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Krieg in Israel: Interview mit Nahost-Experten über Iran und Hamas


Angriff auf Israel
"Das wäre ein herber Verlust für den Iran"

  • Marianne Max
InterviewVon Marianne Max

Aktualisiert am 25.10.2023Lesedauer: 5 Min.
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imago images 0307764011Vergrößern des Bildes
Irans "Oberster Führer" Ali Chamenei bei einer Militärparade. (Quelle: IMAGO/SalamPix/ABACA)

Der Iran gilt als Drahtzieher des Terrors der Hamas. Mehrfach drohte das islamische Regime mit der Auslöschung Israels. Doch wie weit würde Teheran dafür gehen?

Das islamische Regime im Iran hat nach dem Überfall der Hamas auf Israel seine Unterstützung für die Terrororganisation bekräftigt. Teheran feiert den Angriff – denn seit der Gründung der Islamischen Revolution im Jahr 1979 ist Israel der erklärte Erzfeind der islamistischen Machtelite. Mit der finanziellen und logistischen Unterstützung von Terrororganisationen in der Region schuf das Regime eine "Achse des Widerstands" gegen Israel.

In Teheran weiß man sich den Angriff auf Israel zunutze zu machen: "Das Regime versucht den Angriff auf Israel propagandistisch auszuschlachten – sich also als großer Unterstützer der Palästinenser zu stilisieren und gleichzeitig das Narrativ zu erschaffen, dass es seinem auserkorenen Ziel, der Auslöschung Israels, näherkommt", sagt Ali Fathollah-Nejad, Politikwissenschaftler für den Nahen und Mittleren Osten und Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG), im Interview mit t-online.

Doch wie weit würde das islamische Regime im Iran tatsächlich gehen, um sein Ziel zu verwirklichen?

t-online: Herr Fathollah-Nejad, der Iran finanziert die Terrororganisation Hamas, die Israel angegriffen hat. Zudem hat das Regime die Attacke rhetorisch unterstützt. Wie viel Verantwortung trägt Teheran für das Leid der Israelis?

Ali Fathollah-Nejad: Es ist klar, dass die Islamische Republik aufgrund ihrer Israel-Feindschaft den Angriff ihres Verbündeten Hamas, die sie seit 30 Jahren mit jährlich schätzungsweise 150 Millionen US-Dollar unterstützt hat, gutheißt. Es wird jedoch diskutiert, inwieweit Teheran direkt am Angriff beteiligt war. Inzwischen gibt es aber einen Bericht der "Washington Post", demzufolge seit mindestens einem Jahr Vorbereitungen vonseiten des Iran, der Hamas und der Hisbollah – welche auch maßgeblich von Teheran finanziert wird – getroffen wurden, um den Angriff am 7. Oktober auf Israel auszuüben. Das halte ich für realistisch.

Ein Jahr? Dann wäre der Angriff ja von sehr langer Hand geplant gewesen.

Mindestens ein Jahr, wenn nicht gar länger. Denn solch eine komplexe, beispiellose Operation wie die von der Hamas braucht natürlich viel Vorbereitung. Somit ist es mehr als fraglich, ob der Angriff auf Israel durch die Hamas ohne den Iran möglich gewesen wäre – obgleich beide Seiten dies dementieren.

Inzwischen droht der iranische Außenminister, dass Teheran "nicht einfach Beobachter bleiben" könne und die USA "erheblichen Schaden" nehmen würden, wenn Israel weiterhin Luftschläge auf Gaza verübt. Glauben Sie, dass das Regime mit seiner Revolutionsgarde in den Krieg eingreifen wird?

Das ist unwahrscheinlich, denn der Iran verfügt über seine regionale "Achse des Widerstands", die er aktivieren und dabei seine eigene Verantwortung auf jene Gruppen auslagern könnte. In den ersten Tagen nach dem Angriff richtete Teheran zwar Glückwünsche an die Terrororganisation Hamas und bejubelte den Angriff. Doch danach ist das Regime in gewisser Weise zurückgerudert.

Wie meinen Sie das?

Spätestens ab dem 10. Oktober war zu beobachten, dass in Teheran die Angst vor einem großen Krieg wächst – ein Krieg gegen Israel und womöglich auch gegen die USA. Die zwei großen Kriegsschiffe, die Washington zur Abschreckung ins östliche Mittelmeer geschickt hat, haben offenbar Wirkung gezeigt. In Teheran ist man sich anscheinend einig darüber, dass ein großer Krieg die Regimesicherheit infrage stellen würde. Ein solches Szenario wäre nicht im Interesse der Machtelite, ein schwelender Konflikt zwischen Israelis und den Palästinensern aber sehr wohl.

Trotzdem gab es auch danach Drohungen aus Teheran gegen die USA und Israel.

Und zwar mit dem Ziel, die israelische Regierung von einer Bodenoffensive im Gazastreifen abzuhalten, denn die könnte die Kampffähigkeit der Hamas erheblich gefährden. Sollte es der israelischen Armee gelingen, die Infrastruktur und die Operationsfähigkeit der Hamas auszuschalten, wäre das ein herber Verlust für den Iran. Die Terrororganisation als Ganzes auszuschalten – also nicht nur militärisch, sondern auch politisch –, ist ein sehr viel schwierigeres Unterfangen. Angesichts einer möglichen Offensive im Gazastreifen sieht Teheran die Hamas jedoch bedroht.

Ein direktes militärisches Eingreifen des Regimes im Iran ist dennoch fraglich, sagten Sie. Wie aber ist das mit der Hisbollah im Libanon? Auch diese Terrororganisation wird durch Teheran finanziert und hat bereits einige Luftschläge auf Israel verübt.

Richtig. Es könnte sein, dass der Iran die Hisbollah und andere pro-iranische Milizen in der Region – etwa aus Syrien oder dem Irak – ermutigt, einzugreifen, um das Risiko der zuvor skizzierten Bedrohung für die Hamas zu reduzieren. Die Hisbollah ist militärisch viel stärker aufgestellt als die Hamas und könnte ihre Angriffe verstärken, um die israelischen Streitkräfte im Norden zu binden und den Druck in der Südfront gegen die Hamas etwas zu reduzieren. Dass es aber tatsächlich zu einer zweiten Front kommt und die Hisbollah massiv in den Konflikt eingreift, wäre nicht ohne Risiken für sie.

Warum?

Erstens müsste die Hisbollah bei einem wahrhaftigen Kriegseintritt Vergeltungsschläge der Amerikaner fürchten. Die USA hatten die Hisbollah davor deutlich gewarnt, als sie die genannten Kriegsschiffe ins Mittelmeer beorderten. Und zweitens ist die innenpolitische und wirtschaftliche Lage im Libanon desolat. Das Land hat eine lange Geschichte von Kriegen und Konflikten mit Israel hinter sich.

Ein weiterer Krieg wäre für den Libanon in der jetzigen Situation katastrophal. Er könnte das Land in eine existentielle Krise stürzen, die den wirtschaftlichen und politischen Kollaps beschleunigt. Dabei würde die Hisbollah ihr Image in der Bevölkerung weiter einbüßen, zumal sie bei einem Kriegseintritt als Irans Marionette und nicht als Vertreterin libanesischer Interessen angesehen werden könnte.

Auch das islamische Regime im Iran hat zuletzt viel Unterstützung in der eigenen Bevölkerung verloren, im Ausland sieht es ähnlich aus. Trotzdem weicht es nicht von seinem Kurs ab. Was also sind die Interessen Teherans in dem Konflikt?

Der Iran und Russland sind die Nutznießer des Krieges. Russland will die westlichen Staaten von seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine ablenken und versucht deren Energie auf den Nahen Osten zu manövrieren. Der Iran indes profitiert von dem Konflikt sowohl außenpolitisch als auch innenpolitisch, wenngleich er auch Risiken für das Regime birgt.

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Und welche innenpolitischen Ziele verfolgt der Iran?

Das Regime versucht den Angriff auf Israel propagandistisch auszuschlachten – sich also als großer Unterstützer der Palästinenser zu stilisieren und gleichzeitig das Narrativ zu erschaffen, dass es seinem auserkorenen Ziel, der Auslöschung Israels, näherkommt. Seiner ohnehin schon ausgedünnten Unterstützerbasis versucht es so neues Propaganda-Futter zu geben.

Was aber ist mit der Bevölkerung, die im vergangenen Jahr eh schon gegen das Regime protestiert hat?

Das ist das innenpolitische Risiko für die Machtelite: Die Kluft zwischen dem Regime und der Bevölkerung könnte weiter auseinanderklaffen, denn viele Iraner glauben nicht mehr an die Propaganda des Regimes. Auch am vergangenen Freitag riefen die Menschen bei Protesten in Zahedan etwa "Weder Gaza noch Libanon, mein Leben für Iran". Der Spruch wurde schon zur Zeit der Grünen Bewegung im Jahr 2009 skandiert und richtete sich gegen das Regime und seine Unterstützung von Gruppen wie der Hamas oder der Hisbollah.

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Ein heikler Balanceakt für das islamische Regime. Lohnt sich der Konflikt außenpolitisch mehr für Teheran?

Der Iran hat mit dem Konflikt die Annäherung Saudi-Arabiens an Israel torpediert. Die Unterstützung in den arabischen Ländern der Region gilt vor allem den Palästinensern, sodass es für Saudi-Arabien zu riskant wäre, diese ohnehin hochkontroverse Annäherung auf absehbare Zeit weiter voranzutreiben. Das ist aus Sicht Teherans sicher der größte außenpolitische Erfolg.

Herr Fathollah-Nejad, vielen Dank für dieses Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Telefongespräch mit Ali Fathollah-Nejad, Politikwissenschaftler für den Nahen und Mittleren Osten und Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG), am 24.10.2023
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