Interview
Unsere Interview-Regel

Der Gespr├Ąchspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschlie├čend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

Weihnachts-Fakevideo l├Ąsst CDU-Abgeordneten aus der Haut fahren

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 19.12.2018Lesedauer: 5 Min.
(Quelle: Screenshot/Bundestag.de)
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Volksvertreter bekommen viel Post vom Volk. Weil ihm aber das x-te leicht zu entlarvende Fake-Video geschickt wurde, wurde ein Abgeordneter w├╝tend.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Johannes Steiniger fordert, dass in in allen Ministerien Abteilungen eingerichtet werden, die sich nur mit der Erkennung von Falschinformationen besch├Ąftigen. Das sagte er t-online.de in einem Interview. Steiniger hatte auf Twitter seinem ├ärger Luft gemacht, nachdem ihm ein L├╝gen-Video zugeschickt worden war. "Stehlt mir keine Lebenszeit", schrieb der 31-J├Ąhrige.

Wurde deutlich: Johannes Steiniger mit seinem Tweet.
Wurde deutlich: Johannes Steiniger mit seinem Tweet. (Quelle: Screenshot)

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Herr Steiniger, was war denn passiert, dass Sie diesen Tweet geschrieben haben?

Johannes Steiniger: Mir wurde von einem politisch eigentlich recht interessierten Mensch ein Video zugesandt, in welchem vermeintliche Fl├╝chtlinge einen Weihnachtsbaum in einem Einkaufszentrum pl├╝ndern. Diese Szene soll in einer deutschen Stadt stattgefunden haben. Versehen war die Mail gru├člos mit dem Kommentar: ÔÇ×Wir nehmen es wieder einmal hin, was muss denn noch geschehen, bis agiert wird."

Das Video ist mehrere Jahre alt ist und stammt aus einem Einkaufszentrum in Kairo, wo zum Ende der Weihnachtssaison der Baum gepl├╝ndert werden darf, wie die Faktenchecker-Seite Snopes schon 2016 berichtet hat.

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Ich habe bei Google kurz die Stichworte ÔÇ×Fl├╝chtlinge zerst├Âren WeihnachtsbaumÔÇť eingegeben und kam sofort auf die Aufl├Âsung, dass es sich um Aufnahmen aus ├ägypten handelt. Und dann habe ich dem Verfasser der Mail dann direkt geantwortet. Weil ich solche Nachrichten auf Kan├Ąlen wie Facebook Messenger, Whatsapp oder Instagram mehrmals pro Woche erhalte, bin ich recht ge├╝bt darin, Fakes zu finden.

Haben Sie ihm auch w├Ârtlich geantwortet, dass er auf die ÔÇťgr├Â├čte Fakeschei├čeÔÇŁ reingefallen ist? Wann versuchen Sie es mit Aufkl├Ąrung?

Ich kenne den Verfasser der Mail, er wohnt im Ausland. Ich habe ihm geantwortet, dass er bitte nicht ÔÇ×jede Schei├če ungepr├╝ft verbreitenÔÇť solle und man den Link zur Aufl├Âsung nach drei Sekunden auf Google findet. Bei allen Personen, die ich pers├Ânlich kenne oder die aus meinem Wahlkreis kommen, antworte ich dann auch. Hier ist mir Aufkl├Ąrung besonders wichtig, weil sich diese Menschen ja auch an mich in meiner Eigenschaft als ihr Abgeordneter wenden. Da f├╝hle ich mich besonders verpflichtet, zur Richtigstellung beizutragen, und hoffe auch darauf, dass die Leute meine Antwort auch wieder an ihre Bekanntenkreise weitergeben.

Sieht man vom Zeitaufwand ab: M├╝ssten sie eigentlich denen dankbar sein, die Ihnen so etwas schicken und Ihnen so die Gelegenheit geben, falsche Informationen geradezur├╝cken?

Tats├Ąchlich bekomme ich durch solche Nachrichten, Videos oder Memes einen recht guten Eindruck, was im Netz so abl├Ąuft. Wir haben es leider mit einem Ph├Ąnomen zu tun. Insbesondere viele ├Ąltere B├╝rger glauben vieles, was im Internet steht und teilen dies dann auch ungepr├╝ft, vor allem in ihren WhatsApp-Gruppen. Ich empfinde das als gef├Ąhrlich f├╝r die Demokratie, da nat├╝rlich somit Meinung gebildet wird und sich auch Meinungen in Filterblasen selbst verst├Ąrken. Man ist teilweise schon sehr ├╝berrascht dar├╝ber, was von intelligenten Menschen alles f├╝r bare M├╝nze genommen wird.

Bundestagsabgeordnete sollten aber nicht per WhatsApp an Symptomen doktern m├╝ssen, sondern Ursachen bek├Ąmpfen. Was ist zu tun, damit eigentlich intelligente Menschen nicht so oft irgendwelchen Videos im Netz blind glauben?

Dass auch viele intelligente Menschen solche Fakes glauben, ist ja einfach nur ein Ausdruck daf├╝r, dass Politik Vertrauen verloren hat in den letzten Jahren. Es ist sehr schwer und harte Arbeit, dieses wieder zur├╝ck zu gewinnen. Wir m├╝ssen deshalb die Probleme l├Âsen, die es im Bereich der Migration und Fl├╝chtlinge gibt. Besser werden etwa bei Integration oder Abschiebungen. Und wir m├╝ssen uns den wirklichen Problemen der Menschen widmen. Vielfach ist das Thema ÔÇ×Fl├╝chtlingeÔÇť ein Ventil f├╝r tieferliegende ├ängste. Wie geht es weiter mit der Rente? Was erwartet uns mit der fortschreitenden Digitalisierung? Auf diese Fragen m├╝ssen wir bis zum Ende dieser Wahlperiode verl├Ąssliche und glaubw├╝rdige Antworten liefern, zum Beispiel in der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission.

Man hat nicht das Gef├╝hl, dass die Regierung und die Regierungsparteien wirklich eine Strategie haben, emotionalen Falschinformationen etwas entgegenzusetzen oder sie ├╝berhaupt fr├╝hzeitig zu entdecken. Oder wie sieht diese Strategie aus?

Wir tun uns tats├Ąchlich etwas schwer, solche Fakes fr├╝hzeitig zu erkennen und diesem etwas entgegenzusetzen. Hier braucht es in Zukunft in allen Ministerien und Parteien ganze Abteilungen, die sich nur mit Fr├╝herkennung und Gegenstrategien besch├Ąftigen. Hier haben wir alle noch Aufholbedarf. Es wird zentral sein, dass wir dann mit Inhalten und Klarstellungen auch in die Filterblasen eindringen k├Ânnen. Dies hat sich auch unser neuer Fraktionvorsitzender Ralph Brinkhaus auf die Fahne geschrieben. Beim Migrationspakt etwa hatten wir eine Webseite mit Fragen und Antworten und ein gutes Aufkl├Ąrungsvideo zu den gr├Â├čten Missverst├Ąndnissen aufgelegt.

Hat man ├╝berhaupt eine Chance, mit sachlichen Informationen durchzudringen?

Ich mache schon die Erfahrung, dass man durchdringen kann, wenn man Fakes klar aufarbeitet.

Es gibt aber auch Videos, ├╝ber die man sich berechtigt emp├Âren kann. Was antworten Sie bei einem Video, das einen Fl├╝chtling zeigt, der vor einem Discounter massenhaft per Gutschein erworbene Wasserflaschen leert, um das Pfand zu Geld zu machen?

Man muss nat├╝rlich aufpassen, dass man nicht jedes Video, das einem vielleicht nicht in den Kram passt, als Fake tituliert. Deshalb kommentiere ich nat├╝rlich solche Videos dann kritisch und sage, dass das so nicht in Ordnung ist. Nat├╝rlich kommen solche F├Ąlle vor und mit dem Smartphone lassen sie sich heute direkt und schnell verbreiten. Genauso schnell und entschieden sollte man dann aber auch reagieren und eben klarmachen, dass aus dem Fehlverhalten Einzelner nicht zum Beispiel auf alle Fl├╝chtlinge geschlossen werden kann. Und von den Beh├Ârden d├╝rfen wir erwarten, dass solche Verhaltensweisen, ob online geteilt oder nicht, auch Konsequenzen f├╝r den Verantwortlichen haben.

Welche Schuld tragen die Politik und die herk├Âmmlichen Medien daran, dass viele Menschen nicht mehr wissen, was Sie glauben sollen?

Wenn Politiker nicht mehr rausgehen und mit den Leuten reden ÔÇô sei es ganz analog am Stammtisch oder auf Vereinsfesten oder eben vermehrt digital auf Facebook, Twitter und so fort ÔÇô tragen sie durchaus Verantwortung f├╝r den Vertrauensverlust. Aber ganz klar gesagt: F├╝r mich selbst und f├╝r ganz viele engagierte Kollegen w├╝rde ich das nicht so annehmen. Ganz klar tragen auch die Medien zu der Emp├Ârungsspirale bei. Das hat mit dem Druck durch sinkende Auflagen und Einschaltquoten zu tun und mit der allgemein immer niedrigeren Aufmerksamkeitsspanne. Die ├ťberschriften werden sensationeller, die Texte und Kommentare k├╝rzer und pointierter. Da ist eine sorgf├Ąltige Auseinandersetzung mit Themen und Fakten schon herausfordernd.

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Was w├Ąre Ihr Wunsch in Bezug auf den Umgang mit Informationen im Netz ÔÇô nicht nur an kluge Mittsechziger gerichtet?

Das Internet ist eben nicht die ÔÇ×TagesschauÔÇť und nicht jede Quelle ist so seri├Âs wie das Portal t-online.de...

Danke, wir bem├╝hen uns...

... da lohnt es sich, jede Quelle genau zu ├╝berpr├╝fen. Wie hei├čt die Internetseite, wer betreibt sie? Wenn wir kostenlose und schnelle Information wollen, m├╝ssen wir die Arbeit von guten Journalisten im Zweifel selbst ├╝bernehmen: Haben andere Seiten die gleiche Information? Gibt es andere gute Argumente f├╝r oder gegen eine bestimmte Darstellung? In den Schulen m├╝ssen wir das noch st├Ąrker im Rahmen einer ÔÇ×MedienkompetenzÔÇť vermitteln. Und bei den Betreibern der gro├čen sozialen Netze m├╝ssen wir noch st├Ąrker darauf hinwirken, dass Inhalte dort besser gepr├╝ft werden ÔÇô Sie verdienen ja durch die entsprechenden Werbeeinnahmen auch gut.

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