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Tagesanbruch: 250. Geburtstag Napoleons – ein Gigant der Geschichte

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Ein Gigant der Geschichte

Von Florian Harms

15.08.2019, 06:15 Uhr
Tagesanbruch: 250. Geburtstag Napoleons – ein Gigant der Geschichte. Szene aus Sergei Bondarchuks Film Krieg und Frieden aus dem Jahr 1966. (Quelle: imago images)

Szene aus Sergei Bondarchuks Film Krieg und Frieden aus dem Jahr 1966. (Quelle: imago images)

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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Die Wirtschaft schlägt Alarm. Dax-Chefs und Gewerkschafter raunen seit Wochen von schlechter Stimmung, jetzt haben wir es amtlich: Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal geschrumpft, dem Exportweltmeister fehlen vor allem Exporterfolge. Daimler macht Milliardenverluste, bei VW brechen die Absatzzahlen ein, die Börsen schwächeln. Das Gift des Pessimismus sickert ins Geschäftsleben ein. 

Schlittern wir jetzt wieder in die Krise, so wie vor zehn Jahren, als Tausende ihre Arbeitsplätze verloren, Kurzarbeit verordnet und Löhne gekappt wurden? Gemach, so schlimm ist es noch nicht. Trotz des Handelskonflikts mit den USA, trotz der vertrödelten Digitalisierung und trotz des schwerfälligen Umstiegs der Autokonzerne auf E-Mobilität ist die Kraft deutscher Unternehmen immer noch gewaltig – und auch die Bundesregierung hilft ein bisschen, wenngleich sie sich (noch) gegen ein Konjunkturpaket sträubt. Das Baukindergeld und der Digitalpakt Schule kurbeln die Bauwirtschaft an, die Abschaffung des Solis wird fast allen Bürgern Geld zurückgeben, das sie dann wieder ausgeben können – und jetzt kommt auch noch Hubertus Heil mit einer Idee um die Ecke: Kurzarbeitergeld soll schneller gezahlt und die Weiterbildung von Mitarbeitern stärker gefördert werden.

Keine schlechte Idee. Die SPD tut, was sie am besten kann, sie setzt sich für Arbeitnehmer ein. Nur über eines wundere ich mich: Warum müssen Gesetze neuerdings so alberne Namen tragen? Geordnete-Rückkehr-Gesetz, Starke-Familien-Gesetz, Gute-Kita-Gesetz und nun das Arbeit-von-morgen-Gesetz. Der Eindruck drängt sich auf: Da leuchtet das Etikett in vielen Fällen heller als der Inhalt. Aber wenn wir schon mal dabei sind: Für den 20. September hätte ich gern ein Klimaschutz-jetzt-aber-wirklich-Gesetz und zum 3. Oktober bitte ein Eigentlich-geht’s-uns-Deutschen-doch-noch-ziemlich-dufte-Gesetz. Ach ja, und ein Deutsche-Gesetze-sollten-seriöse-Namen-haben-Gesetz wäre auch nicht schlecht.

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Paul Ziemiak. (Quelle: imago images)Paul Ziemiak. (Quelle: imago images)

Die neue CDU-Spitze will alles anders machen: Nach Angela Merkels Abtritt will Annegret Kramp-Karrenbauer der Partei ein schärferes Profil verpassen, klare Kante zeigen. Dafür hat sie sich mit dem ehemaligen Junge-Union-Chef Paul Ziemiak verbündet und ihn zu ihrem Generalsekretär gemacht. Im vergangenen Dezember war das. Seither hat man von Ziemiak nicht viel gehört. Vielleicht ist das der Grund, warum er sich nun darauf verlegt, statt Ideen lieber Gift zu versprühen. Jüngster Tiefpunkt seiner Logorrhoe ist ein Kommentar zur Kandidatur von Gesine Schwan und Ralf Stegner für den SPD-Vorsitz. "Stegner hat nun doch eine Frau gefunden … Wenn beide noch den Kevin adoptieren, könnten wir eine Neuauflage von 'Eine schrecklich nette Familie' aufführen", twitterte der stets mit Smartphone bewaffnete Nachwuchsgeneral gestern. 

Hätte der 33-jährige Studienabbrecher Ziemiak auch nur halb so viel Lebenserfahrung wie die 76-jährige Professorin Gesine Schwan und auch nur ein Zehntel ihres Anstands, hätte er zwei Sekunden nachgedacht, bevor er seine Häme in die Welt kübelt. Die neue CDU-Spitze wollte alles anders machen als unter Angela Merkel. Sympathischer wird die Partei dadurch nicht.

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WAS STEHT AN?

Napoleon Bonaparte in einem Porträt aus dem Jahr 1815.  (Quelle: imago images)Napoleon Bonaparte in einem Porträt aus dem Jahr 1815. (Quelle: imago images)

Den Mann da oben kennen Sie natürlich. Heute vor 250 Jahren wurde er auf Korsika geboren, später eroberte er fast ganz Europa. Ein ebenso geschickter wie brutaler Feldherr, selbstherrlich, rücksichtslos; um seinen Willen durchzusetzen, ging er buchstäblich über Leichen. Seine Soldaten wüteten über den Kontinent, pressten unterdrückten Völkern noch die letzten Silberlinge ab. Und dann stürzte sich der Kaiser in vollkommener Selbstüberschätzung in einen Feldzug gegen Russland, aus dem er geschlagen und gedemütigt heimkehren musste. Bis zu 300.000 Soldaten starben auf den schneebedeckten Schlachtfeldern, ein grausames Desaster. Das ist die eine Seite dieses historischen Giganten.

Andererseits war es derselbe Napoleon Bonaparte, der Frankreich aus den Wirren des postrevolutionären Bürgerkriegs rettete und viele herausragende Reformen durchsetzte, die das Land bis heute prägen und ganz Europa befruchtet haben: die Gliederung in Präfekturen, den Rechtsstaat, die Gymnasien, das Bürgerliche Gesetzbuch, die Währung Franc. Wie ein Wirbelwind fegte er durch den verknöcherten Absolutismus in Italien, Preußen, Österreich und Spanien, ermutigte Republikaner und schweißte Gegner zusammen. Auch die deutsche Revolution 1848 wäre ohne das napoleonische Erbe kaum denkbar gewesen. Er befriedete den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten und erkannte das Judentum an. Im Gefolge seiner Truppen verbreiteten sich Kunsthandwerk, französischer Lebensstil und freiheitliches Gedankengut in Europa. Auch in dieser Hinsicht: ein Gigant. "Vor den Erfolgen, die ich erzielt habe, wird schließlich das Wort meiner Gegner verstummen", notierte er 1818 er in der Verbannung auf der Insel St. Helena. "Hätte ich, wie sie behaupten, nur meine Macht im Auge gehabt, so hätte ich versucht, das Licht unter den Scheffel zu stellen; stattdessen aber habe ich mich bemüht, es hell scheinen zu lassen."

In Napoleons Biografie sehen wir die Zeitläufte gespiegelt, beim Schmökern in den ungezählten Biografien und Chroniken beginnen wir zu begreifen, in welchen historischen Turbulenzen unser heutiges Europa wurzelt und welch eine riesige Errungenschaft der Frieden, die Toleranz und die Rechtssicherheit sind, die wir heute in der EU genießen. Was wir aber auch aus Napoleons Geschichte lernen: Es ist nie gut, wenn ein Einzelner zu viel Macht über andere erlangt. Das betrifft die Zeit vor 250 Jahren genauso wie die heutige – egal, ob der Mächtige Xi, Putin, Bezos oder Zuckerberg heißt.

Napoleons Bürgerliches Gesetzbuch prägt bis heute das deutsche Zivilrecht.  (Quelle: dpa/Swen Pförtner)Napoleons Bürgerliches Gesetzbuch prägt bis heute das deutsche Zivilrecht. (Quelle: Swen Pförtner/dpa)

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Apropos Gymnasien: An Deutschlands Schulen sollte mehr für Integration getan werden. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des INSM-Bildungsmonitors, der t-online.de exklusiv vorliegt. Laut der Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Initiative der Neuen Sozialen Marktwirtschaft (INSM) nehmen die Herausforderungen in diesem Bereich am stärksten zu. So sei etwa die Schulabbrecherquote unter ausländischen Jugendlichen binnen eines Jahres deutlich gestiegen. Aber auch bei der Unterrichtsqualität, der Forschung, den Investitionen und der Vermeidung von Bildungsarmut sehen die Autoren der Studie wachsende Schwierigkeiten. Es gibt allerdings auch Positives zu vermelden. Was genau, das erfahren Sie ab 10.30 Uhr auf t-online.de, wenn der Bildungsmonitor veröffentlicht wird.

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DIE GUTE NACHRICHT

Der Brocken hat eine bewegte Geschichte. Früher nutzte die DDR-Stasi den Berg im Harz als Spionageposten. Heute macht zwar der Borkenkäfer den Bäumen auf dem Gelände zu schaffen, die Bilder kahler Wipfel gingen durch die Medien. Aber der Wald zeigt sich widerständig: Der Jungwuchs grünt, die Natur kehrt zurück.

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WAS LESEN UND ANHÖREN?

Greta Thunberg kurz vor ihrer Abreise nach New York.  (Quelle: Greta Thunberg auf Twitter)Greta Thunberg kurz vor ihrer Abreise nach New York. (Quelle: Greta Thunberg auf Twitter)

Greta Thunberg ist in See gestochen: Die 16-jährige Schwedin reist auf einem Boot des Oldenburger Seglers Boris Herrmann über den Atlantik zum Klimagipfel in New York. So verbraucht sie kein Flugbenzin. Ihre Entschlossenheit und ihre Prinzipientreue beeindrucken Millionen Menschen weltweit – andere aber verabscheuen sie deshalb umso mehr. Woher kommt der Hass dieser Kleingeister? Der Sozialpsychologe Ulrich Wagner hat es meiner Kollegin Madeleine Janssen erklärt: Es sind dieselben Mechanismen wie bei der Hexenverfolgung im Mittelalter.

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Obwohl die Umweltkrise immer dramatischer wird, obwohl alle über Klimaschutz reden, leben die meisten von uns ihr Leben wie gewohnt weiter. Dazu gehört das Fliegen: Mehr als 240 Millionen Passagiere sind im vergangenen Jahr von deutschen Flughäfen abgehoben, rund vier Prozent mehr als im Vorjahr. Jana Heck findet, dass sich das dringend ändern muss. Deshalb hat sie die schwedische Kampagne "Flight Free 2020" nach Deutschland übertragen und glaubt: Wenn genügend Menschen handeln, können wir das Klima gemeinsam verbessern. Hier erklärt sie, wie es funktioniert. 

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Andrew Yang im US-Wahlkampf. (Quelle: Reuters/Scott Morgan)Andrew Yang im US-Wahlkampf. (Quelle: Scott Morgan/Reuters)

Die Digitalisierung wird unser Arbeitsleben revolutionieren, hören wir allerorten. Aber was bedeutet das konkret und was folgt daraus? Der US-Präsidentschaftskandidat Andrew Yang kann es besser erklären als jeder andere Politiker, dem ich bisher gelauscht habe. Wenn Sie des amerikanischen Englisch mächtig sind, sollten Sie sich dieses Interview anhören. Denn was jetzt in Amerika geschieht, wird bald auch in Deutschland geschehen: Lkw-Fahrer, Callcenter-Mitarbeiter, Bankangestellte und viele andere Jobs werden durch automatisierte Systeme ersetzt – und dann braucht es eine Antwort auf die Frage, was die Leute stattdessen machen sollen. Andrew Yang jedenfalls hat nicht nur interessante Beobachtungen gemacht, sondern auch eine Idee, wie Amazon, Google und Facebook zur Verantwortung gezogen werden können. 

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WAS AMÜSIERT MICH?

Angela Merkel und ihre Minister sind aus dem Urlaub zurück, die großartige große Koalition kann endlich ihre Arbeit wieder aufnehmen.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen großartigen Tag. Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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