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Triumph des chronisch UnterschÀtzten

  • Tim Kummert
Von Tim Kummert

Aktualisiert am 16.01.2021Lesedauer: 7 Min.
"Gefahr, dass Aggression zunimmt": In seiner ersten Rede als CDU-Chef hat sich Armin Laschet vor allem an seine Kontrahenten gewandt. (Quelle: t-online)
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Vieles sprach gegen ihn und der Sieg war knapp: Doch Armin Laschet hat es geschafft und ist neuer CDU-Chef. PortrĂ€t eines Mannes, dessen Karriere eine Verkettung glĂŒcklicher UmstĂ€nde ist – und dessen grĂ¶ĂŸte BewĂ€hrungsprobe noch bevorsteht.

Armin Laschet steht auf der BĂŒhne vor einer blauen Wand und strahlt. Er hat es geschafft. Er hat sich gegen einen ĂŒbermĂ€chtigen Gegner durchgesetzt, fast niemand glaubte daran, zwischendurch vielleicht noch nicht einmal er selbst. Aber jetzt er ist der Sieger. Seine rechte Hand saust durch die Luft, als wĂŒrde er eine Zwiebel klein hacken und er ruft dazu: "Wir haben Kurs gehalten! Auch in schweren Zeiten! Und deshalb: Dank an alle, die trotz allem weitergekĂ€mpft haben
" Tosender Applaus aus der Menge.


CDU-Machtkampf: Wer unterstĂŒtzt wen?

Am 16. Januar ist es so weit – die CDU entscheidet darĂŒber, wer kĂŒnftig als Vorsitzender an der Spitze der Partei stehen soll. Zur Wahl stehen Norbert Röttgen (l), Armin Laschet und Friedrich Merz (r). Sie alle haben schon UnterstĂŒtzer fĂŒr sich gewonnen. Doch wer unterstĂŒtzt wen?
Annegret Kramp-Karrenbauer setzte sich 2018 gegen ihren Kontrahenten Friedrich Merz durch und gewann den Kampf um den CDU-Parteivorsitz. Im Februar 2020 kĂŒndigte sie an, dieses Amt niederzulegen. Allen drei Kandidaten traue sie die FĂ€higkeiten fĂŒr ihre Nachfolge zu, "die eigentliche Regierungserfahrung" lĂ€ge jedoch bei Armin Laschet, Ă€ußert sie sich indirekt zu ihrem Favoriten.
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Der Applaus ist echt, er kommt nicht vom Band, die jubelnde Menge steht direkt vor Laschet. Denn es ist noch keine Corona-Pandemie, sondern der 14. Mai 2017. Der ĂŒbermĂ€chtige Gegner an diesem Tag heißt nicht Friedrich Merz, sondern Hannelore Kraft. Armin Laschet gewinnt die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Er erobert das grĂ¶ĂŸte Bundesland fĂŒr die CDU zurĂŒck – obwohl die Chancen zuvor gering waren. Kraft war damals die beliebteste Politikerin Deutschlands.

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Scheitert Laschet an der mangelnden Einheit der Union?

Der 59-jÀhrige Armin Laschet ist ein Spezialist darin, aus vermeintlich aussichtslosen Lagen als Sieger hervorzugehen. Er ist ein politisches StehaufmÀnnchen, weil er nicht verzagt und einfach weitermacht.

Das galt auch in den vergangenen Monaten: Erst zögerte er lange, sich ĂŒberhaupt ins Rennen um den neuen CDU-Chef einzuschalten, dann litt in der Corona-Krise sein Image, die Umfragen waren schlecht, die Sehnsucht nach Jens Spahn und Markus Söder groß. Doch Armin Laschet hielt einfach durch, ließ sich nicht entmutigen, zumindest nicht öffentlich sichtbar.

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Und jetzt? Ist er nicht nur NRW-MinisterprÀsident, sondern auch CDU-Chef: Er setzte sich auf dem ersten digitalen Parteitag der Christdemokraten mit 521 zu 466 Stimmen in der Stichwahl gegen Friedrich Merz durch. Ein eher knappes Ergebnis, aber Mehrheit ist eben Mehrheit.

Auch Merz ist hochbeliebt, anders zwar als Hannelore Kraft nicht in der Breite der Bevölkerung, doch bei der CDU-Basis. Und jetzt stellt sich die Frage, ob Laschet einen Weg findet, die jetzt schon tobenden Merz-AnhĂ€nger hinter sich zu versammeln. Ob er nicht an der mangelnden Einheit der Union scheitert, die auch Annegret Kramp-Karrenbauer zum VerhĂ€ngnis wurde. Ob sein Politikansatz ĂŒberhaupt in Deutschland funktioniert.

Kurzum: Ob er der nÀchste Bundeskanzler wird.

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Entscheidend fĂŒr den Sieg von Laschet war unter anderem seine Rede am Samstagvormittag: Rein digital kam sie bei den 1001 Delegierten auf den heimischen Bildschirmen an. Er sprach viel ĂŒber seinen Vater, der Bergmann war, und auch ein wenig darĂŒber, dass Polarisierung kein Weg in der Politik sei. WĂ€hrend Friedrich Merz und Norbert Röttgen eher klassische CDU-Parteitagsreden hielten, baute Armin Laschet eine Art christlich-demokratischen ErzĂ€hlungsbogen. Sein Vater habe ihm gesagt, so Laschet: "Sag den Leuten, sie können dir vertrauen."

Eine Partei, der Rebellion im Kern fremd ist

Der Sieg von Armin Laschet ist auch ein Sieg der etablierten KrĂ€fte in der CDU. FĂŒr ihn setzten sich in den vergangenen Tagen diverse ranghohe Unionspolitiker ein, am Tag vor der Abstimmung gipfelte das in dem Statement der Kanzlerin: "Ich wĂŒnsche mir, dass ein Team gewĂ€hlt wird, das die Geschicke unserer stolzen Volkspartei in die Hand nimmt und dann gemeinsam mit allen Mitgliedern die richtigen Antworten fĂŒr die Aufgaben der Zukunft findet". Mit einem Team trat nur Laschet an, der sich mit Jens Spahn als Stellvertreter verbĂŒndet hat, der wenig subtile Hinweis der Kanzlerin war eindeutig.

Die CDU ist eine Partei, der Rebellion und Revolution im Kern fremd sind. Sie ist eine Partei, in der sich Menschen versammeln, die eher zufrieden sind mit der Lage des Landes. So gesehen war Armin Laschet im Vergleich zum konservativen Friedrich Merz, der fĂŒr einen Rechtsruck steht, die logische Wahl. Keine Experimente. Dass Kramp-Karrenbauer bereits nach kurzer Zeit als Chefin scheiterte, versetzte viele in einen Schockzustand.

WĂ€hrend sein Widersacher Friedrich Merz monatelang verkĂŒndete, dass er recht siegesgewiss sei, Ă€ußerte sich Laschet erst sehr spĂ€t zu seiner Kandidatur. Das lag hauptsĂ€chlich daran, dass er kaum Zeit fĂŒr einen innerparteilichen Wahlkampf hatte, weil er als MinisterprĂ€sident das bevölkerungsreichste Bundesland durch die Krise fĂŒhren muss.

Aus einem stark katholisch geprÀgten Elternhaus

Und in der Corona-Krise setzte sich Laschet lange vehement fĂŒr Lockerungen ein – und ĂŒbertrieb es in den Augen vieler damit. Plötzlich musste er als Erster im Land wieder einen regionalen Lockdown verhĂ€ngen. In der Corona-Krise fĂŒhre Laschet vor, wie "bei ihm aus richtigen EinfĂ€llen zuweilen falsche Entscheidungen werden und aus guten Ideen schlechtes Handwerk", schreiben seine Biografen Tobias Blasius und Moritz KĂŒpper in ihrem Buch "Der Machtmenschliche" ĂŒber Laschet.

Armin Laschet ist mit drei jĂŒngeren BrĂŒdern aufgewachsen im Aachener Stadtteil Burtscheid. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater erst Bergmann, anschließend Grundschullehrer. Es war ein stark katholisch geprĂ€gtes Elternhaus. Lasches politische Karriere verlief fast immer entgegen aller Wahrscheinlichkeiten. Das ging schon mit seinem Eintritt in die Partei los. Ein Freund von ihm steckte ihm den Antrag in den Briefkasten, mit 18 Jahren trat Laschet dann in die CDU ein. Er studierte Jura, absolvierte sein erstes juristisches Staatsexamen, es folgte ein journalistisches Volontariat.

"Ein stetiges Ringen zwischen Mut und Vorsicht"

Von 1994 bis 1998 saß er im Deutschen Bundestag, 1999 folgte der Wechsel ins Europaparlament. Und schon die anschließende Karrierestation ist typisch fĂŒr den Politiker Armin Laschet. 2005 nahm er an einer wichtigen CDU-Veranstaltung nicht teil, bei der auch ĂŒber neue Minister-Posten in NRW verhandelt wurde. Der damalige Landeschef JĂŒrgen RĂŒttgers soll Laschet trotzdem angerufen und gesagt haben: "Ich habe dich heute gar nicht gesehen". RĂŒttgers machte ihn trotzdem zum Integrationsminister.

Laschet wird daraufhin CDU-intern einige Jahre als "TĂŒrken-Armin" verspottet, doch er erarbeitet sich auch Respekt. In dieser Zeit knĂŒpft er enge Kontakte zu den GrĂŒnen. Nachdem Norbert Röttgen die NRW-Wahl im Jahr 2012 verliert, wird Laschet Landeschef und gewinnt daraufhin 2017 gegen Hannelore Kraft. Seine Biografen schreiben ĂŒber das VerhĂ€ltnis von Armin Laschet zur Politik, dies sei die Geschichte einer stĂ€ndigen AbwĂ€gung: "Eines stetigen Ringens zwischen Kopf und Bauch, Mut und Vorsicht, IndividualitĂ€t und KonformitĂ€t."

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Laschet ist einer, der sich gern mal zu einer spontanen Äußerung hinreißen lĂ€sst. So mutmaßte er im Sommer vor laufender Fernsehkamera, dass "Bulgaren und RumĂ€nen" fĂŒr den Ausbruch von Corona in einer Fleischfabrik verantwortlich seien. Seine Kandidatur kam ins Rutschen, aus seinem forschen Antritt fĂŒr den Parteivorsitz wurde daraufhin eher ein zaghaftes Anpirschen.

Friedrich Merz, der neue Herbert Reul?

Armin Laschet beruft sich mit seinem Politikstil gern auf die Tradition von Angela Merkel. AbwĂ€gen, Moderieren, alle Seiten einbinden. Seine Seitenhiebe gegen polarisierende Politik bei der Parteitagsrede waren nicht zufĂ€llig. Doch zugleich hat Laschet schon gezeigt, dass er die Forscheren der Partei einbeziehen will: Sein Innenminister Herbert Reul steht in Nordrhein-Westfalen fĂŒr eine harte Law & Order-Politik. Wenn Laschet noch freundlich-vermittelnde SĂ€tze in die Kamera sagt, prescht Reul mit einer Polizei-Aktion nach der nĂ€chsten gegen Clans im Bundesland vor. Es ist ihre Art von Aufgabenteilung.

KĂŒnftig ist die Frage, wie Laschet seinen Ansatz in der Bundes-CDU umsetzt. Ein Weg könnte auch hierbei das politische Personal sein: Er könnte mit Merz und Spahn versuchen, den konservativen FlĂŒgel einzubinden. Spahn ist in seinem Team – ob Merz sich Laschet unterordnet, ist noch offen. Wenn es nach Laschet geht, könnte Merz der neue Herbert Reul auf Bundesebene werden, nur möglicherweise in einem anderen Ministeramt.

Mahnende Worte aus Magdeburg

Laschet erklĂ€rte bei seiner Rede: "Vertrauen bekommt man aber nicht geschenkt, man muss es sich erarbeiten. DafĂŒr reichen nicht bloß markige oder schöne Worte. MĂŒsste, Könnte, Sollte – das ist noch keine Politik. Man muss das Handwerkszeug einer Politik der Mitte beherrschen: die FĂ€higkeit zur Einigung". Das ist das Ziel, das Laschet sich selbst gesteckt hat, an seinen Worten wird er sich messen lassen mĂŒssen.

Und er muss zeigen, dass er beherrscht, woran Kramp-Karrenbauer gescheitert ist: Die ostdeutschen LandesverbĂ€nde so einzubinden, dass jede AnnĂ€herung an die AfD ausgeschlossen wird. Laschet hat das als sein Manko erkannt, wie er in einem Interview anklingen ließ.

Aus Magdeburg kommen bereits mahnende Worte. Direkt nach der Wahl von Laschet verschickte der CDU-Landesverband Sachsen-Anhalt ein Statement mit GlĂŒckwĂŒnschen an ihn – und einer klaren Ansage: "Zudem erwarten wir von Armin Laschet, dass er sich der besonderen BedĂŒrfnisse der Menschen im Osten Deutschlands bewusst ist und diese gezielt in die politische Arbeit einzubinden weiß." Es ist ein eindeutiges Signal: Armin, mach nicht den gleichen Fehler wie die Annegret.

Markus Söder, der Kanzlerkandidat?

Die nĂ€chste BewĂ€hrungsprobe fĂŒr Armin Laschet werden die nĂ€chsten Monate. Im MĂ€rz werden in Rheinland-Pfalz und Baden-WĂŒrttemberg die Landtage neu gewĂ€hlt. Viele Delegierte aus diesen BundeslĂ€ndern haben wohl auf dem Parteitag fĂŒr Friedrich Merz gestimmt. Die CDU-VerbĂ€nde der drei LĂ€nder sehnen sich eigentlich nach einem konservativeren Profil der Partei.

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Es ist Armin Laschets nĂ€chster Test, den er bestehen muss. In der CDU denkt mancher schon laut darĂŒber nach, ob im Falle von nicht so guten Wahlergebnissen fĂŒr die Landtage in Mainz und Stuttgart nicht Markus Söder die Union in die Bundestagswahl fĂŒhren sollte.

Laschets möglicher Widersacher Markus Söder hatte am Vorabend der Entscheidung bereits ein Grußwort auf dem Parteitag gehalten. Die Frage von CDU-GeneralsekretĂ€r Paul Ziemiak, ob er dabei aus einer CDU-Tasse bei seiner Rede trinken wĂŒrde, verneinte Söder. Er schob nach: "Wenn ein Angebot der CDU an mich kommt, dann werden wir das natĂŒrlich entsprechend gewichten."

Es wird an Armin Laschet liegen, ob die CDU dem bayerischen MinisterprĂ€sidenten kĂŒnftig Kaffeetassen oder das Kanzleramt anbietet.

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Von Miriam Hollstein, Johannes Bebermeier
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