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Da wäre selbst Che Guevara neidisch

Von Wladimir Kaminer

Aktualisiert am 16.06.2022Lesedauer: 5 Min.
Wolodymyr Selenskyj: Der ukrainische Präsident ist ein begnadeter Schauspieler, meint Wladimir Kaminer.
Wolodymyr Selenskyj: Der ukrainische Präsident ist ein begnadeter Schauspieler, meint Wladimir Kaminer. (Quelle: Ukraine Presidency/imago-images-bilder)
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Eigentlich ist Wolodymyr Selenskyj Schauspieler, nun muss er die größte Rolle seines Lebens spielen: den Verteidiger der Ukraine. Und lässt dabei selbst Ikonen der Vergangenheit erblassen.

Der russische Regisseur und Theatertheoretiker Konstantin Stanislawski hat mit seinem "System" Weltberühmtheit erlangt. Er strebte ein Theater an, das so realistisch wie möglich sein sollte. Der Schauspieler dürfe auf der Bühne nicht "spielen", niemandem etwas vormachen: Er solle seine eigenen Erfahrungen und Gefühle, sein emotionales Gedächtnis ins Spiel einbringen, sich in der Rolle auflösen, als ob er selbst diese Rollenfigur wäre.

(Quelle: Frank May)


Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört "Russendisko". Im Sommer 2021 erschien sein neuestes Buch "Die Wellenreiter. Geschichten aus dem neuen Deutschland".

Viele Schauspieler sind dank dieses Systems berühmt geworden, andere beinahe draufgegangen. Natürlich kommt es auf die Rolle an. Wenn man ein Leben lang in einem Kindertheater als Wolf die Rotkäppchen über die Bühne jagt und so tut, als hätte man gar keine anderen Interessen, außer kleine Mädchen zu fressen, wird man zwangsläufig auch im Leben zum Kannibalen.

Wer aber in "David und Goliath" den mutigen Kämpfer verkörpert, kann auch im Leben zu einem Helden werden. Wolodymyr Selenskyj hatte in seiner schauspielerischen Karriere keine Rambos gespielt, es waren allesamt niedliche Rollen, der kleine Mann von nebenan, der nette Nachbar, der verträumte Junge, ein guter Freund.

Einmal stellte er in einer Komiksendung den "jüdischen König von Sparta" dar, mit Schild und Speer bewaffnet nahm er Abschied von seiner Mama, bevor er in die Schlacht gegen eine feindliche Armee zog. Es war eine sehr lustige Szene. "Warst Du heute schon auf der Toilette?", fragte ihn die Frau Mama. "Draußen stehen hunderttausend Krieger, die uns töten wollen, und wir sind nur 300 Mann. Was meinst Du, Mama, wie viele Male ich heute schon auf der Toilette war?", konterte Selenskyj.

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Vom Filmstudio ins Präsidentenamt

Damals haben alle gelacht. Wer hätte gedacht, dass der "König von Sparta" einmal als ukrainischer Präsident einer realen feindlichen Armee gegenüberstehen würde – wie es seit dem russischen Überfall Realität geworden ist? In der Serie "Der Diener des Volkes" spielte Selenskyj sehr authentisch einen Schullehrer, der das korrumpierte Land aus den Händen der Oligarchen retten will.

Die Serie war ein großer Erfolg, nach der Ausstrahlung gründete Selenskyj eine Partei, die genau wie die Serie hieß, und gewann die Präsidentschaftswahl. Auch nach seinem Wahlsieg blieb er als Subjekt des politischen Handels in der Ukraine umstritten, er suchte nach der richtigen Rolle und fand sie nicht, sein schauspielerisches Talent ging im trübem Politsumpf unter.

Ich habe ihn in seiner neuen Rolle als Präsident in Kiew im letzten Sommer auf der Buchmesse erlebt, die Ukraine schielte nach Europa, sie wollte sich als eine junge Demokratie präsentieren: bunt, laut, mit Tanz und Gesang. Die Buchmesse in Kiew war mit der Frankfurter Messe nicht zu vergleichen, viel lebendiger und lustiger. Während in Frankfurt in den großen Hallen kopfschmerzgeplagte Geschäftsleute in ihren schuhkartonähnlichen Schubladen sitzen und versuchen, miteinander Verträge über ihre Papierproduktion zu schließen, fand die ukrainische Buchmesse hauptsächlich an der frischen Luft statt.

Sie erinnerte an einen Kindergeburtstag, der aus dem Ruder gelaufen war. Auf mehreren Bühnen wurde gefeiert, die Menschen tanzten, sangen, lasen Gedichte vor. Es wurden viele Gäste aus dem Ausland erwartet, doch die meisten kamen nicht, entweder hatten sie Angst vor Corona – die Ukrainer haben in jenem Sommer ungern Masken getragen – oder sie waren verängstigt wegen der Unruhe im Osten der Republik.

Motive für die Ewigkeit

Der Krieg, der für viele in Europa mit dem Angriff der Russen im Februar dieses Jahres begann, war für die Ukrainer selbst längst Routine geworden. Ich war einer der wenigen ausländischen Gäste auf der Messe und deutlich überbewertet, genoss jedoch die übertriebene Aufmerksamkeit der ukrainischen Presse. Auch die politische Prominenz der Republik war anwesend, der alte Präsident flanierte von Fans und Bodyguards umzingelt auf dem Gelände herum, er wurde permanent bedrängt von Menschen, die sich ein Foto von und mit ihm wünschten.

Kaum hatte der alte Präsident die Messe verlassen, kam der neue, ebenfalls in einen Anzug gekleidet und glattrasiert. Er musste sich Kritik anhören und war schnell von der Messe verschwunden. Mit Beginn des Krieges hat Selenskyj aber nun die Rolle seines Lebens gefunden, er wurde ein Held.

Sein Gesicht ist auf Postkarten und Briefmarken, es ist das Gesicht des Widerstands gegen das Böse, ein mutiger, rücksichtsloser Kämpfer, der sich mit der zweitgrößten Armee der Welt anlegt, sogar meine lesbischen Freundinnen von der Femen-Bewegung wollen ein Kind von ihm. Che Guevara und Fidel rauchen neidisch um die Ecke.

Wladimir Putin: Russlands Machthaber will die Grenzen seines Landes neu ziehen.
Wladimir Putin: Russlands Machthaber will die Grenzen seines Landes neu ziehen. (Quelle: Mikhail Metzel/POOL/TASS/imago-images-bilder)

Täglich erscheint Selenskyj auf den großen Bildschirmen der Welt, bei der Uno, im amerikanischen Kongress, im Europaparlament, im Bundestag, in der Knesset, in Cannes und bei der Oscarverleihung. Er sieht stets müde aus, unrasiert, als wäre er gerade von der Front zurück, sein dunkelgrünes T-Shirt hat er gefühlt seit Beginn des Krieges nicht gewaschen. Die Männer in schicken Anzügen und Frauen in Abendkleidern stehen auf und fassen sich an die Brust, wenn sie ihn sehen.

Der ach so "mutige Boris" Johnson

Seine Fleece-Jacke wurde in London für 90.000 Pfund versteigert. Der britische Premier war persönlich bei der Versteigerung anwesend, "der mutige Boris", wie Selenskyj ihn nennt. "Der mutige Boris" war als einer der ersten westlichen Politiker während des Krieges nach Kiew geflogen und hatte einen tollen Film mit Selenskyj gedreht, man könnte ihn als eine Neuverfilmung von "Zwei Kerle aus Granit" von 1970 anbieten.

Selenskyj ist heute der berühmteste Politiker der Welt. Er spricht mit einem Pathos, das zu Friedenszeiten übertrieben und grotesk klingen würde, in Zeiten des Krieges jedoch genau den richtigen Ton trifft, einen Ton, den Menschen in demokratisch regierten Ländern im Westen vermissen. Die liberale Welt fühlt sich bedrängt und verwundet.

Sie ist ratlos, wütend und ohnmächtig zugleich. Ein archaischer Krieg mitten im 21. Jahrhundert, ein Feind, der keine Gnade kennt, Abertausende Menschenleben vernichtet, ganze Städte auslöscht, alle Regeln auf diesem Planeten verhöhnt und auf niemanden hören will. Die Angst des Westens reizt Russlands Präsidenten Wladimir Putin sehr, er droht mit Gewalt, wir wollen jedoch einen Krieg mit Putin um jeden Preis verhindern. Bloß wie vermeidet man einen Krieg, wenn man angegriffen wird? Indem man einen Helden findet, der für einen kämpft.

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Ukraine-Flaggen überall

Der irrationale Glaube des Westens, das kleine Land Ukraine und sein mutiger Präsident können diesen Kampf für uns alle gewinnen, das Böse in die Schranken weisen, gar ein für alle Mal vernichten, macht aus Selenskyj einen David von biblischem Ausmaß. Die Polen drucken ihn auf Briefmarken, die jetzt schon bei den Sammlern heiß begehrt sind, die Tschechen synchronisieren in aller Eile alle seine Filme, die ukrainische Flagge hängt überall von Norwegen bis Neuseeland auf Balkonen und Hausfassaden.

Auch auf meinem Balkon hängt sie. Wir mögen Selenskyj, er ist großartig, und Stanislawski wäre sicher von seiner Leistung begeistert. Er spielt seine Rolle im politischen Theater vorbildlich und hat sämtliche Oscars verdient. Wir dürfen bloß den kleinen Unterschied zwischen dem Theater und der Realität nicht aus den Augen verlieren. Der David wird es alleine möglicherweise nicht schaffen. Manchmal müssen die Zuschauer auf die Bühne klettern.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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