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Integrationsbeauftragte der Union: "Den Aufschrei der Muslime gibt es sehr wohl"

Integrationsbeauftragte der Union  

"Den Aufschrei der Muslime gibt es sehr wohl"

23.03.2016, 13:55 Uhr | ckr, t-online.de

Integrationsbeauftragte der Union: "Den Aufschrei der Muslime gibt es sehr wohl". "Sorry for Brussels" - ein Junge an der griechisch-mazedonischen Grenze, drückt sein Mitgefühl aus. (Quelle: Reuters)

"Sorry for Brussels" - ein Junge an der griechisch-mazedonischen Grenze, drückt sein Mitgefühl aus. (Quelle: Reuters)

"Wo bleibt der Aufschrei der Muslime", fragen viele nach den terroristischen Anschlägen von Brüssel. Cemile Giousouf ist Integrationsbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. t-online.de sprach mit ihr über den Terror, die Muslime und ihre Angst vor dem Generalverdacht. 

Frau Giousouf, heute wird wieder der Aufschrei der Muslime gegen den Terror gefordert. Gibt es den nicht, oder hören wir ihn nur nicht?

Giousouf: Den Aufschrei der Muslime gibt es sehr wohl. Wenn wir uns die Homepages der muslimischen Organisationen anschauen, dann sehen wir, dass sich alle, die in Deutschland organisiert sind, zu den Anschlägen geäußert haben. Der Islamrat hat dazu eine Stellungnahme verschickt. Der Zentralrat der Muslime und die DITIB (die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion", Anm.), haben erklärt, dass sie tief betroffen sind von den menschenverachtenden Anschlägen in Brüssel. Sie sind aber gestern weder in den Tagesthemen noch in der Tagesschau aufgetaucht.

Warum kommen diese Reaktionen in der Öffentlichkeit nicht an?

Ich glaube, dass die muslimischen Gemeinden insgesamt noch keine so professionelle Medienarbeit leisten. Auf der anderen Seite ziehen Journalisten eher Experten heran und befragen sie zu den Motiven – auch weil sie nicht wissen, wer eigentlich für die Muslime spricht. Da gibt es auf beiden Seiten noch Luft nach oben.

Und die muslimische Zivilgesellschaft? Sind die Menschen nach solchen Anschlägen auch geschockt, oder herrscht das Gefühl vor: "Das geht mich nichts an"? 

Ich kann nicht für alle Muslime sprechen. Bei denen, mit denen ich zusammenarbeite, gibt es eine tiefe Betroffenheit. Viele sagen: "Ich schäme mich so sehr für das, was dort im Namen der Religion passiert. Das hat nichts mit unserem Leben zu tun." Neben der Betroffenheit gibt es gleichzeitig immer noch die Angst, unter Generalverdacht gestellt zu werden. 

In Deutschland gibt es fast keine Nazi-Demo ohne Gegen-Demo. Bei salafistischen Kundgebungen erlebt man das nicht. Warum ist das so? 

Ich glaube, da gibt es - leider noch - unterschiedliche Traditionen. Auf der einen Seite äußern sich die Muslime gegen Extremismus, aber dass man sich selbstbewusst auf die Straße stellt, ist selten. Ich würde mir wünschen, dass sich die Muslime viel lauter und viel sichtbarer gegen den Terror stellen. Einmal, nach den Anschlägen von Paris, gab es eine Mahnwache am Brandenburger Tor. Da haben sich die Organisationen zusammengestellt und gegen den Terrorismus weltweit demonstriert. 

Auf muslimischen Facebook-Seiten sieht man viele Reaktionen, nach dem Motto: "Jetzt geben sie wieder uns die Schuld." Ein Gefühl, dass es dieses Problem in der eigenen Community gibt, scheint wenig ausgeprägt zu sein.

Die Radikalisierung bis hin zur Vorbereitung so eines Massakers geschieht doch nicht in den Gemeinden, sondern in den dschihadistischen Netzwerken, die Jugendliche über soziale Medien anwerben. Dann werden sie radikalisiert und mit Aufträgen ins Kriegsgebiet oder zu Anschlägen geschickt. Wenn Jugendliche sich aus der Gemeinde verabschieden, ist die Gefahr am größten, weil  es dann keinen Zugang mehr zu ihnen gibt. Da müssen die muslimischen Gemeinden dann allerdings schon den Blick schärfen, wenn sich so etwas andeutet. Ich glaube schon, dass sie die wichtigsten Partner für uns sind.

Wir sollten keine Grenze zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ziehen, sondern zwischen denen, die die Demokratie ablehnen und denen, die gegen unsere Werte arbeiten. Da stehen die deutschen Muslime auf derselben Linie wie Christen, Juden oder Nichtreligiöse Alle sehen den IS als Feind. Wer mit antidemokratischen Sprüchen kommt, wird schnell hinausbefördert. Da sehe ich auch keine versteckte Toleranz der muslimischen Verbände gegenüber Terroristen. Muslimische Gemeinden sind nicht der Hort der Radikalisierung, sondern der Gegenmaßnahmen. 

CDU-Politikerin Cemile Giousouf (Quelle: Büro Giousouf)CDU-Politikerin Cemile Giousouf (Quelle: Büro Giousouf)Cemile Giousouf (gesprochen "Jusuf") ist Integrationsbeauftragte der Unions-Bundestagsfraktion und selbst Muslimin. Die Tochter türkischer Eltern aus der griechischen Region Thrakien ist in Deutschland aufgewachsen. Sie ist im Landesvorstand der nordrhein-westfälischen CDU und seit 2013 Bundestagsabgeordnete. 

Viele Moslemführer halten sich mit signifikanten Aussagen gegenüber der Presse zurück. Haben sie Angst, als Nestbeschmutzer denunziert zu werden? 

Man hat auf jeden Fall die Befürchtung, den Ruf einer extremistischen Organisation zu bekommen. Das kann dazu führen, dass man eben nicht zur Polizei geht und Probleme meldet, sondern manche Entwicklungen erst einmal toleriert. Dabei spürt man ja, wenn junge Menschen sich verändern. Da müssen die Muslime das Selbstbewusstsein und die Größe haben, diese jungen Leute anzusprechen und zurückzuholen. Da gibt es mittlerweile deutschlandweit Strukturen mit Beratungsstellen, die alle ansprechen können, die so etwas beobachten. Deradikalisierung ist eine Aufgabe für Profis. 

Von Moslemführern hört man oft den Satz: "Der Terror hat mit dem Islam nichts zu tun." Ist das nicht auch eine billige Ausrede, um nichts tun zu müssen? Die Täter sind ja Muslime. 

Ich teile diese Aussage auch nicht. Wenn sich Extremisten auf das Religionsbuch berufen, um Terrorakte zu begehen, dann können es sich die Muslime nicht so leicht machen und sagen, das habe nichts mit ihrer Religion zu tun. Letztlich wird ihr Buch missbraucht, um Menschen zu töten und Terror zu verbreiten. Man muss ganz selbstbewusst sagen: Die Botschaft des Islam ist eine andere, aber hier werden Botschaften aus dem Kontext gerissen, um Menschen zu radikalisieren.

Die Muslime müssen Verantwortung übernehmen. Ich muss aber eines sagen: Wie soll der durchschnittliche Muslim, der hier arbeitet und seine Kinder zur Schule schickt, mit diesem Extremismus umgehen? Da muss der Staat helfen. Die muslimischen Organisationen  sind da gefragt, wo es darum geht, Strukturen aufzudecken und junge Menschen zurückzuholen. Dazu muss man aber auch zugeben: Ja, es hat auch etwas mit dem Islam zu tun. 

Zurzeit brodelt in den Social Media der Vorwurf, die Anschläge hätten mit den Flüchtlingen zu tun. 

Die Opfer des weltweiten Terrorismus sind ja meist Muslime. An die täglichen Anschlagsmeldungen aus dem Irak, Afghanistan oder Somalia haben wir uns ja fast gewöhnt. Ich weiß nicht, ob es unter den Flüchtlingen Menschen gibt, die so etwas planen. Es wäre auch illusorisch, zu glauben, das seien alles nur Leute, die Gutes wollten. Aber: Die, die Anschläge in Europa verübt haben, waren alle hier sozialisiert. Ebenso, wie die rund 700 Extremisten, die nach Syrien gegangen sind. Viele sind sogar deutschstämmig. Die Menschen, die zu uns kommen, fliehen ja gerade vor diesem Terror und vor Assad. Deswegen ist es auch Menschen verachtend, wie Vera Lengsfeld und andere Scharfmacher damit umgehen

Die Fragen stellte Christian Kreutzer 

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