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"Das war vielleicht schon der Anfang vom Ende"

  • Tim Kummert
Von Tim Kummert

Aktualisiert am 11.12.2021Lesedauer: 8 Min.
Das waren noch Zeiten: Als die langjĂ€hrige Kanzlerin Angela Merkel 2017 fĂŒr den Bundestagswahlkampf kandidierte, war der RĂŒckhalt fĂŒr die CDU noch groß.
Das waren noch Zeiten: Als die langjĂ€hrige Kanzlerin Angela Merkel 2017 fĂŒr den Bundestagswahlkampf kandidierte, war der RĂŒckhalt fĂŒr die CDU noch groß. (Quelle: /getty-images-bilder)
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16 Jahre regierte die CDU – und verwandelte sich in eine Machtmaschine. An niemandem zeigt sich das stĂ€rker als an StaatssekretĂ€r GĂŒnter Krings. Begleitung eines Mannes, der sich jetzt neu erfinden muss.

In dem Moment, als es vorbei ist mit der CDU und mit der Macht, da steht GĂŒnter Krings in der zweiten Reihe der Zuschauer im Regierungsviertel. Es ist der 2. Dezember, die kalte Berliner Nachtluft liegt wie ein Teppich ĂŒber der Stadt. Im Bendlerblock, vor der scheidenden Kanzlerin Angela Merkel, ist an diesem Abend ein Bataillon der Bundeswehr angetreten. Stahlhelme, Fackeln, Blasorchester. Der "Große Zapfenstreich" zu ihrer Verabschiedung.

Und im Publikum, direkt hinter Merkel: GĂŒnter Krings, 52 Jahre alt, graue Haare, offener Blick. Er gehört zu den wenigen, die eingeladen wurden – nur 200 GĂ€ste durften aufgrund der Corona-Regeln kommen. Krings verfolgt die Zeremonie nachdenklich. War da ein Glitzern in den Augen der Kanzlerin? Krings zuckt mit den Schultern. Hat er nicht gesehen, er stand ja hinter ihr. Und er musste danach auch weiterarbeiten. Keine Zeit, sich ĂŒber AbschiedstrĂ€nen Gedanken zu machen.

Sechzehn Stunden spĂ€ter sitzt GĂŒnter Krings in seinem BĂŒro, sieht etwas erschöpft aus und sagt trotzdem: "Das war schon sehr bewegend, das zu sehen." Und dann sagt er noch: "Es waren 16 gute Jahre – aber aus Sicht der CDU zwölf Jahre davon in einer ungewĂŒnschten Koalition. Mit der SPD an der Seite konnte sich die Partei nicht profilieren und musste in der Regierung oft zu viele Kompromisse eingehen."

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Plötzlich ist er einer von vielen

Und damit ist er bei seinem Hauptthema, der eigenen Partei. Denn Krings ist ein Profiteur seines eigenen Fleißes – und des Erfolgs seiner CDU. Er war zunĂ€chst einige Jahre stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union, seit 2013 dann StaatssekretĂ€r im Innenministerium. Mit diesem Amt war er einer der Stellvertreter des deutschen Innenministers, erst von Thomas de MaiziĂšre, dann von Horst Seehofer.

Die CDU hat viele nach oben getragen, in diesen letzten 16 Regierungsjahren. Doch niemand spiegelte den Erfolg der Christdemokraten so wider wie GĂŒnter Krings. Sein Aufstieg verlief linear zum RĂŒckhalt der Konservativen bei den WĂ€hlern. Beharrlich schraubte er sich unter Angela Merkel immer höher. Und stĂŒrzt jetzt ab, weil die Union abgewĂ€hlt wurde. Nun ist Krings ein Abgeordneter wie alle anderen auch.

An Krings lĂ€sst sich die Verwandlung der CDU in eine Machtmaschine nachzeichnen. Wie die Partei als Preis fĂŒr den Erfolg allmĂ€hlich inhaltlich ausgehöhlt wurde. Und es lĂ€sst sich beobachten, wie schwer den Christdemokraten jetzt die Neuorientierung fĂ€llt. WĂ€hrend mancher in der Ampelkoalition bereits erklĂ€rt, lĂ€nger als vier Jahre miteinander regieren zu wollen, steht Krings mit seiner Partei vor zwei Fragen. Die erste lautet: Wer wollen wir sein? Und die zweite: Wer braucht uns eigentlich noch?

Doch erst einmal möchte Krings eine dritte Frage beantworten. Sie lautet: Wo kommen wir her? Es ist der 11. Oktober, gut zwei Wochen nach der Bundestagswahl. Krings sitzt in seinem BĂŒro im Innenministerium, er hat einen beeindruckenden Blick ĂŒber das Regierungsviertel. Von seinem Schreibtisch aus kann er den Bundestag sehen und reichlich Himmel ĂŒber Berlin.

Er entdeckte den Heimatschutz fĂŒr sich

Als Krings ein Teenager war und in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen aufwuchs, war der Braunkohle-Tagebau das wichtigste politische Thema in der Region, erzĂ€hlt er. Krings war dagegen. Schon in frĂŒhen Jahren entdeckte er den Heimatschutz fĂŒr sich. HĂ€user, Äcker, Landschaft – all das sollte erhalten bleiben, fand er. Heute sagt er: "Konservativ ist es doch, wenn der Bauer auf seiner Erdscholle bleiben kann!"

Er trat bereits mit 14 Jahren in die Junge Union ein und traf dort viele Jugendliche, die seine Ansichten teilten. Mal setzten sie sich fĂŒr die Bauern, mal fĂŒr den Erhalt einer Lederfabrik, mal fĂŒr die Restaurierung eines Museums ein.

Blick aus dem BĂŒro von Krings im Innenministerium: "Konservativ ist es doch, wenn der Bauer auf seiner Erdscholle bleiben kann!"
Blick aus dem BĂŒro von Krings im Innenministerium: "Konservativ ist es doch, wenn der Bauer auf seiner Erdscholle bleiben kann!" (Quelle: /T-Online-bilder)

Auf kommunaler wie auf Bundesebene war die Stellung der CDU damals ganz klar, fand Krings: Gegen zu viel VerĂ€nderung, der Feind stand links, möglichst viel Erhalt der Tradition. Der Satz von Strauß, rechts der Partei sei "nur noch die Wand", passt nahtlos in diese Haltung.

Die Bundeskanzler wechselten sich zwischen SPD und Union nahezu ab, ein DreierbĂŒndnis in den Koalitionen auf Bundesebene gab es nicht. Alte Bundesrepublik, ĂŒberschaubare VerhĂ€ltnisse. Und dazwischen der junge GĂŒnter Krings, der bald beschloss, Karriere bei den Konservativen zu machen.

Eine Partei, die Merkel die Regierungsmacht sichert

Er legte das Abitur mit Einserschnitt ab, entschied sich dann fĂŒr ein Jurastudium, wieder regnete es top Noten. Ein Überflieger.

2002 wird Krings zum ersten Mal in den Bundestag gewÀhlt. Er kandidierte damals gleich gegen Julia Klöckner um den Vorsitz der Jungen Gruppe der Unionsabgeordneten. Krings gewann, er lernte die Regeln des politischen GeschÀfts schnell. Somit hatte er sich seine erste Machtbasis gesichert, und begann sich zu vernetzen.

Und dann erlebte Krings, wie die Verwandlung der Union zu einem Machtapparat einsetzte. Wie Merkel die Konservativen verwandelte zu einer Partei, die einfach immer die meisten Stimmen bekam. Krings drĂŒckt es heute so aus: "Ich denke, dass Angela Merkel die Partei schon ab 2005 darauf ausrichtete, die Regierungsmacht zu sichern." Gemeint ist: Merkel machte sich Positionen des Regierungspartners – in der Regel von der SPD – zu eigen, verkaufte sie als ihre eigenen und sicherte der Union den nĂ€chsten Wahlsieg.

Krings in seinem BĂŒro: Mitten in einer Partei wie in einer Machtmaschine.
Krings in seinem BĂŒro: Mitten in einer Partei wie in einer Machtmaschine. (Quelle: /T-Online-bilder)

Krings sah das damals alles mit Skepsis. Aber er profitierte auch davon, ihn trug die Macht der Union weiter nach oben. 2013 wurde er dann StaatssekretĂ€r. "Wir waren immer eine pragmatische Partei, das habe ich schon als SchĂŒler gelernt, bei der LektĂŒre einer Adenauer-Biografie", sagt er heute.

Fast hĂ€tte sich der Pragmatismus des Regierens fĂŒr ihn sogar noch mehr gelohnt. Denn um ein Haar wĂ€re Krings PrĂ€sident des Bundesverfassungsgerichts geworden. Andrea Nahles hatte ihm schon ihre UnterstĂŒtzung zugesichert, als der Posten neu zu besetzen war, die Union wollte ihn sowieso – es scheiterte schließlich am Widerstand der GrĂŒnen.

Die Anziehungskraft der Union auf ihre AnhÀnger schmolz

Krings blieb also StaatssekretĂ€r und musste bald seine vielleicht herausforderndste Aufgabe bewĂ€ltigen. Im September 2015 traf er sich an einem Vormittag mit dem ungarischen Justizminister im deutschen Innenministerium. Der fragte Krings, ob die Bundesrepublik nicht deutlich mehr FlĂŒchtlinge aufnehmen könnte, die in seinem Land stĂŒnden. Krings verneinte, auch im Auftrag von Horst Seehofer. Sein GesprĂ€chspartner flog daraufhin zurĂŒck nach Budapest, um die Linie des deutschen Innenministeriums mitzuteilen. Die FlĂŒchtlinge machten sich trotzdem auf den Weg.

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Angela Merkel schloss die deutschen Grenzen bekanntlich nicht, sagte "Wir schaffen das" und fast eine Million Menschen kamen damals ins Land. Die Zustimmung in der Bevölkerung war ĂŒberwĂ€ltigend, die CDU-Kanzlerin machte erneut Politik fĂŒr die Masse. GĂŒnter Krings sagt dazu nur: "2015 war schon ein besonderer Einschnitt. Sicherlich hĂ€tte da manches anders kommuniziert und auch anders entschieden werden mĂŒssen. Als CDU haben wir da auch viel Zuspruch verloren."

In den letzten Jahren muss Krings klar geworden sein, dass die Union weniger ihre StammwĂ€hler an sich band. Es kamen WĂ€hler von praktisch ĂŒberallher: Den GrĂŒnen, der SPD und teilweise sogar der FDP. Sie alle fanden Merkel gut, sie alle wollten diesen Kurs der Mitte. Doch die Anziehungskraft der Union auf ihre Kernklientel schmolz wie Eis in der Sonne – und nach 2015 wurde die AfD stĂ€rker denn je.

Krings glaubt, dass man fĂŒr die damals große Zustimmung bei der FlĂŒchtlingsbewegung heute an Beliebtheit einbĂŒĂŸt. Beispielsweise im letzten September, bei der Klatsche fĂŒr die Union: "Bei dieser Wahl hatten wir zwar noch die grĂ¶ĂŸte Expertise bei der Innenpolitik, aber unser Kompetenzvorsprung ist dramatisch geschrumpft und wir haben das Thema viel zu wenig genutzt."

"Das hat man der SPD mit dem Vizekanzler abgenommen"

Das ist ein bemerkenswerter Satz fĂŒr jemanden, der acht Jahre lang der Stellvertreter des deutschen Innenministers war. Und es ist immerhin schon die zweite Bundestagswahl, nachdem 2015 so viele Menschen ins Land kamen. Mit dem Unterschied, dass jetzt Angela Merkel nicht noch mal antrat.

Und auch danach seien einige Fehler in der Regierung gemacht worden, vor allem 2017, als erneut, notgedrungen, eine Große Koalition von Merkel auf den Weg gebracht wurde. Krings sagt: "Die personelle Aufstellung zu Beginn der letzten Wahlperiode war nicht klug. Das gilt fĂŒr Ministerbesetzungen ebenso wie fĂŒr den verpassten Neuanfang an der Fraktionsspitze. Das war vielleicht schon der Anfang vom Ende."

"Herzlich willkommen, GĂŒnther Krings!", ruft Armin Laschet auf der BĂŒhne ins Mikrofon. Krings lĂ€chelt, dreht sich zu seinen Parteifreunden um und winkt. Es ist der 23. Oktober, Parteitag des grĂ¶ĂŸtes Landesverbands der CDU in Nordrhein-Westfalen. Der Nachfolger von Armin Laschet soll gewĂ€hlt werden, die Erneuerung der CDU könnte hier beginnen. Krings sitzt in der zweiten Reihe von vorne, er trĂ€gt eine Steppweste und knabbert an einem Brötchen.

Warum ging das eigentlich schief, dieser Wahlkampf mit Armin Laschet? Er galt doch lange als Merkel-Getreuer, hÀtte die CDU mit ihm nicht weiterhin auf dem Kurs der Mitte segeln können? Krings hört noch kurz der Rede von Armin Laschet zu, dann sagt er: "Der Wunsch der Menschen war erkennbar auf personelle KontinuitÀt bei gleichzeitig inhaltlichem Neubeginn ausgerichtet. Das hat man interessanterweise der SPD mit dem Vizekanzler als Kandidaten abgenommen." Und der CDU? "Wir wurden aber genau umgekehrt gesehen: Armin Laschet hat personell keine KontinuitÀt vermittelt und unser Programm wurde inhaltlich nicht als Aufbruch wahrgenommen." Die entkernte Partei, da ist sie wieder.

Wahlplakat von Krings im August 2021: "Der Wunsch der Menschen war erkennbar auf personelle KontinuitÀt ausgerichtet."
Wahlplakat von Krings im August 2021: "Der Wunsch der Menschen war erkennbar auf personelle KontinuitÀt ausgerichtet." (Quelle: IMAGO / Revierfoto)

WĂ€hrend Laschet noch auf der BĂŒhne ĂŒber die Rolle der CDU in Deutschland erzĂ€hlt und kurz darauf Hendrik WĂŒst gewĂ€hlt wird, dröhnen von draußen Hunderte linke Autonome, die sich vor der Halle versammeln: "Das bin ich, das bist du: Das Verbot der CDU!" Es war schon mal mehr Lametta, frĂŒher.

Noch einmal zurĂŒck zu vergangenem Freitag. Krings sitzt in seinem BĂŒro, er hat es noch fĂŒnf Tage, dann muss er es rĂ€umen. Die Mitglieder können jetzt abstimmen, der nĂ€chste Chef der Partei wird gewĂ€hlt. Innerhalb von etwa drei Jahren ist es nun das dritte Mal. Der Ex-Fraktionschef Friedrich Merz tritt gegen den Außenpolitiker Norbert Röttgen und den ehemaligen Kanzleramtsminister Helge Braun an. Wobei Merz als Favorit gilt.

"Wir sind eben nicht extrem"

Wer wird es nun? Krings will sich nicht festlegen, er schwankt noch. Er, als Konservativer der sprichwörtlich alten Schule, hat natĂŒrlich eine Vorliebe fĂŒr Merz. Manchmal tendiert er jedoch trotzdem zu Röttgen. Wichtig sei, dass die Union mal wieder klarmache, wofĂŒr sie eigentlich stehe, findet er.

Kann er denn mal drei unverwechselbare Punkte aufzÀhlen? Klar, kann er. Ruckzuck geht das, als hÀtte er auf so eine Frage nur gewartet. "Innere Sicherheit stÀrken. Die Familien fördern. Und den Schutz von Eigentum garantieren."

Wie damals, einfach gegen den Braunkohle-Tagebau zu sein, das gehe nicht mehr, glaubt Krings: "Wir mĂŒssen die skeptischen WĂ€hler mitnehmen, ihnen zeigen, was wir wollen und gleichzeitig die Klimaziele durchsetzen. Deshalb mĂŒssen wir an zwei Fronten kĂ€mpfen – die GrĂŒnen und die AfD haben es da so gesehen einfacher. Wir sind eben nicht extrem."

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Und die Frauenquote, die jetzt in seiner Partei diskutiert wird, taugt die nicht fĂŒr die Erneuerung? Krings ist nicht ĂŒberzeugt, er sagt: "Vielleicht brauchen wir die auch." Und dann schiebt er nach: "Wie man nach Monaten intensiver Beratung nichts Kreativeres finden konnte als die Quote, ist mir ein RĂ€tsel." Er klingt ein bisschen ratlos, als er das sagt.

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