erdal ├ľzt├╝rk in einem Beitrag des Fernsehsenders Arte.

Bedrohung f├╝r Erdogan

Geholfen haben all diese Ma├čnahmen nicht. Die Schulden des t├╝rkischen Staates und der Unternehmen sind ├╝berwiegend in Dollar oder in Euro berechnet, die Schuldenlast nimmt also durch den Wertverlust der Lira immer weiter zu. Erdogans AKP war f├╝r viele W├Ąhler aufgrund des wirtschaftlichen Erfolgs der T├╝rkei in den letzten zwei Jahrzehnten attraktiv. Die Zuschreibung wirtschaftlicher Kompetenz bekommt nun Risse, und damit auch das Machtfundament Erdogans. Das macht die Lage f├╝r den Pr├Ąsidenten so gef├Ąhrlich. Gegenwind kommt auch aus der eigenen Partei, schon l├Ąnger wird ├╝ber eine Abspaltung von wirtschaftsliberalen Kr├Ąften in der AKP und ├╝ber eine Parteineugr├╝ndung spekuliert.


Bleibt die Krise, k├Ânnte Erdogan Probleme bekommen. "Der Pr├Ąsident gibt dem Ausland die Schuld, aber auch die t├╝rkische Regierung hat sehr viel falsch gemacht", sagt die 45-j├Ąhrige G├╝lsen. "Es profitieren gerade nur die Menschen, die Waren ins Ausland verkaufen oder vom Tourismus leben", sagt sie. "Ich habe AKP gew├Ąhlt, aber wenn es mit der Wirtschaft nicht besser wird, braucht die T├╝rkei vielleicht einen anderen Pr├Ąsidenten."

*Name ge├Ąndert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
  • Bastian Brauns
Von Bastian Brauns, Washington
AnkaraIstanbulLebensmittelRecep Tayyip ErdoganT├╝rkeiWirtschaftskrise
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten f├╝r Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Str├Âer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverl├Ąngerung FestnetzVertragsverl├Ąngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website