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"Die Lage ist sehr kritisch – und wird nicht klar kommuniziert"

  • Annika Leister
Von Annika Leister

Aktualisiert am 21.12.2021Lesedauer: 6 Min.
Leere Regale (Symbolbild): Es drohen in vielen Bereichen der Gesellschaft EngpÀsse, vor allem weil das Personal fehlt.
Leere Regale (Symbolbild): Es drohen in vielen Bereichen der Gesellschaft EngpÀsse, vor allem weil das Personal fehlt. (Quelle: IMAGO / ZUMA Wire)
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Der Expertenrat der Bundesregierung warnt eindringlich vor massiven AusfĂ€llen des Personals – nicht nur in KrankenhĂ€usern, sondern in der gesamten kritischen Infrastruktur. Wie steht es um die Grundversorgung in Deutschland?

Weiter vorausblicken als die Politik es tut, Gefahren frĂŒh identifizieren und warnen – das sind die Aufgaben des neu eingesetzten Expertenrats der Bundesregierung. Alarmieren muss deswegen die EinschĂ€tzung des Gremiums vom Sonntag: "Sollte sich die Ausbreitung von Omikron in Deutschland so fortsetzen, wĂ€re ein relevanter Teil der Bevölkerung zeitgleich erkrankt und/oder in QuarantĂ€ne. Dadurch wĂ€ren das Gesundheitssystem und die gesamte kritische Infrastruktur des Landes extrem belastet."

Standen in den letzten Wochen vor allem die KrankenhĂ€user wegen eines hohen Patientenaufkommens im Fokus, warnt der Expertenrat nun also vor einem Notstand durch PersonalengpĂ€sse in der gesamten kritischen Infrastruktur – also auch bei Polizei, Feuerwehr, Telekommunikationsdienstleistern, Strom- und Wasserversorgern, in Logistik und Handel. Die Sorge sind dabei zurzeit nicht unbedingt schwerere KrankheitsverlĂ€ufe durch Omikron, sondern der Ausfall von Angestellten in nie da gewesener Zahl durch Infektionen und QuarantĂ€nen.

Delta löste in Großbritannien "Pingdemie" aus

Ein Zustand, den Großbritannien bereits kennt. Schon im Juli griff hier mit der Verbreitung der Delta-Variante eine sogenannte Pingdemie um sich. Tausende Briten wurden wegen Kontakt zu Infizierten mit einer Alarmnachricht ("Ping") auf ihrem Handy in Isolation geschickt. Ein maßgeblicher Grund, warum Supermarktregale in diesen Wochen zum Teil leer blieben – es war niemand mehr da, um sie zu fĂŒllen.

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Leere Regale (Symbolbild): Es drohen in vielen Bereichen der Gesellschaft EngpÀsse, vor allem weil das Personal fehlt.
Leere Regale (Symbolbild): Es drohen in vielen Bereichen der Gesellschaft EngpÀsse, vor allem weil das Personal fehlt. (Quelle: IMAGO / ZUMA Wire)

Auch jetzt ist Großbritannien Deutschland in der Entwicklung wieder voraus: Hunderte BeschĂ€ftigte in KrankenhĂ€usern fallen aus, die Feuerwehrgewerkschaft spricht von einem "beispiellosen" Personalmangel in ihren Reihen. Fast ein Drittel der Londoner Löschfahrzeuge waren deswegen in der vergangenen Woche nicht einsatzfĂ€hig, wie der "Guardian" berichtet.

"So geht es los", warnt der CharitĂ©-Virologe Christian Drosten, der auch Mitglied des Expertenrats ist, auf Twitter mit Blick auf die Lage auf der Insel. "Omikron wird zu massiven krankheitsbedingten AusfĂ€llen fĂŒhren. Auch in essenziellen Berufsgruppen."

Droht Deutschland mit Omikron der Zusammenbruch der Grundversorgung? Wie schlimm ist die Lage bereits, wie steuern Behörden und Dienstleister gegen?

"Die Lage ist sehr, sehr kritisch – und wird von der Politik nicht klar kommuniziert", kritisiert Holger Berens im GesprĂ€ch mit t-online. Berens ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands fĂŒr den Schutz kritischer Infrastrukturen, ein Experte fĂŒr die Betriebe, die in Deutschland die Grundversorgung sichern. Denkbar sei, dass sich Angestellte – wie zum Teil bereits im Winter 2020 – in Strom- und Wasserkraftwerken rund um die Uhr isolieren mĂŒssten, um auf jeden Fall arbeitstauglich zu bleiben.

Wasserbetriebe: "Haben die Schrauben angezogen"

Viele Betriebe in der kritischen Infrastruktur haben trotz der noch unklaren Lage bereits vor der Warnung des Expertenrats Maßnahmen ergriffen. Die Berliner Wasserbetriebe, die mit 4.600 Mitarbeitern in der Hauptstadt fĂŒr die Wasserver- und Abwasserentsorgung fĂŒr mehr als drei Millionen BĂŒrger zustĂ€ndig sind, haben fĂŒr die Arbeit in PrĂ€senz die SchichtplĂ€ne umgestellt: Oft wird nun zwölf statt acht Stunden gearbeitet. Eine komplette Schicht kann so zu Hause bleiben – und muss sich bereithalten, falls durch Corona große Teile der Belegschaft ausfallen sollten. Die Mehrbelastung schafft so eine Reserve fĂŒr den Notfall.

Wasserwerker im Pumpenhaus (Symbolbild): Bei den Berliner Wasserbetrieben wurde der Schichtbetrieb komplett umgestellt, um große QuarantĂ€nekreise zu vermeiden.
Wasserwerker im Pumpenhaus (Symbolbild): Bei den Berliner Wasserbetrieben wurde der Schichtbetrieb komplett umgestellt, um große QuarantĂ€nekreise zu vermeiden. (Quelle: Horst Rudel/imago-images-bilder)

Auch die Startzeiten der Schichten wurden verĂ€ndert und entzerrt. So sollen sich die Mitarbeiter unterschiedlicher Gruppen in GemeinschaftsrĂ€umen und Umkleiden gar nicht mehr begegnen, die QuarantĂ€nekreise im Ernstfall klein gehalten werden. Wo frĂŒher oft kleine Teams oder Duos loszogen – zum Beispiel, um WasserzĂ€hler zu tauschen – ĂŒbernehmen nun Mitarbeiter einzeln den Job. Zu Arbeitsbeginn muss ein Impf- oder Testzertifikat vorgelegt werden, in den GebĂ€uden der Wasserbetriebe herrscht eine strenge FFP2-Maskenpflicht. Wer seine Arbeit aus dem Homeoffice erledigen kann, muss das verpflichtend tun.

"Wir haben in den letzten zwei, drei Wochen die Schrauben schon wieder angezogen", sagt Stefan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, t-online. "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste." Der Krisenstab des Wasserversorgers tagt inzwischen wöchentlich, eine VerschĂ€rfung der Maßnahmen ist je nach Lage nicht ausgeschlossen. Eine Kasernierung und Isolierung von Mitarbeitern rund um die Uhr lehnen die Berliner Wasserbetriebe aber ab. Natz sieht bei dieser Strategie erhebliche Nachteile: Befinde sich doch ein Infizierter in der isolierten Anlage, verbreite sich Corona dort erst recht unter der Belegschaft.

Corona-Demos machen der Polizei zu schaffen

Im Gegensatz zu den Wasserwerkern können Polizisten nicht auf Abstand bleiben. Sie sind in der Regel in Teams unterwegs – und haben oft sehr direkten Kontakt zu BĂŒrgern, zurzeit gerade auch zu Ungeimpften. Denn deutschlandweit, besonders stark in BundeslĂ€ndern wie Sachsen oder Baden-WĂŒrttemberg, versammeln sich Impf- und Maßnahmengegner zu Demonstrationen in nicht erlaubten GrĂ¶ĂŸen.

Der öffentliche Druck, diese Veranstaltungen rasch aufzulösen, ist in den letzten Wochen gestiegen – damit aber auch das Infektionsrisiko fĂŒr die Beamten. Denn die Wahrscheinlichkeit, angebrĂŒllt, angespuckt und geschlagen zu werden, steigt beim Durchgreifen der Staatsgewalt.

Festnahme bei einer Corona-Demonstration in Berlin: Nicht selten werden Beamte angespuckt.
Festnahme bei einer Corona-Demonstration in Berlin: Nicht selten werden Beamte angespuckt. (Quelle: Jochen Eckel/imago-images-bilder)

Die "zahlreichen Demonstrationen und sogenannten SpaziergĂ€nge von Gegnern der Corona-Maßnahmen und Impfskeptikern" seien derzeit Hauptbelastung fĂŒr die Polizeien, sagte Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), t-online. "Wir machen uns große Sorgen um die Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen, einerseits wegen des noch unklaren Wirkschutzes des Boosterns vor der Omikron-Variante, andererseits auch aufgrund der seit LĂ€ngerem sehr hohen Belastungen."

"Manche Einheiten laufen nur noch im Notbetrieb"

Horrormeldungen lieferte schon Ende November der Freistaat Sachsen: Dort waren zu diesem Zeitpunkt 600 Polizisten mit Corona infiziert, 1.000 weitere saßen in QuarantĂ€ne. "Manche Einheiten laufen schon jetzt nur noch im Notbetrieb", warnte die Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Sachsen (DPolG) im GesprĂ€ch mit t-online.

FĂŒr die Beamten gelten die Schutzbestimmungen der jeweiligen LĂ€nder – das bedeutet unter UmstĂ€nden, dass nicht einmal eine FFP2-Maske getragen werden muss, die Selbstschutz garantiert. Steve Alter, Sprecher des Bundesinnenministeriums, teilte am Montag allerdings mit, dass der Dienstherr FFP2-Masken "insbesondere fĂŒr den Streifendienst" zur VerfĂŒgung stelle. Nach Erkenntnissen des Ministeriums wĂŒrden diese Masken auch "sehr, sehr weit verbreitet" getragen.

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Reutlingen, Baden-WĂŒrttemberg, am Samstag: Rund 1.000 Impf- und Maßnahmengegnern demonstrierten. Die Polizei versuchte ĂŒber Stunden erfolglos, sie zu stoppen.
Reutlingen, Baden-WĂŒrttemberg, am Samstag: Rund 1.000 Impf- und Maßnahmengegner demonstrierten. Die Polizei versuchte ĂŒber Stunden erfolglos, sie zu stoppen. (Quelle: Duddek/Eibner Pressefotos/imago-images-bilder)

Gewerkschafter Malchow schĂ€tzt, dass die Polizeien die Lage "aus momentaner Perspektive" trotz Personalmangels im Griff haben. Notwendig aber seien in jedem Fall eine enge lĂ€nderĂŒbergreifende Zusammenarbeit und gegebenenfalls eine Aufgabenpriorisierung. Bedeutet, ganz Ă€hnlich wie in den KrankenhĂ€usern: Große und akute Lagen haben Vorrang, kleinere Delikte bleiben vorerst liegen.

Großteil der KrankenhĂ€user fehlt Intensivpersonal

In den KrankenhĂ€usern ist die Belastung am grĂ¶ĂŸten. Die Zahl der Corona-Patienten steigt, zugleich ist die Infektionsgefahr sowie die Arbeitsbelastung nach eineinhalb Jahren Pandemie besonders hoch. Etwa Dreiviertel der KrankenhĂ€user haben ihren Regelbetrieb zumindest auf den zurzeit so wichtigen Intensivstationen bereits eingeschrĂ€nkt, teilt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, t-online auf Nachfrage mit.

Eine Pflegekraft dreht einen Covid-Patienten auf den Bauch (Symbolbild): FĂŒr die Umlagerung sind fĂŒnf KrĂ€fte nötig.
Eine Pflegekraft dreht einen Covid-Patienten auf den Bauch (Symbolbild): FĂŒr die Umlagerung sind fĂŒnf KrĂ€fte nötig. (Quelle: Reichwein/imago-images-bilder)

Exakte Daten ĂŒber die aktuellen AusfĂ€lle lĂ€gen zwar nicht vor, aber die ĂŒbliche Ausfallquote liege bei fĂŒnf Prozent – also 18.000 VollzeitkrĂ€ften in der Krankenpflege. "Jedes Prozent mehr ist in dieser Ausnahmesituation bereits in der Versorgung spĂŒrbar." Und Gaß' Ausblick ist dĂŒster. Verbreite sich Omikron so rasant wie mit Blick auf andere LĂ€nder befĂŒrchtet, "wĂŒrde dies zu einer noch mal deutlich gesteigerten Belastung der KrankenhĂ€user fĂŒhren, wie wir sie noch nicht erlebt haben". Drohende Folgen: eine weitere EinschrĂ€nkung der Regelversorgung, eine noch stĂ€rkere Priorisierung von FĂ€llen – und lange Wartezeiten fĂŒr viele Patienten, erklĂ€rt Gaß.

Auch Logistikbranche befĂŒrchtet VersorgungsengpĂ€sse

Die bei den systemrelevanten Berufen oft vergessene Logistikbranche hat gleich an mehreren Fronten mit Corona zu kĂ€mpfen: Erstens befĂŒrchtet man auch hier einen steigenden Krankenstand, zweitens sind wieder scharfe Test- oder QuarantĂ€neregeln fĂŒr Fahrten in fast alle NachbarlĂ€nder eingefĂŒhrt worden und drittens sind viele Lkw-Fahrer aus Osteuropa mit Sputnik geimpft. Weil der russische Impfstoff in Deutschland bisher nicht zugelassen ist, gelten sie als ungeimpft und mĂŒssen Tests fĂŒr die Arbeit nachweisen. Das alles kostet Zeit – in der durchgetakteten Branche fatal.

Kontrolle an der Grenze zu Tschechien im Februar: Nach einem lockeren Sommer haben viele LĂ€nder wieder scharfe Restriktionen fĂŒr die Einreise eingefĂŒhrt.
Kontrolle an der Grenze zu Tschechien im Februar: Nach einem lockeren Sommer haben viele LĂ€nder wieder scharfe Restriktionen fĂŒr die Einreise eingefĂŒhrt. (Quelle: MĂ€rz/imago-images-bilder)

Schon jetzt seien Lieferketten beispielsweise im Automobilhandel abgerissen, so Berens, Experte fĂŒr kritische Infrastrukturen. Das könne sich durch Personalmangel in Logistik und Handel auch auf die Grundversorgung ausdehnen: "Im schlechtesten Fall kann es zu VersorgungsengpĂ€ssen auch bei Medikamenten und Lebensmitteln kommen."

BranchenverbĂ€nde geben noch leichte Entwarnung: Die Logistikbranche sei im Umgang mit sich stĂ€ndig Ă€ndernden Gesetzen in der Pandemie inzwischen Ă€ußerst routiniert, sodass "nach wie vor keine versorgungsrelevanten AusfĂ€lle grĂ¶ĂŸeren Ausmaßes" zu befĂŒrchten seien, sagt Frank Huster, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des DSLV Bundesverband Spedition und Logistik, t-online. Probleme sieht er in der niedrigen Impfquote und in fehlender Testinfrastruktur fĂŒr international eingesetztes Fahrpersonal.

Ist ein Gegensteuern noch möglich?

Aus den unterschiedlichen Branchen kommen ganz unterschiedliche Forderungen: Die Polizeigewerkschaft dringt auf eine Intensivierung der Booster-Kampagne fĂŒr ihre Beamten. Die Krankenhausgesellschaft bittet die Bevölkerung um "zurĂŒckhaltendes Feiern" an den Feiertagen, speziell an Silvester, "mit weniger Menschen, weniger Alkohol und ohne gefĂ€hrliches Feuerwerk", um Zusatzbelastungen gering zu halten. Die Logistikbranche fordert eine vorausschauende Politik, die bei RechtsverschĂ€rfungen sofort klarstellt, wie mit Fach- und HilfskrĂ€ften ohne deutsche StaatsbĂŒrgerschaft umgegangen werden soll.

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Experte Berens geht einen Schritt weiter und bringt fĂŒr alle BeschĂ€ftigten in systemrelevanten Berufen ins Spiel, was fĂŒr BeschĂ€ftigte in KrankenhĂ€usern und Pflegeheimen bereits beschlossen wurde: "Wir mĂŒssen ĂŒber eine Impfpflicht fĂŒr die Berufe in kritischen Infrastrukturen nachdenken."

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