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Putins Invasion in der Ukraine: "Der Krieg ist unbeliebt in Russland"


Putins Invasion in der Ukraine
"Der Krieg ist unbeliebt in Russland"

InterviewVon Patrick Diekmann

Aktualisiert am 20.05.2022Lesedauer: 8 Min.
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"Terminator": Mehrere BMPT-72-Panzer rollen durch die Straße. (Quelle: t-online)

Zu wenige Soldaten, verlustreiche Gegenangriffe der Ukraine: Die russische Armee kommt im Angriffskrieg kaum voran. Präsident Putin braucht neue Truppen, wenn er nicht verlieren will. Kommt doch die Mobilmachung in Russland?

Nach wie vor toben in der Ukraine heftige Kämpfe. Im Osten gibt es verlustreiche Schlachten, die russische Armee kommt nur sehr langsam voran und muss Gegenangriffe durch die ukrainischen Truppen fürchten. Im Süden heben die russischen Soldaten mittlerweile Schützengräben aus, um die Region Cherson zu sichern, die Moskau offenbar annektieren möchte. Ein Ende dieses Krieges ist noch lange nicht in Sicht, aktuell ist ein Kompromiss, der zu einem Frieden führen könnte, unvorstellbar.

Doch die Zeit arbeitet gegen Wladimir Putin. Während die Ukraine immer mehr ausgebildete Freiwillige an die Fronten schickt, kann die russische Armee nicht einmal ihre eigenen Verluste ausgleichen. In Russland meldet sich kaum jemand freiwillig für den Einsatz in der Ukraine, trotz großer finanzieller Anreize. Das wird zunehmend zum Problem für den Kreml.

Muss der russische Präsident doch eine Mobilmachung verkünden? Gustav Gressel, Russland- und Militärexperte bei der internationalen Denkfabrik "European Council on Foreign Relations", gibt im Interview mit t-online einen Überblick über die militärische Lage und erklärt, warum es für Putin kritisch werden kann.

t-online: Herr Gressel, der Abnutzungskrieg im Osten der Ukraine geht weiter, ohne große Raumgewinne für eine Seite. Steckt auch Putins zweite Offensive fest?

Gustav Gressel: Zumindest kommt die russische Armee auch im Osten der Ukraine nur sehr langsam voran. Lediglich in Sjewerodonezk konnte Russland in den vergangenen Tagen Fortschritte erzielen, aber auch die sind bisher gering.

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Wo liegen die Probleme für Moskau im Ukraine-Krieg?

Die russische Armee hat noch immer Probleme, ihre zu wenigen Kräfte in der Ukraine zu koordinieren. Außerdem gibt es weiterhin große Verluste und wenig Nachschub an Soldaten: Im Donbass hatte die russische Armee zuletzt mehrere Flussübergänge, die in die Hose gingen, weil sie von ukrainischen Einheiten gezielt angegriffen wurden – dort gab es große Verluste an Soldaten und Material.

Gustav Gressel ist als Senior Policy Fellow bei der politischen Denkfabrik European Council On Foreign Relations (ECFR) tätig. Er beschäftigt sich in seiner Forschung schwerpunktmäßig mit den militärischen Strukturen in Osteuropa und insbesondere mit den russischen Streitkräften.

Kann die Ukraine denn die Frontlinie im Donbass halten, die sich nach 2014 etabliert hat?

Größtenteils schon. Im Norden und im Süden um Mariupol konnte die russische Armee Geländegewinne erzielen, weil man aus anderen Himmelsrichtungen eingerückt ist. Aber im großen Mittelteil kann die ukrainische Armee die alte Kontaktlinie noch immer halten.

Auch um Charkiw gab es erfolgreiche Gegenangriffe der Ukraine.

Dort war es ähnlich wie im Raum Kiew: Zwei Tage lang haben die Russen gesehen, dass die Ukrainer beherzt angegriffen haben und dann gemerkt, dass sie mehr Mittel einsetzen müssten, um diese Linie zu halten. Die russische Armee hat nicht genügend Reserven und musste sich dann zurückziehen. Es war aber ein geordneter Rückzug.

Wie ist denn aktuell die Taktik der ukrainischen Armee im Osten? Es scheint, als könnten russische Verbände an der ein oder anderen Stelle vier Kilometer im Feld erobern, aber sie werden dann oftmals wieder drei Kilometer zurückgeschlagen.

Das ist eine Taktik der Ukraine. Sie lassen die russische Armee erst einmal kommen, warten, bis sie eine offene Flanke sehen und angreifen können. So gehen die ukrainischen Verteidiger zunächst einmal außer Reichweite des heftigen russischen Artilleriefeuers und sie greifen dann die Lücken in den Angriffslinien der russischen Kräfte an, wenn diese vorrücken. Die Russen ziehen sich dann auf ihre Verteidigungslinien zurück, wenn ihre Flanken bedroht sind – so erklärt sich das aktuelle Hin und Her. Die russische Armee hat nicht genug Soldaten in der Ukraine, deshalb setzt sie massiv auf Artillerie – das ist oft ein Trommelfeuer wie im Ersten Weltkrieg.

Trotzdem gab es vergangene Woche auch immer wieder erfolgreiche Gegenangriffe durch die ukrainische Armee.

Das ist richtig. Ukrainische Kräfte stehen laut aktuellen Berichten kurz vor Isjum, und wenn dieser russische Brückenkopf fällt, könnte die Ukraine der russischen Armee in die Flanke fallen. Das wird sich in den kommenden Tagen entscheiden, die Lage dort ist für die Russen ziemlich brenzlig.

In Mariupol scheinen sich nun die letzten ukrainischen Verteidiger zu ergeben. Ist die strategisch wichtige Hafenstadt für die Ukraine verloren?

Ja, es schaut so aus. Die ukrainische Garnison, die noch das Asowstal-Werk hielt, hat sich offenbar größtenteils ergeben und viele Soldaten sind in Kriegsgefangenschaft gegangen. Sollte es noch Widerstand geben, dann ist zumindest das Ende nah, weil es den ukrainischen Kräften an Munition und Nahrung fehlt.

Was passiert mit diesen ukrainischen Soldaten, die die russische Armee in Mariupol gefangen hat?

Ich habe anfangs damit gerechnet, dass es einen Gefangenenaustausch geben wird, aber das ist bisher nicht passiert. Für die Ukraine wird es jetzt wahrscheinlich bitter, weil die gefangenen Soldaten nun wahrscheinlich unter Folter und anderen Misshandlungen Geständnisse von sich geben müssen.

Was sollen sie gestehen?

Dass sie angeblich Nazis sind, sie Russen ermorden wollten oder was auch immer der russischen Propaganda einfällt.

Die Ukraine hat wahrscheinlich keine Chance mehr, sie zu retten. Dafür sind sie für die russische Propaganda als Feindbild zu wichtig.

Für Putin ist das eine große Propaganda-Bombe. Es hängt davon ab, ob der Kreml wirklich willig ist, Gefangene auszutauschen. Den Russen gehen Offiziere aus und ich weiß nicht, wen die Ukrainer gefangen haben. Aber momentan sieht es nicht nach einem Austausch aus.

Was bedeutet der Fall Mariupols strategisch für den Ukraine-Krieg?

Militärisch ist der Fall Mariupols kein großer Wendepunkt, weil die ukrainische Garnison in der Stadt nur noch sehr klein war und damit wenig russische Kräfte gebunden hat. Natürlich kann Russland jetzt Truppen in Richtung Norden verlegen, aber viele sind das nicht, weil auch russische Verbände teilweise große Verluste hatten und erst einmal zurückgezogen und neu gruppiert werden müssen. Aber der Fall von Mariupol ist psychologisch ein Schlag für die Ukrainer.

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Das ukrainische Asow-Regiment in Mariupol musste damit rechnen, dass sie von Russland hingerichtet werden, weil die Propaganda des Kremls sie zu Nazi-Erzfeinden erklärte. Kommt ihre Aufgabe da nicht überraschend?

Ich kann nicht sagen, ob es da Verhandlungen zwischen den eingekesselten ukrainischen Soldaten und der russischen Seite gab. Der Kampf der Verteidiger war am Ende aussichtslos, weil auch die Munition knapp wurde. Es kann sein, dass hier von russischer Seite etwas versprochen wurde, was nun nicht eingehalten wurde. Aber eigentlich hätten auch die Ukrainer wissen müssen, dass russische Versprechungen nur mit großer Vorsicht zu genießen sind.

Werfen wir einen Blick in den Süden: Im Gebiet Cherson scheinen russische Soldaten Schützengräben auszuheben und Russlands Vizeregierungschef Marat Chusnullin besuchte vor wenigen Tag die Südukraine. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Es scheint so zu sein, dass Russland die besetzten Gebiete im Süden annektieren möchte. Putin könnte eine Annexion aussprechen und mit der Atombombe drohen, sollte die Ukraine dann russisches Staatsgebiet angreifen. Ich glaube, dass nach dieser Masche das Ganze vonstattengehen wird.

Hat die Bevölkerung in den besetzten ukrainischen Gebieten eine Chance, sich gegen eine Annexion zu wehren?

Die Begeisterung für Russland hält sich in den Gebieten größtenteils in Grenzen und der Kreml versucht durch Deportation oder das Ansiedeln von Soldatenfamilien diese Gebiete zu kontrollieren. Aber ich glaube auch nicht, dass eine Annexion die Ukrainer abschrecken würde, dort eine Gegenoffensive zu machen. Russland kann international eine Annexion nicht erklären, insofern läuft auch die große Nukleardrohung ins Leere. Denn Putin würde die letzte Unterstützung von Staaten wie China verlieren, wenn er den Kampf um Cherson mit der Atombombe entscheiden wollen würde.

Die Ukraine scheint in dem Krieg selbstbewusster geworden zu sein, Präsident Wolodymyr Selenskyj gab als Kriegsziel aus, dass alle russischen Truppen von ukrainischem Gebiet vertrieben werden sollen. Ist das realistisch?

Die Frage ist, ob die ukrainische Führung die Grenzen vor 2014 dafür als Maßstab nimmt. Bei einer Rückeroberung der Krim wäre ich skeptisch, weil es bis auf die Halbinsel nur wenige Bewegungslinien für das Militär gibt, das wäre für die Ukraine militärisch schwierig. Früher oder später wird wohl ein Waffenstillstand kommen, aber noch nicht jetzt.

Die russische Offensive kommt auch kaum voran, weil Putin offensichtlich zu wenige Soldaten in der Ukraine hat. Gibt es Anzeichen dafür, dass es weitere große Mobilisierungen in Russland gibt?

Nein, nur in sehr kleinem Umfang. Die russische Armee hat in der Ukraine immer noch das Problem, dass sie mit Verbänden angreift, die sehr schwach bestückt sind – vor allem fehlt es an Infanterie. Für die Kämpfe um Ortschaften brauchen sie eigentlich die Infanterie und wir können beobachten, dass sie deshalb versuchen, Städte so weit wie möglich zu umgehen. Für die Kämpfe um größere Ortschaften hat die russische Seite nicht die Soldaten.

Das klingt nach einer schlechten Kriegstaktik.

Manchmal gelingt es den russischen Truppen, das Feld um die Städte zu erobern, sodass die ukrainischen Verbände Ortschaften aufgeben, um nicht eingekesselt zu werden. Aber das gelingt nicht überall und wenn sie Ortschaften umgehen und nicht erobern, besteht das Risiko, dass die vorrückenden russischen Verbände dann aus dem Hinterhalt attackiert werden können. So wurden schon viele russische Kampfpanzer und gepanzerte Fahrzeuge zerstört. Die Knappheit an Soldaten führt dann also zu weiteren Verlusten und dadurch werden die Kräfte noch knapper – ein Teufelskreis.

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Bedeutet: Es wird immer schwieriger für Putin, seine Kriegsziele mit den aktuellen Truppen zu erreichen?

Die Zeit spielt aktuell gegen Putin. Allein im Donbass ist die aktuelle Front 400 Kilometer lang und dann kommen noch die Fronten im Süden dazu. Selbst wenn Russland nun mit 120.000 Soldaten in der Ukraine steht, verlieren die sich schnell in der Fläche. Das ist Putins Hauptproblem.

Der Kreml wirbt um Freiwillige für ihre "Spezialoperation". Ist das erfolgreich?

Bisher nicht. Der Krieg ist unbeliebt in Russland, trotz der "Z"-Propaganda. Die Leute geben das in Umfragen an, damit sie ihre Ruhe haben, aber nur wenige melden sich freiwillig. Wir haben den 9. Mai hinter uns und es sind keine großen Rekrutierungswellen gemeldet worden – zuletzt habe ich von 2.000 Freiwilligen gelesen. Das reicht gerade einmal, um die Verwundeten und Toten auszugleichen.

Rechnen Sie deshalb mit einer Mobilmachung in Russland?

Ich kann mir vorstellen, dass es eine Teilmobilmachung und eine Kriegserklärung gibt, damit Moskau auch Wehrpflichtige in die Ukraine schicken kann. Aber bisher ist nichts passiert und Russland versucht noch durch Anreize um Freiwillige zu werben. Das funktioniert aber nicht so, wie Putin es sich wahrscheinlich vorgestellt hat.

Gibt es erste Anzeichen für Widerstand in der russischen Armee gegen Putins Krieg? In dieser Woche gab es im russischen Staatsfernsehen eine vernichtende Analyse des ehemaligen Oberst Michail Chodarenok.

Er hat schon vor dem Krieg gesagt, dass ein schneller Sieg über die Ukraine ein Mythos ist und es war überraschend, dass er nun überhaupt im Fernsehen auftreten durfte. In der russischen Armee häufen sich schon die Fälle von Befehlsverweigerung – vor allem bei den Soldaten, deren Verträge auslaufen. Weil sie sich in einem militärischen Einsatz befinden, kann Putin ihre Verträge ohne ihre Zustimmung verlängern. Aber viele dieser Soldaten wollen nach Hause und pochen deshalb auf die Einhaltung der Verträge. Das sind keine Einzelfälle und die Armee stellt sie teilweise frei, weil sie keine Unzufriedenheit oder sogar Sabotageakte in den eigenen Reihen gebrauchen kann.

Video | Mit diesem Auftritt hat Putin nicht gerechnet – doch der hat Folgen
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Quelle: t-online

Wenn nun aber auch noch viele Soldaten mit auslaufenden Verträgen ausscheiden, wird das Problem für Russland in dem Krieg noch größer.

Genau, wenn mehr Leute aus dem Dienst ausscheiden als man neue Soldaten rekrutieren kann, hat der Kreml ein Problem. Die Verträge laufen für gewöhnlich im Frühling und im Herbst aus und wenn es in einem halben Jahr eine ähnliche Situation gibt wie in den vergangenen zwei Monaten, dann wäre die russische Armee so weit geschwächt, dass die Ukraine fähig zum Gegenangriff wäre. Denn die ukrainische Armee hat dagegen mehr Soldaten als Ausrüstung und mit dem Fortschreiten der Ausbildung von Freiwilligen wird die ukrainische Armee größer werden.

Dann könnte die ukrainische Armee die russischen Truppen zurückdrängen?

Russland könnte dann zwar immer noch den Krieg erklären oder mobilmachen, aber wenn es so weiter läuft wie bisher, könnte es spätestens im Herbst kritisch werden für Putin.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Gressel.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Gustav Gressel
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