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Ukraine-Krieg: Putin hat noch ein Ass im Ärmel – wird Russland gewinnen?


Russlands Krieg
Putin hat noch ein ganz großes Ass im Ärmel

MeinungEine Kolumne von Wladimir Kaminer

Aktualisiert am 13.11.2023Lesedauer: 5 Min.
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Wladimir Putin: Russlands Präsident sind die eigenen Verluste egal, meint Wladimir Kaminer.Vergrößern des Bildes
Wladimir Putin: Russlands Präsident sind die eigenen Verluste egal, meint Wladimir Kaminer. (Quelle: Mikhail Metzel/dpa)

Der Krieg in der Ukraine ist erstarrt, die Hoffnung sinkt. Allein Präsident Wolodymyr Selenskyj scheint siegesgewiss zu sein, doch sein Gegenspieler Wladimir Putin hat einen großen Vorteil. Meint Wladimir Kaminer.

In Gesprächen mit Zeitgenossen höre ich vor allem zwei Meinungen: Die einen sagen, dass die Welt an allen Enden und Rändern brenne. Es werde immer schlimmer und wir stünden mittendrin, denn mit dem Frieden sei es wie mit dem Klimawandel – man könne sich nicht seinen eigenen kleinen Frieden schaffen in einer Welt, die von Kriegen beherrscht wird. Die anderen sagen, es brenne eben nur dort, wo es schon immer brenzlig gewesen sei. Am Ende werde der Kuchen schon durch sein, das Verbrannte müsse man ja nicht essen.

Das alte Rezept des Weltfriedens mit den USA als Chefkoch funktioniert jedenfalls nicht mehr, also wird gerade experimentiert, was stattdessen geht. In den Flammen der militärischen Auseinandersetzungen wird die Weltordnung des neuen Jahrhunderts neu erschaffen und gehärtet. Der neue Krieg in Gaza, der eigentlich gar nicht neu ist, überschattet den alten neuen in der Ukraine – die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit schwindet jedenfalls für die Ukraine.

(Quelle: Frank May)

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Kürzlich ist sein neues Buch "Frühstück am Rande der Apokalypse" erschienen.

Russlands Invasion wird bald zwei Jahre alt sein, für jeden modernen Krieg ein kritisches Alter. Die ukrainische Flagge auf meinem Balkon ist mittlerweile ziemlich abgeranzt, die Farben sind verblasst, Kriegsmüdigkeit liegt in der Luft, auch in der Ukraine. Die amerikanische Militärhilfe kommt immer öfter verzögert und nie ausreichend, die europäische Hilfe wird durch das Bemühen Ungarns und der Slowakei abgeblockt.

In jedem europäischen Land werden skeptische Stimmen laut, ob eine weitere Unterstützung der Ukraine überhaupt etwas bringe. Speziell in Deutschland, wo nach der Spaltung der Linken eine neue Partei gegründet wird, gefühlt allein zu dem Zweck, die deutschen Waffenlieferungen zu stoppen – und Putin bei seiner Aggression so den Rücken freizuhalten.

Betteln um Waffen?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj scheint mittlerweile der einzige Mensch zu sein, der vorbehaltlos an den Sieg seines Landes glaubt. Dabei wird er in seinem Glauben nicht einmal mehr in den eigenen Reihen gestützt. Ein möglicher Konkurrent bei der – von Selenskyj wegen des Krieges abgelehnten – Präsidentschaftswahl veröffentlichte inzwischen ein Wahlprogramm, in dem es unter anderem darum geht, einen neuen Deal mit dem Westen zu machen.

Dieser hat es in sich: eine Nato-Mitgliedschaft mit Sicherheitsgarantien für die Ukraine gegen das Versprechen, keine militärischen Aktionen zur Befreiung des bis zum jetzigen Zeitpunkt durch Russland besetzten Territoriums zu unternehmen. Beziehungsweise sich nur mit politischen und diplomatischen Mitteln dafür einzusetzen.

Auf den Westen sei sowieso kein Verlass, so die Grundhaltung, er werde den Stellungskrieg gegen Russland auf Dauer ohnehin nicht mittragen wollen, sagt der Konkurrent. Und wenn der ukrainische Präsident schon jetzt um jede Rakete und jede Kanonenkugel betteln muss: Wie wird es erst in einem Jahr aussehen? Der Westen macht derweil eine unschuldige Miene, denn aus seiner Sicht hat die Ukraine schon längst alles gewonnen, was zu gewinnen war.

Wirklich? Von Anfang an war die Militärhilfe für die Ukraine wohlproportioniert, es wurde quasi in homöopathischen Dosen geliefert, damit es bloß zu keinem zu schnellen Vordringen der Ukrainer kommen konnte. Man wollte die Atommacht Russland lieber nicht in die Ecke drängen. Denn derartige Überraschungen mag das Putin-Regime nicht, die Folgen könnten unvorhersehbar sein.

Ehrliches Bekenntnis

Und wie sollte ein Sieg à la Selenskyj überhaupt aussehen? Eine zerschlagene russische Armee zöge sich zurück – und dann weiter? Wird sich die Russische Föderation dann in Luft auflösen, keine Gefahr mehr für die Nachbarstaaten sein? Oder wird sie sich gar schuldig bekennen, zur Demokratie verpflichten, den alten Putin aus dem Kreml jagen und einen neuen Präsidenten wählen, der es sich zur Aufgabe macht, die Ukraine wieder aufzubauen?

Träume haben in der Regel wenig mit der Realität zu tun. Aus der Sicht des Westens hat die Ukraine derweil schon gesiegt, indem sie ihre Unabhängigkeit bewahrt, dem Feind mächtig eins auf die Schnauze gegeben und sogar die Hälfte des annektierten Gebiets zurückerobert hat. Basta!

Walerij Saluschnyj, Oberkommandierender der ukrainischen Armee, hat kürzlich der Zeitschrift "The Economist" ein langes und ungewöhnlich offenes Interview gegeben. Darin hat er Zweifel am Sieg geäußert, sollten die Kämpfe stagnieren und sollte es zu einem dauerhaften Stellungskrieg kommen. Was derzeit der Fall ist. Er räumte auch bei sich selbst Fehler ein. Sein größter sei die Annahme gewesen, dass sich die Russen infolge ihrer horrenden Verluste zurückziehen würden.

Doch die Verluste scheinen dem Regime im Kreml nichts auszumachen. Während die Ukrainerinnen und Ukrainer für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpfen, kämpfen die Russen für Geld. Und Geld ist nach wie vor vorhanden. Putin hat lange nach dem richtigen Mittel gesucht, um die russische Bevölkerung auf den Krieg einzustimmen. Mit Propagandamitteln wurde den Menschen eingetrichtert, dass es um eine Fortsetzung der Zweiten Weltkrieges gehe, um den Kampf gegen Faschismus.

Käufliche Leben?

Diese Versuche haben nicht gefruchtet. Die Menschen haben dem Fernsehsprecher zugenickt, aber trotzdem keine rechte Lust auf Krieg bekommen. Dann versuchte der Machthaber, die Menschen eben zu kaufen. Auf der Suche nach dem richtigen Preis hat die russische Regierung ebenfalls viele Fehler gemacht. Zuerst haben Putins Leute zu wenig und dann zu viel bezahlt – bis sie herausgefunden haben, was meine Landsleute als fairen Preis für ein Menschenleben ansehen.

Das sind ziemlich genau 200.000 Rubel im Monat, umgerechnet 2.000 Euro. Dafür sind viele Männer insbesondere vom Land bereit, ihr Leben zu riskieren. Und Geld ist eine Ressource, die der russischen Führung nicht ausgehen wird. Öl ist ein Produkt, das immer irgendwo Abnehmer findet. Nebenbei gesagt: Blutige Schweinereien auf dieser Welt werden oft von ausländischen Machthabern finanziert, die ihr Geld dank Öl quasi im Schlaf verdienen. Ob Hamas oder Hisbollah, ihre teuren und gefährlichen Spielzeuge werden mit Öl-Geld etwa aus dem Iran finanziert. Putin hingegen kauft den eigenen Bürgern ihr Leben ab.

Was wird also passieren, sollte sich der unstete Blick des Westens von der Ukraine abwenden? Haben wir dann ein paar Jahre Ruhe bis zum nächsten Krieg? Das mag lächerlich klingen, aber manchmal wiegen zwei Jahre in der Politik mehr ein halbes Jahrhundert. Um dies zu illustrieren, sei hier an die Schelmengeschichte um die im islamischen Raum beliebte Figur Hodscha Nasreddin erinnert.

Darin wettet Nasreddin mit einem Emir, er könne in zwei Jahren einem Esel das Lesen beibringen. Eigentlich eine sichere Sache: Denn in zwei Jahren wird mit großer Sicherheit der Esel tot sein. Oder der Emir. Putin kann zwar lesen, aber ob er die nächsten zwei Jahre übersteht? Wir werden sehen.

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